netzzeit 2021 out of control. Wiens Festival für Neues Musiktheater , 10. Ausgabe 

Zum 10. und letzten (!) Mal zeigt netzzeit im November 2021 verdichtet und intensiv Neues Musiktheater beim Festival 2021 out of control. Folgende vier Uraufführungen stehen auf dem Programm: DER BESUCH VOM KLEINEN TOD | UA (Musikalisches Märchen nach dem Bilderbuch von Kitty Crowther, Musik: Klaus Lang), FUGEN – fragmentarisch vernetzt in 13 Bildern | UA (Performance auf Basis der Idoru-Trilogie von William Gibson, Musik: Elisabeth Schimana), ALLES KANN PASSIEREN – Eine Chorprobe | UA (Ein musikalischer Orkan rechtspopulistischer Stimmen, Text: Doron Rabinovici / Musik: Norbert Sterk / nach einer Idee von Florian Klenk) und ONE WAY | UA (Ein Trip im High Tech Train mit Musik).

DER BESUCH VOM KLEINEN TOD | UA

Musikalisches Märchen nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Kitty Crowther / Aus dem Französischen von Maja von Vogel. Carlsen Verlag, Hamburg 2011. 

Eine Koproduktion von netzzeit und WIEN MODERN im Dschungel Wien 

Komposition: Klaus Lang
Instrumentalensemble: Phace
Inszenierung und Text: Michael Scheidl
Ausstattung: Nora Scheidl 

Mit: Jasmin Steffl, Rino Indiono, Michael Welz und Florian Haslinger 

Termine:
Premiere: Mo, 1. November 2021 (18.00 Uhr) 

Weitere Vorstellungen:
Di, 2.11. um 16.30 Uhr
Mi, 3.11. um 10.00 Uhr und um 14.30 Uhr
Do, 4.11. um 10.00 Uhr
Fr, 5.11. um 10.00 Uhr und um 14.30 Uhr
Sa, 6.11. um 18.00 Uhr 

Ort: DSCHUNGEL WIEN – Theaterhaus für junges Publikum
MuseumsQuartier, Museumsplatz 1, 1070 Wien 

In diesem musikalischen Märchen, das auf dem Bilderbuch von Kitty Crowther basiert, ist alles anders: Hier ist der Tod klein, rücksichts- und liebevoll, empathisch – und ein Kind. 

Das Thema Tod wird in unserer Gesellschaft im Allgemeinen ängstlich vermieden. Es wurde und wird nicht gerne darüber geredet – schon gar nicht mit Kindern. Diese werden zwar heutzutage von klein auf in alle erdenklichen Kurse und Gruppen geschickt, aber gerade beim Thema Tod wird von den meisten Erwachsenen keine proaktive Auseinandersetzung eingebracht. Dieses musikalische Märchen bietet die Gelegenheit dazu. 

Die Geschichte: Der Tod ist eine reizende kleine Person – aber das weiß niemand. Wenn er zu den Menschen kommt, um sie abzuholen, erschrecken sie, obwohl er alles versucht, ihnen die Reise ins Jenseits so angenehm und bequem wie möglich zu gestalten. Sie sind traurig, sie seufzen, sie frieren und haben Angst. Kein Mensch spricht jemals mit ihm. „So ist das eben“, fügt er sich seinem Schicksal. 

Aber das ändert sich, als der kleine Tod das Mädchen Elisewin abholen möchte: „Endlich!“ ruft sie und ist fröhlich. Denn der kleine Tod nimmt ihr alle Schmerzen, er wird ihr bester Freund und schließlich finden beide ihre Bestimmung. 

In ruhigen, poetischen Bildern behandelt „Der kleine Tod“ Themen wie Einsamkeit, Schicksal, Abschied, Verlust und Trennung. Das Stück macht aber auch Mut zur Freundschaft und zur Artikulation von Gefühlen und Wünschen. Es hilft, Ängste gemeinsam zu bewältigen und die Freude am Dasein auszuleben.

Kinder können nahezu mühelos schwimmen lernen, während es Erwachsenen, die das nachholen müssen, schwerfällt. Genauso sind Kinder in der Lage, dem Tabuthema Tod angstfrei zu begegnen – vor allem, wenn dies früh und noch dazu spielerisch geschieht. 

