„Musik, die ich verstehe, langweilt mich. “ – Thomas Edlinger (donaufestival) im mica-Interview

Am diesjährigen donaufestival wird Hoffnung nicht als reine Trostformel verhandelt, sondern als spekulative Praxis gegen eine Politik der Verfeindung ins Rennen gebracht: „Mad Hope“ versteht sich als notwendige Aufbegehren in einer Fiktion, die wir Realität nennen. Im Gespräch mit Shilla Strelka erzählt der künstlerische Leiter Thomas Edlinger aus seiner kuratorischen Praxis.

„Mad Hope“ lautet das diesjährige Festivalthema. Muss man mittlerweile schon verrückt sein, um noch Hoffnung zu haben? Wieviel Auswege hält die Realität noch für uns bereit – woher die Hoffnung nehmen? Sind wir nicht alle bereits doomed?

Thomas Edlinger: Es mag sich manchmal so anfühlen, aber woher sollte diese Gewissheit kommen? Auch wenn es angesichts der sich gegenseitig verstärkenden Polykrisen nicht wahrscheinlich ist, kann vieles anders kommen, als man glaubt. Zudem ist im Begriff der Krise selbst zumindest die Möglichkeit ihrer Überwindung angelegt.

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„Eine Realität, die selbst immer auch eine (…) Fiktion ist.”

„Mad Hope: Das ist der Mut zur Spekulation über unerprobte Formen des Miteinanders, ein kleinteiliger, dezentraler Aufstand gegen die Wirklichkeit”, heißt es in deinem kuratorischen Statement. Wie kann denn so ein unerprobtes Miteinander aussehen und was kann ein Festival dabei leisten? Wie lässt sich gegen die Wirklichkeit aufbegehren?

Thomas Edlinger: Indem man andere Perspektiven schafft auf das, was in einem Schraubstock gepresst wird und sich Realität nennt. Eine Realität, die selbst immer auch eine – zugegeben wirkmächtige – Fiktion ist. Wenn der Künstler Anton Kats nach einer Hoffnung nach dem Ende der Hoffnung fragt und über das Weiterwirken eines verschollenen sowjetischen, in der Ukraine hergestellten Geisterschiffs namens Universal Hope spekuliert, dann findet sich darin zum Beispiel eine Art von aufbegehrendem Realismus, der Vergangenheit und Zukunft neu montiert und sich gegen die heutige Politik der Verfeindung wendet.

Bild von Chino Amobi
Chino Amobi © Tim Saccenti

Und was kann die Musik da leisten? Über welche Sounds vermittelt sich Hoffnung, über welche womöglich nicht?

Thomas Edlinger: Es gibt eine Musik des radikalen Nein, der Negation alles Bestehenden. Sie benennt oft nicht, was sie genau stört, aber ist vielleicht wegen ihrer inhaltlichen Unbestimmtheit für viele, die sich ungehört, unverstanden und unterdrückt fühlen, anschlussfähig: „You want it dark, I want it darker“, sagen etwa Pain Magazine. Und dann gibt es Musik, die sucht den Spalt, durch den das Licht eindringt: Alan Sparhawk verwandelt tiefe Verzweiflung in himmelaufreißende Songs. Der eigensinnige Südstaaten-Rapper Chino Amobi will das Chaos der Welt annehmen und sucht mit Hilfe von sakralen Chören und Trap-Beats nach einer Entrücktheit, die er verwirrenderweise im Bezugsrahmen eines von ihm so bezeichneten christlichen Nihilismus verortet.

Weiter liest man: „Dabei geht es darum, eine extreme Körperspannung auszuhalten, eine Pose auszureizen, eine – auch politische – Position zu bewahren”. Ist eine politische Positionierung wichtig für ein Musikfestival? Oder vermittelt sich das Politische in der Ästhetik alleine? Wie sieht die im Fall vom donaufestival aus? Welche Haltung nimmt das Festival ein?

Thomas Edlinger: Das Zitat bezieht sich auf die erstmalige, von uns initiierte Zusammenarbeit der Metarockband Radian mit der Performancegruppe Liquid Loft. Es geht hier vor allem darum, nicht aufzugeben und sich nicht aufzugeben. Oder um es mit dem Philosophen Gabriel Marcel zu sagen: „Mag auch sein, dass alles verloren ist, wir sind es nicht.“

Wer ist eigentlich das Publikum vom donaufestival? Sind das alles Nerds und andere Wahnsinnige?

