„MICH HAT DAS SPANNUNGSVERHÄLTNIS ZWISCHEN FREMDE UND HEIMAT BESCHÄFTIGT“ – CLARA MONTOCCHIO IM MICA-INTERVIEW

Die Singer-Songwriterin Clara Montocchio hat Wurzeln in Österreich und in der Republik Südafrika. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt sie, warum sie ihre Liedtexte auf Englisch und auf Afrikaans schreibt und welche ambivalente Sicht sie auf Afrikaans und die mit der Sprache verbundene Kultur hat. Ebenfalls Thema: welche Herausforderungen bei der Produktion ihres Debüt-Albums „My Vreemde Kind“ zu bewältigen waren. Montocchio singt nicht nur ihre eigenen Lieder, sondern spielt auch in Klezmer-Gruppen, etwa mit Moritz Weiß. Die Album-Präsentation findet am 23. Dezember im Rahmen des Musikalischen Adventkalenders in Wien statt.

Viele Singer-Songwriter:innen im deutschsprachigen Raum singen in deutscher oder englischer Sprache. Du singst auf Englisch und auf Afrikaans, wieso hast du dich dafür entschieden?

Clara Montocchio: Es ist einfach so passiert, dass ich begonnen habe in dieser Sprache Songs zu schreiben, ich weiß auch nicht mehr warum. Aber sobald das erste Lied da war, war der Wunsch da, mehr zu schreiben, weil es sich ganz besonders angefühlt hat. Es hat mich selbst überrascht, wie intim es sich anfühlt, in meiner Muttersprache zu schreiben und zu singen. Ich habe das, außer bei Kinderliedern, davor nie gemacht.

Sprachen haben natürlich Sprachmelodien und viele Sänger:innen sagen, dass englische Texte leichter zu singen sind als deutsche Texte. Deutsch wird da eher als kantig empfunden, wie verhält sich das bei Afrikaans, das in Südafrika gesprochen wird?

Clara Montocchio: Es singt sich leicht. Das ist eine interessante Sprache, weil Afrikaans wie eine kreolische Sprache ist und aus verschiedenen anderen Sprachen entstanden ist. Afrikaans hat eine ganz eigene Poesie, es fühlt sich im Mund auch anders an, die Vokale sind etwas dunkler und das macht auch etwas mit der Stimme. Es ist für mich das Gefühl von Erdung dabei.

Ist dir beim Schreiben der Texte aufgefallen, dass es in Afrikaans Wörter gibt, die zum Beispiel schwer zu übersetzen sind?

Clara Montocchio: Das ist eine sehr gute Frage. Tatsächlich ist der Album-Titel gar nicht so leicht zu übersetzen: „My Vreemde Kind“. Ich übersetze das mit: mein fremdes Kind. Aber da gibt es eine Doppelbedeutung: fremd im Sinne von unbekannt, aber auch fremd im Sinne von ungewöhnlich.

Bild Clara Montocchio
Clara Montocchio (c) Theresa Pewal

Der Album-Titel „My Vreemde Kind“ wirft sofort die Frage auf, ob du eher andere Kulturen damit ansprichst oder die Fremdheit in einem selbst? Was erzählt das gleichnamige Lied?

Clara Montocchio: Da gibt es mehrere Schichten, der Song und das Album haben viel mit diesem Fremdheitsgefühl zu tun, das ich sowohl in Österreich als auch in Südafrika spüre. Ich bin hier aufgewachsen, spreche Deutsch und fühle mich sehr wohl in Wien. Es fühlt sich komisch an zu sagen, ich bin Österreicherin. Das stimmt nicht zu 100 Prozent, ein Fuß von mir ist noch anderswo. Wenn ich in Südafrika bin, fühle ich mich wie eine Touristin, weil ich nicht dort lebe. Aber ich habe große Teile meiner Familie dort, Tanten, Onkeln, Cousins und Großeltern. Mich hat das Spannungsverhältnis zwischen Fremde und Heimat beschäftigt. Zusätzlich ist dieses fremde Kind auch das eigene, innere Kind, das wir alle in uns haben. Ich interessiere mich auch viel für die Psyche und für Psychoanalyse und da ist das innere Kind ein großes Thema. Man kann viel von ihm lernen, auch wenn die Konfrontation manchmal schwierig ist und es auch Angst macht, dem Schmerz ins Gesicht zu sehen.

