„ES IST EINE SAUARBEIT ALLES“ – CHRISTOF RESSI IM MICA-PORTRÄT

„Die ersten Monate waren zach, sie hat viel geschrien. Inzwischen ist es aber super“, sagt CHRISTOF RESSI. Der Komponist, Computermusiker und Jungvater grinst in seine Laptopkamera. Vor einem Jahr ist seine Tochter auf die Welt gekommen. Seitdem hat sich im Leben des gebürtigen Kärntners einiges geändert. „Schlimmer wird’s nimmer“, sagt er – aber nur im Scherz. In die Rolle als Vater habe er ohnehin schnell gefunden. Tagsüber arbeitet er in seinem Grazer Atelier, fünf Minuten von seiner Wohnung entfernt. „Das ist super, ich kann gschwind rübergehen und was erledigen. Wenn mich meine Tochter braucht, bin ich da.“ Nachsatz: „Eine räumliche Trennung ist trotzdem cool.“

Christof Ressi ist Träger des Erste Bank Kompositionspreises 2021, der im Rahmen von Wien Modern verliehen wird. Dass ausgerechnet er diese Auszeichnung erhält, war für ihn eine Überraschung. „Schließlich war ich in der Neuen Musik in letzter Zeit nicht ganz so präsent und habe mich mehr auf Computermusik und die Programmierung von Software konzentriert“, so Ressi. Außerdem sei da noch „game over“ – ein Projekt, das er mit seinem Musikerkollegen Szilárd Benes betreibt, in verschiedenen Versionen umsetzt. Ohne Vorgaben, dafür mit stilistischen Freiräumen. Kein Wunder, dass er über sich selbst sagt: „Ein normaler Komponist für Neue Musik bin ich nicht.“

Ressi kommt 1989 zur Welt und besucht die Musikschule in Hermagor, zwei Kilometer neben seinem Heimatort Rading. Er lernt Violoncello, Klavier, schrammelt aber bald an der elektrischen Gitarre herum. Nach der Matura übersiedelt er nach Graz, studiert klassische Komposition bei Gerd Kühr und Jazz unter Edward Partyka. 2018 schließt er zusätzlich den Master in Computermusik ab. Inzwischen arbeitet der Medienkünstler an der Linzer Anton Bruckner Privatuniversität an seinem Doktorat. Thema: Die Nutzung von Computerspielumgebungen als Komponierwerkzeug.

Dass er sich aktuell auf die Kunst des Übergangs und um ein Wandeln zwischen musikalischen Motiven fokussiere, hängt mit seiner Kompositionsauszeichnung zusammen. Für das Stück „short stories“, das er bei Wien Modern in Zusammenarbeit mit dem Klangforum Wien zur Uraufführung bringt, ergäben sich schließlich Fragen, die er dem Publikum verantworten will: Wohin kann ein Übergang in der Musik führen? Und wie kommt man aus der motivischen Situation, in der man sich wiederfindet, hinaus?

„Humor spielt in meinen Stücken eine große Rolle“, sagt Ressi. Zu sehen, wie das Publikum reagiere, liebe er – egal ob es Kopfschütteln oder Gelächter sei. „Es gab Konzerte, wo manche Leute ihr Lachen unterdrückt haben, weil sie dachten, dass sie das im Kontext des Konzertes nicht dürfen.“ Ressi schmunzelt. „Irgendwann wird es aber selbst ernsten Menschen zu viel – und es platzt laut heraus“. Stücke wie „GIF Frenzy“ arbeiten absichtlich mit popkulturellen Schmähs, aber nie mit musikalischen Witzen. Schließlich sei er kein Stand-up-Comedian, betont Ressi. „Ich muss nicht an bestimmten Stellen für Lacher sorgen. Ich mache Dinge, die ich selber witzig und absurd finde. Oder die mich bewegen. Dann weiß ich, dass es die Leute erreicht.“

Dass die Computermusik oft in seine Arbeit als Komponist einfließt und sich mit Anleihen aus einer vergangenen Popkultur vermischt, hat seine Gründe in der Kindheit. Als Kind der frühen Neunziger wächst er mit Gameboys, DOS und Windows 95 auf. Ganze Nachmittage habe er damit verbracht, Achterbahnen in Rollercoaster Tycoon zu basteln. „Das ist meine Sozialisierung“, sagt er. Und: „Manche Projekte sind dieser Videospielästhetik natürlich verpflichtet.“ Die Referenzen mögen in Werken wie „game over“ offensichtlich sein, in anderen verarbeitet sie Ressi subtiler. Das habe etwas von einer Pseudo-Erinnerung. „Es wird eine vergangene Zeit evoziert, die in der Realität nie existiert hat“, sagt der Komponist und outet sich als Fan von Vaporwave.

