mica-Interview mit Martin Philadelphy

Martin Philadelphy zählt zu den wahren Improvisationskünstlern des Landes. “Einfach drauf losspielen und schauen was dabei herauskommt”, so könnte das Motto des Ausnahmegitarristen lauten. Im mica-Interview mit Michael Masen erzählt der im Moment in Portugal groß aufspielende Gitarrist über die Freuden und Leiden eines Berufsmusikers.
Du bist Berufsmusiker. Wann hast du dich für diese Karriere entschieden und was war der Anstoß dafür?

Martin Philadelphy: Eigentlich habe ich mich erst relativ Spät für diese Laufbahn entschieden. Ich habe zwar früh gewusst, was meine Berufung ist, das dann aber erst spät umgesetzt, würde ich sagen. Der Ausschlagpunkt war ein schwerer Unfall. Ab diesem Zeitpunkt habe ich gewusst, so mache ich jetzt nicht mehr weiter, ich greife mir ein Instrument und fange an.

Wie alt warst du da?

Martin Philadelphy: Da war ich 21.

Was war das für ein Unfall, der quasi deine Karriere in Gang gesetzt hat?

Martin Philadelphy: Das war ein Fahrradunfall. Ein Stoppschild hat sich durch einen Metallschranken in mein Leben materialisiert.

Was hast du vor diesem Unfall gemacht, wenn du nicht gerade Rad gefahren bist?

Martin Philadelphy: Ich bin von Innsbruck bis nach Italien spaziert. Jobtechnisch von Altenpfleger, Krankenpfleger bis Klavierbauer, Schlosser.Lebenskünstler halt. Aber Krankenpfleger war ich am längsten.

Hast du eine Ausbildung als Krankenpfleger?

Martin Philadelphy: Nein. Zu der Zeit, als ich angefangen habe, hat man das einfach als soziale Tätigkeit machen können. Ich habe da ohne jede Ausbildung Katheder gelegt, Einläufe gemacht, Spritzen gesetzt, usw. Das kann man sich ja heute gar nicht mehr vorstellen. Da wurde man gleich als “sozialer Hilfsdienst” eingestellt; heutzutage muss man dafür einen zweieinhalb jährigen Kurs absolviert haben.

Mit was für einer Band hast du dann angefangen, bzw. wie hast du dann dein Berufsmusiker-Dasein gestartet?

Martin Philadelphy: Das war echt witzig, eine schöne Geschichte. Ich war irgendwann in der Klinik beim Arbeiten und dann habe ich gewusst, ist mir klar geworden, ich muss JETZT gehen, ich muss genau jetzt den Job kündigen, mir genau jetzt eine Gitarre kaufen, ich kann nicht bis abends warten, bis der Job zu Ende ist und ich wieder in den ganzen Trott verfallen bin.ich muss das genau jetzt machen. Dann habe ich mir jemanden gecheckt, der für mich die Schicht zu Ende macht und habe gesagt “so pfiat euch, i wird’ jetzt Musiker”. Tja, und seit dem habe ich nichts mehr anderes gemacht.

Und wie hast du das angefangen?

Martin Philadelphy: Ich habe mir eine Gitarre gekauft und ich habe immer schon gesungen und dann einfach eine Stunde Programm mit den Beatles oder Cat Stevens, usw. zusammengestellt und innerhalb von zwei Wochen habe ich dann gleich ein Cover-Version-Programm für die Straße gehabt. Und dann habe ich mich damit auch gleich auf die Straße gestellt?

Bist du Autodidakt, oder hattest du auch irgendwann mal Unterricht?

Martin Philadelphy: Ich habe mir alles selbst beigebracht.

Und wo auf der Straße hast du überall gespielt?

Martin Philadelphy: Eigentlich nur in Milano. Als Straßenmusiker lernt man extrem viel über Menschen, vor allem fallen einem irrsinnig viele Kleinigkeiten auf. Am Anfang hockt man sich auf die Straße hin und spielt und dann merkt man irgendwann, irgendwas passt da nicht. Es entsteht keine wirkliche Kommunikation zwischen mir und den Menschen. Ich habe gemerkt, dass die alle an mir vorbei gehen und zu mir runter schauen und ich habe mir gedacht, wir müssten uns eigentlich auf derselben Ebene begegnen. Daraufhin bin ich aufgestanden und sofort habe ich mehr verdient. Das Spielen auf der Straße ist daher so eine Art soziologisches Studium, man lernt viel über die Menschen. Dann hat es auch eine Zeit gegeben, wo ich mir jemand zweiten gesucht habe und wir beispielsweise in der U-Bahn gespielt haben. Da springst du dann rein in den Waggon und von einer Station zur anderen geht sich vielleicht eine dreiviertel Strophe “Let it be” aus. Damals hat sich so was noch ausgezahlt. Dazu muss man aber auch mit dem nötigen Selbstbewusstsein auftreten. Aber oft haben wir dort innerhalb einer Stunde mehr verdient, als ich jetzt habe.

