Richard Kapp & The Gowns – Amok

Es gibt so viele Adjektive mit denen man die Musik von Richard Kapp beschreiben könnte. „Amok“ heißt seine neue Platte und dieses recht negativ behaftete Wort passt so gar nicht zu Kapps Musik. Es ist erstaunlich wie sich die Liebe zum Detail wie ein roter Faden durch jedes der zwölf Lieder zieht. Und immer stehen starke Instrumente wie Geigen, Klavier oder Xylophon im Vordergrund. Nicht nur die Vielfalt ist hier wie ein roter Faden, sondern vor allem die ehrliche Lebensfreude, die Kapp durch seine teils kabarettistischen Songtexte ausdrückt. Auf „Amok“ hört man förmlich wie Können auf gute Ideen trifft, und diese Mischung wurde bestmöglich auf CD gebannt.
Obwohl jetzt schon viele Worte verwendet wurden um die Vielfalt zu umschreiben, wurde das Genre noch gar nicht untergebracht. Und so einfach macht es Kapp, der sich tatkräftig von seiner Band The Gowns unterstützen lässt, nicht. Die Musikstile schwanken zwischen scheinbar naivem Happy-Pop, gedankenverlorenen Klavier Balladen, Cabaret,  Musical à la „Singing in the Rain“ und ein Fünkchen Funk. Alles ist überschattet von wohltuender Nostalgie. Gewürzt werden die Songs mit vielseitigen Instrumentalarrangements.

An dieser Stelle bietet sich an, die Produktion des Albums zu loben, da Kapps Stimme trotz der dominanten Musik weder zu laut, noch zu weit entfernt klingt. Manchmal erinnert seine Stimme an Velvet Undergrounds „Loaded“, manchmal an einen verletzlichen (und nicht so kratzigen) Iggy Pop. Die häufigste Assoziation wird aber in Kombination mit der Musik ausgelöst. Dann verwandelt sich Kapp in Stephin Merritt, den Sänger der Magnetic Fields, die für ihre kurzen, süßlichen Dream-Pop Songs bekannt sind.

Süßlich sind auch einige Lieder auf „Amok“. Kitschig wird es nur wenn es gewollt ist, und auch dann passt sich das Kitsch-Level der Songstruktur an. So ist „Happy Sun“ mit seinen Geigen und dem Text zwar extrem fröhlich, aber die Fröhlichkeit kippt nie in Lächerlichkeit um.  Und auch „Ghost In The Line“ wartet zuerst mit Drehorgel-Geräuschen auf, um dann zu einer Klavierballade zu werden. Dabei entgleitet Kapp nie das geschmackvolle Arrangement.

Lustig wird’s auf „Be Unusual“. Der  Text zielt auf genaues mithören an, und auch seine Stimme vermittelt, dass man sich nicht allzu ernst nimmt. Es ist moderner Happy-Pop à la Mika (mit mehr Biss) mit Ohrwurm-Garantie. Unfreiwillig komisch dagegen sind „Bobobonko“ und „Master Of Tiramisu“. Die Überraschung gelingt, aber die anfängliche Irritation lässt sich –vor allem bei „Bobobonko“- nicht so leicht abschütteln. Obwohl die Musik stimmt, weiß man nicht ganz was man von dem gutgelaunten Karibik-Insel-Sound halten soll. Bei „Master Of Tiramisu“ lässt der Mini-Rap ein bisschen aufhorchen, aber dann macht der funkige Jazz-Track alles wett. Besonders das lange Instrumental-Outro ist gelungen.

Hervorgehoben werden muss auch der äußerst gelungene Opener des Albums, der überhaupt dieses fließende Eintauchen in das Album gewährleistet. „Conditioned Man (It’s A Conditional Man’s World) ist zart und stark gleichzeitig. Die Klaviermelodie ist im Ryuichi-Sakamoto-Stil einfach, aber unglaublich vorwärtstreibend gehalten. Die Tempowechsel von Ballade auf Pop-Song werden passieren scheinbar unbewusst. Die vier Minuten vergehen wie im Flug.

Um den oben vielmal erwähnten roten Faden wieder auf zu nehmen, muss ein Manko erwähnt werden, dass sich ebenso fast durch das gesamte Album zieht. Richard Kapps Stimme harmoniert nicht wirklich mit der Background Sängerin. Damit die Songs nicht zu überladen klingen, hätten Kapps Vocals absolut gereicht. Ein weiteres Manko ist die Länge des Albums, da bei den letzten drei Liedern ein bisschen die Luft ausgeht. „Amok“, der gleichnamige Abschlusstrack ist zwar beschwingt, aber so ein bisschen Abschied schwingt schon mit.

„Amok“ ist ein sehr gelungenes Album auf dem sich Richard Kapp viel Raum für Entfaltung gewährt hat. Es besticht durch gute Produktion und durchgedachte Arrangements, und lässt auf einen gebührenden Nachfolger hoffen.

Fotos: Richard Kapp & The Gowns

Anne-Marie Darok

http://www.richardkapp.com/