„Schon als Kind bin ich gerne neben Heizstrahlern oder Ventilatoren eingeschlafen.“ – KATARINA MARIA TRENK (KMT) im Interview

KATARINA MARIA TRENK bringt nicht nur Ambient, Schlager, Krach und Beislanarchie unter ein Dach, sondern auch Kunst und Musik. Im Interview mit Stefan Niederwieser erzählt sie von Indie-Sexismus, Gasthäusern und ihrer Arbeit bei EUROTEURO, den SEX JAMS oder auch VOODOO JÜRGENS.

Warum hast angefangen, mit 16 Jahren Musik zu machen?

Katarina Maria Trenk: Als ich Karen O zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, dachte ich, die zuckt so aus wie ich. Ich wollte auch eine Band haben. Niemand funkt einem rein und man kann alles selbst machen. Kathleen Hannah [Bikini Kill / Le Tigre, Anm.] hat mich auch beeinflusst. Internet war noch nicht verbreitet. Aber meine Mutter hatte aus geschäftlichen Gründen viele US- und britische Sender. Deshalb kannte ich diese Musik sehr früh. Ich habe eine Schulfreundin gefragt, ob sie Gitarre spielen kann. Mit Leeloo haben wir dann bei mir im Gasthaus geprobt. Die Band war später on und off, auch Laura Landergott war eine Zeitlang dabei.

Wie traumatisch war die Jugend im südlichen Industrieviertel?

Katarina Maria Trenk: Es war grau, Beton, wenig Fortgehmöglichkeiten. Ich bin in einem Gasthaus aufgewachsen. In Ternitz gab es viele Drogengeschichten. Und im Park von Wiener Neustadt hast du am Wochenende vorglühen müssen, um hinterher ein bisschen ausgehen zu können. Wenn man den Zug um zwölf Uhr Mitternacht verpasst hat, dann musste man die Eltern anrufen. Natürlich macht es was aus. In einer paradiesischen Welt wäre es schwierig, gegen etwas zu rebellieren. Mit 19 bin ich für eine Sprecherinnen-Ausbildung nach Wien gezogen. Dort hat es wirklich gebrodelt, nicht nur in der Musik, die Szene war ziemlich groß.

Du warst dann lange bei den Sex Jams am Mikro und mitten im Bühnenscheinwerferlicht.

Katarina Maria Trenk: Florian Seyser wollte seine Band Dimitrij weiterführen. Mit Lukas Bauer an der Gitarre waren wir schnell zu dritt. Rudi Braitenthaller kam nach seinem Auslandssemester am Schlagzeug dazu. Und Wolfi Möstl nach dem ersten Album. Der Grundspirit kam aus der Hardcore-Szene, Do-It-Yourself, Energie, Live-Konzerte waren echt wichtig, diese Reibung, unabhängig sein von anderen. Das war schon ein Ventil.

„Du erlebst als Gasthauskind einen anderen Sexismus als in der tollen Indie-Szene […]“

Lag damals kurz nach der Weltfinanzkrise wieder viel Wut in der Luft?

Katarina Maria Trenk: Vielleicht schwingt das unbewusst mit. Bei mir stand die Wut als Frau im Vordergrund – wenn man nicht gesehen oder in Schubladen gesteckt wird, nur weil man eine Muschi hat. Als Gasthauskind erlebst du einen anderen Sexismus als in der tollen Indie-Szene, in der Männer sagen, sie sind nicht sexistisch, aber sie sind es komplett. Sie spielen nur mit Männern in ihren Bands, auf Konzerten sind vor allem Männer oder sie schieben Meldungen. Sie sind auch nicht homophob, aber trotzdem sagen sie ‘du bist schwul’. Mit den coolen Indie-Boys konnte ich wenig anfangen, wenn in der Früh im Flex das Licht angegangen ist und jemand aus Gramatneusiedl versucht, dich mit einem britischen Akzent anzumachen … Ich habe meinen Platz beansprucht und vielleicht etwas bewirkt. Aber gleichzeitig habe ich mich immer gefragt, wie ist es für andere, die sich den Platz nicht so nehmen können? 

Euer Label hat sich ebenfalls weiterentwickelt.

Katarina Maria Trenk: Genau. Wenn man etwas sieht, darüber redet, aber dann nichts macht, dann ist es halt nicht ernst zu nehmen. Und die Zeit hat sich verändert. Die Musikbranche ist heute schon anders. Bernhard [Kern von Siluh Records, Anm.] hat dann darauf geschaut. Er hatte schon sehr viel Energie und für uns viel möglich gemacht.

Wie schreibst du?

Katarina Maria Trenk: Oft im Gasthaus nach der Sperrstunde. Beim Anfangen bin ich super, dann ist es Chaos, und beim Beenden bin ich nicht so gut. Bei den Sex Jams bin ich oft in die innere Gefühlswelt eingetaucht. Außerdem haben vier von uns länger in einer gemeinsamen Wohnung gelebt und im Lauf des Tages oft absurde Sachen gesagt. Daraus ist zum Beispiel der Song “Shark vs Apple“ entstanden. Ich arbeite gerne Collagenartig. Das hilft mir, mein Chaos zu beruhigen. Ich habe wirklich viele Zettel. Gerade schreibe ich ein Hörspiel übers Gasthaus. Die Fetzen überarbeite ich stundenlang.