Welche Rolle spielt in diesen Prozessen das Musikmachen?

Clara Montocchio: Mir hat es sehr geholfen, diese Musik zu schreiben und immer wieder zu performen und aufzunehmen, auch um gewisse Dinge zu verarbeiten. Das ist natürlich auch ein Singer-Songwriting-Klischee. Oft habe ich etwas geschrieben und teilweise nicht ganz gewusst, was das bedeutet und ein paar Monate später ist mir die Erkenntnis eingefahren. Es ist interessant, wie im Schreibprozess das Unterbewusstsein arbeitet und man sich selbst nicht ganz bewusst ist, was da passiert.

Schärft diese Position zwischen den Kulturen, zwischen den Welten die eigene Wahrnehmung und somit auch deinen künstlerischen Ausdruck?

Clara Montocchio: Das kann schon sein. Allein, dass ich mehr als eine Sprache spreche, empfinde ich als großes Privileg. Ich habe großes Glück, dass meine Eltern es geschafft haben, das durchzusetzen. Das ist nicht so leicht, könnte ich mir vorstellen. Das ist ein riesiges Geschenk, das ich für immer habe. Ich glaube schon, dass die Sprache ein Schlüssel zu anderen Welten ist.

„ES WAR MIR VON ANFANG AN SEHR WICHTIG, MEHRSTIMMIGEN GESANG ZU HABEN“

Mehrstimmigkeit hört man öfters auf deinem Album, wie bist du bei den Arrangements vorgegangen und wie viele Menschen singen da mit?

Clara Montocchio: Fürs Album habe ich alle Stimmen selbst aufgenommen. Live haben wir im Sextett, in voller Besetzung, vier Stimmen. Es war mir von Anfang an sehr wichtig, mehrstimmigen Gesang zu haben. Das liegt mir sehr am Herzen. Das hat sicher auch mit der Musik zu tun, die ich als Kind viel gehört habe. Mein Vater hat viel Folk-Rock der 1970er-Jahre gehört, Crosby, Stills, Nash & Young und The Beatles. Das hat mich schon beeinflusst.

Beim Song „Hessequa“ ist die Mehrstimmigkeit zentral, das war ursprünglich als A cappella-Stück konzipiert. An „Vingers Van Sand“ bin ich intuitiv heran gegangen und habe zu Hause ein paar Spuren übereinander aufgenommen, ohne etwas zu notieren.

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Welche Herausforderungen hast du im Zuge der Produktion deines Debüt-Albums erlebt?

Clara Montocchio: Die erste große Herausforderung war einen Aufnahmetermin zu finden, an dem alle Zeit haben. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir den ersten großen Brocken aufgenommen. Jetzt kann ich darüber lachen, aber damals war es stressig: unser Gitarrist Niki Waltersdorfer hat am ersten Aufnahmetag Corona bekommen und war voll krank. Er hat dann alleine im Studio in einem Kammerl das ganze Album mit Maske eingespielt. Ich habe dazu gesungen. Niki ist dann voll fertig ins Bett gefallen, aber so hatten wir die Basis für alle weiteren Aufnahmen. Er hat sich da sehr tapfer durchgekämpft. Wenn wir es nicht so gemacht hätten, wäre das Album wahrscheinlich noch immer nicht fertig. Danach haben wir noch einige Overdubs gemacht, natürlich bei den Stimmen, aber auch bei den Gitarren.