Wie hat sich dann der Schritt zur ersten Studio-Aufnahme gestaltet?

Martin Philadelphy: Das Leben als Straßenmusiker ist eben auch ziemlich anstrengend. Ich bin zwar sozusagen immer noch ein Vagabund, aber auf der Straße ist das halt alles ziemlich anstrengend. Außerdem kann man an nichts arbeiten, das auch irgendwie hält, dauerhafter und für die Zukunft ist. Wo einfach irgendetwas bleibt. Da habe ich dann mit den ersten Solo-Projekten angefangen, von denen aber keine Tonträger existieren. Am Anfang habe ich stark auf die Humor-Schiene gesetzt, Kabarett-Programme vermischt mit Musik.

Ich habe gelesen, dass du auch schon was mit Josef Hader gemacht hast.

Martin Philadelphy: Ja, das war ganz am Anfang, bei einer Wanderausstellung für SOS-Mitmensch. Als ich begonnen habe, habe ich auch alleine wirklich recht schnell große Erfolge gehabt. Da habe ich mir dann gedacht, “das ist aber leicht gegangen, jetzt hab’ ich’s geschafft”. Nein, aber es ist für mich von Anfang an wirklich sehr gut gelaufen. Vielleicht auch, weil ich vor wirklich nichts zurückgeschreckt bin und auch ziemlich aggressiv und bissig vorgegangen bin. Für manche extrem anziehend, andere wiederum haben es abstoßend gefunden. Aber es hat mich gleich ziemlich schnell weiter gebracht, ich habe überall recht gute Kritiken bekommen und schließlich wurde ich eben gefragt ob ich nicht bei dieser Wanderausstellung für SOS-Mitmensch mitmachen möchte, bei der eben auch der Josef Hader dabei war.

Bereust du, jetzt im Nachhinein gesehen, irgendeine Entscheidung, oder hättest du irgendetwas lieber anders gemacht?

Martin Philadelphy: Die Frage habe ich mir ehrlich gesagt, noch nie gestellt. Es gibt da eine CD, die ich aufgenommen habe, wo ich mir denke, die hätte ich mir sparen können, die “Heimgespinste”, auf der ich für mich eigentlich meinen Frust raushöre, dass ich kompositorisch und musikalisch viel mehr draufgehabt habe, als ich mit der Aufnahme umgesetzt habe und was für mich damals möglich war. Aber eigentlich bin ich auch froh, dass ich die CD aufgenommen habe, sonst könnte ich nicht sagen, ich habe eine CD aufgenommen, die ich mir hätte sparen können. Trotzdem würde ich jederzeit die Kohle, die ich dafür rausgeworfen habe, zurücknehmen und was anderes machen.

Ich habe gelesen, dass du auch mit Musikern von Tom Waits zusammengearbeitet hast.

Martin Philadelphy: Das ist der Marc Ribot, mit dem ich schon in New York und auch in Wien zusammengearbeitet habe. Er ist mittlerweile ein recht guter Freund von mir geworden und wir haben in New York schon zwei Mal zusammen gespielt. Das ist dort alles eine Crew, wo ich irrsinnig gerne hinein kommen würde. Und auch John Zorns Tzadik Label übt eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Und in Japan würde ich auch sehr gerne etwas Fuß fassen.
Jedenfalls möchte ich sehr gerne die Brücken, die ich nach Amerika geschlagen habe, festigen. Es ist ja doch schon viel passiert. Zwei oder dreimal sind Sachen von mir in der “Village Voice” zur besten CD gewählt worden, auch die eher poppigen.

Hast du vor, deinen Wohnsitz einmal ganz nach Amerika zu verlegen?

