mica-Interview Pia Palme (e_may Festival)

Vom 19 bis 21. Mai findet in diesem Jahr die nunmehr fünfte Auflage des e_may Festivals statt, einem Festival für Neue und Elektronische Musik. 2007 von den beiden Künstlerinnen Gina Mattiello und Pia Palme mit dem Ziel gegründet, die Qualität und Vielfalt der österreichischen Komponistinnenszene gebündelt sichtbar zu machen, hat sich die Veranstaltung längst als bedeutender Treffpunkt für zeitgenössische Musik etabliert. Die künstlerische Leiterin Pia Palme im Gespräch mit Michael Ternai.

Am 19. Mai startet die fünfte Auflage des e_may Festivals. Wie stellen sich, im Vergleich zum ersten Mal, die Herausforderungen dar, so ein Festival auf die Beine zu stellen? Ist die Euphorie immer noch so groß, wie noch beim ersten Mal.

In manchen Belangen ist die Euphorie größer, weil man sieht was man bereits alles erreicht hat. Wenn man zurückschaut, denkt man sich »Wow!« – und das gibt ein sehr gutes Gefühl. Auf der anderen Seite ist man letztendlich auf dem Boden der Realität gelandet. Wir haben versucht, für das fünfte Mal ein bisschen mehr Geld aufzustellen und das ist extrem hart, in Zeiten wie diesen.

Aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten?
Ja, genau. Was uns klar wurde ist, dass es eine starke Trennung zwischen wirtschaftlichen Festivals und den sogenannten Kleinprojekten gibt. Es existiert in Österreich nichts dazwischen, und das ist wirklich problematisch. Die Kleinprojekte werden mit minimalen Förderungen bedient, und dann gibt es die großen Festivals, wie zum Beispiel den »Steirischen Herbst«, die »Salzburg Biennale« oder »Wien Modern«. Dazwischen gibt es Nichts, und das macht die Sache schwierig, das ist ziemlich ernüchternd. Wenn man große Festivals veranstalten möchte, muss man politisch unterstützt werden. Die Aussage »In Wien brauchen wir nicht noch ein Festival, weil es ohnehin schon genügend gibt« ist in diesem Zusammenhang doch sehr klar. Gleichzeitig darf man nicht an bestehende Festivals anecken.

Vom wirtschaftlichen Standpunkt einmal abgesehen. Wie sieht es mit der Euphorie für das Musikprogramm aus?
Von der Musik her finde ich es nach wie vor sehr lohnend. Mittlerweile haben wir fast alle bedeutenden österreichischen Komponistinnen im Programm gehabt, besonders die jüngeren. Was wir nächstes Jahr verstärkt präsentieren möchten, ist die Zusammenarbeit mit dem Videobereich, weil sich herausgestellt hat, dass es relativ wenig Filme mit Musik von Frauen gibt. Es gäbe aber auch noch andere Kapitel, die man erforschen könnte. Man könnte zum Beispiel noch mehr Performance mit Tanz oder Bewegung hinein bringen. Es gibt eine Vielzahl an interessanten Dingen.

Was hier bei eurem Festival sehr augenscheinlich ist, dass es keinerlei Vorgaben gibt und die Künstlerinnen wirklich sehr frei agieren können. So etwas findet man sonst selten.
Ja, wobei wir schon in einem gewissen Rahmen bleiben müssen. Heuer haben wir den Fall, dass eine Komponistin ein Werk für zwei Schlagzeuger geschrieben hat, das in der geplanten Form im Rahmen des Festivals aus Gründen des Instrumentariums nicht spielbar ist.

Wie wichtig ist für dich die musikalische Vielfalt es Festivals?
Dieser Punkt ist mir sehr wichtig. Ich mag es nicht so gerne, wenn es Vorgaben gibt wie »keine Elektronik«, was in der Zeitgenössischen Musik oft vorkommt.

Bei euch ist der Elektronik Anteil ja auch hoch.
Nicht gezwungener Maßen, aber Elektronik soll möglich sein, und sie ist ausdrücklich erwünscht.

