„Mich interessiert die Suche nach neuen Klängen, das Entwickeln neuer Spielmöglichkeiten und Techniken“ – MIA ZABELKA im mica-Interview

Sie zählt ohne Zweifel zu den vielseitigsten, facettenreichsten und innovativsten Musikerinnen dieses Landes.  Die geigende und improvisierende Klangkünstlerin und Erfinderin des „automatic playing“ MIA ZABELKA – die in diesem Jahr für ihre Kulturinitiative „Klanghaus Untergreith” mit dem „outstanding artist award 2015″ ausgezeichnet wurde – sprach mit Michael Ternai über ihre musikalische Sozialisation, ihre Liebe zur Improvisation und die Notwendigkeit, sich den eigenen musikalischen Weg ins Ausland zu bahnen.

Sie sind Musikerin, Komponistin und Veranstalterin. Sie sind viel im Ausland unterwegs und spielen eine Menge Konzerte. Wie stemmt man das alles? Was treibt Sie an?

Mia Zabelka: Ich bin im Laufe der Zeit einfach zu einem Workaholic geworden. Aber ich denke, eine solche Entwicklung ist auch normal. Je mehr man zu tun hat, desto arbeitsintensiver und umfangreicher wird auch die Tätigkeit. Aber sie macht mir Spaß. Gleichzeitig empfinde ich die Arbeit auch als eine Notwendigkeit. Es gibt immer weniger Veranstalterinnen und Veranstalter sowie Veranstaltungen, und diese nicht gerade erfreuliche Entwicklung erfordert natürlich mehr Initiative vonseiten der Künstlerinnen und Künstler. Besonders im Bereich der experimentellen Musik, die – wenn man nichts macht – Gefahr läuft, irgendwann zu verschwinden.

Wie groß, schätzen Sie, ist die Gefahr, dass die experimentelle Musik tatsächlich verschwindet?

Mia Zabelka: Im Moment ziemlich groß. Aber die Verantwortung liegt nicht nur alleine bei den Künstlerinnen und Künstlern und bei den Veranstalterinnen und Veranstaltern, sondern auch beim Publikum. Ich spiele ja regelmäßig auch in Osteuropa, in Polen, Serbien, Kroatien. Dort kommen zu einem Konzert drei- bis vierhundert Leute. Was womöglich auch daran liegt, dass die Veranstalterinnen und Veranstalter dort einfach auch viel mehr Werbung machen. Bei uns in Österreich gestaltet sich das schwieriger.
Was auch bestimmt zu einem gewissen Teil darauf zurückzuführen ist, dass es mittlerweile sehr viele Großveranstaltungen gibt, bei denen man keinen Eintritt zahlen muss. Müssen die Leute dann plötzlich für eine kleinere Veranstaltung etwas zahlen, verstehen sie es oftmals nicht.  Ganz besonders für Veranstaltungen, bei denen eher eine sogenannte „schwierigere Musik“ gespielt wird.

Was fasziniert Sie eigentlich an der experimentellen Musik, an der Improvisation? Warum haben Sie sich gerade dieses musikalische Betätigungsfeld auserkoren?

Mia Zabelka: Ganz einfach, weil ich ein neugieriger Mensch bin und ich es unglaublich spannend finde, zu erforschen. Mich interessiert die Suche nach neuen Klängen, das Entwickeln neuer Spielmöglichkeiten und Techniken.  Und ich glaube auch, dass man Improvisation nicht lernen kann. Entweder man ist „improvised being“ oder man ist es nicht.
Der Vorteil an der Improvisationsmusik ist, dass man praktisch überall hinfahren kann und immer jemanden trifft, mit dem man gemeinsam spontan ein Konzert spielen kann. Das Spannende an der ganzen Geschichte ist auch, dass jede Musikerin und jeder Musiker einen anderen Background hat, einen anderen Ansatz verfolgt. Jede Szene unterscheidet sich von der anderen. Die Szene in Amsterdam ist ganz anders wie die in London oder Paris. Man bekommt also ständig etwas mit und lernt viel.

Sie haben ja viele verschiedene Projekte am Laufen. Eines der bekanntesten und erfolgreichsten der jüngeren Vergangenheit ist mit Sicherheit Medusa‘s Bed mit Lydia Lunch und Zahra Mani. Wie ist es eigentlich zur Zusammenarbeit mit Lydia Lunch gekommen?

Mia Zabelka: Das ist eigentlich eine recht witzige Geschichte. Ich habe sie 2009 zum ersten phonofemme-Festival, das ich gleichzeitig auch kuratierte, eingeladen. Und bei einem Soundcheck von Zahra Mani und mir stand sie plötzlich im Saal und hörte uns zu. Nachdem wir fertig waren, kam sie zu uns und meinte in ihrer typischen Art: „I really like that sound!“ Das war dann gleichzeitig eigentlich auch die Geburtsstunde unserer Zusammenarbeit. Mittlerweile hat sich zwischen uns eine echte Freundschaft entwickelt. Darüber hinaus macht es einfach einen Riesenspaß, mit ihr auf Tour zu sein.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen?

Mia Zabelka: Es ist im Grunde eine Win-Win Situation. Lydia kommt ja vom Postpunk, für sie ist also die Arbeit an einem „Live-Hörspiel“ total neu und sicher sehr inspirierend und für uns – Zahra Mani und mir – die Zusammenarbeit mit einer großartigen Spoken-Word-Performerin. Es ist wie „das Schubert Lied neu“. Wir vertonen in Echtzeit sozusagen ihre Texte und sie reagiert auch umgekehrt mit ihrer Stimme auf unsere düsteren und vielschichtigen Soundscapes. Dazu kommt auch noch die Performance Qualität und die Tatsache, dass wir wirklich jede Menge Spaß miteinander auf der Bühne haben. Das überträgt sich auch aufs Publikum.