Martin Philadelphy: Wohnsitz eigentlich nicht, aber vielleicht meinen Arbeitsmittelpunkt. Mein Traum ist, einmal ein Haus zu haben, wo ich zum nächsten Nachbarn eine halbe oder dreiviertel Stunde durch den Wald gehe. Und natürlich mit eigenem, großen Tonstudio im Keller. Ich brauche einfach so Rückzugsmöglichkeiten. Eigentlich bin ich ja ein Naturbursch und nur wegen dem Job in der Stadt.

Wie wird deine Arbeit in Österreich wahrgenommen?

Martin Philadelphy: Ich spiele viel, also nehme ich an, das ich auch wahrgenommen werde. Die Labels und Vertriebe helfen mir auch ein wenig. Viele Journalisten reagieren positiv und einige ignorieren mich, aber das geht wohl jedem so.

Du hast ja auch ein eigenes Label gegründet. Warum? An Unterbeschäftigung kann es ja nicht gelegen haben.

Martin Philadelphy: Ich wollte nicht warten und mich einfach nicht abhängig machen. Ich wollte auf jeden Fall touren mit den CD’s und bevor ich wie andere einfach abwarte, frustriert werde und zu schimpfen anfange, mache ich einfach mein Ding.und schimpfe dann.

Bringst du auf dem Label nur eigene Sachen raus, oder auch was von anderen Künstlern?

Martin Philadelphy: Ich habe einmal eine CD gemacht, wo ich wirklich nur der Produzent war. “Rubadub Dancehall”, ein Sampler mit heimischem Regga. Da sind die Musiker zu mir gekommen, weil Hoanzl sie nicht machen wollte. Die haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mitzuhelfen und die Platte zu machen. Und da ich mit Hoanzl noch so eine Rechnung offen gehabt habe, habe ich mir gedacht, das mache ich, das macht Spaß.

Würdest du gerne öfter als Produzent fungieren?

Martin Philadelphy: Derzeit habe ich einfach keine Zeit für so was. Das hat sich halt so ergeben. Da habe mich meine Energie und vielleicht 200 Euro an finanziellen Mitteln hineingesteckt, also fast nichts, kann man sagen. Ich habe als dabei nicht draufgezahlt. Es war mir eine Freude, dass ihnen das getaugt hat.aber bevor ich das wieder machen würde, müsst ich einfach größer sein. Das ist halt eine komplexere Sache und man muss einfach eine größere Firma sein, damit das reibungslos läuft. Aber interessieren würde es mich auf jeden Fall.

Wie viele Projekte hast du aktuell gerade am laufen?

Martin Philadelphy: Vier oder fünf. Das eine ist gerade richtig am Werden und wird total schön.

Worum geht es bei dem?

Martin Philadelphy: Um Vertonungen von Robert Gernhardt Gedichten. Eigentlich kennt jeder Robert Gernhardt, er hat über 80 Prozent vom Siebziger-Jahre Otto Programm geschrieben und auch unzählige Preise verliehen bekommen, darunter den Brecht-Literaturpreis, den Kästner-Preis, usw. Für manche der Hero schlechthin. Er ist auch der Begründer vom Titanic-Magazin. Im August 2006 ist er verstorben, ich hatte aber noch das Glück, ihn persönlich kennen lernen zu dürfen und die Rechte, die Gedichte verwenden zu dürfen, zu bekommen. Ich bin wirklich extrem stolz auf das Projekt. Das wird ein akustisches Songwriter-Projekt mit wunderschönen Songs, das wie aus einem Guss klingt. Aber das wusste ich schon vorher, weil Robert Gernhardt mir wirklich so aus der Seele schreibt. Ich habe einen Bericht im “Profil” gelesen, wo er geschrieben hat, er wäre auf der Suche nach einem Komponisten, es wisse aber niemand, wie er mit seinem Material umgehen soll und ich habe dann eben was gemacht, ihm geschickt und er war total begeistert davon. Und so ist das eben alles entstanden und schließlich auch dazu gekommen, dass ich jetzt nach über zwei Jahren die Nutzungsrechte an seinem Material bekommen habe.

Ein anderes deiner Projekte ist 6to6 String Dezibel. Was kannst du darüber erzählen?