Thomas Edlinger: Ein Freund von mir hat einmal über ein wahnsinnig lautes Konzert von Sunn O))), in dem das friedfertigste Publikum der Welt andächtig vor den Boxen lag und die halbtauben Ohren in den Frequenzen badete, geschrieben: „Liebling, sie brummen unser Lied.“  Das war nicht in Krems, aber es hätte schon auch bei uns sein können.

„Das Publikum (…) will (…) vertrauen können.“

Ich frage mich oft, wieviel das Publikum eigentlich entdecken möchte? Wie gerne lässt es sich überraschen und wie wichtig ist es, es überraschen zu wollen, vielleicht auch es zu verführen zu den guten Sounds?

Thomas Edlinger: Ich glaube, das Publikum ist schon neugierig, es will aber vertrauen können. Vertrauen in eine Mischung aus Sounds, mit denen man Erfahrungen verbinden und verknüpfen kann und solchen, die einen an einen Ort entführen, wo man noch nie war.

Wie filterst du selbst Musik? Welche Filter sind wichtig, die dir helfen, um den Überblick zu gewinnen? Wie lässt sich in dieser Flut an Releases noch der Überblick behalten?

Thomas Edlinger: Gar nicht. Ich habe keinen Überblick, aber ich schaue immer wieder auf Ausschnitte des Ocean of Sound, auf dem man seine Routen befährt. Dabei helfen Medien, Freunde und Freundinnen und Zufälle.

Bild vom donaufestival 2024 mit VOID © J_Serafin
donaufestival 2024 / VOID © J. Serafin

Ich hab ja das Gefühl, dass du dich schon ein bisschen nach den großen, meinungsbildenden Medien orientierst. Also die gibt es ja noch – in Form von Pitchfork, oder dem Guardian. Du arbeitest ja auch nach wie vor bei FM4, bist Redakteur der Sendung Im Sumpf.  Wie hältst du die Balance aus headliner-trächtigen Acts, die sich über die musikalischen Leitmedien entdecken lassen und emerging artists, die sich vielleicht eher im Verborgenen halten, die aus dem Underground kommen. Und ja, ich denke, es gibt ihn nach wie vor – den Underground.

Thomas Edlinger: Es braucht schon zugkräftige Acts, um eine Festivalatmosphäre zu kreieren. Und dann gibt es auch das Entlegene, Obskure oder auch Relevante, das aber eben nur für wenige relevant ist. Manches davon findet seinen Weg aus akuter Begeisterung für das eher Nischige, kaum Beachtete, die im besten Fall auch von einem neugierigen Publikum geteilt werden kann. Vor allem dann, wenn es in die Dramaturgie eines längeren, vielseitigen abends eingebettet ist.

V.a. wenn Acts erst neu entdeckt werden, wird es spannend, glaube ich. Wirkliche Festival-Highlights kommen ja auch meistens unerwartet. Wenn uns ein Artist überrascht, den wir davor nicht gekannt haben, führt das eher zu einem der Festival-Höhepunkte. Welchen Acts traut man das am Ende des Tages zu? Wem schenkst du den Vertrauensvorschuss?

Thomas Edlinger: Entweder denen, die ich schon länger kenne und schätze, in dem Jahr zum Beispiel Radian. Oder Acts, die mich live erwischt haben wie Olga Anna Markowska oder solche, von denen ich mir quasi schon am Papier denke, das könnte was Aufregendes werden, zum Beispiel eine Formation wie Exit Void.

Zu wieviel Teilen besteht deine Kuratierung aus Intuition? Und wieviel Gespür für seine:ihre Crowd muss so ein:e Kurator:in mit sich bringen, meinst du?

Thomas Edlinger: Das donaufestival hat ja ein sehr gut informiertes und neugieriges, aber natürlich älter werdendes  Stammpublikum, aber dazu gibt es immer wieder andere Publikumsschichten, die einen stehen auf tanzbare Electronica, die anderen auf Noise usw. Ich finde es oft schwierig, das genau auszubalancieren zwischen Jung und Alt, harsch und hip. Manche kommen nur zu ganz bestimmten Acts, heutige Acts der Stunde sind eben manchmal auch recht bald wieder vergessen, dafür tauchen auch bald wieder andere auf. Verlässliche Ausnahme: Bei den Einstürzenden Neubauten funktionierte schon 2017 der Generationenvertrag.

