„Der Zauber der Stille klingt dann oft in meiner Musik nach.“ Palmanu aka Manuel Jakob Goditsch im Mica – Interview

Mit seiner neuen EP „Breathe“ widmet sich der Wiener Musiker Palmanu den leisen, aber elementaren Bewegungen des Lebens. Zwischen introspektivem Folk und sphärischen Electronica-Klangflächen entfaltet Manuel Jakob Goditsch fünf Songs, die wie tiefe Atemzüge wirken – reduziert, melancholisch und von feiner Emotionalität getragen. Inspiriert von Naturerfahrungen, Stille und der Suche nach innerer Verbundenheit, erschafft Palmanu Klangräume irgendwo zwischen Bon Iver, RY X und kontemplativer Singer/Songwriter-Kunst. Dabei geht es weniger um große Gesten als um die Kraft der Zwischentöne, um Begegnung, Vergänglichkeit und das bewusste Wahrnehmen des Moments. „Breathe“ erscheint am 8. Mai 2026 via Spring Rain Records.

Deine Musik ist leise. Sie ist keine, die groß und laut daherkommt oder glänzen will, sondern wirkt sehr authentisch und ruhig. Ist sie für dich so etwas wie ein Sprachrohr – eine weitere Sprache, die dich definiert?

Manuel Jakob Goditsch: Auf alle Fälle. Ich schreibe schon weit mehr als mein halbes Leben Lieder. Musik ist für mich ein Kanal, über den ich die Dinge ausdrücken kann, die mich beschäftigen – so etwas wie eine zweite Sprache. Viel dreht sich dabei um unsere aktuelle gesellschaftliche Situation und die damit verbundene Gefährdung unserer Lebensgrundlagen und der Natur.

In den letzten zehn Jahren hat es mich zwar zunehmend in die Großstadt gezogen, gleichzeitig ist aber auch meine Sehnsucht gewachsen, Naturräume zu erkunden. Am liebsten schlage ich irgendwo in der Wildnis ein Zelt auf, um ganz nah an dieser Lebendigkeit zu sein, die uns trägt und verbindet. Die meisten meiner Lieder entstehen genau dort. Ich habe fast immer eine kleine Gitarre dabei, auf der ich sie entwickle.

Es ist mir ein großes Anliegen, diese Verbundenheit – meine eigene und die unserer Gemeinschaft – in der Musik hörbar zu machen. Allerdings nicht laut oder plakativ, sondern leise. Es geht mir um das Kultivieren und Feiern der Zwischentöne, der stillen Klänge, der Ruhe. Genau darin liegt für mich eine besondere Kraft.

Dieser Ansatz spiegelt sich tatsächlich in deiner Musik wider. Sie lässt viel Raum, wirkt nie überladen und fühlt sich stellenweise fast wie ein Spaziergang durch den Wald an. Warst du immer schon auf dieser ruhigen Seite, oder gab es auch eine Jugendphase, die wilder und lauter war?

Manuel Jakob Goditsch: Natürlich, voll. Als Jugendlicher war ich mit Totenkopf-Shirts und langen Haaren unterwegs und tief im Metal drin. Ich war regelmäßig am Nova Rock und habe Moshpits geliebt – und tue das eigentlich noch immer. Wenn es sich ergibt und ich in einem lande, taugt mir das total.

Diese Ruhe, die ich heute in meiner Musik ausdrücke, ist also nur ein Teil von mir. Da ist auch viel Lebendigkeit. Meine musikalische Reise hat im Indie-Rock begonnen, anfangs auch im Stoner Rock, und ist dann mit der Zeit ruhiger geworden. Ich glaube, ich bin dabei immer mehr bei mir selbst angekommen – und auch bei dem, wonach ich mich sehne: Ruhe im Außen und im Innen.

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Was sind deine Inspirationen, welche Themen behandelst du in deinen Liedern? Geht es um Zwischenmenschliches, um Beobachtungen oder um einen Blick auf die aktuelle Lage?

