
Ich kann mich erinnern Robert, dass wir vor einem Jahr kurz vor dem ersten Popfest zusammen gesessen sind und uns über die Erwartungen an diese Veranstaltung unterhalten haben. Nun ist in diesem Jahr ja wirklich unglaublich viel passiert. Den Erfolg des ersten Popfest haben etwa vielleicht nicht viele vorhergesehen. Wie bist du in diesem Jahr an die Sache herangegangen? Wo lagen diesmal die großen Herausforderungen?
Robert Rotifer: Die Hauptherausforderung, die ich mir diesmal gestellt habe war, so wenig wie möglich zu wiederholen. Ich wollte schlicht nicht den Eindruck erwecken, dass beim Popfest so etwas wie Pfründe entstehen. Außerdem habe ich letztes Jahr auch das Gefühl gehabt, dass ich so viel auslassen habe müssen, dass es eigentlich ein ungebührlicher Luxus gewesen wäre, Dinge noch einmal zu wiederholen. Natürlich hat es letztes Jahr Leute gegeben, die beeindruckt von Popfest, sofort gemeint haben: „Ja super, nächstes Jahr machen wir das wieder“. Aber leider nein, das hat es nicht gespielt. Klar, es hätte schon Bands gegeben, man denke nur an The Thousand Fuegos, die sich im letzten Jahr ganz wunderbar entwickelt und spannende neue Sachen an den Start gebracht haben, die interessant gewesen wären.
Aber im Endeffekt habe ich mich dazu entschlossen, nur eine Band vom Vorjahr, nämlich Ginga, auch dieses Mal einzuladen. Alleine aus dem Grund, weil diese Band für mich quasi eine Art Symbolband für das darstellt, was das letztjährige Popfest zusammengebracht hat. Ginga war eine Band, von der ich, bevor sie mir vom Booker vorgeschlagen wurde, eigentlich noch nie etwas gehört hatte. Erst im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass die Jungs es schon einige Zeit lang versucht hatten. Natürlich gab es auch Stimmen, die skeptisch gemeint haben, wer denn diese Band sei und wozu ich sie überhaupt mit ins Programm nehme. Aber ich habe in das vertraut, was die vier Jungs machen. Und sie haben die Erwartungen mehr als erfüllt. Dennoch hat mich dann doch überrascht, dass Ginga durch ihren Auftritt beim Popfest eine viel größere Präsenz gewonnen haben. Sie haben etwa durch das Popfest ihren Plattendeal bei Monkey bekommen, weil der Walter Gröbchen sie dort gesehen hat. Für mich war also im Vorhinein klar, dass als Symbol, für das was alles im letzten Jahr funktioniert hat, ich sie gerne noch einmal haben würde. Ansonsten aber wollte ich so viel wie möglich anders machen.
Wichtig war mir aber auch, nachdem in Wien in der Zwischenzeit der Wahlkampf stattgefunden hat, dass das Popfest sich auch ein bisschen politischer macht, dass es sich ein bisschen auseinandersetzt damit, in welchem Umfeld es agiert. Wenn man schon ein Festival hat, dass es sich zur Aufgabe setzt, das zu repräsentieren, was man „heimisch“ nennt, muss man sich gleichzeitig auch abgrenzen vom Chauvinistischen und Provinzialistischen. Weil diese Begriffe genau die Antithese davon sind, was ich unter Pop verstehe. Nachdem, was alles so im Wahlkampf an ausländerfeindlicher Rhetorik abgegangen ist, war es mir wichtig zu zeigen, dass man selbst einen weltoffenen Geist repräsentiert. Ich habe mir also auch überlegt, was man in dieser Richtung alles machen könnte.
Eines war klar, den Leuten vorzuschreiben, was für eine Musik sie zu machen haben, wollte ich auf keinen Fall. Zwar kann ich Mischungen, die sonst nicht zu Stande kämen, sehr wohl kreieren, indem ich etwa eine Band wie Cafe Olga Sanchez mit Trouble Over Tokyo und Violetta Parisini feat. Coshiva an einem Abend auf die Bühne stelle. Aber ich kann keine Simulation einer ethnischen Durchlässigkeit erschaffen. Das wäre irgendwie eine Anmaßung. Aus diesem Grund war es mir klar, dass es wichtig wäre, den Wortanteil, der ja zusammen in Kooperation mit mica-music austria und AMAN erarbeitet worden ist, aufzuwerten. Die Panels waren ja schon im vergangenen Jahr sehr interessant. Heuer sollen im Rahmen dieser aber vor allem außerhalb der Pop-Branche liegende Themen diskutiert und dargestellt werden. So gibt es heuer etwa ein Panel über Gender und Popmusik, und auch eines mit dem Fokus auf das generelle Selbstverständnis des Pop. Wozu er eigentlich da ist. Oftmals geht es ja heute leider ja bloß um die Frage, wie man sich vermarkten kann. Andere Aspekte werden ausgeblendet. Unsere Leidenschaft für Pop rührt ja nicht daher, dass wir uns als Teenager dafür interessiert haben, wie man diesen vermarkten kann. Vielmehr haben wir uns aus guten Gründen mit ihm identifiziert. Popmusik stellte eine Art Gegenpol zu dem dar, was wir als Alltag empfunden haben. Die Popmusik ist an uns getreten und hat gesagt, diese Welt muss nicht die echte Welt sein, wir können eine alternative echte Welt darstellen oder erschaffen. Aus all diesen Gründen war es mir wichtig, diesmal den Wortanteil zu erhöhen. Wobei das im Gesamten mit Sicherheit noch ausbaufähig ist.
