Ein Panel mit dem griffigen Titel “Pop-Kritik im Feed” setzte sich beim Popfest Wien mit dem Status Quo der Pop-Kritik auseinander. Martin Schüler moderierte. Anna Mayrhauser, Lea Neckel, Aleksandra Timofeeva und Robert Rotifer diskutierten darüber, ob man mit Pop-Kritik überhaupt noch Geld verdienen kann, wo sie stattfindet und wie es mit dem strategischen Einsatz von Gewalt im Netz aussieht.
„Künstler:innen sind nicht mehr auf die etablierten Zeitungen angewiesen, sondern haben sich ihre eigene Bühnen gebaut, wo sie so viel senden und posten können, wie es ihnen beliebt”, stellte Moderator Martin Schüler eingangs fest. Damit gehe ein Verlust von Deutungsmacht einher, so Schüler, und eine neue, diffuse Kraft, die der Algorithmen nämlich, habe übernommen. „Hat sich die Pop-Kritik von Print in die Kommentarspalten und Likes verlagert? Und wie sieht es mit Hass und Gewalt aus?” waren die Fragen, die er in die Runde warf. Ganz konkret: „Schaffen es Online-Medien besser patriarchalen, eurozentrischen queerfeindlichen Strukturen an den Kragen zu gehen?” „Teilweise schon”, meinte dazu Anna Mayrhauser. Sie war lange Teil der Missy-Redaktion, stand ihr auch als Chefredakteurin vor und begründete danach das Onlinemagazin Tag Eins. „Mehr Menschen können sprechen, mehr Perspektiven werden eingenommen, ohne dass die Texte durch Redaktionen müssen, die mehrheitlich immer noch männlich und weiß dominiert sind.” Andererseits seien Hass und Gewalt gegen Frauen im Netz große Themen.
Aleksandra Timofeeva, eine in Wien lebende russische Designerin und Art Direktorin, die gemeinsam mit dem Journalisten Dávid Gajdos Bohema, ein Online-Kulturmagazin gegründet hat, das von einer jungen Redaktion und einem Netzwerk junger Autor:innen gestaltet wird, habe sich irgendwann, erzählte sie, durch die althergebrachten Medien nicht mehr repräsentiert gefühlt. Und so habe sie eine Community gesucht, „wo sich Leute uneingeschränkt ausdrücken können.” Response sei im Netz wichtig, so könne man sich nach den Bedürfnissen der Leser:innen richten, meinte sie. Aber nicht nur das: Man könne auch besser zuhören und das Feedback sei unmittelbar. „Das verändert ein Medium.”
Lea Neckel, online bekannt als 69lean666, ist eine österreichische Künstlerin mit einer transmedialen Praxis, die auch Social Media – vor allem TikTok – beinhaltet. Sie beschäftigt sich in ihrem Content mit popkulturell relevanten Themen sowie der Dokumentation ihres Lebens. Sie sei online aufgewachsen, erzählte sie. Anders könne sie sich ihre Existenz auch gar nicht mehr vorstellen. Das Internet habe sie zuallererst als Rückzugsort für marginalisierte Gruppen kennengelernt. „Uneingeschränkt und ohne Zensur.” Das mittlerweile nicht mehr existente Forum tumblr.com, wo es keine Art von Kontrolle gab, beschrieb sie als geradezu “paradiesisch”. In den letzten fünf Jahren habe sich das allerdings stark geändert.
„Wo findet Pop-Kritik noch statt?”, wollte Moderator Schüler wissen. Drangsal, ein befreundeter Sänger, habe ihm gegenüber neulichdie gewagte Aussage getroffen, Pop-Kritik gäbe es doch ohnedies nur noch in den Kommentar-Spalten von TikTok.
„Einer der schlimmsten Orte, die es gibt auf der Welt”, konterte Neckel. Selbst mit allen Filtern überschreite das, was dort geschrieben wird, die Grenzen der Menschlichkeit. Das zu ertragen müsse für Musiker:innen extrem fordernd sein, weshalb es ihrer Auffassung nach, eine starke Persönlichkeit brauche, um mit den Anwürfen klarzukommen. Sie selbst habe sich mehr und mehr zurückgenommen, weil Hass und Gewalt im Netz gezielt eingesetzt würden, um Frauen aus der Public Sphere zu drängen. „Sobald du als Frau etwas auf an einem Ort postest, der algorithmisch funktioniert, sieht man sich mit teils extremen Gewaltandrohungen und -übergriffen konfrontiert.” Viele Leute würden deshalb aufhören, ihre Meinung zu sagen. In ihrem Fall sei, um ihr zu schaden, die private Wohnadresse veröffentlicht worden, was die reale Angst heraufbeschwor, jemand könne ihr auflauern. Gewalt werde strategisch eingesetzt.
„Lässt sich die private denn nicht von der öffentlichen Person entkoppeln?”, wollte Schüler daraufhin wissen. Das sei nicht so einfach, weil von einem (als Influencer, Anm.) erwartet werde, dass man authentisch ist und alles aus seinem Leben darstellt, wie es ist, so Neckel.
