„Es ist einfach nur Social Media, it’s not that serious“ – MIRA TAYLOR im mica-Interview

MIRA TAYLOR ist ehrlich, melancholisch und hat einen verlässlichen Hang zur digitalen Dauerpräsenz. Die aus Belarus stammende Künstlerin zog mit 13 Jahren nach Wien und begann dort, sich mit feinfühligem Indie-Pop eine internationale Fanbase aufzubauen. Heute ist sie Anfang 20 und bringt ihre intimsten Tagebucheinträge direkt auf die große Bühne: Im September steht ihre erste eigene Headline-Show bevor, bei der sie ihre Komfortzone kurzerhand vom Bildschirm an den Wiener Gürtel verfrachtet. Und hofft, dass wir zu all den tiefen Gefühlen am Ende wenigstens tanzen. Ein Gespräch mit Katharina Reiffenstuhl über das Überwinden von Schüchternheit, prägende Geburtstagsgeschenke, Parallelen zu GRACIE ABRAMS und die Kunst der Latte Art.

Wenn man deine Musik hört, ohne dass man dich persönlich kennt: Was würde man über dich als Mensch sofort spüren?

Mira Taylor: Ich schreibe meine Musik sehr ehrlich. Manchmal stammen meine Songs aus meinem Tagebuch. Wenn man sich meine Musik anhört, dann kennt man mich schon – das ist das echte Ich, the real me. Vielleicht spürt man, dass ich ein bisschen schüchtern bin und manchmal Ängste habe. Aber ich mache auch Musik, zu der die Leute tanzen können und das hoffentlich auch tun.

Hast du manchmal Momente, wo du dir denkst: „Das ist zu ehrlich, das kann ich nicht veröffentlichen“?

Mira Taylor: Ich rede sehr viel und sehr oft. Auch, weil ich chronically online bin. Ich poste sehr viel auf TikTok und Instagram, ich habe auch Spam-Accounts und einen Discord-Kanal, auf dem ich mit meinen Fans chatte und manchmal Online-Shows spiele. Manchmal teile ich zu viel, glaube ich. Aber es macht mir Spaß und ich versuche auch, ehrlich mit meinen schlechten Momenten zu sein. Und die Leute verstehen mich da sehr gut.

Hast du das Gefühl, du kannst dich online oder über Musik eher öffnen als persönlich mit anderen Menschen?

Mira Taylor: Das ist eine gute Frage. Ich finde es zum Beispiel immer einfacher, vor 100 Leuten zu singen als vor drei Leuten. Ich kenne die 100 Leute nicht, die in einem Raum stehen und mir zuhören. Dann ist es nicht so persönlich, finde ich. Also ja, würde ich schon sagen. Online sehe ich auch die Gesichter der Leute nicht. Als ich angefangen habe, war es ein bisschen schwieriger, aber irgendwann habe ich verstanden: „Es ist einfach nur Social Media, it’s not that serious.“

Du bist als Kind von Belarus nach Wien gezogen. Wie hat das deine Musik geprägt?

Mira Taylor: Ich war in einer Musikschule, von dem Zeitpunkt an, als ich fünf Jahre alt war, bis ich zwölf war. Mit 13 bin ich dann nach Wien umgezogen. In Wien habe ich anfangs fast keine Musik gemacht. Ich habe mich sehr allein gefühlt, weil ich die Sprache nicht gesprochen habe, auch kein Englisch. Ich musste dann auf einer internationalen Schule auf Englisch lernen, Mathematik machen und Essays schreiben. Da habe ich mich ein bisschen isoliert gefühlt. Gegen Ende meiner Schulzeit hat mich meine Mama gefragt: „Was möchtest du zu deinem Geburtstag als Geschenk haben?“ Ich dachte mir, es wäre vielleicht cool, einen Song aufzunehmen, wusste aber nicht, wie man das macht. Dann habe ich gegoogelt und eine Künstlerin sowie einen Produzenten in Wien gefunden. Danach habe ich einen Song geschrieben und aufgenommen. Das war der Start meiner Reise als Musikerin.

„ES IST SEHR NATÜRLICH UND INTUITIV FÜR MICH, MEINE GEFÜHLE EINFACH AUF PAPIER AUFZUSCHREIBEN“

Wie alt warst du da?

Mira Taylor: Schon 18. Ich habe erst mit 18 angefangen, Songs zu schreiben, also eigentlich ein bisschen spät. Ich hatte aber immer meine Tagebücher und habe viel gejournalt. Es ist sehr natürlich und intuitiv für mich, meine Gefühle einfach auf Papier aufzuschreiben, ich habe das vorher nur nicht mit Musik verbunden.