Was mir auch aufgefallen ist, ist, dass das Programm diesmal stilistisch doch deutlich breiter gefasst ist. Von Indierock über Hip Hop bis zu experimentelleren Sachen. Ist das vielleicht der Versuch den Begriff des Pop zu öffnen.
Robert Rotifer: Doch, auch. Aber ich weiß, dass es auch diesmal Leute geben wird, die meinen, es gäbe im Programm nur Indiebands oder Singer/Songwriter. Was aber definitiv nicht der Fall ist. Ich habe versucht, den Popbegriff schon so weit wie möglich zu spannen. Für mich ist die Definition immer, dass es schon Musik sein sollte, die in sich den Geist trägt, nicht nur einen bewanderten Pfad gehen zu wollen. Ich glaube das, was du beschreibst, hat auch damit zu tun, dass ich den „Labelabend-Gedanken“ fallen gelassen habe. Im letzten Jahr fand ich es wichtig, all die verschiedenen Labels zu repräsentieren. Sie stellten und stellen für mich nämlich jene Strukturen dar, welche das Gesamte, welche die Poplandschaft irgendwie zusammenhalten. Das Problem in diesem Zusammenhang stellte sich in diesem Jahr aber so dar, dass wir an einen Punkt gelangt sind, an dem viele Künstler und Künstlerinnen damit begonnen haben, mit eigenen Labels an Start zu gehen. Was im Moment auch das Setup zu sein scheint. Das hat sich besonders innerhalb des letzten Jahres in dieser klaren Form herausgestellt. Was gleichzeitig aber auch dazu geführt hat, dass ich dadurch eine gewisse Freiheit gewonnen habe. Während 2010 im Rahmen der Spätschiene immer ein ganzes Packet von Acts eines einzigen Labels auf der Bühne zu sehen war, konnte man jetzt von Band zu Band oder Act zu Act frei gruppieren.
Es gibt schon noch so kleinere Geschichten, so hat etwa comfortzone am ersten Tag mit Cherry Sunkist und Crazy Bitch in a Cave zwei Acts hintereinander am Start, aber grundsätzlich ist alles recht durchmischt. Wobei ich beim Hip Hop eine Ausnahme gemacht habe, weil ich glaube, dass man diesem eine Art „Clubabend-Phänomen“ gönnen muss, sonst funktioniert das nicht ganz. Ein Hip Hop Act zwischen einer Rockband und einem Singer/Songwriter ergibt nicht wirklich einen Sinn, weil die Hip Hop Kultur ja doch eher aus den Jams herausgewachsen ist. Es war aber schon lustig, die Acts in das Programm einzubauen. Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, in der HipHop-Acts zurückgescheut hätten, bei etwas zu spielen, das Popfest heißt. Weil sie sich am Anfang ja außerhalb der Popkultur begriffen haben. „Pop“ war ja ein Schimpfwort in der Hip Hop-Geschichte. Das hat sich ja inzwischen alles ja total entspannt. Aber es für mich war eben auch wichtig, dieser Musikrichtung eine größere Fläche zu schaffen.
Aber ja, es stimmt schon. Es ist schon Absicht, heuer alles viel weiter zu fassen. Meine Radiosendung stellt ja das genaue Gegenteil dar. In der gehe ich ja auf einen bestimmten Sound hin. Wobei ich dazu sagen muss, dass mein eigener Geschmack ja ebenfalls wie weiter geht, als in der Radiosendung dargestellt. Aber umgekehrt ist es hier, beim Popfest, so, dass ich keinesfalls will, dass man die Darstellung meines Geschmacks vermuten könnte. Das wäre langweilig.