„Ich mag dieses Ausgeliefertsein.“

Neben Medusa‘s Bed – welche Projekte sind für Sie am spannendsten?

Mia Zabelka: Ich spiele sehr gerne solo. Es gibt ja Musikerinnen und Musiker, die das überhaupt nicht wollen. Ich mag dieses Ausgeliefertsein. Eine Stunde alleine zu gestalten und für alles selbst verantwortlich zu sein, das finde ich toll. Vor allem, wenn man akustisch und nicht elektronisch spielt. Man steht im übertragenen Sinne wirklich nackt auf der Bühne. Man kann sich einfach nicht verstellen.

Sie haben über die Jahre ja Ihre ganz eigene Spieltechnik – das „automatic playing“ – entwickelt. Wie kam es dazu, wie verlief Ihre musikalische Sozialisation?

Bild Mia Zabelka
Mia Zabelka (c) Sasa Felsbach

Mia Zabelka: Ich bin ja über die klassische Musik sozialisiert worden. Und ich hatte das Glück, dass ich immer von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet wurde, die musikalisch sehr offen waren und mich dazu motiviert haben, mich selbst auch zu öffnen. Mein erster Violinlehrer zum Beispiel hat mir die Gypsy-Musik nähergebracht. Er war zwar Wiener Philharmoniker und hauptberuflich in der Klassik unterwegs, aber er hat immer auch Gypsy-Musik gespielt. Diese Offenheit war und ist für mich enorm wichtig. Es fasziniert mich einfach, immer auch in andere Musiken und Spielformen einzutauchen. Irgendwann – ich glaube, mit 14, 15 – begann ich, in diversen Jazzrock-Bands zu spielen. Und über diese Jazzrock-Bands bin ich dann zur Elektroakustik und in der Folge zur Improvisation gekommen.

Sie waren im September dieses Jahres beim Incubate-Festival in den Niederlanden zu Gast. Was haben sie an Eindrücken mitgenommen?

Mia Zabelka: Was ich auf jeden Fall mitgenommen habe, war die Gewissheit, dass ich so ein Festival auch gerne in Wien sehen würde. Das Incubate ist völlig anders. Es ist musikalisch zu allen Richtungen hin total offen und bietet eine enorme Bandbreite. Aber nicht nur das. Ich habe mit einigen Leuten dort gesprochen, die mir erzählt haben, dass sie wirklich zu fast allen Konzerten gehen, egal welche Musik dort gespielt wird, ob Pop, Jazz oder Neue Musik. Das Publikum ist einfach unglaublich interessiert und auch auf der Suche nach etwas Neuem. Ich zum Beispiel habe vor einer amerikanischen Punkband gespielt. Die Musiker sind nach meinem Auftritt zu mir gekommen und haben gesagt: „Du hast wirklich abgerockt.“

In der österreichischen Impro-Szene tut sich ja einiges. Inwieweit wird das kreative Treiben hierzulande Ihrer Erfahrung nach wahrgenommen?

Mia Zabelka: Ich glaube, noch nicht so wirklich. Es sind schon noch die Musikerinnen und Musiker aus dem angloamerikanischen Raum, die vermehrt wahrgenommen werden. Oder auch die aus der norwegischen Szene, die ich selbst herausragend finde. Dort gibt es wirklich ganz tolle Leute. Sich aus Österreich heraus einen Namen zu machen ist halt ein wenig schwieriger. Schon alleine aufgrund der Geschichte des Landes und seiner politischen Vergangenheit. Auf die Dinge werde ich immer noch überall angesprochen. Aber ich hoffe, das ändert sich in Zukunft ein wenig.

Aber dennoch ist es so, dass mehr und mehr Musikerinnen und Musiker ihren Weg ins Ausland finden.

Mia Zabelka: Und das ist gut. Man muss sich international orientieren und Kontakte knüpfen. Schon alleine deswegen, weil die Szene in Österreich einfach viel zu klein ist.

Sie selbst haben das ja erfolgreich vorexerziert. Sie waren in ….

Mia Zabelka: … Berlin, Köln, New York. Und ich bin dorthin gegangen, weil hier einfach viel zu wenig passierte und ich mir erhoffte, dass es dort besser liefe. Was es auch tat. Heutzutage hat sich das ja zum Glück geändert und auch bei uns findet sehr viel Spannendes statt.

Sie wurden in diesem Jahr für ihre Kulturinitiative „Klanghaus Untergreith” mit dem „outstanding artist award 2015″ ausgezeichnet. Der Lohn einer langen Arbeit?

Mia Zabelka: Ja, allerdings. Es war eine wirklich relative lange und intensive Aufbauarbeit. Wir haben ja dort quasi bei Null begonnen, mussten erst ein Publikum aufbauen etc. und das mitten in der Südsteiermark. Aber dieser „Global Village“ Gedanke funktioniert wirklich mittlerweile sehr gut. Die Künstlerinnen und Künstler lieben es, bei uns aufzutreten, und das Publikum vergrößert sich auch immer mehr.  Die Jury hat die hohe internationale künstlerische Qualität bei gleichzeitiger regionaler Bedeutsamkeit hervorgehoben.

Danke für das Gespräch.

Michael Ternai

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