Kommen wir nochmals zum Thema Kind zurück, das letzte Stück am Album ist ein Schlaflied, gespielt mit einem afrikanischen Daumenklavier. Inwiefern fließen solche Traditionen in dein Songwriting ein?

Clara Montocchio: Genau, das wurde mit der Kalimba gespielt. Das Daumenklavier ist in vielen Teilen von Afrika präsent, in unterschiedlichen Formen. Viel an Einflüssen passiert da auf der unbewussten Ebene, im Song „Stêr In Die Kombuis“ war die Kalimba zentral und der Song ist durch das Spielen mit dem Instrument entstanden. Weil ich als Kind und als Jugendliche ganz viel unterschiedliche Musik aus unterschiedlichen Kulturen gehört habe, glaube ich, dass solche Hörerlebnisse als Kind unbewusst beeinflussen. In letzter Zeit beschäftige ich mich mit Klezmer und mit osteuropäischer Musik.

Bild Clara Montocchio
Clara Montocchio (c) Theresa Pewal

Du spielst außerdem in verschiedenen Klezmer-Gruppen, die sind musikalisch wiederum ganz anders verortet als deine eigenen Lieder. Wieso bist du in diese Richtung gegangen?

Clara Montocchio: Da bin ich vor vielen Jahren zufällig hineingerutscht. Alfred Pfleger, ein guter Freund der Familie der leider schon verstorben ist, war klassischer Geiger und auch Schrammelgeiger. Er hat mich an diese Musik herangeführt und mir die ersten Lieder beigebracht und so wurde ich weiterempfohlen und habe angefangen mit Elias Meiriund Shira Karmon zu singen. Dieses Trio besteht noch immer und nächstes Jahr bringen wir ein Album heraus. Und durch das KlezMORE-Festival habe ich Moritz Weißkennen gelernt und wir haben auch schon zwei Alben miteinander veröffentlicht.

Was ist für dich an Klezmer-Musik besonders?

Clara Montocchio: Ich bin in diese Musik voll hinein gekippt, ich finde diese Mischung aus Melancholie, Freude und purer Lebenslust berührend und so stark und es fühlt sich so organisch an. Vielleicht weil das dem Leben nachempfunden ist, es ist ja nichts nur schön oder nur traurig. Wir haben schon in mehreren Ländern vor unterschiedlichem Publikum gespielt und diese Musik trifft bei den Menschen einen Nerv.

Vielleicht spricht dich und das Publikum diese Musik deshalb an, weil sie wie du zwischen Ländern und Kulturen steht.

Clara Montocchio: Das kann schon sein, vielleicht ist das etwas Universelles, das uns alle berührt und jeder und jede kann das auf irgendeiner Ebene verstehen. Bei der Arbeit an diesem Album haben mich beide Seiten der Münze beschäftigt: obwohl ich eine starke emotionale Bindung zur Sprache Afrikaans und zu Südafrika habe, tue ich mir teilweise auch schwer, mich mit der Afrikaans-Kultur zu identifizieren, weil da in der Geschichte so viel schiefgelaufen ist. Wer sich mit der Geschichte Südafrikas beschäftigt, weiß, dass die Sprache auch als Mittel der Unterdrückung verwendet wurde und dass die Menschen in der Schule gezwungen worden sind, Afrikaans zu sprechen und es wurde bewusst versucht, in der Zeit der Apartheiddie indigenen Sprachen auszulöschen. Einige indigene Sprachen in Südafrika sind tatsächlich fast ausgestorben. Und so ist es für mich schwer und auch wichtig, mir bewusst zu machen, dass meine Vorfahren auch einen Teil dieser Verbrechen darstellen.

So wie bei der jiddischen Musik und bei vielen Aspekten im Leben, ist nicht immer alles klar. Vieles ist im Zwiespalt und kompliziert, aber das macht uns auch zu Menschen, denke ich.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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