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Laura Rfetseder (c) Jürgen Plank

mica-Interview mit Laura Rafetseder

Die österreichische Singer-Songwriterin Laura Rafetseder stammt aus Amstetten und ist in einem sehr musikalischen Umfeld aufgewachsen: Ihr Vater war Mitglied der lokalen Band Ceterum Censio. Die Mutter, eine Englischlehrerin, hat stets englische Folksongs und Schlaflieder gesungen. Das so ein Apfel im Mostviertel nicht weit vom Stamm fällt, ist somit klar. Auf Laura Rafetseders Website steht, sie wäre am liebsten alle vier Beatles gemeinsam.

Wie ist denn das gemeint?

Laura Rafetseder: Ich habe als Kind sehr viel Musik von den Beatles gehört und bin besonders auf die Harmoniegesänge gestanden. Man sucht sich einfach immer gewisse Vorbilder und in dem Fall waren das halt die Beatles. Als Frau und allein tue ich mir viel schwerer als Vierer-Bands, die Beatles-Sound machen. Ich kann alleine mit der Gitarre nie wirklich einen Beatles-Sound machen. Trotzdem sind sie Songwriter-Vorbilder.

Du spielst nicht immer allein, sondern auch mit deiner Begleitband The Comrats. Wie wichtig ist dir dieses Bandgefüge?

Laura Rafetseder: The Comrats fangen dort an, wo meine Gitarrenkünste enden. Die Songs, die dann nicht mehr solo funktionieren werden von The Comrats ins Größere übersetzt. Es ist mein erstes Bandprojekt, da war am Anfang auch viel Kontrollverlust-Angst dabei. Weil auf einmal auch andere auf meine Songs zugreifen und etwas ändern und ich hatte nicht mehr die volle Kontrolle. Sie heben die Lieder einfach auf eine andere Ebene und man gewinnt etwas dazu. Gleichzeitig komme ich auch gerne auf mich und meine Gitarre zurück, weil es ein intimerer Rahmen ist.

Viele österreichische MusikerInnen werden musikalisch – besonders wenn sie vom Land kommen – mittels Volksmusik bzw. Blasmusikkapelle sozialisiert. Wie war das bei dir?

Laura Rafetseder: Ich habe einen Klavier spielenden Vater, der Bob Dylan rauf und runter gecovert hat. Die frühen Kindheitserinnerungen sind: Papa sitzt am Klavier und spielt. Meine Mutter hat uns immer englische Schlaflieder vorgesungen, das waren immer englische Folksongs. Ich habe Klavier gelernt, nicht sonderlich ausdauernd, weil ich nie geübt habe. Mit dreizehn habe ich mir die Gitarre gekrallt, habe drei Griffe gelernt und schon ist es losgegangen. Mein Papa hat englische Gedichte vertont und das war relativ einfach zu machen. Ich habe mir seine Bücher genommen und begonnen Songs zu schreiben. Insofern ist das bei mir stärker über die Familie gegangen.

Du hast gesagt, du hast drei Akkorde gelernt. Das klingt ja mehr nach Punk. Wie war der erste selbstgeschriebene Song?

Laura Rafetseder: Es war nicht Punk, denn Punk wäre ja mit Barré-Griffen auf der E-Gitarre. Die Sachen, die ich gehört habe, das war mehr in Richtung Folk und Singer-Songwriting. Das Fingerpicking hat bei mir geklappt, das Schlagen war nicht so meines und so war es am Anfang halt ein Akkorde-Aneinander-Reihen und irgendetwas kommt dabei heraus. Das erste Lied war ein vertontes Gedicht aus irgendeinem Lyrikband. Das erste wirklich selbst geschriebene Lied war mit etwa 17 oder 18 Jahren “One Sweet Night” und das spiele ich heute gar nicht mehr.

“One Sweet Night” klingt nach einem Liebeslied – worum geht es in deinen aktuellen Liedern?

