Paul Walter Fürst im 87. Lebensjahr verstorben

Eigentlich hätte er sich seit zwei Jahrzehnten im würdigen Pensionsalter befunden und dem vermeintlich bequemen „Nichtstun“ frönen können. Für Paul Walter Fürst gingen die Uhren anders, und so mochte man aufgrund seiner geradezu hyperaktiven Leistungskraft einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Zeit auch an ihm nicht spurlos vorüberging. In der Nacht zum 1. März erlag der Komponist, Musiker und Funktionär im Alter von 86 Jahren einem Krebsleiden.

Was immer Paul Walter Fürst in seinem Leben anging: Man hatte den Eindruck, dass es ihm unendlich Spaß machte, selbst dort, wo es sich um vermeintlich lästige Pflichten, wie die Übernahme von Ämtern zur Interessenvertretung der Interpreten und schöpferisch tätigen Kollegen handelte. Als zweifacher Präsident in diesen und jenen Gremien sein fachliches Wissen und seine auf der jahrzehntelangen Erfahrung beruhende Meinung einzubringen, war Paul Walter Fürst auch in der Mitte seines neunten Lebensjahrzehnts weit mehr vergnügliche Verpflichtung, denn unerbittlich auf den Schultern drückende Last. Dass dabei ein g’sunder Schmäh ebenso omnipräsent war, wie das klassische Wiener Granteln, war Konzession an jene Stadt, in der er am 25. April 1926 zur Welt kam.

Arbeit für die Interessen der Kollegen

Seit 1998 war er Präsident der größten österreichischen Urheberrechtsgesellschaft AKM – was alleine schon von seiner Persönlichkeit zeugte, hatte er doch in dieser Funktion eine schier unüberschaubare Fülle verschiedener Interessen unter einen Hut zu bringen. Um vieles länger war er auch Präsident der ÖSTIG, der Österreichischen Interpretengesellschaft, die in der Verwertungsgesellschaft LSG als Gesellschafter die Interessen der Interpreten wahrnimmt. Gelegentlich musste der kreative Künstler Fürst wohl sogar sein schöpferisches Werk hinter all der Arbeit für die Belange der schöpferischen und reproduzierenden Musikschaffenden in Österreich zurückstellen.

Ein Komponist im Stillen

Als Komponist gehörte Paul Walter Fürst seit jeher zu den eher „Stillen“. Als Werbemanager in eigener Sache durch die Lande zu ziehen, wöchentlich bei den mächtigen Intendanten anzuklopfen und allen, die es hören oder vielmehr nicht hören wollten, zu erzählen, welche grandiosen Erfolge samt voller Kassen seine Musik ihren Häusern bescheren würde, war nicht so sehr seine Sache. Zwar kannte, beherrschte und setzte er natürlich durchaus auch gewisse Methoden der Selbstvermarktung ein, primär aber wirkte (und wirkt) seine Musik für sich selbst. Fürst vertrat den klassischen Typus des komponierenden Orchestermusikers. Mag der Verzicht auf eine solistische Karriere als Bratschist erst die Möglichkeit eröffnet haben, dem Komponieren einen dominierenden Stellenwert in seinem Leben zu geben, so war sein Komponist Sein in vielem mitbestimmt von der jahrzehntelangen Erfahrung inmitten großer Klangkörper – in seinem Fall den Niederösterreichischen Tonkünstlern (1952–54 Solobratschist), den Münchner Philharmonikern (1954–61 ebenfalls Solobratschist) und schließlich ab 1961 bzw. 1962–1990 insbesondere dem Wiener Staatsopernorchester und den Wiener Philharmonikern.

Einkalkulierte Stilbrüche

Durch das im Alltag erprobte Erleben aller Facetten der verschiedensten Orchestergruppen wusste Fürst mit scheinbar müheloser Selbstverständlichkeit jedem Instrument „auf den Leib“ zu schreiben. Einem spezifischen kompositorischen System war er nie verhaftet. – „Mir ist die Beibehaltung eines Stiles oder die Befolgung eines modischen Trends von unwesentlicher Bedeutung. Immer wenn ich ein so genanntes Erfolgsstück zuwege brachte, änderte ich meinen stilistischen Kurs; Stilbrüche sind in meinen Arbeiten einkalkuliert.“ (Fürst)
Behutsam weitete Fürst in seiner Arbeit die von der Tradition vorgegebenen Wege, wobei Elemente des Jazz innerhalb seiner freitonalen Tonsprache ebenso anzutreffen sind wie aleatorische Passagen. Infolge seiner Freundschaften mit zeitgenössischen Dichtern wie Ernst Jandl und Friederike Mayröcker wirkten auch sprachliche Kategorien wie Grammatik und Syntax auf kompositorische Prozesse ein. Experimente im Bereich des musikalischen Materials waren für Fürst nicht befriedigend, doch räumte er gerne ungewöhnlichen Aufführungsaspekten Raum ein: etwa dem Standortwechsel des Solisten im Anti-Konzert für Klarinette und Orchester op. 52.

