„EIN DUB-MIX EINES MUSIKSTÜCKS SPIELT FÜR MICH MIT DEM GEIST DES ORIGINALS“ – PANGANI IM MICA-INTERVIEW

PANGANI (aka SEBASTIAN FRISCH aka SUBBASSTIAN FRÊSH) gehört wohl zu den herausragendsten und einzigartigsten Dub-Acts des Landes. Auch international weit vernetzt präsentiert er nun mit „Superdubs“ exzellente Dub-Versions aus aller Welt auf Grundlage seines 2019 veröffentlichten Meisterwerks „Superdeep“. Für mica hat sich Didi Neidhart mit PANGANI über Dub an sich, Remix- und Live-Technologien sowie über „Geisterschwadrone“ zum Interview getroffen.

Wie kam es zur Idee ein reines Dub-Album zu machen?

Pangani: „Superdubs“ ist das Remix-Album meines 2019 veröffentlichten Albums „Superdeep“.  Die Bezeichnung „Dub“ ist die Kurzform des Wortes „Duppy“ und wird vor allem in karibischen Inseln, wie auch auf Jamaika verwendet, um Geister zu beschreiben. Ein Dub-Mix eines Musikstücks spielt für mich mit dem Geist des Originals, experimentiert mit dem darunterliegenden Vibe und zeigt diesen auf eine spielerische Art.

Der im letzten Jahr verstorbene Dub-Bassist Robbie Shakespeare hat Dub ja auch mal als „Schatten eines Songs“ bezeichnet.

Pangani: Ja, genau. Beim Dubbing im klassischen Studio bzw. Band-Setting wird der/die Tontechniker*in im Studio zum/r kreativ Schaffenden und effektiert, bearbeitet und mischt die Aufnahmen der Band neu. Im Fall von „Superdeep“ habe ich talentierte Künstler*innen mit diversen elektronischen Ausdrucksformen eingeladen, Dubs meiner Tracks zu machen und mit Hilfe digitaler Techniken ein Remix-Album mit vielen Farben und Formen zu erstellen.  

Hat das auch etwas mit diversen Corona-Lockdowns zu tun?

Pangani: Die Idee zu einem Remix-Album kam das erste Mal auf, als ich am Track „One Step Beyond“ für Globulars Remix Album „Untangled Everything“ gearbeitet habe. Als ich dann Globulars fertiges Remix-Album hörte, stand mein Entschluss fest, selbst ein Remix-Album zu machen und ich fing an die ersten Remixer*innen anzuschreiben. Jetzt, nach 2,5 Jahren Arbeit, freue ich mich riesig über das Ergebnis.

Wie bist du auf die jeweiligen Dub-Producer*innen gestoßen?

Pangani: Die meisten der Künstler*innen kenne ich persönlich. Wir haben uns auf Festivals, Partys oder durch gemeinsame Bekannte kennengelernt. Alle Produzent*innen haben einen ganz eigenen individuellen Ausdruck und wir alle teilen eine tiefe Verbindung zum musikalischen Geschichtenerzählen.

Mit dabei sind The Flying Mars (CH), Polymer (NL), Taktyle (NL), Tor.Ma in Dub (MX), Globular (UK), beatfarmer (US), MantisMash (IL), Martin Nonstatic (AT), Advanced Suite (US), Invisible Ralf (NL).

Da es hier gerade so gut passt, möchte ich die Möglichkeit nutzen und eine kleine Geschichte erzählen, wie alles begann…

Als ich 2012 mein Masterstudium in den Niederlanden startete, habe ich Daniel Maalman aka. Polymer kennengelernt; wir haben uns innerhalb von Millisekunden angefreundet. Passenderweise hatte er Platz für einen Untermieter und ich bin bei ihm eingezogen. Im Laufe der Zeit hat er mir die Magie der psychedelischen Musik nähergebracht und mich eingeladen, sein Liveset auf der Mainstage des Tree of Life-Festivals in der Türkei mit ihm gemeinsam zu spielen. Die Zeit in den Niederlanden hat mir funkelnde / plätschernde / extatische / verschmelzende Welten der Musik gezeigt und tief in mein Inneres gebrannt. Danke Daniel!

„Verschiedenste Soundumgebungen und dessen Detailreichtum haben mich schon immer fasziniert.“

Wie kann man sich hierbei das Procedere vorstellen? Hast du einzelne Tracks an gewisse Leute verschickt, oder konnten sie sich ihre Pangani-Faves selbst aussuchen?

Pangani: Es konnte sich jeder seinen Liebling aus dem Album „Superdeep“ aussuchen. Dass das bei 10 Leuten so harmonisch funktioniert hat, habe ich absolut nicht erwartet. Lediglich der letzte Track „It’s Easier Dub“ stand nicht zur Auswahl, da es sich hierbei um einen Remix des A cappella-Tracks „It’s Easier“ von Scarlet Crow handelt. Ich wollte keinen Track zum Remix anbieten, der nicht im Original von mir stammt.