Laura Rafetseder: Nein, das war gar kein Liebeslied. Ich gehe immer nach dem Motto vor: Take a sad song and make it better…

… das sind wieder The Beatles.

Laura Rafetseder: Genau! Mir haben irgendwann die Leute vorgeworfen, dass meine Lieder alle traurig sind. Aber ich finde, sie sind es überhaupt nicht. Ich bin eigentlich der Meinung, man kann traurig und fröhlich nicht voneinander trennen, weil das im Prinzip ein und dieselbe Sache ist. Man kann Freude an der gelebten Traurigkeit haben und jeder schöne Moment kann einen kleinen Punkt von Melancholie drinnen haben. Und so ist es mit den meisten Punkten im Leben, es ist meistens nicht schwarz oder weiß, sondern da sind halt irgendwo Widersprüche drinnen. Das ist ein wichtiger Aspekt in meinen Songs.

Dialektik.

Laura Rafetseder: Dialektik, ja genau.

Laura Rafertseder (c) Jürgen Plank

Das transportierst du dann textlich?

Laura Rafetseder: Ja, textlich. Es hat mich mal furchtbar geschockt, dass meine Band gesagt hat: Die Texte hören sie sich gar nicht an, weil sie Musiker sind und keine Songwriter. Dialektik ist ein guter Punkt. Nicht nur die Widersprüche, sondern einfach, dass sich alles verändert und das nichts mehr so ist wie es war. Ein Lied heißt „Autumn Leaves“. Da geht es um ein Gefühl, das man verloren hat, man kriegt es nicht mehr zurück. Es ist vergangen und es ist weg und es ist nie wieder dasselbe. Das ist etwas, woran vermutlich ein Großteil der Menschheit knabbert. Das ist ein Thema, das sich durchzieht. Dann die Frage von Verlust, Suche und Selbstsuche. Wo bin ich und wo sind die anderen?

Wie würdest du deine Musik beschreiben?

Laura Rafetseder: Ich komme aus dem Songwriter-Eck. Die Songs werden mit akustischer Gitarre und Stimme geschrieben. Das ist einerseits eine gewisse Beschränkung im Unterschied zu Bands, die Songs gemeinsam schreiben, und ist andererseits eine gewisse Unabhängigkeit, denn auch wenn die Band baden geht, kann man den Song noch immer spielen und es macht noch immer etwas her. Meine Einflüsse sind zum Beispiel die ganzen Motown-Sachen genauso wie auf Joni Mitchell oder Jackson Brown. Die Hollies mag ich sehr gerne, die haben so tolle Harmoniegesänge. Das ist etwas, woran ich leide: Beim Aufnehmen geht das, da kann man eine zweite Stimme selbst einsingen. Für Auftritte suche ich dann immer Leute, die mir eine zweite Stimme singen.

Du hast bei einem Konzert im Gasthaus Vorstadt bei einem Lied gesagt, dass darin eines deiner Lieblingsbilder vorkommt: Ein sich öffnendes Buch.

Laura Rafetseder: Ich mag dieses Bild: Man öffnet das Buch und die Seiten sind traurig, weil sie nicht mehr miteinander sind. Also, Dialektik wieder einmal. Im Prinzip ist es der Schmerz der Seiten darüber, dass sie getrennt sind. Und am Schluss, in der letzten Strophe, gehen sie wieder zusammen und sie sind dann gar nicht mehr so glücklich und fragen sich, ob sie das wirklich wollten.

Würdest du sagen, dass es zurzeit ein Folk-Revival gibt?

Laura Rafetseder: In Wien ist die Songwriter-Szene am blühen und gedeihen. Das passiert, weil es in Wien jetzt mehrere Open Stages gibt, das gibt Leuten die Möglichkeit Bühnenerfahrung zu sammeln. Es sind halt oft Frauen, die alleine zu Hause sitzen und spielen und das verschafft einfach auch mehr Öffentlichkeit. Das ist das eine und das andere ist, dass sich über das Internet etwas tut. Da bin ich ziemlich reingekippt und bin völlig begeistert, dass es diese Open-Stage-Communities in anderen Städten auch gibt, wo sich Musiker treffen und etwas machen. Das ist der Grund, warum man jetzt einen anderen Zugang zu Musik hat. Es kommt mehr von unten und es sind nicht mehr nur die Plattenfirmen, die das Agenda-Setting betreiben und sagen, was jetzt das nächste große Ding ist. Das ist glaube ich auch der Grund, warum das Genre wieder belebt worden ist.