Bild von Marie Davidson
Marie Davidson © Nadine Fraczkowski

Von den evokativen Wüstenklängen der texanischen Band Ak’chamel zu feministischen Powerhouse Acts wie Peaches und Marie Davidson, zu den harschen, dunklen Wave-Sounds von Operant und den zarten Tönen von Olga Anna Markowska. Welche Sensibilitäten bilden sich ab? Wie nimmst du das wahr? Was sagst du, wenn jemand dich fragt, was gibt’s da für Musik zu hören?

Thomas Edlinger: Es gibt ja diesen guten Spruch, der mir auch gefällt: Musik, die ich verstehe, langweilt mich. Musik, die mich interessiert, verstehe ich nicht. Ich hoffe, beim donaufestival findet man genug Musik, die nicht egal ist.

Das donaufestival ist eines der Musikfestivals in Österreich, die ein wirklich breites Spektrum an vorwärts gewandten Sounds abbilden. Das reicht von folkloristisch-angehauchten Avantgarde-Sets bis zu artsy Gitarrenrock. Es gibt viel Noisiges, aber auch viel Sanftfüßiges, und ganz viel dazwischen. Wenn du, wie deine Artists, nicht mehr in Genres denkst und vorgehst, was sind dann die Parameter nach denen du zusammenstellst? Nach welchen Intensitäten und Strömen suchst du?

Thomas Edlinger: Es geht sicher um ein vielseitiges Programm, weniger um einen taktgebenden Flow als um den Versuch, das Diverse und auch Störrische einer abenteuerlustigen Musik abzubilden und auch darzustellen, das Sound niemand im engen Sinn gehört, sondern eine Ressource ist, die anderswo und zu anderen Zeiten von anderen angezapft und verändert wird. „This is not my music”, hat der Jazzmusiker Don Cherry einmal gesagt . Er hat damit seine eigene Musik gemeint.

Du hast ja auch ein kuratorisches Advisory Board – programmierst du manchmal auch etwas, das gar nicht deinem Geschmack entspricht? Einfach weil es notwendig ist, es abzubilden, den Act auf die Bühne zu bringen? Notwendig im Sinn von relevant für den Diskurs?

Thomas Edlinger: Das Advisory Board kommt ja nur sehr selten zusammen, da besprechen wir mögliche Leitmotive, prinzipielle Entwicklungsmöglichkeiten und andere generelle Fragen zu den Qualitäten und den Mängeln des donaufestivals, die konkrete Programmierung findet dann gemeinsam bei uns im Kernteam statt, Tipps und Ideen von Advisory Board fließen aber auch kontinuierlich mit ein, das Ganze ist eher informell gestaltet.

Wie wichtig ist dir das internationale Festivalgeschehen? Bist du viel unterwegs? Wie wichtig ist Austausch?

Thomas Edlinger: Ich versuche, ein paar Festivals im Jahr zu besuchen, da ist viel gebündelt. Manchmal ist es auch fast zu viel an diesen oft ziemlich dichten Tagen, aber gut, es gibt wirklich Schlimmeres im Leben. Und natürlich ist der Austausch dort wichtig, auch im Sinne von Kooperationen, Auftragswerken und Tourmöglichkeiten und auch in Bezug auf generelle Ideenfindungen. Vieles, was dann wirklich hilft, findet dann und dort statt, wo man es gerade nicht geplant oder erwartet hat.

Und dann noch die obligatorische Frage nach deinen Empfehlungen? Was legst du uns nahe, nicht zu verpassen?

Thomas Edlinger: Persönliche Favoriten von mir dieses Jahr sind Ex Easter Island Head, Caroline und Niknak, sehr gespannt bin ich auf The New Eves und Chino Amobi.

Vielen Dank für das Gespräch!

Shilla Strelka

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donaufestival – „Mad Hope“
1.–3. Mai & 8.–10. Mai 2026
Krems
donaufestival
donaufestival (Instagram)