Manuel Jakob Goditsch: Ich glaube, es sind auf jeden Fall Beobachtungen von mir selbst – also Dinge, die aus der Introspektion heraus entstehen – und zugleich Beobachtungen der Welt. Es geht um das Phänomen des Lebens, um Lebendigkeit und auch um den Tod. Dieser Spannungsbereich zwischen Leben und Tod interessiert mich sehr.

Einige Lieder handeln auch von Menschen, die gestorben sind oder gar nicht erst ins Leben gekommen sind. Dieses Thema fasziniert mich, vor allem die Frage, wie der Tod dem Leben überhaupt erst Bedeutung verleiht – durch seine Begrenzung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das, was in der Stille passiert: Was im Inneren auftaucht, wenn es im Außen ruhig wird. Ich gehe zum Beispiel mindestens einmal im Jahr für eine Woche Schweigen, und das gibt mir sehr viel. Aus dieser Reduktion von Reizen schöpfe ich viel Inspiration. Der Zauber der Stille klingt dann oft in meiner Musik nach. 

Wenn man sich mit dir unterhält, bekommt man schnell den Eindruck, dass du ein sehr selbstreflektierter Mensch bist. Welche Motivationen stecken hinter deiner Musik? Willst du andere Menschen auf bestimmte Themen stoßen oder ihnen vielleicht einen Fluchtpunkt anbieten? Denn reine Unterhaltung ist bei dir, glaube ich, etwas zu kurz gegriffen.

“Ich möchte mit meiner Musik dazu einladen, ins Spüren und Wahrnehmen zu kommen und sich selbst vielleicht ein Stück näherzukommen.”

Manuel Jakob Goditsch: Ich war auf meiner musikalischen Reise schon auch einmal an einem Punkt, an dem ich versucht habe, Musik zu produzieren, die Unterhaltung ist, sich gut vermarkten lässt und eher mainstreamig ist. Aber ich habe gemerkt, dass ich das einfach nicht bin. Es war eine sehr unauthentische Angelegenheit.

Jetzt ist meine Motivation einerseits Musik zu machen, die Ausdruck dessen ist, was mich beschäftigt, und andererseits auch, Menschen zu berühren und sie einzuladen, innezuhalten und in sich hineinzuspüren. Dabei kann man vielleicht auf Schmerz stoßen, auf Angst, aber auch auf Stille oder Freude. Aus meiner Sicht ist das eine wichtige Grundlage für Glück: sich selbst kennenzulernen und in sich hineinzuhören.
Ich möchte mit meiner Musik dazu einladen, ins Spüren und Wahrnehmen zu kommen und sich selbst vielleicht ein Stück näherzukommen. Ein weiteres Anliegen bei meinen Konzerten ist es, ein Gefühl von Verbundenheit zu kultivieren. Das mache ich einerseits durch Momente, in denen das Publikum eingeladen ist, mitzusingen – ein Klassiker. Andererseits aber auch, indem ich zum Beispiel bei einem Lied, das „Little Bird“ heißt und in einem Wald spielt, das Publikum dazu einlade, Waldgeräusche zu erzeugen.

Auf der Tour, die gerade zu Ende gegangen ist, war es besonders schön, in kleineren und größeren Venues mit unterschiedlich vielen Menschen zu erleben, wie der „Wald“ in der jeweiligen Stadt klingt – erzeugt von genau den Menschen, die ihn in diesem Moment entstehen lassen.
Das ist etwas, das oft mit einer gewissen Hemmschwelle verbunden ist, zugleich aber auch viel Leichtigkeit und Gaudi erzeugt, wenn eine Konzertvenue plötzlich wie ein Wald klingt.

Auch wenn sich in deiner Musik aufgrund des eher reduzierten Zugangs viele Räume öffnen, merkt man, dass du dir sehr viele Gedanken über das Songwriting machst und viel Wert auf kleine Details legst. Wann bist du mit einem Ergebnis zufrieden? Inwieweit bist du perfektionistisch? Oder bist du eher jemand, der Dinge fließen lässt?