Dabei handelt es sich um eine Musikrichtung, die Anfang der 2010er im Internet entstanden und eng mit der Meme-Kultur verbandelt ist. Menschen verlangsamen Popsongs aus den 80ern, baden sie in Hall und erzeugen in Kombination bestimmter Bilder Stimmungsmusik, die mehr nach den Achtzigerjahren klingen als es die Achtziger jemals waren. Bestimmte Anleihen könne man bei ihm schon finden, meint Ressi. In Nostalgie wolle er sich allerdings trotz der Vergangenheits-Referenzen in seinen Projekten nicht suhlen. Es gehe darum, dass die Leute einen Möglichkeitsraum wahrnehmen können. „Dabei greife ich auf gewisse Tropen zurück, die auch von Leuten verstanden werden, die das Phänomen nicht kennen.“

Dass er dadurch mit dem kulturellen Gedächtnis der Menschen spielt, bereitet Christof Ressi große Freude. Weil er dadurch Erwartungshaltungen enttäuschen könne, meint er. Absolute Musik beschäftigt ihn deswegen wenig. „Mich interessiert der kulturelle Ballast der Klänge.“ Ein Ansatz, für den er in „short stories“ mit existierenden Stilistiken experimentiere, sie aber aus ihren Kontexten löst, von ihrer Geschichte abzieht und neu anordnet. Im Surrealismus erkenne er die Vorlage für seine Überlegungen, unvereinbare Realitäten vereinbar erscheinen zu lassen. „Weniger mit direkten Zitaten“, versichert der Komponist. „Aber mit vielen stilistischen, die ich kombiniere und collagiere.“

Er verfolge damit Motive, die aufgeladen seien, weil sie das musikalische Material der Vergangenheit abbildeten. Etwas, das Adorno abschätzig als sedimentierte Geschichte bezeichnete. Während der Zwölftonmusik-Liebhaber und Unterhaltungs-Grantler aber davon ausging, dass gewisse Musik nicht mehr gespielt werden dürfe, kommt Ressi zur gegenteiligen Schlussfolgerung: „Gerade, weil die Musik mit Vergangenheit aufgeladen ist, muss man sie verwenden.“ „short stories“ werde dadurch zu einem Metakommentar über die Musikgeschichte, das Bruchstücke des Vergangenen aufhebt, um sie neu zusammenzusetzen.

Christof Ressi (c) Zoltán Füzesi

Dieser destruktive Charakter dürfe man auch als Appell an die intellektuellen Fähigkeiten des Publikums verstehen, so Ressi. Schließlich balanciere „short stories“ zwischen Vorhersehbarkeit und ihrer Unmöglichkeit. „Das hat einen gewissen Reiz der Unsicherheit und des Abenteuers.“ In aller Chaotik könne man immer eine Logik entdecken. Bei jedem einzelnen Übergang gebe es eine Idee. „Es passiert im Stück nie etwas ohne Grund“, sagt Ressi und meint: „Denkt man während des Hörens nach, hat man mehr davon.“ Dafür müsse man sich aktiv einlassen, nicht nur passiv erdulden. Das Risiko des Scheiterns ist dem Stück deswegen eingeschrieben, auf Perfektionismus dürfe man nicht zu viel geben.

Trotz oder gerade wegen des offenen Ausgangs begleite Ressi ein Gefühl der Angst. „Manche Teile sind nämlich gar nicht so einfach zu spielen“, sagt er. Gerade in der Instrumentalmusik wisse man während des Komponierens ohnehin nie, wie es tatsächlich klingt. „Hat man selbst gut komponiert? Können es die Musiker gut spielen? Lauter Fragen, die neugierig machen. Aber auch ein bisschen nervös.“ Um das Klangforum mache er sich, das möchte er aber betonen, keine Sorgen. Die wüssten ja, was sie machen. „Bei mir bin ich da nicht so sicher.“ Ressi grinst und fahrt sich durch die Haare. Man merkt ihm an, dass er auf Understatement setzt. Es wirkt sympathisch, weil man es ihm abkauft. Am Ende pocht das Komponistenherz trotzdem stärker: „Es ist zwar eine Sauarbeit alles und ich frage mich oft genug, wieso ich sie mir antue. Aber auf eine Formel möchte ich mich nicht verlassen. Dafür habe ich zu viel Spaß am Experiment.“

Christoph Benkeser

Termin:
Mittwoch, 24. November 2021, 19:30 Uhr
Wien Modern: Erste Bank Kompositionspreis
Wiener Konzerthaus, Mozart-Saal
Klangforum Wien, Tim Anderson (Dirigent)
Werke von Matthias Kranebitter, Aleksandra Gryka und Christof Ressi

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Links:
Christof Ressi (Homepage)
Christof Ressi (Vimeo)
Christof Ressi (Wikipedia)
Christof Ressi (mica-Datenbank)