
Seit Ende letzten Jahres bietet das Internet-Video-Portal Screensessions.com Musikschaffenden die Möglichkeit, ihre Videos kostenlos einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können. Im mica-Interview mit Michael Masen stellt Marco Celeghin das Portal, sowie das zugrunde liegende Konzept von „Screensessions“ vor.
Kannst du bitte einen kurzen Überblick über das Portal screensessions.com geben. Welche Funktionen, welche Möglichkeiten werden geboten?
Das Portal ist eine gute Möglichkeit für Bands, die ein Musikvideo gemacht haben, dieses einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Zusätzlich kann man Infos über die Bands geben und auf diese Art zeigen, wie qualitativ hochwertig die heimische Underground-Musikszene ist – sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Durch das Portal sind wir jetzt auch das ganze Jahr über präsent. Davor waren wir aufgrund unseres zweitägigen Festivals für relativ kurze Zeit in den Medien vertreten. Jetzt sind wir wirklich zwölf Monate im Jahr lang da und können Bands unterstützen.
Zusätzlich zum Webportal treffen wir uns monatlich in einem Lokal, eine Art Stammtisch also, wo man sich untereinander austauschen kann. Wenn beispielsweise eine Band ein Video machen will, aber niemanden kennt, der das auch realisieren kann, dann können wir das vermitteln. Dort können wir ganz ungezwungen bei einem Bier über die Musikszene plaudern, übers Musik machen, über Bands und einfach auch Kontakte knüpfen.
Wir sind jetzt jedenfalls zwölf Monate lang im Jahr für Bands und Video-Künstler da, die gerne etwas machen würden. Dabei unterstützen wir nicht bloß im Video-Bereich, sondern auch bei der Vermittlung von Gigs, oder allgemein bei der Herstellung von Connections zur Musikszene, zu Kleinlabels oder Veranstaltern. Zusätzlich treten auch wir selbst als Veranstalter in Erscheinung. Wir möchten den Bands einfach die Möglichkeit zur Präsenz bieten.
Wie viele Mitglieder sind aktiv am Portal Screensessions beteiligt?
Wir sind fünf Leute, plus zwei Webdesigner vom Designstudio “Büro Sterngasse”, die für uns innerhalb kurzer Zeit das Webportal gemacht haben. Das fünfköpfige Screensessions-Team kommt eigentlich vom Verein Pura Vida. Im Team selbst sind dann eben die verschiedenen Aufgabenbereiche von Presse, über Sponsoring bis hin zur Programmierung aufgeteilt.
Du hast eben auch angesprochen, dass das Portal durch Sponsoring finanziert wird. Für die Bands selbst ist das Einstellen der Videos also kostenlos?
Absolut. Jede einzelne Aktivität in Zusammenhang mit Screensessions kostet der Band überhaupt nichts. Einfach nur uploaden. Oder, wenn man beim Festival mitmachen möchte, dann mir das Video schicken. Entweder auf Mini-DV-Kassette, als AVI-Datei oder einfach auf CD. Der genaue Vorgang ist auf der Webseite angeführt.
Wie funktioniert das Einstellen der Videos? Ist das so, wie bei beispielsweise Youtube, wo jeder einen Account kreieren und dann eigenständig Videos hoch laden kann, oder schicken die Teilnehmer die Videos an euch und ihr stellt sie ein, bzw. schaltet sie frei?
Im Prinzip funktioniert es ähnlich wie Youtube. Jeder kann Sachen uploaden, in einer Vielzahl verschiedener Formate. Der einzige Unterschied ist, dass die Videos nicht gleich zu sehen sind. Die müssen nach dem Uploaden erst von uns freigeschalten werden. Wir müssen da vor allem hinsichtlich möglicher rechtlicher Schwierigkeiten aufpassen. Wenn jemand beispielsweise ein eigenes Video zum neuesten George Michael Song macht, können wir das natürlich nicht veröffentlichen. Es muss aus Copyright-Gründen Originalmaterial sein. Der einzige Unterschied zu anderen Portalen besteht bei uns also im Prinzip darin, dass das jeweilige Video erst nach kurzer Durchsicht frei geschalten wird.
Ist das Portal auf Musikvideos beschränkt?
Ja . Die ursprüngliche Idee zu Screensessions war es, Musikvideos und vielleicht noch Musik-Dokus zu veröffentlichen. Mit der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass es ziemlich schwierig ist, eine gute Dokumentation zu machen, vor allem, weil sie für gewöhnlich länger ist, als ein Musikvideo. Musikvideos machen, hat einfach für die Bands viel mehr Sinn.
Wären auch reine Konzertmitschnitte möglich? Also, wenn die Band jetzt ein komplettes Konzert mitgeschnitten hat und das veröffentlichen möchte.