Manuel Jakob Goditsch: Perfektionismus ist auf jeden Fall ein steter Begleiter meines Lebens. Er macht es nicht unbedingt einfacher. Gleichzeitig ist die Musik für mich ein gutes Übungsfeld, Dinge auch einmal gut sein zu lassen. Der vierte Song der EP heißt „Good Enough“ und genau darum geht es: dass wir gut genug sind – und dass auch Musik, selbst wenn nicht alles völlig sauber oder glatt ist, für das menschliche Ohr oft mehr als ausreichend ist.

Ich glaube, meine mitunter stark ausgeprägte perfektionistische Seite begegnet immer wieder diesem Refrain, diesem Gedanken: „Relax dear, it’s good enough.“ Diesen Satz habe ich tatsächlich aus einem Schweigeretreat. Wir saßen dort einmal eine ganze Stunde in Stille, und der Leiter hat alle paar Minuten gesagt: „Relax dear, it’s good enough.“ Das war eine ziemlich prägende Erfahrung.

Palmanu © Nina Brinkmann

Ich nehme an, diesen Zugang hast du auch erst lernen müssen. Was war für dich der Grund, dich auf diese Ebene zurückzuziehen – nicht nur musikalisch, sondern generell? Ist das mit dem Alter gekommen oder gab es ein besonderes Ereignis?

Manuel Jakob Goditsch: Ein einschneidendes Erlebnis war auf jeden Fall, dass ich mit 17 beinahe gestorben wäre. Beim Nova Rock bin ich irgendwo heruntergefallen und habe mir das Genick gebrochen. Das war eine sehr prägende Erfahrung. Meine Faszination für den Tod hat sicher auch dort ihren Ursprung – ich war ihm damals ziemlich nahe. Das war eine Zäsur, nach der ich mich wieder intensiver mit solchen Fragen beschäftigt habe, und es hat stark beeinflusst, wie ich heute mein Leben lebe.

Zum anderen war es für mich als Kind und Jugendlicher ganz selbstverständlich, dass ich abends beim Einschlafen das Rauschen der Königsseeache gehört habe. Dann bin ich nach Vienna gezogen, voller Motivation, um Musiktherapie zu studieren.
Ich bin in eine WG-Wohnung im ersten Stock gezogen, und vom Fenster aus konnte ich die Straßenbahn hören. Und auch so war es immer laut. Das war die ersten eineinhalb bis zwei Jahre auch egal. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich wie ein Blümchen verwelke. Ich bin in ein ordentliches Loch gefallen und war wirklich in einer Krise.

Dabei wurde mir klar, dass ich einen Lebensraum brauche, in dem ich keine Autos höre – einen Ort, an dem ich schnell in der Natur sein kann. Sonst kann ich nicht gut existieren. Das waren zwei Krisen, die sich stark auf meine Lebensgestaltung und auch auf die Musik ausgewirkt haben, die jetzt aus mir heraus entsteht.

Die Musik fügt sich bei dir ja gewissermaßen zu einem künstlerischen Gesamtpaket zusammen. So wie deine Stücke sind auch deine Videos eher ruhig gehalten. Sie spielen meist in der Natur: Man sieht Bäche durch Wälder fließen, eindrucksvolle Landschaften, gefilmt in langsamen, ruhigen Einstellungen. In deinem letzten Video läufst du an einer Meeresküste entlang – welche Küste war das eigentlich?

Manuel Jakob Goditsch: Das ist die Küste von Portugal. Dort war ich im Februar.

Wie hat sich diese Stilistik, diese Ästhetik zu einem Gesamtkonzept entwickelt?