Du als ein in London lebender Musikkenner, wie siehst du, mit etwas Distanz, die internationale Wirkung des heimischen Pop-Phänomens. Wird dieses im Ausland überhaupt wahrgenommen?
Robert Rotifer: Ich glaube nicht sehr. Wir haben es grundsätzlich mit einem globalen Problem in der Popmusik zu tun. Es ist immer noch so, dass der anglo-amerikanische Konsens alle anderen Sachen beherrscht. Blickt man alleine nur auf die Festivals, welche in Europa stattfinden, sieht man, dass in welchem Bereich auch immer, ob nun Mainstream oder nicht, man überall eigentlich dieselben Acts, die eben gerade auf Tour sind, zu sehen bekommt. Was natürlich mit deren Netzwerken, Seilschaften und Booking-Agencies zu tun hat, die das alles ermöglichen. Die Headliner sind also überall dieselben. Es gibt dann in jedem Land ein, zwei große lokale Acts, die es dann ins Hauptprogramm mit hineinschaffen. Aber normalerweise sind die heimischen Acts unter den ganz, ganz vielen Vorbands zu finden. Und das ist beim Primavera Festival genauso wie beim Frequency. Das sind natürlich ganz hervorragende Festivals, auf die man sich als Konsument auch freut, das Problem ist aber, dass dieser Vorgang in die umgekehrte Richtung nicht durchlässig ist. Es gibt auf britischen Festivals fast keine anderen Bands. Klar, gibt es immer wieder Ausnahmen, die das schaffen. Man denke nur an manche isländische KünstlerInnen usw. Der Bassist meiner Band, der Brite Darren Hayman, meint dazu einfach: „Vergiss es, das interessiert die Leute nicht. Wir haben Kraftwerk gehört, die haben wir super gefunden. Wir lieben Krautrock usw. Aber wir haben einfach keine Zeit uns noch mit dem zu beschäftigen, was in Europa passiert.“ Das ist zwar entsetzlich und auch ich finde diesen Standpunkt unentschuldbar. Dennoch ist es ein Faktum.
Ich glaube, in Deutschland etwa ist der Markt so groß, dass man die eigenen Grenzen nicht so sehr wahrnimmt, wie man es in Österreich tut. Hannes Tschürtz hat es in seinem Blog sehr treffend beschrieben. Er meint, dass Österreich fast schon ein Übergewicht an Bands hat. Es gibt so viele gute Dinge, aber einfach zu wenige Konsumenten und Platz dafür. Auch für Live-Gigs, um sich auszubreiten. Ich sehe das selbst auch an meiner eigenen Booking-Situation. Die Orte, an denen man spielen könnte, sind randvoll mit Bands. Es ist aber ein Problem, dass ein Problem der Popkultur an sich ist. Das Problem haben holländische Bands und spanische genauso, vielleicht weniger französische und deutsche, weil eben deren Markt groß genug ist. Aber wie genau das sich lösen lässt, weiß ich auch selber nicht.
Fordert es vielleicht mehr Eigeninitiative der Bands. Man denke nur an Ja, Panik, die nach Berlin gegangen sind und seitdem auf einem guten Weg zu sein scheinen.
Robert Rotifer: Ja, natürlich. Das haben Ginga auch gemacht und auch Bench, der beim Popfest spielen wird. Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass es so funktionieren wird oder soll. Dass man anderswo dadurch ein Wien-Phänomen wahrnimmt. Ich kann mich an die ganze Downbeat-Sache in den 90er Jahren erinnern, als man Wien einen eigenen Sound zugeschrieben hat. Schon damals waren Leute wie der Werner Geier mit dieser Wahrnehmung sehr unzufrieden. Nicht nur, dass sofort Trittbrettfahrer auf den Plan treten, den Sound nachzumachen. Auch die ganze Idee – und ich weiß, manche sehen das anders -, eine ganze Stadt als Identität zu vermarkten, scheint nicht wirklich erstrebenswert. Der Act an sich soll spannend sein. Du hörst ja auch nicht London-Musik. Das wäre ja tragisch. Ich glaube, es ist gut und machbar, und es hängt nicht einmal so sehr von der Sprache ab, als Figur im Ausland zu strahlen. Aber wir würden eine falsche Strategie verfolgen, würden wir sagen, die Welt sollte auf Wien als Popstadt schauen. Das ergibt sich von selbst in dem Moment, wenn vier, fünf erfolgreiche Sachen auf der Bildfläche erscheinen. In Großbritannien wollen sich alle, sobald es ein Stadtphänomen gibt, sofort von diesem distanzieren. Und das vollkommen zu Recht. Denn sie wollen für sich selbst wahrgenommen werden.
Vielen Dank für das Gespräch.