Haben die dann alle Spuren eines Tracks bekommen oder nur die gemasterte Stereospur?

Pangani: Die Remixer*innen haben alle eine Auswahl an Drum-Sequenzen, One shot-Samples, Melodien, Midi-files, Basslines, Glitches, Effekten, Flächen, Gesängen und Ameisen-Paarungs-Geräuschen erhalten. Die Frage, „Welche Sounds würde ich gerne haben, wenn ich den Song remixen würde?“, stand dabei zentral im Mittelpunkt. Dabei traf ich von jedem Track eine Art „Best Of“-Soundauswahl, hab sinnvolle Loops – meist ohne Delay- oder Reverb-Effekte – rausgespielt und verschickt.

Deine Tracks waren bisher ja auch immer schon sehr ambiesk und dubbig. Was fasziniert dich daran?

Pangani: Verschiedenste Soundumgebungen und dessen Detailreichtum haben mich schon immer fasziniert. Echos in den Bergen, das unendlich wirkende Zirpen der Grillen, wenn man an einem lauen Sommerabend in einem Feld steht, das Rascheln der Blätter und Knacksen der Bäume im Wald.

Ich möchte diese Art von intimer Sounderfahrung auch in meiner Musik erzeugen. Hörer*innen durch Soundwelten auf eine emotionale Art berühren, in neue Umgebungen teleportieren, mit Distanz und Raumwahrnehmung spielen, eine umschließende Bubble aufbauen, die sich dann bis zur Singularität zusammenzieht, um wie der Urknall zu explodieren und wieder Raum für Neues zu schaffen.

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Ganz klassisch kann Dub ja so definiert werden: Bei einem fertigen Track werden einzelne Spuren immer wieder stummgeschalten (z.B. die Vocals) und mit jeder Menge Halle/Echo-Effekten versehen, wobei das Gerüst aus Drums & Bass (meist) in den Vordergrund gemixt wird. Das alles ist in der analogen Zeit dann quasi als Live-Remix fabriziert worden (weshalb es ja auch von einzelnen Tracks zig Dubs mit unterschiedlichen Namen gibt). Du arbeitest aber vor allem digital. Wie schaut es da mit dem Live-Aspekt aus?

Pangani: Ein Computer mit Ableton Live ist das Herzstück meines Workflows. Im Schaffensprozess erzeuge ich vor allem Clips in der Session-Ansicht, die ich auf verschiedenen Spuren miteinander spielen lassen kann. Ich liebe es, meine Hardware Synthesizer miteinander jammen zu lassen, sich beeinflussende tonale Ökosysteme zu konstruieren und mit akustischen Instrumenten oder Samples dazu zu spielen. In diesem Prozess erzeuge ich eine Vielzahl an Puzzleteilen, die ich auf verschiedene Arten und Weisen Live zusammensetze, bis ich ein grobes Storyboard habe. Im Anschluss nehme ich dieses auf, experimentiere mit meinem Foleyboard dazu und editiere Details, welche ich nicht live spielen kann.

„Der Großteil meiner Musik ist stark inspiriert von Eindrücken bewusstseinsveränderter Reisen.“

Der im letzten Jahr verstorbene Dub-Pionier Lee „Scratch“ Perry hat bzgl. seiner Produktionen ja auch immer wieder von „Geisterschwadronen“ gesprochen, die während der Arbeit an einem Dub im akustischen Material auftauchen bzw. von Effekten, wo sich bei einem Vier-Spur-Tonbandgerät – wie durch Zauberhand – plötzlich acht Spuren manifestieren würden. Sind dir solche Effekte auch bekannt?

Pangani: Absolut! Ich denke, dass ich meistens ganz gezielt auf der Suche nach diesen „Geisterschwadronen“ bin. Diese Gänsehautmomente, wenn der ganze Klangraum sich zu erweitern scheint und viel mehr ist als die Summe der Einzelteile. 

Jetzt gibt es im Dub interessanterweise ja fast keine Producer*innen, die wirklich Rastafaris waren, aber gerade bei Lee „Scratch“ Perry finden wir jede Menge synkretistischer Voodoo-Anklänge. Wie sehr spielen bei all dem für dich Aspekte wie Spiritualität, Entgrenzung, Bewusstseinsveränderungen eine Rolle? 