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Die Songs von Euroteuro schreibt vorwiegend Florian Seyser, oder?

Katarina Maria Trenk: Das ist sein Projekt. Ich bin mal mehr involviert, mal weniger. Derzeit sind wir im Duo unterwegs. Bei Euroteuro mit dieser Schlager-Seite bin ich sehr gerne dabei, da bin ich mit dem Herzen dabei, um das Ganze zu unterstreichen mit Mayonnaise.

Du hast “Autogrill“ sozusagen als Auftrag eingesungen?

Katarina Maria Trenk: Genau, um neun Uhr früh bin ich geweckt worden. Wolfi [Möstl, Anm.]  musste den Song dringend mastern. So DIY bleiben wir. Ich gebe eher Inspiration oder Inputs, aber schreibe da keine Texte.

Was fasziniert dich an Schlager?

Katarina Maria Trenk: Wir haben mit Euroteuro die Musik zu “Am Wiesnrand” gemacht. Das Stück hat Christina Tscharyiski umgesetzt, Stefanie Sargnagel hatte davor einen Bericht übers Oktoberfest geschrieben. Und beim Oktoberfest gibt es bekanntlich sehr viel Schlager. Ich kam also in den Genuss, Schlager zu singen und habe dabei gemerkt, dass es mich ziemlich happy macht. Man muss nicht nur “Komm hol das Lasso raus” hören. Ob man nun darüber lacht oder mitlacht, man lacht einfach automatisch, ob man will oder nicht. 

Seit Jahrzehnten versuchen Leute, politischen Schlager zu machen. Kann das funktionieren?

Katarina Maria Trenk: Die Texte von Euroteuro – speziell auf diesem Album – haben immer eine Message. Wenn wir jetzt wirklich über Schlager reden, dann ist das ganz etwas anderes. Du kommst in diese Szene nicht so einfach hinein. Nur Hyäne Fischer hat das für eine Zeit geschafft. Bei Euroteuro spielen wir sich (sic!) ein bisschen mit Schlager-Elementen und diesem Kitsch. Das macht schon Spaß. 

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Du hast auch mit Messer und Voodoo Jürgens kollaboriert?

Katarina Maria Trenk: Voodoo Jürgens kannte mein früheres Mundart-Projekt Maria aus Nitz. Er hat mich gefragt, ob ich auf “Gitti“ und “Alimente” mitsingen will. Ich würde so etwas nicht schreiben, aber ich singe es gerne. Auch bei Messer habe ich mitgesungen. 2018 habe ich mich dann für ein paar Monate aus der Musiklandschaft zurückgezogen.

Was ist KMT?

Katarina Maria Trenk: Ich mag Noise-Musik und habe viele Field Recordings. Schon als Kind bin ich gerne neben Heizstrahlern oder Ventilatoren eingeschlafen, eben die klassische White-Noise-Geschichte. Ich habe irrsinnig viele Aufnahmen von Ventilatoren aus verschiedensten Ländern. Daraus habe ich eines Tages eine Soundcollagen gemacht und gemerkt, dass mir das sehr taugt. Ich habe gerade diese Sprache in der Reissn. Für KMT habe ich Trompete neu gelernt, das passt zur Stimme, weil sie wie ein Verlängerungsrohr ist. Die Atemtechnik ist ähnlich. Beim K&K Flohmarkt im Jänner 2020 bin ich zum ersten Mal live aufgetreten. Ich lade immer Musikerinnen ein, die mit mir spielen. Es kann sein, dass mich so rein steigere, dass es sehr laut wird. Das ist etwas ganz Freies.

Und was sind die Beislprotokolle?

Katarina Maria Trenk: Als Maria aus Nitz habe ich vor Jahren zum ersten Mal meine Gasthauszeit verarbeitet. Diese Popfigur war mir dann aber doch zu nahe. Das nieder zu schreiben und es als szenische Lesung oder Hörspiel zu spielen, macht mir heute aber sehr Spaß. Ich imitiere gerne Menschen. Aus diesen Texten habe ich bei den Beislprotokollen vorgelesen, hinterher habe ich das Publikum durch Beisln geführt, die mir in Brigittenau gefallen. Einen Auszug davon gibt es als Tonbildpostkarte. Das ist ein Projekt von Natascha Muhić. Dabei werden aus einem speziellen Material Postkarten geschnitten, die sich wie eine Vinyl-Single abspielen lassen. Jede Postkarte ist ein Kunstwerk, alles wird mit der Hand gemacht. Das Boxset über Wien habe ich gemeinsam mit Michaela Landrichter und Natascha Muhic kuratiert. Man sieht mich dort als Kind mit Schachbrett am Kopf. Ich brauche das, ich bin kein Mensch, der nur Musik macht oder nur Sängerin ist.

Vielen Dank.

Stefan Niederwieser

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Katarina Maria Trenk (Instagram)