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Fühlst du dich mittlerweile hier in Wien angekommen?

Mira Taylor: Ich fühle mich schon zuhause, auch weil ich jetzt viele Haustiere habe. Ich habe sechs Katzen und zwei Hunde und wohne noch bei meinen Eltern. Ihre Unterstützung ist sehr wichtig für mich, sie immer bei mir zu haben. Jetzt habe ich meine Freunde hier, mache Musik und studiere an der Uni. Also ich habe mein Leben hier gefunden. Ich war immer schon sehr schüchtern und hatte nie viele Freunde. Es hat sich gar nicht so viel verändert, außer der Sprache, der Schule und dem, was ich lernen musste. Anfangs habe ich meine Großeltern und meine Familie sehr vermisst, das war für mich das Schwierigste.

Wenn man mit dir redet, klingst du genau wie in deiner Musik: sehr melancholisch.

Mira Taylor: Ich glaube, das war immer schon so. Es ist vielleicht sogar ein bisschen weniger als damals, als ich ein kleines Kind war. Melancholisch sein ist ja nichts Schlechtes, aber ich finde es als melancholischer Mensch ein bisschen schwieriger, mit anderen Leuten zu reden und neue Leute zu treffen. Weil ich manchmal einfach nur dasitze und schaue. Ich habe so eine kleine Welt in meinem Kopf.

„Little Me” heißt dein neuester Song. Was glaubst du, würde Little Mira heute über dich und das, was du machst, denken?

Mira Taylor: „Wow, she’s cool!“ (lacht) Ich hätte nie gedacht, dass ich mal vor so vielen Leuten irgendwas machen könnte. Ich wusste ja als Kind gar nicht, dass ich mal Musik machen würde, wenn ich erwachsen bin. Aber es war für mich immer so ein schönes Gefühl, ältere Mädchen anzuschauen und zu denken: „Sie ist so cool, ich mag ihren Style.“ Ich habe sehr viel YouTube und Instagram geschaut, als ich elf oder zwölf war, und wollte immer Bloggerin werden. Ich habe auch Videos gemacht und ein paar davon in meinen Stories gepostet. Die werden hoffentlich nie ans Licht kommen. Aber es gibt Videos von mir als Achtjährige, in denen ich mich geschminkt habe und meinte: „Hello, I’m Mira Taylor and this is my makeup of the day.“

Bild der Musikerin Mira Taylor
Mira Taylor © Tim Cavadini

Man sagt dir musikalische Ähnlichkeiten mit mehreren weiblichen Künstlerinnen nach. Am eindeutigsten finde ich persönlich den Vergleich mit Gracie Abrams. Ihr habt sogar dieselbe Frisur.

Mira Taylor: I’m gonna say it: Ich habe meine Haare vor ihr geschnitten. (lacht) Nein, ich habe vor zwei Wochen erst darüber gesprochen, weil sie jetzt eine andere Frisur hat, sie hat ihre Haare noch kürzer geschnitten. Ich wollte vor dreieinhalb Jahren eine Veränderung, weil ich ein bisschen traurig war und meine Mama meinte, vielleicht können wir etwas machen, damit ich mich besser fühle. Dann haben wir meine Haare geschnitten und gefärbt.

Inspiriert sie dich musikalisch?

Mira Taylor: Auf jeden Fall. GRACIE ABRAMS, HOLLY HUMBERSTONE, TAYLOR SWIFT oder auch GRIFF. Es gibt mehrere aus dem Pop-Genre, aber ja, Gracie ist auch dabei.

„ICH FINDE ES ALS KÜNSTLERIN SEHR WICHTIG, IN VENUES ZU SPIELEN, DIE ICH AUCH PRIVAT UNTERSTÜTZEN WÜRDE“

Wann bist du zuletzt aufgetreten?

Mira Taylor: Ich war gerade vor einer Woche in Deutschland, in Berlin und Flensburg, und habe für die wunderbare LAURA NAHR eröffnet. Im Mai bin ich in England und spiele auf dem Great Escape Showcase Festival als Teil vom Austrian Music Export. Außerdem spiele ich im Mai mit OSKA in der Arena Wien. Es war für mich anfangs schwieriger, ein Konzert hier in Wien zu spielen, als irgendwo anders. Weil ich online kein Deutsch spreche, werde ich in Österreich nicht so oft ausgespielt. Aber jetzt wird es besser, im September spiele ich auch meine allererste Headline-Show, im Lucia. Das ist eine Venue am Gürtel, die ich sehr toll finde und die Frauen unterstützt. Ich habe dort schon ein Konzert für den Frauenkampftag gespielt. Die machen super viele Charity-Events und ich finde es als Künstlerin sehr wichtig, in Venues zu spielen, die ich auch privat unterstützen würde.