Martin Philadelphy: Das ist für mich derzeit ein ganz wichtiges Projekt, weil ich es auch gerade komplett umkonzipiert habe. Am Anfang hatte ich als Mitspieler zwar die Mega-Kapazunder, wie Burkhard Stangl, Martin Siewert oder Karl Ritter, die größten Gitarristen, Avantgardisten, Österreichs eben. Leider ist das Konzept, dass alles eine Gitarre ist, nicht so aufgegangen, wie ich mir das vorgestellt habe und wenn man sich die Aufnahmen anhört, so könnten das auch drei Gitarristen sein, die mit irgendwelchen Effekten spielen. Aber man hört das Konzept nicht heraus. Das erkennt man nur bei den Kompositionen. Und ich habe mir dann gedacht, ich werde das Projekt verkommerzialisieren; das Projekt ist schon so schräg an sich, dass wir auch “Morning has broken” spielen können.
Von dem habe ich dann auch eine Cover-Transkription geschrieben und beim ersten Konzert präsentiert und das ist auch bei den Leuten wirklich super angekommen. Wer spielt mit seinem Projekt schon “Morning has broken”? Mit 6to6 String geht das aber, weil das Endergebnis dann wirklich schon weit weg ist vom Original. Ich wollte das Projekt immer mehr zu einem Image hin bringen. Wie die Leningrad Cowboys etwa, eine schräge Rockband und auch eher klangmäßig von der Avantgarde weg kommen. Das ist dann auch etwas publikumsfreundlicher. Diese Interaktion ist mir auch total wichtig.

Hast du schon mal überlegt, auch für andere Leute Stücke zu schreiben?

Martin Philadelphy: Sicher. kommt drauf an.

Du bist ja quasi ständig auf Tour mit einem deiner unzähligen Projekte. Machst du auch mal Urlaub?

Martin Philadelphy: Doch, schon. Urlaub ist für mich im Studio sein. Nichts anderes tun, als an Musik zu denken.

Wie lange machst du das jetzt schon so?

Martin Philadelphy: Ich bin jetzt 36, also seit 15 Jahren. Wie schon gesagt, wirklich noch nicht so lange, nur habe ich eben von Anfang an dann ziemlich stark Gas gegeben und sonst alles andere liegen und stehen gelassen.

Mittlerweile gibt dir ja auch der Erfolg recht.

Martin Philadelphy: Ja, ich kann glaube ich wirklich ganz zufrieden sein. Obwohl ich denke, dass mir anfangs in Österreich auch mein Name etwas im Weg gestanden ist, weil alle annehmen, Philadelphy wäre ein Künstlername und für einige das irgendwie überheblich wirkt. Im Gegensatz dazu ist der Name in Amerika wieder top, da hat das schon wieder irgendwie Exotenstatus.
Überhaupt habe ich mit meiner Frechheit einfach auch immer wieder Glück gehabt, damit habe ich in New York Sachen geschafft, wo andere sich auf den Kopf greifen würden. Zum Beispiel habe ich hier in Österreich eine Tour abgebrochen, weil ich mit den Musikern unzufrieden war, bin nach New York geflogen und habe dort einfach Victor Jones angesprochen, ob er nicht was mit mir machen will und er hat zugesagt. Ich habe bei so was einfach keine Hemmungen, überall anzuklopfen. Den Joe Zawinul habe ich auch mal angerufen und gefragt, ob er nicht einen Schlafplatz für mich hätte.

Was hat er gesagt?

Martin Philadelphy: Der hat mich nur gefragt, ob ich spinne. Aber kennen tut er mich bestimmt noch.

Organisierst du deine ganzen Touren und das Rundherum eigentlich alles selber?

Martin Philadelphy: Momentan ja. Aber vielleicht hab ich jetzt bald eine Managerin. Mir wächst nämlich die ganze Arbeit gerade wirklich ziemlich über den Kopf. Die ganzen Touren, dann habe ich vor, noch heuer vier Produktionen zu machen, die Presse-Arbeit zu den ganzen CD’s, nebenher auch noch komponieren, dann würde ich auch gerne viel mehr Tanz machen. Über Tanzmusik habe ich es ja in die E-Musik geschafft.

Was hast du da gemacht?

Martin Philadelphy: Kompositionen für die Willi Dorner Companie. Das ist eineinhalb Wochen im Tanzquartier gelaufen. Damit waren wir auch in Polen, Deutschland und Tschechien.

Geschauspielert hast du ja auch.