Nein, denn wenn wir so anfingen, dann würden wir ziemlich rasch an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen. Im Endeffekt soll die Plattform ein Band-Promotion-Mittel sein und ich glaube, dass es für die Bands selbst auch besser ist, sich der Öffentlichkeit mit kürzeren Videos zu präsentieren, als mit beispielsweise 60minütigen Konzertmitschnitten. Letztere werden sich wohl nicht viele Leute, die die Band gar nicht kennen, anschauen. Hingegen ist es wenig zeitaufwändig, sich zwischendurch mal ein drei- bis fünfminütiges Video einer Band anzusehen. Hinsichtlich Promotion ist diese Vorgangsweise sicherlich zweckdienlicher.
Soweit ich weiß, gibt es euch jetzt ein Jahr lang. Wie ist die Resonanz, die ihr in dieser Zeit bekommen habt? Gibt es mittlerweile viele Bands, viele Teilnehmer, die euer Angebot auch wahrnehmen?
Eigentlich gibt es Screensessions jetzt bereits seit 2003. Die erste Version davon habe ich ganz alleine, innerhalb von drei Monaten, gemacht. Ab 2005 wurde die Idee dann zusammen mit Pura Vida erweitert und das Projekt ist jedes Jahr kontinuierlich größer geworden. Seit Anfang Dezember haben wir nun das Webportal und im April wird auch wieder das zweitägige Festival stattfinden.
Die Resonanz ist seit das Portal online gegangen ist, ganz gut. Erfahrungsgemäß bekommen wir die Einsendungen immer gegen Ende der Einsendeschluss-Periode. Über die Webseite haben wir seit Ende letzten Jahres zehn bis zwölf Videos bekommen und per Post habe ich auch noch einiges zugeschickt bekommen. Für diesen, noch relativ frühen Zeitpunkt, ist das eigentlich schon außergewöhnlich gut. Im Vergleich zu vergangen Jahren ist jetzt jedenfalls schon mehr Resonanz zu bemerken.
Bei Durchsicht der Homepage ist mir eine Rubrik namens “Featured Videos” aufgefallen. Von wem werden die Videos, die da gefeatured werden, ausgewählt und nach welchen Kriterien?
Was genau meinst du jetzt mit “Featured Videos”?
Auf der Homepage gibt es diese Rubrik, in der, so wie ich das verstanden habe, ihr irgendwelche, von euch ausgewählten Videos vorstellt.
Unter dieser Rubrik ist es derzeit so, dass wir für uns selbst ein wenig Werbung machen. Momenten enthält sein einen circa fünfminütigen Zusammenschnitt vom Screensessions 2006. Darauf ist eine kleine Zusammenfassung zu sehen, was während dieser beiden Tage passiert ist. Das war einfach so ein Selbst-Promotion-Ding.
Das Web-Portal selbst ist demokratisch organisiert. Wir wollen nicht auswählen oder über die Webseite irgendwie unsere eigenen Präferenzen ausdrücken. Das passiert dann sowieso, wenn wir das Programm fürs Kino zusammenstellen müssen. Dann werden diejenigen Videos ausgewählt, die zusammen ein gutes Programm ergeben, für die Zuschauer interessant sind und die einen guten Querschnitt der österreichischen Musikszene bilden – alle Genres, von schrägsten Elektronik-Sachen, über Jazz bis hin zum Hip Hop. Die Musikrichtung ist uns vollkommen egal. Wir wollen einfach einen möglichst vollständigen Überblick über die österreichische Underground-Szene bieten.
Auf der Ebene des Webportals selbst, gibt es jedoch im Prinzip keine Videos, die jetzt besonders, als “Featured Videos”, hervorgehoben werden. Sehr wichtig bei Screensessions ist es, dass wir uns eben nicht als Wettbewerb verstanden wissen wollen. Ob ein Video jetzt technisch aufwändiger umgesetzt wurde, als das andere, das ist uns egal. Was zählt, ist Kreativität.
Auch beim Festival wollen wir es tunlichst vermeiden, MTV-Assoziationen aufkommen zu lassen. Eineinhalb Stunden MTV auf Kinoleinwand will niemand sehen. Das braucht einfach kein Mensch. Wir wollen lieber etwas Interessantes zeigen. Das ist unser Haupt-Feature.
Beim Wettb

Einen großen Programmschwerpunkt des Festivals, nämlich, dass ausgewählte Videos präsentiert werden, hast du ja bereits angesprochen. Wie gestaltet sich das restliche Programm?
Es handelt sich dabei um ein zweitägiges Festival. Das erste Highlight dabei bildet eben das Kino-Screening, das jedes Jahr aufs Neue ein ganz besonderes Ereignis darstellt. Ich freue mich wirklich schon sehr auf diesen Abend. Das Filmcasino ist auch mein Lieblingskino in Wien – ich glaube auch, eines der schönsten Kinos überhaupt, die ich je gesehen habe. Es herrscht da so eine Art Award-Ceremony-Atmosphäre, wenn man das Kino betritt.