Manuel Jakob Goditsch: Ein Konzept gibt es eigentlich nicht wirklich. Die Dinge entwickeln sich einfach. Ich glaube, das ist das, was gerade aus mir herauskommt – und daraus entsteht dann alles Weitere. Für mein neues Video war ich in einem Häuschen im absoluten Nirgendwo im Norden von Deutschland und habe mit einer guten Kamera einen Sonnenuntergang im Zeitraffer gefilmt, sodass später auch die Sterne sichtbar werden.

In der neuen Single geht es um das Thema Fehlgeburten, also um nicht gelebtes Leben. Sie heißt „Luna“. Im Video fließt gewissermaßen das Licht in die Dunkelheit – das ist sein zentrales Motiv. Aber das ist nicht so, weil ich mir denke, dass in all meinen Videos unbedingt Natur vorkommen muss, sondern weil es Ausdruck einer großen Sehnsucht ist, mich dem anzunähern.

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Die EP heißt ja „Breathe“, also atmen. Warum gerade dieser Titel? Was verbindest du mit dem Verb „atmen“?

Manuel Jakob Goditsch: Es sind zwei Ebenen. Die eine ist der menschliche Atem als Phänomen. Wenn man ihn bewusst wahrnimmt, hilft er dabei, ins Hier und Jetzt zu kommen und nicht in Zukunft oder Vergangenheit abzudriften. Das Atmen unterstützt uns, den Moment zu leben – eben jetzt zu leben. Das ist etwas, das ich immer wieder versuche, auch wenn ich dann doch wieder abdrifte, meistens ins Planen.

Im Grunde ist es ein Phänomen, das uns am Leben hält und gleichzeitig – wenn es endet – das Leben auch beendet. Es ist also ein Lebenselixier. Gleichzeitig trägt das Atmen eine Symbolik in sich: Da kommt etwas, und da geht etwas. Es ist zyklisch und bildet gewissermaßen den Rahmen unseres Lebens. Wir bewegen uns ständig in Rhythmen und Zyklen – Ebbe und Flut, Tag und Nacht und allem dazwischen.

Deine Musik ist größtenteils durchzogen von einer nachdenklich-melancholischen Note. Kannst du dir eigentlich vorstellen, auch einmal ein fröhliches Lied zu schreiben?

Manuel Jakob Goditsch: Das habe ich sogar schon. Ich mag Melancholie einfach, gleichzeitig habe ich auch viel Leichtigkeit in meinem Leben. Diese Leichtigkeit ist durchaus da, nur fällt es mir schwerer, sie musikalisch zu verpacken. Als ich es versucht habe, ist es zum Teil nach hinten losgegangen – es war dann ziemlich unauthentisch und ich habe mich dabei nicht wohlgefühlt.

Aber Fröhlichkeit ist ohnehin etwas sehr Subjektives. Ich würde sagen, ich habe durchaus auch Stücke, die von Leichtigkeit durchzogen sind, nur eben weniger als solche mit einem nachdenklicheren Grundton.

Du bist von Beruf Musik- und Psychotherapeut. Wie spielt dein Beruf in deine Musik hinein? Inwiefern fließt dieses Gefühl, Menschen zu begleiten und ihnen zu helfen, ein? Du erlebst wahrscheinlich jeden Tag sehr viel.

Manuel Jakob Goditsch: Ja, mehr oder weniger großes menschliches Leiden. Ich glaube, die Faszination für unsere Existenz und für uns Menschen als Wesen, die so vielseitig, vielschichtig und komplex sind, ist bei mir sehr groß – deswegen mache ich meine Arbeit auch so gern.

Diese Beschäftigung, dieses In-Kontakt-Kommen mit den vielen unterschiedlichen Facetten menschlicher Existenz, wirkt sich sicher auch auf mich aus. Das fasziniert mich, prägt mich – und natürlich auch das, was wir Musiker dann machen.

vielen herzlichen Dank für das nette Gespräch



Michael Ternai



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links:

linktr.ee/palmanu
instagram.com/palmanu.music
palmanu.bandcamp.com