Im Gastblogbeitrag der IG Musikvermittlung Österreich schreibt Musikerin und Musikvermittlerin Mira Gregorič darüber, was Musikvermittlung für sie bedeutet, wie Bühnenerfahrung und partizipative Workshoparbeit zusammenspielen, und warum niederschwellige Zugänge zur Musik ein selbstverständlicher Teil kultureller Arbeit sein sollten. Dieser Text erscheint als Initiative der IG Musikvermittlung auch auf derstandard.at – der Diskurs im dortigen Forum und das Teilen der eigenen Sicht auf die Musikvermittlung sind erwünscht!
Musikvermittlung: Was ist das eigentlich? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich den Begriff vor einigen Jahren zum ersten Mal bewusst gehört habe, ausgelöst durch meine Schwester, die damals den berufsbegleitenden Master in Linz begonnen hat. Dadurch bin ich ins Nachdenken gekommen: Was ist eigentlich Musikvermittlung? Was davon mache ich vielleicht schon, ohne es so zu nennen? Und ab wann beginnt Musikvermittlung überhaupt?
Neben dem klassischen Musikunterricht habe ich immer schon Formate entwickelt, bei denen Musik auf andere Weise zugänglich gemacht wird. Es geht nicht nur darum, Inhalte weiterzugeben, sondern unterschiedliche Herangehensweisen der Vermittlung zu ermöglichen. Gerade bei diesen Projekten wurde mir klar, dass viele Menschen kaum Zugang zu Musik haben oder selten die Gelegenheit bekommen, sie wirklich zu erleben. Sie hören Musik, aber erfahren sie nicht als etwas, das sie selbst gestalten können.
Zwischen Bühne und Workshop
Besonders deutlich zeigt sich das immer wieder bei Schulworkshops, in denen Schüler:innen oft zum ersten Mal intensiver mit Musik in Berührung kommen. So etwa bei einem Schulprojekt in Kooperation mit drei Mittelschulen in Kärnten vor einem Jahr: Die Jugendlichen vertonten eigene Texte, entwickelten instrumentale und Body-Percussion-Begleitungen und erarbeiteten dazu passende Bewegungen und Positionen.
Für viele war es das erste Mal, dass sie Musik selbst gestalteten. Das Ergebnis wurde in Form eines Kurzfilms bei einer Abschlussaufführung in einem Theater präsentiert. Beim gemeinsamen Anschauen war deutlich zu sehen, wie sehr sich die Jugendlichen im klanglichen wie im visuellen Ergebnis wiedererkannten. In der musikalischen Arbeit war es uns wichtig, jeder und jedem Einzelnen einen eigenen Beitrag zu ermöglichen – und genau das wurde hörbar: „Das bin ja ich“, „Das ist mein Part“, „Das singen wir zu viert.“
Und genau darin liegt für mich die Bedeutung von Musikvermittlung: eine bewusste Form, neue Zugänge zu schaffen und unmittelbare musikalische Erfahrungen zu ermöglichen. Musik soll dabei auf eine Weise nähergebracht werden, die greifbar ist, nicht überfordert und dennoch nachhaltig wirkt. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Musik nicht nur erklärt, sondern erlebt wird – in meinem Fall durch Bewegung, Improvisation und gemeinsames Musizieren.
Mit Menschen in Kontakt treten
Ich habe Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik sowie Jazzgeige studiert, stehe regelmäßig auf Bühnen und habe viele Jahre im Bereich des elementaren Musizierens gearbeitet. Als Bühnenmusikerin bewege ich mich zwischen klassischen Konzertformaten verschiedenster Musikrichtungen und Formationen, kunstspartenübergreifenden Performances sowie unterschiedlichsten Varianten der Kinderkonzerte.
Diese vielseitigen Bereiche beeinflussen sich stark gegenseitig. Durch meine Ausbildungen und Erfahrungen in verschiedenen musikalischen Tätigkeiten habe ich gelernt, flexibel auf Situationen zu reagieren und Musik nicht nur zu spielen, sondern aktiv mit dem Publikum in Interaktion zu gehen. So fließt auch meine Bühnenerfahrung in meine Vermittlungsarbeit ein. Ohne diese vielfältigen Zugänge wäre ich heute wohl eine andere Musikerin, Pädagogin und Vermittlerin, insbesondere in dem, wie ich mit Menschen in Kontakt trete und musikalische Inhalte weitergebe.