Bescheidenheit und Selbstausbeutung
Die nächste Frage, die Schüler an die Diskutanten richtete, lautete: „Kann man mit Pop-Kritik überhaupt noch Geld verdienen bzw. wie stark kann ein Medium überhaupt sein, das seine Mitarbeiter zur Selbstausbeutung verdammt? Müssen sich Idealisten einfach in Bescheidenheit üben?”Anna Mayrhauser gab bei all ihrem Online-Optimismus zu, dass bei Missy immer noch das Printheft die Redaktion finanziere. Durch den Social Media Bereich würden viele vielleicht auf das Heft aufmerksam, so die Hoffnung, die nicht zur ersten Generation der Leserschaft gehören. Es funktioniere zwar, aber auf einem finanziell sehr bescheidenen Niveau, so Mayrhauser. „Leute, die mitmachen, wollen, dass es das gibt.” Das Projekt sei daher ganz wesentlich von Idealismus getragen. Meinungstexte über Pop würden sich zudem relativ günstig produzieren lassen.
Robert Rotifer, Musiker und Journalist für fm4, bezeichnete sich daraufhin selbst etwas kokett als den “Dinosaurier” in der Runde. Viele von den Räumen, in denen die anderen arbeiten, seien ihm nicht bekannt, so Rotifer. Er, der seit mehr als zwanzig Jahren eine Radiosendung auf fm4 gestaltet, aber auch für den digitalen Raum schreibt, bezweifle allerdings, dass es nur die digitale Revolution war, die den Printmedien an den Kragen ging. „Die Musikmagazine haben sich selbst abgeschafft”, so Rotifer.
„Was können etablierte Medien tun, um Pop-Kritik am Leben zu erhalten?”, lautete die nächste, an ihn gerichtete Frage Schülers. Man habe sich doch noch nie von Tageszeitungen repräsentiert gefühlt, antwortete Rotifer.Genau deshalb habe es ja Musikmagazine gegeben. „In den Tageszeitungen wurde allenfalls über Theaterpremieren geschrieben und wenn über Pop, dann nur auf peinliche Artund Weise.” Insofern seien wir jetzt da angekommen, wo wir schon einmal waren. Und in Richtung Neckel fügte er hinzu: „Dass du als Pop-Kritiker mit dem Medium identifiziert wirst, gab es bei den Fanzines auch schon, nur war es da halt wesentlich ungefährlicher als heute im Netz.” Stars wiederum würden selber gerne übers Internet kommentieren, „weil sie da alles unter Kontrolle haben und sich nicht interpretieren lassen müssen.” Dadurch aber entstünden parasoziale Beziehungen, die gegenseitige Abhängigkeiten schaffen. „Früher konnte man einfach Nick Drake sein, sich im Bett verstecken und dort vielleiht sein bestes Album machen”, so Rotifer.Er selbst arbeite immer noch für Print, was aber nur noch von Leuten seines Alters oder älter gekauft werde, wodurch er selbst dort nur noch Pophistorisches mache.Den großen Fehler orte er in den 2000er Jahren, als die Pop-Presse zu einem Arm der Industrien wurde, während sie früher einmal einen wesentlichen Kommentar zum sich verändernden Leben der Bands und ihrer Musik geliefert habe. „Das haben wir verloren, und damit hat die Musikpresse auch ihre Legitimation verloren”, so Rotifer. Das liege nicht nur an der Digitalisierung, nein, der Inhalt sei verkommen. Musikmagazine hätten funktioniert, weil man als Pop-Konsument auf sie angewiesen war, wenn man an die Information kommen wollte.
Der Popjournalismus habe sich “vernischisiert”, ergänzte Lea Neckel. Die Themen, die sich in den algorithmischen Echo-Chambers wiederholen, seien nicht flach, sondern extrem spezifisch. Sie trauere dem Wegfall der autoritären Instanzen keinesfalls nach, sagte Anna Mayrhofer im Anschluss, obwohl sie bezweifle, dass sie tatsächlich ganz weggefallen sind. Andererseits schätze sie die Praxis des Redaktionellen, die immer mehr wegfalle. Als Content-Creator sei man zusehends auf sich alleine gestellt. Der redaktionelle Teamprozess habe viel bewirken können, gerade wenn er anti-hierarchisch gedacht werde. Im Fall Thilo Mischke (Mischke wurde in Deutschland aufgrund sexistischer Aussagen als Moderator abgesetzt, Anm.) seien die Impulse und die tiefen und breiten Recherchen von Online-Medien, d.h. aus dem Netz gekommen. Das Internet bedeute nicht automatisch eine Verflachung, es könne sich schon gut ergänzen. „Dass online so viele Menschen ihre Meinungen kundtun können, ist gut, weil die Pop-Kultur für die Menschen gemacht ist.”
Algorithmus als neuer Gatekeeper, Clickbait und Rage Bait
„Und der Algorithmus? Ist er der neue Gatekeeper?”, wollte Schüler sodann wissen. Sei an die Stelle der Ressortleiter nicht etwas ungleich Diffuseres, Undurchschaubares und vielleicht auch Bedrohliches getreten? „Ja und nein”, meinte Rotifer. Der Algorithmus werde schließlich gesteuert. Dagegen sei Twitter kein Raum, der mehr uns noch gehöre und auch nicht mehr objektiv. Das sei wirklich gefährlich. „Aber wenn er ein Diagramm erstellt, kann das schon tolle Ergebnisse zeitigen.” Viele junge Leute kämen so zu Musik, die sie sonst nicht gefunden hätten. Das sei zu respektieren.