Wie sind die Erwartungshaltungen für die fünfte Auflage des Festivals? Ist es ein Ziel neue Leute anzusprechen?
Ja, schon! Was interessanterweise dort auch gut gelingt. Wir hatten letztes Jahr ein traumhaftes Publikum. Ich habe drei Viertel des Publikums im Konzertsaal nicht gekannt. Das ist in der Szene der Neuen Musik außergewöhnlich. Ich weiß nicht, woher diese Leute gekommen sind.

Hast du das Gefühl, dass das Verständnis für Neue Musik zunimmt und neue Leute längerfristig begeistert werden können?

Ich glaube schon, ja.

Ist das begründbar?
Vielleicht ist es mein Privileg, in einem Umfeld zu leben, indem sich die Leute dafür interessieren. Möglicherweise ist es das.

Wie lange dauert die Planung an dem Festival?
Das ganze Jahr. Das muss nebenher laufen, neben allem Anderen. Teilweise muss man um die Finanzierungen schon sehr früh ansuchen.

Wird das Festival bei den Komponistinnen schon als wichtig angesehen?
Zunehmend mehr. Und für das, was es an finanziellen Mitteln zur Verfügung hat, steht das Festival überhaupt gut da! Wenn wir den Leuten sagen, wie viel Geld wir tatsächlich zur Verfügung haben, fallen die meisten vom Hocker. Es steckt viel unbezahlte Arbeit drinnen. Oft frage ich mich, wie lange wir das noch durchhalten werden. Es ist Selbstausbeutung bis zum geht nicht mehr.

Oftmals hat man das Gefühl, in der Neuen und Zeitgenössischen Musik herrsche eine Art Dünkeldenken. Versuchst du mit dem e_may Festival dem entgegenzutreten?

Ja, genau! Obwohl wir von anderen Ecken bestimmt in das feministische Eck gedrängt werden. Ich bin mit diesen Schubladen erst spät konfrontiert worden, weil ich Quereinsteigerin bin. Das heißt, ich war nicht von vornherein in einer Szene dabei. Es gibt viele einzelne Szenen in Wien, die teilweise über zwanzig Jahre bestehen und wirklich gute Arbeit geleistet haben, das muss man auch sagen. Sei das jetzt der Echoraum, die Alte Schmiede, oder beispielsweise das Brut. Die machen hervorragende Dinge. Nachdem ich da aber nicht von vornherein drinnen war, musste ich nach anderen Möglichkeiten suchen. Das Publikum, das zu meinen Aufführungen kommt, ist oft von Außen. Ich habe letztes Jahr in Tirol in St. Johann eine Performance in einer barocken Kapelle auf einem Berg gemacht. Es gibt dort einen Veranstalter (MUKU St. Johann), der sehr viel für zeitgenössische Kunst im Allgemeinen tut. An diesem ungewöhnlichen Ort waren viele Leute aus dem Dorf, die so eine Musik sonst eher nicht zu hören bekommen. Ich hoffe, dass so etwas mit dem e_may Festival gelingt. Im Vergleich zu uns ist die Werbemaschinerie, die Häuser wie das Konzerthaus zu Verfügung haben, natürlich ein Wahnsinn. Wenn man für die Neue Musik so viele Plakate in Wien aufhängen würde, wie für die Museumsmusik, dann wäre die auch wo anders. Es liegt zum Teil wirklich an der Maschinerie, die da dahinter steckt.

Das e_may Festival geht ja sehr stark in die feministische Richtung. Das mica hat jetzt gerade eine Young Composers CD zusammengestellt. Was wirklich augenscheinlich ist, ist die Tatsache, dass der Anteil der weiblichen Komponistinnen in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist.

Ja, das ist logisch, weil die Studentinnenzahlen an den Unis sehr hoch sind. Die Frage ist aber, wo die dann landen. Wenn ich mir das Programm des Klangforum anschaue, wo nahezu keine Komponistinnen gespielt werden, finde ich das bedenklich.