Als freie Musikvermittlerin entwickle ich mit Kolleg:innen im Team Formate für verschiedenste Bereiche mit unterschiedlichen Zugängen und Schwerpunkten: Kinderkonzerte ebenso wie offene, partizipative Angebote und Workshops. Eines der Kinderkonzerte, bei dem ich selbst als Vermittlerin auf der Bühne stehe, ist „Ein Haus voll Musik“ im Brucknerhaus. Jedes Jahr erreichen wir dort über 6.000 Vorschulkinder und ermöglichen ihnen, verschiedene Instrumente kennenzulernen und Musik unmittelbar zu erleben. Ein besonders berührender Moment ist für mich jedes Mal der Abschluss: Wenn über 1.000 Kinderstimmen gemeinsam mit mir das Abschlusslied singen und man spürt, wie viel Freude und Begeisterung in diesem Raum entsteht, und wenn die Gruppen das Lied beim Hinausgehen noch weiter singen.
Viele der Projekte entstehen in Kooperation mit kulturellen Institutionen ebenso wie in sozialen und bildungsbezogenen Einrichtungen. Besonders wesentlich ist für mich die Arbeit mit und für Kinder und Jugendliche, die sonst wenig Berührungspunkte mit Musik haben. In Workshops erlebe ich auch oft, dass Musik hier zu einem ersten Ausdrucksmittel wird – unabhängig von Sprache oder Vorerfahrung. Ziel ist es, alle aktiv einzubinden und gemeinsame Prozesse zu gestalten. Musik wird so nicht nur für jene geöffnet, die sich einen Konzertbesuch leisten können, sondern für alle.
Ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit ist außerdem der Austausch mit den Teilnehmenden. Inhalte werden gemeinsam weitergedacht, unterschiedliche musikalische Ansätze verbunden und ihre aktuellen Hörgewohnheiten gezielt aufgegriffen. So entsteht ein persönlicher Zugang zur Musik, der Neugier weckt und nachhaltig wirkt. Die Teilnehmenden erleben musikalische Vielfalt als etwas, das sie unmittelbar betrifft und begeistert. Dabei sieht man, wie ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird und sie auch etwas mutiger werden, Neues auszuprobieren. Oft sind diese Veränderungen nicht sofort sichtbar, doch schon kleine Momente setzen etwas in Bewegung.
Blick nach vorne
Musikvermittlung ist für mich ein zentraler Bestandteil der musikalischen Zukunft. Gerade in der freien Szene erlebe ich, wie sich neue Vermittlungsformate zunehmend entwickeln und langsam mehr Sichtbarkeit bekommen. Niederschwellige Angebote wie Workshops eröffnen neue Wege, mit Musik in Berührung zu kommen, und erweitern den künstlerischen Raum auf eine selbstverständliche Weise.
Aus meiner Erfahrung zeigt sich dabei immer wieder: Schulen, Kindergärten und Gruppen begegnen solchen Formaten mit großer Offenheit, und der Effekt bei Kindern und Jugendlichen wirkt sich oft nachhaltig aus. Diese positiven Feedbacks und immer neue motivierte Initiativen aus dem Bildungs- und Kulturveranstaltungsbereich machen deutlich, welches Potenzial in der Musikvermittlung liegt und aus meiner Sicht sollte das ein selbstverständlicher Teil kultureller Arbeit sein. (Mira Gregorič, 15.7.2026)
Mira Gregorič ist Jazzgeigerin, Komponistin, Rhythmikerin und Musikpädagogin. Sie absolvierte das Studium Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik (mdw Wien) und Jazzgeige (Anton Bruckner Privatuniversität). Unter anderem ist Gregorič im Duo Sonoma, bei Hidden Surface, Bianca Ortner mit GruberGregorič, dem Pia Denz Oktett und GMC aktiv, außerdem ist sie mit folkshilfe auf Tour. Als Musikvermittlerin ist sie im Kinderkonzertformat “Ein Haus voll Musik” im Brucknerhaus Linz tätig, daneben arbeitet sie in Kindertheaterproduktionen, Kinderkonzerten und interdisziplinären Performances.
Links:
Musikvermittlung: Proberäume der Demokratie
IG Musikvermittlung Österreich