Gegen Ende der Gesprächsrunde kam man noch auf das so genannte Influencer-Dasein und seine Eigenheiten zu sprechen. Viele Leute wüssten gar nicht, dass Influencer Geld dafür bekommen, damit sie einen Sound propagieren, stellte Neckel klar. „Es geht in Richtung Clickbait und Ragebait. Extreme Meinungen werden gepusht, die Mitte kommt nicht vor, weil sie nicht gepusht wird.” Man müsse die Plattformen deshalb dazu bringen, ihre Algorithmen offen zu legen. „Und wie bewahrt man sich in diesem digitalen Sog eine eigene Meinung und ein kritisches Selbstverständnis?”, fragte Schüler. „Indem man auch andere Medien, nicht nur Social Media konsumiert”, lautete die so pointierte wie einfache Antwort von Neckel. Substack, eine US-amerikanische Plattform etwa sei ein gutes Beispiel dafür.
Robert Rotifer kam in diesem Zusammenhang auf die Entwicklung der fm4-Homepage zu sprechen. Von der Entwicklung her seien Kommentare auf seine und die Artikel anderer Kolleg:innen anfangs konstruktiv gewesen. „Mit der Zeit wurden sie allerdings mehr und mehr giftig und untergriffig.” Durch die Abschaffung der Kommentarfunktion sei das aber nicht beendet worden, sondern das Problem habe sich nur verlagert. Denn, wenn er heute eine Geschichte schreibt, dann teilt er den Beitrag mit Links auf sozialen Medien. Die Kommentare gebe es dann halt dort. So werde man gezwungen, soziale Medien mit zu kommunizieren, ob man nun will oder nicht, was einem manchmal das Schlafen schwer mache. Besonders auf Facebook, „das ja auf dem Prinzip gegenseitiger Freundschaft beruht”, könne das mitunter hart sein. Ein Phänomen sei auch, dass Popkritik und Popproduktion einander in manchen Bereichen annähern würden.
Zuletzt wurden die Teilnehmer:innen noch um gute Beispiele gebeten, d.h. also gelungene Beispiele zeitgenössischer Pop-Kritik. Neckel nannte Verena Bogner. Grundsätzlich sei es erstaunlich, wie viel gute Info man in dreißig Sekunden TikTok erhalten könne und wie wenig Substrat manchmal ganze zwei Seiten Text hätten. Grundsätzlich sei sie eine Freundin der Begrenzung. Rotifer nannte den Rolling Stone-Newsletter von Maik Brüggemeier, der eigentlich alles falsch mache, weil er lange ist und per E-Mail versendet wird, keine knackigen Pointen aufweise. Aber letztlich gebe der Inhalt den Ausschlag, der so gut sei, „dass ich mir die Zeit nehme.”
Trauere denn niemand den Musikmagazinen nach?Rotifer verneinte. Was bestimmte Gratismagazine anbelange, sei das ein sehr korrumpiertes System gewesen, dem er nicht nachweine. Ihm persönlich sei da des Öfteren beschieden worden, wie groß die Anzeige sein müsse, damit sein Album besprochen wird. Andererseits finde er halt bezahlten Journalismus gut und da sei Print ist immer noch das, was am ehesten etwas bringt, und auch Pop-Journalismus sei letztlich gar nicht so billig, wenn man ihn wirklich gut macht. „Wenn wir alle vom Online-Journalismus leben könnten, würde ich dem Papier nicht nachtrauern!”
Und sei denn nicht die Unabhängigkeit gefährdet, wenn Nähe als Währung gelte? Das sei doch immer ein Problem gewesen, nur halt nicht so bewusst, meinte Neckel. „Die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion verschwimmen. Leute verlieren Medienkompetenz”, so ihre Wahrnehmung. Auch Parasoziale Beziehungen habe es immer schon gegeben, stimmte Rotifer zu. „Aber oft fehlen Analyse und Einschätzung.” Ihm selbst bereite es mitunter große Freude, etwas zu machen, was kein Fanzine mache, nämlich über etwas zu schreiben, was einem nicht gefällt. Keinen einfachen Verriss, sondern eine gesellschaftliche Einordnung, etwa des Phänomens Coldplay. „Musikjournalismus war nie unemotional”, ergänzte schließlich Mayrhauser. „Es waren halt nur nicht meine Emotionen, sondern Emotionen, die wir gelernt haben als objektiv zu erfahren.” Die Frage sei, was man als Emotion liest und was nicht. Mit diesem Schlusssatz konnten sichtlich alle Anwesenden gut leben.
Markus Deisenberger
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Popfest Wien
Die Popfest Sessions wurden präsentiert von der Wirtschaftsagentur Wien.
Eine Kooperation von mica – music austria und Popfest Wien.