Wenn du dir in der klassischen Musik die Orchester ansiehst, ist der Männeranteil immer noch größer. Wie wichtig sind solche Festivals wie das e_may darzustellen, dass Frauen genauso gute Musikerinnen sind?

e_may war in erster Linie als eine Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten für Frauen gedacht. Es ging um die Forderung »Frauen brauchen Kompositionsaufträge«. Von der Ansage her ist das nicht ultrafeministisch. Man wächst als Komponistin mit jedem Auftrag und mit jeder Arbeitsmöglichkeit, das bringt einfach Praxis. Wir haben in Folge versucht, Leute mehrmals hintereinander zu präsentieren, wie zum Beispiel Katharina Klement oder Judith Unterpertinger. Es ist interessant, zu sehen, was über die Jahre passiert, wie sich jemand weiterentwickelt – dass definitiv etwas wächst.

Und vor allem in so einer Vielfalt. Wahrscheinlich sieht man bei wenigen Festivals so eine stilistische sowie klangliche Vielfalt, auch was die Ansätze anbelangt. In wieweit spielt das Experimentelle, das Neue bei euch eine Rolle?
Immer dem Neuen nachjagen, das muss nicht unbedingt sein. Ich glaube, dass das Thema “Neue Klänge” bis zu einem gewissen Grad ausgereizt ist. Eine Zeit lang war Klangforschung angesagt, alle haben sich als Klangforscher tituliert, wollten Klänge ausloten usw. Ich denke, das ist bis zu einem gewissen Grad passiert. Was ich beobachte ist, dass man momentan mehr in die Strukturen geht. Die Klänge sind da: und was macht man jetzt mit ihnen? Das Klavier gibt es ja auch schon seit vielen Jahrzehnten in der heutigen Form, und es werden trotzdem noch neue Sachen damit gemacht, obwohl man den Klang des Instruments kennt. Wenn man den Klang im Radio hört, weiß man genau, das ist ein Klavier. Aber die Strukturen und Formen sind immer wieder neu. Ich glaube, das ist eher das, was momentan interessant ist. Was macht man mit der Elektronik? Nur die Elektronik, um der Elektronik Willen, weil sie etwas Neues ist, das finde ich derzeit langweilig.

Also kann man vielleicht sagen, dass eine gewisse Musikalität zurück kommt?
Oder die Kompositionstechniken, Strukturen, Konzepte und Ideen. Wie setze ich Dinge zusammen, was ja eigentlich das Wort “Komponieren” bedeutet. Zusammensetzen.

Was darf das Publikum erwarten, wenn es zu euch kommt?
Einen interessanten und schönen Konzertsaal, indem man das Dargebotene teilweise auch im Liegen mitverfolgen kann. (lacht)  Uraufführungen auf akustischen Instrumenten. Uraufführungen auf einer Mischung aus akustischen Instrumenten und Elektronik. Wobei man dazusagen muss, dass die Anlage im Kosmostheater sehr gut und die Elektronik in hoher Qualität vorhanden ist. Wir zeigen einige interessante Videos. Das hat sich letztes Jahr ebenfalls gut bewährt, vor allem am Schluss, sozusagen als Gute-Nacht-Film. Sicher wird es auch wieder jede Menge Experimente geben. Auch stehen kurze Vorträge zu den Themen »Komposition im Raum«, »Raum und Zeit« auf dem Programm: unter anderem von der Komponistin  Judith Unterpertinger, die auch Philosophie studiert hat. Außerdem findet das Symposium im mica statt, das hoffentlich auch den Diskurs anregt. Hier geht es um Komposition: Was macht man mit Klängen in Raum und Zeit? Ich weiß selbst auch nicht ganz genau, was uns alles erwartet, aber das ist gerade das Spannende daran.

Täuscht mich der Eindruck, oder liege ich damit richtig, dass das Interesse von VertreterInnen der Neuen Musik an für sie speziell angebotene Workshops und Symposien eher gering ist.  VertreterInnen aus dem Bereich des Pop scheinen da viel offener und enthusiastischer an die Sache heranzugehen. Woran kann das liegen?
Vielleicht sind die Popmusiker davon angezogen, sich vermarkten zu wollen. Die drängen in den Markt hinein. Den zeitgenössischen MusikerInnen ist das nicht so bewusst. Vielfach glauben sie noch, dass sie das nicht selber machen müssen, und dass es irgendwelche Veranstalter gibt, die auf sie zukommen, so wie es früher war. Darüber, dass die Popmusiker immer vor Ort sind, habe ich mit Didi Neidhart (mica-music austria Salzburg) auch gesprochen. Die sind alle wiff, wollen etwas erreichen, und machen es auch. Das ist in der zeitgenössischen Musik nicht ganz so.