Gibt es jetzt auch speziell mehr Möglichkeiten für Sängerinnen?

Laura Rafetseder: Ja, ich glaube schon. Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich nur mit Männern herum hänge und mir gedacht: Es gibt sicher auch Frauen, die Musik machen und die gibt es auch. Die hatten entweder Berührungsängste oder haben mehr ihr eigenes Ding gemacht. Ich und eine andere Sängerin haben gefunden, das sollte man doch ändern und mehr networken. Gerade in letzter Zeit gab es einige Events, die speziell Frauen gefeatured haben. Ich glaube, wir Frauen sollten nicht vergessen, dass wir nicht immer nur unser eigenes Ding machen müssen, sondern dass wir das auch gemeinsam tun könnten.

Am 11.8. im WUK wirst du solo spielen, wie ist für dich?

Laura Rafetseder: Solo kann man sich voll auf das Gefühl einlassen und eine andere Kommunikation mit dem Publikum herstellen. Man ist nicht die Frontfrau, die die Menge unterhalten muss. Man kann die Menschen wirklich fesseln, durch Blickkontakte. Ich gehe oft in eine Location rein und merke, dass die Leute reden. Aber über Blickkontakt und über den Song kann man den Moment erreichen, in dem alle zuhören und man merkt: Jetzt habe ich sie alle und sie hören zu. Das ist bei ruhigeren Songs natürlich schwieriger. So kann man Menschen berühren und darauf stehe ich total.

Du singst in englischer Sprache. Warum?

Laura Rafetseder: Weil Englisch ein gewisser Schutz ist – um das einmal so auszudrücken. Wenn man wirklich auf Deutsch schreibt, muss man wahnsinnig gut und im Prinzip ein Dichter sein. Wenn man kein Dichter ist und nicht geübt in den Metaphern ist, klingt alles relativ schnell platt. Erstens, weil es alle Leute verstehen und zweitens, weil es durch die ganze Schlagergeschichte so viele Klischees gibt. Du kannst in einem Text fast nicht sagen: Ich liebe dich. Das geht höchstens, wenn du der Grönemeyer bist.

Der hat gesagt: Ich habe dich lieb.

Laura Rafetseder: Ja, siehst du. Ich finde das wahnsinnig schwierig auf Deutsch. Ich bin ja mit einer anglophilen Mutter aufgewachsenen und mit den englischen Gedichten und habe so ein Gefühl dafür gekriegt, was funktioniert. Du kannst Dinge offener sagen und musst dir keine Gedanken darüber machen, ob das blöd klingt. Ich hätte ein Problem in deutscher Sprache zu singen und würde mich wahrscheinlich für Texte in den Boden genieren, die im Englischen gehen.

Welche Pläne hast du?

Laura Rafetseder: Ich möchte mal alle meine Songs zumindest als Demo aufnehmen. Ich schreibe ungefähr fünf Songs pro Jahr und das summiert sich mit der Zeit. Ich möchte ein paar Sachen solo aufnehmen, mit der Band haben wir eh schon ein Demo gemacht. Ich möchte einfach weiter auftreten. Ich habe keine Pläne, berühmt zu werden, das ist glaube ich illusorisch. Ich mache Musik, weil das Songschreiben eine Sache ist, die ich nie verlieren kann. Weil das eine schöne Konstante im Leben ist und weil ich einfach süchtig danach bin, auf der Bühne zu stehen und weil es Spaß macht, mit anderen zu spielen. Ich glaube, darum geht es und das ist das Wichtige an der Sache.

Jürgen Plank.

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