Was mir auch sehr am Festival gefällt, ist, dass wirklich jedes Video von den anderen teilnehmenden Künstlern sehr respektiert wird. Da verlässt keine Band den Saal, sobald das eigene Video gelaufen ist. Die Leute bleiben wirklich dort sitzen und schauen sich das ganze Programm an und freuen sich darüber. So und nicht anders soll das auch sein, dafür ist das Festival gedacht. Andere Bands kennen zu lernen, andere Videokünstler, Leute von anderen Labels, Lokalbesitzer – sich ganz einfach austauschen zu können. All diese Leute sind an diesem Tag im Kino und es ist wirklich eine wunderbare Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Nach dem Screening gibt es dann noch immer eine kleine After-Party mit ein paar DJs, die auch immer sehr cool ist und die Atmosphäre noch ein wenig lockerer.
Am nächsten Tag treten dann einige der Bands vom Vortag live auf, im B72 und im Rhiz. In letzterem eher die elektronischen Acts und im B72 dann die Rockbands. Zur Festival-Atmosphäre trägt hier auch bei, dass in beiden Locations freier Eintritt ist. Da kann man dann zwischen den beiden Lokalen am Gürtel einfach hin und her spazieren und sich das ansehen, was einen interessiert. Einen ersten Eindruck, wie die Bands klingen, konnte man ja bereits am Vortag beim Screening bekommen. Danach stehen dann auch wieder DJ-Sets auf dem Programm. Das hat sich in den letzten beiden Jahren schon sehr gut bewährt. Wir hatten immer ziemlich viele Besucher und auch seitens der Bands waren immer alle sehr zufrieden.
Durch diese Kombination aus Video- und Live-Präsentation bekommt man schließlich auch wirklich einen sehr guten Eindruck davon, was die jeweilige Band zu bieten hat. Wir haben auch bereits Ideen, wie das alles in Zukunft weiter gehen könnte. Vielleicht eine Tour durch österreichische Kinos mit anschließendem Gig einer lokalen Band. Ich glaube, das ganze Projekt Screensessions lebt einfach von der lokalen Popularität von Bands.
Ihr habt auf der Webseite auch eine eigene Rubrik für Deutschland. Bekommt ihr von dort auch bereits Einsendungen? Wie sieht die Resonanz seitens ausländischer Künstler generell aus?
Ein paar Videos haben wir schon von deutschen Bands bekommen. Natürlich haben wir dort viel weniger Medienpräsenz als hier, weshalb es auch nur logisch ist, dass wir von dort weniger Einsendungen bekommen. Ein Video haben wir allerdings sogar aus Spanien zugesandt bekommen. Das heimische Kontingent auf der Homepage wird also stetig, wenn auch in geringen Mengen, durch Material ausländischer Künstler ergänzt.
Für mich persönlich ist es jetzt einmal wichtig, dass sich Screensessions in Österreich etabliert und wenn es hier dann gut läuft, auch in Deutschland. Dort bestehen eben schon grundsätzlich viel mehr Möglichkeiten für Bands, alleine weil es einfach ein viel größerer Markt ist.
Aber noch einmal, aufgrund des Lokalitätsprinzips funktioniert es überall, wo wir es machen. Wir können das genau so gut in Laibach oder Prag machen, mit den selben Effekten wie hier.
Vorausgesetzt, Screensessions läuft so, wie ihr euch das vorstellt, sind auch weitere Aktivitäten, wie beispielsweise, ein Label zu betreiben, geplant, oder kann das eher ausgeschlossen werden?
Ganz auszuschließen ist das sicher nicht. Wir arbeiten bereits eng mit einigen kleinen Wiener Labels, wie Konkord, zusammen, die auch Freunde von uns sind. Aber momentan haben wir keinerlei Ambitionen, mit Screensessions in diese Richtung zu gehen. Aber wie gesagt, kategorisch ausschließen können wir das auch nicht. Gerade konzentrieren wir uns aber darauf, dass das Portal in seiner ursprünglichen Idee immer besser wird und ich glaube, dass es besser ist, ein gut funktionierendes Netzwerk aufzubauen, als alles selbst zu machen.
Wir arbeiten super mit lokalen Bands und Labels zusammen und ich glaube, dass sich jeder auf das konzentrieren sollte, was er am besten kann und diese verschiedenen Talente dann eben vernetzen und gemeinsam mit anderen nutzen. Dadurch ist der Musikszene denke ich am besten geholfen.
Mit meinem Fragenblock bin ich jetzt eigentlich fertig. Gibt es noch etwas Wichtiges, das du hier im Interview auf jeden Fall noch erwähnt wissen möchtest?
Ja. Ich freue mich wirklich jedes Jahr aufs Neue auf das Screensessions Festival. Es ist immer eine großartige Zeit, Leute zu treffen, die ähnliche Interessen haben. Und bis jetzt hat es schon gezeigt, dass man den Untergrund ein wenig pushen und unterstützen, ihm etwas mehr Wert beibringen kann. Dafür sind wir da und wir haben schon Erfolge erlebt, die hoffentlich weiter anhalten werden. Ich hoffe, dass sich in Zukunft mehr und mehr Leute lokale, österreichische Bands ansehen werden, weil die Qualität jedenfalls vorhanden ist. Und wenn die Bands bereit sind, etwas zu machen, dann freuen wir uns darauf, sie dabei zu unterstützen und ihnen zu helfen.
Danke fürs Interview.