Leidenschaftlicher Farbspieler

Zu den Schwerpunkten in Fürsts Œuvre zählen neben Musik für die Bratsche als seinem eigenen Instrument u. a. die Kammermusik mit Schlagwerk (etwa Sabado für Trompete, Schlagzeug und Klavier op. 22, Violatüre für Viola und Schlagwerk op. 69 oder Seis Ventanas op. 83) und Kammermusik für Bläser, darunter als seit Jahrzehnten populärer „Hit“ die an der barocken Suitenform orientierte Konzertante Musik für Bläserquintett op. 25. Auch zahlreiche Orchesterwerke des Komponisten wurden – heutzutage alles andere als selbstverständlich – wiederholt nachgespielt, darunter die Farbspiele op. 38, in denen Fürst mit einer Vielfalt instrumentaler Kontraste („Farben“) arbeitet und den fünf Abschnitten assoziativ einzelne Farben zuordnet, oder Orchestron IV (der Titel ist eine Verschmelzung der Worte „Orchester“ und „Orchestrion“), in dem mechanische Floskeln und Strukturen mit frei fließenden Passagen wechseln. Zum Material von Het orgel is een belt für Orgel, gemischten Chor, Combo und Orchester op. 61 gehören ein frankoflämisches Choralthema des 16. Jahrhunderts, swingende Combo-Abschnitte sowie der „Salve Regina“-Text und ein Song der US-amerikanischen Pionierzeit. Oft waren es in unverbrüchlicher Treue „seine“ Wiener Philharmoniker, die Fürsts Musik in unvergleichlicher Klangpracht veredelten.

Exponierte Männer- und Frauengestalten

Auch die Musiktheaterbühne hat Paul Walter Fürst nicht gescheut. Dem 1963 entstandenen Ballett Dorian Gray op. 35 (Buch Ernst Jandl nach Oscar Wilde) blieb fast vier Jahrzehnte das Licht der Bühnenwelt verborgen. Erst am 28. September 2011 gelangte das Werk im Festspielhaus St. Pölten zur Uraufführung, späte Genugtuung für den damals 85-Jährigen. Den Bereich der Oper konnte Fürst sich lange nicht schöpferisch erschließen, nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Belastungen: „Das Alter hätte ich nie erreicht, wenn ich eine Oper geschrieben hätte“, meinte er mit Anfang 70 als er einmal vom Verfasser auf dieses Thema angesprochen wurde.  Nicht einmal fünf Jahre später wurde seine abendfüllende Oper „Catalina Homar“ (Text Herbert Vogg) im Stadttheater Baden uraufgeführt und der Komponist konnte sich – trotz der Arbeitsmühen bei bester Gesundheit – über einen nachhaltigen Erfolg bei Publikum und Presse freuen.

Widerwillen gegen das Oberflächliche

Vor Jahren setzte sich Fürst ebenfalls im persönlichen Gespräch mit der Frage der Vergänglichkeit des selbst Geschaffenen auseinander: „Natürlich sagt man sich im Alter: Wie kann es weitergehen, was soll erhalten bleiben, was nicht. Ich bin überzeugt, dass wir in einem Riesenwellental sind. Es gibt so viele Paragraphen, die meines Erachtens unwichtig sind. Es gibt Sparmaßnahmen, wo man kurzfristig etwas sparen kann, aber langfristig etwas zerstört. Jede Kerbe vergrößert sich, hat fürchterliche Wirkungen […]. Die Leute von jetzt leben für heute, spätestens für morgen, das Danach ist uninteressant. Es werden uns die Kinder verfluchen für das, was jetzt gemacht wird. – Heute ist man anerkannt, wenn man in den ‚Seitenblicken’ ist. Ich kann das ganze Jahr irgendetwas schreiben, aber als ich nur ein paar Sekunden in den ‚Seitenblicken’ war: Was mich die Leute angerufen haben. – Sage ich: ‚Habt’s ihr nicht noch etwas anderes gesehen?’ – ‚Nein, wieso, gibt es noch was?’ – Das ist die heutige Zeit. Nur die Oberflächlichkeit stört mich. Ich bin froh, dass ich in dieser Zeit lebe, denn es gab schlechtere. Aber diese Oberflächlichkeit, die ist für mich nicht zum Aushalten!“ – Eine durchaus pessimistische Sicht also, und im Gemüt eines gebürtigen Wieners sicher durchaus genspezifisch erklärbar. Es entspräche aber nur einer Seite des Paul Walter Fürst, ließe man diese Sätze so stehen und würde man nicht nach dem nötigen Ausschlag zur anderen Seite des genannten Wellentals fragen: „Der ist noch nicht da, aber er muss kommen, weil der Mensch bisher auf diese Weise überlebt habt. Ich bin ja immer Optimist, positiv eingestellt in allen Dingen. Blutgruppe Null positiv!“

Christian Heindl
 

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