Das gleichnamige Bilderbuch der Autorin und Illustratorin Kitty Crowther, die mit dem „Astrid Lindgren Memorial Award“ ausgezeichnet wurde, ist die vielleicht beste Geschichte, um den Tod als einen Teil des Lebens zu begreifen und integrieren zu können. 

Mit Klaus Lang vertont einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart dieses Musikmärchen für junges und erwachsenes Publikum. 

FUGEN – fragmentarisch vernetzt in 13 Bildern | UA

Out of Control: “FUGEN” (c) netzzeit

Performance auf Basis der Idoru-Trilogie von William Gibson 

Eine Koproduktion von netzzeit, WIEN MODERN und dem Ö1 Kunstradio 

Gesamtkonzept und Komposition: Eliabeth Schimana
Konzept, Ausstattung: Nora Scheidl
Dramaturgie, Textbearbeitung: Roland Quitt
Künstlerische Leitung Performance: Sigrid Reisenberger
Choreografische Assistenz Performance: Susi Wisiak
Bildregie, Netzwerk Programmierung: Philip Leitner
Bildregie, MAX/MSP Programmierung: Klaus Filip
Technische Leitung: Peter Venus
Christina Sutter: Performance
Chetan Yeragera: Performance
Aiko Kazuko Kurosaki: Performance, Stimme
Pete Simpson: Performance, Stimme
Adele Knall: DIY Elektronik, Stimme
Gregor Ladenhauf: Max-Brand-Synthesizer, Stimme
Manon Liu Winter: Max-Brand-Synthesizer, Clavichord
Thomas Gorbach: Wiener Akusmonium 

Sprecher*innen: Laura Enzenhofer, Flora Punzer, Alina Weillechner, Lukas Aschenreiter, Clemens Gersthofer, Patrick Leitgöb, Katharina Schmirl, Leon Lembert, aufgenommen im Hörspiel-Studio des ORF Funkhauses in Wien mit Studierenden der Schauspielakademie Ott unter der Leitung von Sigrid Reisenberger. 

Termine:
Premiere: Sa, 6.November 2021 (19.00 Uhr)
Weitere Vorstellungen: 10.und 11. November 2021
Öffentliche Generalprobe: 5. November 2021 

Ort: SOHO STUDIOS, Liebknechtgasse 32, 1160 Wien 

In einer Welt voller Viren, Drogen, Waffen, Daten u. v. a. stellt sich die Frage nach Autonomie und den Zwischenräumen, den Fugen. 

Die spektakuläre multimediale netzzeit-Musiktheateruraufführung in den neuen SOHO Studios lädt in die Welt von William Gibsons Cyberpunk-Romantrilogie Idoru in 13 Bildern: Linse der Nacht / Transit / The Great Gig in the Sky / Kugel und Katze / Fernsehding / Idoru / Walled City / Lucky Dragon / Auge und Uhr I / Auge und Uhr II / Rei Toei / Möglicherweise das Ende der Welt / Jennifer 

In der Idoru-Trilogie (Bridge-Trilogie – Virtual Light 1994 / Idoru 1996 / All Tomorrow’s Parties 1999) kollidiert die Macht der Medienmogule mit Hackern und den Brückenbewohner*innen; die physische Präsenz von Dingen und Körper kollidiert mit aus Codes generierten Gestalten und die fortlaufende Zeit eines Sekundenzeigers mit dem zeitlosen schwarzen Loch des digitalen Raums. Wir erleben ein Kaleidoskop von Viren, Drogen, Waffen, Data Heavens, aalglatten PR Manager*innen, Fernsehgläubigen, Datenkraken, Avataren und vielem mehr. Dabei bleibt die Frage nach Autonomie und den zu schaffenden Räumen dazwischen – den Fugen – eine essentielle. 

Begeben wir uns also in diese Zwischenräume (the interstitial, wie Gibson sie nennt), in denen sich verschiedenste Möglichkeiten auftun, Polyphonien von Stimmen. In den Fugen wird jeder einzelnen Stimme Raum gegeben, komplexe unvorhersehbare Strukturen werden fragmentarisch vernetzt, entstehen und vergehen. 