Obwohl man sagen muss, dass vor allem die jungen in eine andere Richtung gehen und sich selbst ihre Öffentlichkeit schaffen wollen.

Das ist es, ja! Selbst die Öffentlichkeit schaffen. Das machen die Zeitgenössischen nicht. Die glauben immer noch, das wird für sie gemacht.

Da seid ihr beim e_may Festival anders?
Ja! Vielleicht sollte man da von den Popmusikern lernen und sich die Strukturen genauer anschauen.

Von dir wird auch ein Werk aufgeführt. Kannst du uns ein bisschen mehr darüber verraten?
Mein Beitrag ist ein Projekt, die sich aus mehreren Dingen zusammensetzt. Es handelt sich um ein Projekt, das aus einer kurzen Komposition, aus einer ziemlich langen Duoimprovisation und einer gleichzeitig entstehenden Live-Radiosendung besteht, wobei sich für jeden Teil andere Personen verantwortlich zeigen. Insgesamt sind mehrere Menschen konzipierend tätig. Das sprengt auch ein bisschen den Begriff des Komponisten, als Einzelperson. Das Ganze wird in einem bestimmten Rahmen zusammengesetzt.

Es gibt ein improvisierendes Duo, das aus Klaus Lang und mir besteht. Wobei Klaus Lang in der Steiermark, in einem Benediktinerkloster in den Bergen, an der Orgel spielt und via Livestream ins Kosmostheater übertragen wird. Ich spiele Aerofone und Elektronik. Ich finde das göttlich, dass ein Benediktiner Kloster mit einem  quasi „feministischen Theater“ per Livestream verlinkt wird. Es gibt zu wenige Kirchen in Wien, die gegenüber der zeitgenössischen Musik aufgeschlossen sind. Das Werk heißt »Fernraum«. Das Konzept, welches  dahintersteckt, spielt mit den Themen Nähe, Entfernung und Raum. Was ist virtueller Raum, was ist real? Für mich stellt die Orgel den Kontrapunkt zum virtuellen Raum schlechthin dar, man kann sie kaum versetzen. Dieses Instrument ist an einen Raum gebunden, und wenn das Gebäude zerstört ist, ist auch die Orgel zerstört.

Eingebettet in die Improvisation ist eine Komposition für ein historisches Instrument, die Oboe da Caccia, ein Englischhorn zu Zeiten von Bach. Das ist ein absurdes Instrument! Ich habe Oboe studiert, und liebe die Doppelrohrblatt-Instrumente. Die beteiligte Oboistin Molly McDolan spielt normalerweise alte Musik, aber auch gerne Zeitgenössisches. Klaus Lang und ich spielen sozusagen einen mächtigen Rahmen, und in der Mitte steht ein kurzes Solostück, das mit diesem Instrument unplugged gespielt wird. Ein improvisierter Rahmen über Lautsprecher für ein relativ fragiles, altes Instrument.

Die Radiokünstlerin Lale Rodgarkia-Dara, die den Livestream betreut, gestaltet gleichzeitig eine Radiosendung via Radio Orange, ein Hörspiel. Sie überlagert das Ganze noch einmal mit Literatur, und mischt dazu Live Soundscapes aus Mexiko. Sie verwendet Texte von einer barocken Literatin, Juana Inés de la Cruz aus Mexiko. Das war eine Nonne, die in einem Kloster gelebt und gedichtet hat. Sie ist eine der berühmtesten Dichterinnen der spanischen Literatur, obwohl sie Nonne war. Ihre Werke sind in der damaligen Zeit vom Kloster aus bis nach Hongkong verlegt worden. Das war um 1650! Für mich ist sie auch ein Beispiel für Nähe und Entfernung. Juana Inés de la Cruz hat zeitlebens ihr Kloster nicht mehr verlassen, und trotzdem war Ausbreitung möglich. Passt sehr gut zu diesem Projekt.

Vielen Dank für das Interview.

Foto Pia Palme: Nikolaus Karlinsky
Foto 2: David Palme

http://www.e-may.org