Martin Philadelphy: Ja, im Film “Die Grauzone” habe ich mitgewirkt. Der ist jetzt auch schon zweimal auf ARTE gelaufen und hat in Saarbrücken auch den Max Ophüls-Preis gewonnen. Ein Film mit Georg Friedrich und eben mir in der Hauptrolle. Zwei Brüder. Ich spiele einen Behinderten. Den hat mir auch jeder immer total abgenommen. In Saarbrücken hat der Georg Friedrich sogar eine Kritik bekommen, wo geschrieben wurde “.Georg Friedrich, besonders hervorzuheben, wie er natürlich bleiben kann, auch in der Arbeit mit Behinderten”. Daraufhin habe ich denen ein E-Mail geschickt, in dem ich gemeint habe, “wenn ich wirklich behindert wäre, würde ich mich beschweren, dass mein Name nicht angeführt worden ist”. Das haben die dann so witzig gefunden, dass das ARTE-Team mich zum Interview eingeladen hat.

Treibt dich noch irgendetwas zurück auf die Kleinkunstbühne, gibt es in diese Richtung noch irgendwelche Ambitionen deinerseits?

Martin Philadelphy: Das Songwriter-Ding mit dem Robert Gernhardt ist zwar auch witzig, aber vom richtigen Kabarett habe ich mich eigentlich verabschiedet. Ich bin da nicht so der Partymensch und Spaßmacher. So was ist auch irrsinnig schwer durchzuziehen, gerade wenn man jetzt nicht gerade in der Stimmung dafür ist. Für mich ist Humor etwas, worüber man nachdenklich schmunzeln kann, auch schon mal zwei bis drei Wochen später.

Noch mal zurück zur Musik. Kannst du noch etwas über das Konzept deines Projektes Paint erzählen?

Martin Philadelphy: Das Spezielle dabei und das ist glaube ich auch der Grund, warum das in Amerika, aber auch hier, Erfolg gehabt hat, ist, dass ich eigentlich keine Jams mag. Jammen ist langweilig. Und bei Paint war mir einfach immer wichtig, dass wir uns Begriffe ausmachen, z.B. An old woman is slowly walking through the rush hour, dass sich da jeder die alte Frau vorstellt, wie sie da gemütlich durch die Rush Hour spaziert und das dann auch spielt – ohne zu proben. Man stürzt sich einfach in die Musik, in eine Zwischenwelt. Ich bin ja kein Jazzer, zumindest nach europäischen Begriffen würde ich mich nicht als Jazzer bezeichnen, da läuft sehr viel über die Theorie. Der amerikanische Jazz-Begriff beinhaltet dagegen mehr pragmatische Aspekte, worin auch ich mich eher wieder finde.

Setzt ihr euch für diese Improvisationen irgendein Zeitlimit?

Martin Philadelphy: Ich sage den Musikern immer, sie sollen sich zurückhalten. Es ist geplant, für ein Stück höchstens sechs bis zehn Minuten zu brauchen und alles so kompakt wie möglich zu halten.

Woher stammen die einzelnen Themen. Fallen die euch auch spontan ein?

Martin Philadelphy: Meistens habe ich einen Zettel mit Begriffen dabei, die ich mir bereits ausgedacht habe. Irgendetwas, was mir am Herzen liegt, oder was mich gerade interessiert, so was eben. Aber wir spielen auch Begriffe, die sich das Publikum wünscht. Einmal hatten wir z.B. eine rosa Plüschdecke. So was ist oft sogar das Beste. Da kann man dann einfach das Hirn ausschalten und einfach spielen und die Musik bekommt mehr Charakter, irgendwie eine Mischung aus Rock und Ensemble Moderne. So würde ich den Stil von Paint beschreiben.

Wie geht ihr dann mit diesen Begriffen bei Album-Produktionen um? Nehmt ihr euch da mehr Zeit?

Martin Philadelphy: Nein überhaupt nicht. Das sind auch alles Konzerte. Alle Paint CD’s sind auf Konzerten aufgenommen worden. Die erste Paint-CD z.B. wurde nur mit Mini-Disk-Player aufgenommen. Aber die Musik war so gut, da hat einfach alles gepasst, die musste ich einfach raus bringen, obwohl ich eigentlich ein schlechtes Gewissen gehabt habe. Der klanglichen Aufnahmequalität wegen.

Danke fürs Interview.

Michael Masen

 
Martin Philadelphy