Die physischen Körper der Besucher*innen, Performer*innen und Musiker*innen vernetzen sich mit den Augen einer Tablet-Installation und werden so zu Beobachtenden und Beobachteten, während die Stimmen von acht abwesenden Körpern die von Roland Quitt aus dem Gibson Text generierten 13 Bilder erzählen. 

DIY Elektronik oder der von Max Brand in Zusammenarbeit mit Bob Moog gebaute Max-Brand-Synthesizer symbolisieren Widerstand und 

Eigenermächtigung. Tastaturen erinnern an ihre Jahrhunderte alte Geschichte als Schnittstelle zu Maschinen: die Tasten des Clavichords, das zweifache Keyboard des Max-Brand-Synthesizers oder die Computertastatur. 

Gewaltige Klänge physikalischer Modelle von Membranen prallen auf Field Recordings und Stimmen anwesender und abwesender Körper. Das Wiener Akusmonium, ein im Raum verteiltes Lautsprecherorchester, schleudert die Klanggestalten durch die Luft und vernetzt somit akustisch den durch massive Säulen fragmentierten optischen Raum. 

Kontrapunktisch driften die einzelnen Stimmen durch die Zeit und fügen sich zu einem Geflecht aus Körpern, Objekten, Licht und ephemeren Klanggestalten. 

ALLES KANN PASSIEREN – Eine Chorprobe | UA

Ein musikalischer Orkan rechtspopulistischer Stimmen 

Eine Koproduktion von netzzeit und WIEN MODERN 

Komposition: Norbert Sterk
Text: Doron Rabinovici
Idee: Florian Klenk
Instrumentalensemble: Reconsil
Dirigent: Michael Schneider
Inszenierung: Michael Scheidl 

Mit: Ensemble Interpunkt mit Evert Sooster, Katrin Targo, Taisiya Albani 

Termin: Mo, 8. November 2021 (21.00 Uhr)
Ort: Radiokulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien 

Nach einer Idee von Florian Klenk hat der Autor Doron Rabinovici den rechten europäischen Populisten aufs Maul geschaut und aus öffentlichen Reden und Interviews eine Collage zusammengetragen. 

Zu Wort kommen dabei Politiker wie Viktor Orbán, Matteo Salvini oder Jaroslaw Kaczynski. Aus Österreich leisten H.C. Strache und Herbert Kickl ihren nicht unwesentlichen Beitrag zu dieser Zusammenstellung illiberaler Statements, die klar und deutlich die Absichten der antidemokratischen Kräfte in Europa zur Schau stellt. Nun hat der Komponist Norbert Sterk diese Worte vertont. 

Das, was gesagt wird, kann doch nicht wahr sein, denken wir. Doch wenn kümmert es schon, denn es wird wahr, indem es gesagt wird. Was nicht stimmt, stimmt ein, um die anderen niederzustimmen. Das Unsagbare ist wieder ausgesprochen beredt.“ 

Doron Rabinovici 

Norbert Sterk über seine Komposition 

„Der gesprochenen Rede von Politikern lauschend, als wäre sie eine Arie oder raffiniert gesetzte Musik, begann ich zu komponieren, beachtete deren rhythmische Eigenheiten, Ambitus, Farbe, Klang und Prosodie. Wurde sie heuchelnd gehaucht, geflüstert, gesäuselt oder mit rauem Näseln, schreiend oder in beruhigender Sanftheit vorgetragen? 

Wussten die Akteure ihre Stimme mit markigem oder dünnem Ton einzusetzen, voller scheinbar echter Emotionen? Werden Lügen allein am Klang der Stimme hörbar? Schlägt die Stimmung auf die Stimme? Schlägt sie unvermittelt um und zu? Wann scheint eine Stimme gleichsam zu stolpern, brüchig oder hysterisch zu kippen, in zögernder oder in forcierter Weise Unsicheres hinwegzureden? Wann klingt ein Stimmlippenschluss entschlossen? 

Wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, versuchte ich, Rede und Wort allein in ihrem Klang zu erfassen, die unterschiedlichen Physiognomien der Stimmen komponierend zum Leuchten zu bringen, tief unter ihre Außenhaut hinein zu lauschen, ihre Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und sie in einer Art Orkan der Stimmen zu vereinen. 

Sobald die Zunge artikuliert, fein gegen den formenden Mundraum trommelnd, der dosierte Atemstrom die entschlossenen Stimmlippen in Bewegung hält, schwingt auch das Instrumentalensemble, ein klingender Seismograph der verschämten wie unverschämten, der deprimierenden wie euphorisierenden Inhalte, eine Art vibrierender Detektor.“

ONE WAY | UA

Ein Trip im High Tech Train mit Musik 

Eine netzzeit-Produktion 

ONE WAY soll uns zeigen, wie wenige in der „Kommunikations-Blase“ sind, in der wir – einander auf Facebook, Twitter und im Umfeld unserer Sozialkontakte bestätigend – durchs Leben schweben; wie wenig wir die Menschen in den anderen Millionen Blasen wahrnehmen, und wie blind wir für das Tempo sind, mit dem sich alle Blasen auf die Wand zu bewegen, auf der sie vielleicht schon sehr bald allesamt zerplatzen werden. 

Termine:
Premiere: Mi, 20. November 2021 (Beginn: 20.00 Uhr) Weitere Vorstellungen: 23., 24., 25., 26., 27. November 2021 

Ort:
Theater Nestroyhof Hamakom, Nestroyplatz 1, 1020 Wien

Clemens Wenger (5/8erl in Ehr’n), Komposition
Ibrahim Amir, Libretto
Lukas Meschik, Songtexte
Michael Scheidl, Inszenierung
Alex Riff, Choreographie
Nora Scheidl, Bühne und Kostüme 

Mit Gëzim Berisha, Nicolaas Buitenhuis, Rainer Doppler, Dan Glazer, Mara Guseynova, Shira Karmon, Anete Liepina, Johannes Sautner und Lara Sienczak. 

Musik: 
Clemens Wenger – Piano, Keys, Electronics
Judith Ferstl – Kontrabass, E-Bass
Robin Prischink – Drums, E-Drums, Vibraphon, Bongos

Ein Trip im High Tech Train ist 600 km/h schnell und trotzdem öko, weil der Zug mit einem wasserstoffbetriebenen Hochleistungsaggregat angetrieben wird. Powered by „Datafer“: Nicht der Licht-Träger (Luzi-Fer) sondern der Daten-Träger (Data-Fer) ist es, der alle Insassen sicherer und schneller an ihr Ziel bringen kann als jeder Lokführer, dessen Entscheidungen ja von Emotionen beeinflusst und nicht von komplexen, zuverlässigen Algorithmen bestimmt sind, die alle Daten optimal kombinieren. 

Eine Opernsängerin, ein Dokumentarfilmer, ein Hippiepaar, das in den 70er-Jahren steckengeblieben ist, eine ukrainische Altenpflegerin und ihr ängstlicher Ehemann, ein zwielichtiger rechter Politiker, ein überflüssig gewordener Lokführer, eine ordnungsfanatische Zugsbegleiterin und drei Musiker*innen vertrauen sich für einen Langstreckentrip diesem Zug an. Was sie wohl nicht getan hätten, wenn sie auch nur geahnt hätten, welche Richtung dieser Trip dann tatsächlich nehmen wird … 

Clemens Wenger, wohlbekannt als musikalischer Reiseleiter von „5/8erl in Ehr’n“, konnte für diesen Sonderzug ins Ungewisse ebenso gewonnen werden wie Ibrahim Amir als jener geniale Sprachkünstler und Geschichtenerfinder, der den Passagieren ihre Lebensgeschichten auf den Leib geschrieben hat. Und – last but not least – der Autor Lukas Meschik, der ihnen als Librettist jene Worte in den Mund legt, die sie singen, weil die Emotionen danach verlangen.

Es kann keinen geeigneteren Bahnhof als das Theater Nestroyhof Hamakom geben, wo diese Reise auf dem Railway to Hell beginnt und auf der es viel zum Lachen und Verstummen geben wird. 

Link:
netzzeit: Out of Control