Pangani: Ich mache sehr emotionale Musik. Für mich ist es ein Tanz mit den Lichtern und Schatten der Seele, eine Reise ins Innere und ein klarer Prozess der Hingabe zum Sound. Bewusstseinsveränderungen helfen dabei die Wahrnehmungsfilter runter zu fahren und sich einer stark detaillierten Wahrnehmung zu öffnen. Der Großteil meiner Musik ist stark inspiriert von Eindrücken bewusstseinsveränderter Reisen. Mich fasziniert dabei die Weichheit der Seele, wie sie mit der Außenwelt in Interaktion steht und die Macht unserer Vorstellungskraft – wenn man sie lässt. In meinen „In Ritual“-Shows versuche ich, durch starke sinnliche Wahrnehmungen von farbigen Lichtern und verdampften ätherischen Ölen diese Wahrnehmungsfilter etwas zu „überladen“ und dadurch eine sinnliche Konzerterfahrung zu ermöglichen.

Geht es hier nicht auch um eine Art „Lost In Sound“?

Pangani: In Form der Übernahme der Realität durch die fließende Soundwelt, allein als Astronaut im Universum des Schalls? Ja.

Bild (c) Pangani

Wenn ich an prägende Dub-Entwürfe aus den letzten 20 Jahren denke, gibt es da neben noch aus den 1990s stammenden Sachen wie Techno-Dub vor allem die DubStep-Ansätze bei Burial und Kode9 wie sie u.a. auf Label wie Hyperdub und Planet MU veröffentlicht werden, oder diese ganz tief grummelnden Dub-Bässe bei Grime und UK-Drill. Kennzeichnend hierbei sind post-apokalyptische-dystopische No Future-Stimmungen, die aber auch sehr gut zu Grundstimmungen im 21. Jahrhundert passen. Bei dir ist die Stimmung aber deutlich optimistischer. Wie lässt sich das erklären? Liegt es am Land(leben)?

Pangani: Ein großer Teil der Prägung meines jungen Erwachsenenalters habe ich in kenianischen Shanty Towns verbracht. Von 2007 bis 2014 war ich jedes Jahr zwischen drei Wochen und vier Monaten in diesem Land meines Herzens. Die Liebe zwischen den Menschen, die Vibes der Umgebung, die Freude des Lebens an sich, haben mich tief inspiriert und etwas gegeben, was ich in meinem mitteleuropäischen Leben nur spärlich finden konnte. Ich denke, dass ich diese positive Grundeinstellung schon immer tief in mir trage, durch meine Erfahrungen in der Welt ehrlich finden durfte und sie mit der größten Freude in die Welt hinaus spiele.

Ich fühle aber auch diese „apokalyptische-dystopische“ Grundstimmung um mich rum sehr stark und kann den Ausdruck durch dunkle schwere Sounds total nachvollziehen. Während meines Studiums bei MultiMediaArt in Salzburg von 2009 bis 2012 habe ich selbst viele Dubstep-Tracks produziert und diese Seite des musikalischen Spektrums ausgekundschaftet.

Für mich gab es keine andere Schnittstelle zwischen Reggae (meinen Roots) und der neuen elektronischen Seite meines Ausdrucks. Einige Blicke über den Dubstep-Tellerrand haben mir dann später zum Glück andere Seiten des Ausdrucks gezeigt. 

Zu guter Letzt ist die verspielte Natur des psychedelischen Sounds gemacht, um Menschen, die auf einem momentanen emotionalen Zustand eines Kleinkindes sind, auf eine Abenteuerreise zu schicken und dabei Themen wie Klimawandel und Entfremdung des Menschen zur Natur anzusprechen – Grund für die Positivität.

Wo und als was ist der Release zu haben?

Pangani: „Superdubs“ gibt es auf meiner bandcamp Seite als digitalen Download.

Auf bandcamp sind die Dubs gleich nach der Veröffentlichung in den Kategorien „Psybass“ und „Psydub“ auf Platz Eins und bei „Downtempo“ auf Platz Zehn gekommen. Wie gehst du mit solchen Kategorien um?

Pangani: Ich freue mich massiv, dass das Album Aufmerksamkeit bekommt! Ich sehe solche Kategorien als Navigationshilfen durch den unendlichen Dschungel an Musik und wenn Menschen diese Tags verwenden, um auf die Musik zu stoßen, die sie suchen, dann passt das für mich.

Wird es eine Live-Präsentation geben oder planst du schon Live-Sachen für dann einmal?

Pangani: Für den Sommer 2022 gibt es bereits ein paar Bookings, wie z.B. das Boom-Festival in Portugal, Everness-Festival in Ungarn, Seedcamp in Kauzen, Free Tree-Festival in Taiskirchen, Tree of Life-Festival in der Türkei und Tanz Doch Mal in der Südsteiermark. Ich kann es gar nicht erwarten, endlich wieder Live zu spielen. Wenn sich die allgemeinen Veranstaltungsbestimmungen in Österreich wieder entspannt haben, werde ich auch endlich meine Audio/Visual-Live-Tour planen.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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