Du beschreibst dich ein wenig als Einzelgängerin, gleichzeitig sagst du über dich selbst, du liebst es, auf der Bühne zu stehen – schließt sich das gegenseitig aus?

Mira Taylor: Das ist für mich auch gar nicht intuitiv. Ich habe mir vor zwei Tagen ein altes Video angeschaut von der Adidas-Show, die ich vor einem Jahr gespielt habe. Ich habe ganz gut gesungen, aber die Bühnenpräsenz war noch nicht so da. Ich bin keine natürliche Performerin, wenn es darum geht, vor Leuten zu tanzen, zu singen und mich fließend zu bewegen. Aber das braucht einfach viele Rehearsals und viel Arbeit. Fake it till you make it. (lacht) Mein Tee ist richtig gut. Wie ist dein Kaffee?

Das Herz im Milchschaum ist schon fast kaputt. Sonst ist er super.

Mira Taylor: Ich finde es so cool, wenn Leute Latte Art machen können. Meine Mama ist da sehr talentiert, aber ich kann das gar nicht. Wien hat wirklich guten Kaffee. Ich trinke zwar nicht so oft Kaffee, aber Iced Lattes mag ich. Wien ist da in den Top 5, glaube ich, von allen Ländern, in denen ich bisher war. In London gibt es auch viele tolle Spots mit Karamellsirup oder Frappuccinos, ich mag’s bisschen süßer.

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Ich merke schon, du bist ein England-Fan.

Mira Taylor: Ich liebe die Leute dort und die Musikindustrie finde ich auch voll toll, weil so viel los ist. Bisher war ich erst drei Mal in London: Einmal mit der Schule, als ich 16 war, auf einem Theater-Trip, um uns Shows anzusehen. Und jetzt war ich in einem Jahr schon zwei Mal dort zum Songwriting. Ich habe die Leute geliebt, aber die Stadt finde ich ein bisschen anstrengend. Jeder ist so gestresst.

„ES IST SCHWIERIG, ERNSTGENOMMEN ZU WERDEN, WENN DU EINE JUNGE FRAU BIST“

Du bist Anfang 20 und eine Frau. Fühlst du dich ab und zu unterschätzt im Musikbusiness?

Mira Taylor: Man hat glaube ich immer Schwierigkeiten, als Frau etwas Neues anzufangen, und dann vor hauptsächlich Männern da zu sein und Konzerte zu spielen. Aber es wurde viel besser, weil ich die jetzt Leute kenne. Damals, als ich 19 war, war das wesentlich anstrengender. Es ist schwierig, ernstgenommen zu werden, wenn du eine junge Frau bist. Aber mittlerweile habe ich eine Fanbase und trete regelmäßig auf, das macht es sicherlich einfacher.

Hattest du einen Lieblingsmoment auf der Bühne?

Mira Taylor: Die Adidas-Show war für mich schon ein sehr cooler Moment. Ich trage sehr viel Adidas-Kleidung und das war echt toll, als ich die Nachricht bekommen habe, dass ich das machen darf. Ich habe da ein Konzert gespielt und danach ein Fotoshooting gemacht. Und dann natürlich, wenn so viele meiner Fans für meine Shows anreisen – aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden… von überall. Es ist schwierig, da einen Moment auszuwählen, aber es gab da dieses eine Konzert, bei dem ich mir dachte: „Genau das will ich mein ganzes Leben lang machen.“ Da habe ich am Waves Vienna gespielt, mein allererstes Konzert mit Band. Ich hatte davor noch nie mit einer Band vor Leuten gespielt. Das war so schön, die Energie dort ist einfach anders.

Was kommt als Nächstes, worauf du dich wirklich freust?

Mira Taylor: Mehr Musik hoffentlich. Und das Konzert in der Arena Wien, das wird mein größtes Konzert bisher. Ich spiele dort als Duo mit meinem Gitarristen, das wird also ein bisschen anders. Und dann natürlich meine Headline-Show mit Band. Die Tickets sind schon online und wurden auch schon fleißig gekauft. Es ist so crazy, dass Menschen Tickets kaufen, um mich zu sehen. Ich freue mich sehr darauf.

Danke dir für das Interview!

Katharina Reiffenstuhl

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