
„Im Moment des Erklingens erhebt sich die Musik aus dem festen Aggregatzustand der Partitur & entschwindet – gleichsam ein Parfum –, die Ohren mit Tönen streifend, Aroma und Stimmung verbreitend.“ (Kurt Schwertsik, Einführung zu „Musik: Leicht flüchtig“)
„Musik: Leicht flüchtig“. Ein schlichter Titel, und doch gab es schon im Vorfeld hartnäckige Falschschreibungen, ging doch in allerlei Ankündigungen die „Musik“ unter. Allzu verlockend erschien es offenbar ein Stück aus Schwertsik’scher Werkstatt einfach als „Leicht flüchtig“ gelten zu lassen. Wenn man genauer hinsieht, so mag der Name des neuen Stücks ebenso zu Missverständnissen führen, wie – generell eine Qualität Schwertsik’scher Titel – der Fantasie freien Lauf lassen. Haben Sie eine „leichte, flüchtige“ Musik geschrieben oder deutet sich daraus eine philosophische These an, dass „Musik“ generell etwas Leichtes, Flüchtiges sei oder sein solle in diesem Weltenlauf?
Kurt Schwertsik: Es ist eigentlich das, worauf ich auch in einer kurzen Notiz zum Stück hinweise, dass die Musik im Kopf des Zuhörers entsteht – ich würde fast sagen aufgrund seines Erinnerungsvermögens. Er erinnert sich an den soeben gehörten Ton und folgt den immer neuen Tönen, gleichzeitig die bereits gehörten erinnernd. So entsteht im Hörer das Stück. Gleichzeitig entschwindet es. – In diesem Sinn ist es durchaus ein kleiner philosophischer Ansatz, dass das „Musik:“ explizit dasteht. Es ist gleichzeitig die banale Erkenntnis, dass ohne Hörer keine Musik ist; sie ist virtuell. Dazu kommt, dass natürlich jeder Hörer sein eigenes Stück macht, indem er auf seine eigene Erfahrung zurückgreift.
Das ist doch eigentlich die einfachste Erklärung dafür, dass einem ein Stück gefällt, dem anderen nicht.
Schwertsik: Richtig, ja.
Generell gilt: Je „leichter“ Musik wirkt, umso schwieriger ist es angeblich – vorausgesetzt sie hat Qualität –, sie zu komponieren. Welche Mühen stehen selbst für einen bekannten Könner des leichteren Tons hinter so einem Stück? Wie sehr wird da getüftelt oder wie überschäumend sprudelt die Inspiration?
Schwertsik: Generell gilt: Das gehört zu den Klischees – das Leichte, das schwer zu machen ist. Ich glaube, dass da die Definitionsfragen, was leicht und was schwer ist, dermaßen im Ungewissen, im Vagen, im Undefinierten sind, dass man sich alles darunter vorstellen kann.
Hatten Sie bei diesem Stück von vornherein vor, etwas „leichteres“ zu komponieren?
Schwertsik: Absolut nicht. Ich kann immer nur das schreiben, was mir gerade gelingt. Ich suche mir das nicht aus. Ich sehe eine mögliche Musik und die versuche ich zu Papier zu bringen.
Soweit ich es überblicke, stammt die Inspiration zu neuen Stücken bei Ihnen oft aus Bereichen der Literatur oder der Musikgeschichte, gelegentlich eventuell auch der Malerei, jedenfalls primär Kunstgattungen. Spielen bei Ihnen für das Entstehen einer Idee auch „äußere“ Faktoren wie familiäre oder politische Ereignisse eine Rolle?
Schwertsik: Mein Lehrer Marx hat immer gesagt: „Es ist egal, ob die Musik in einem Rosenhain oder auf einem Misthaufen entstanden ist.“ – Für mich ist das anregendste um Musik zu schreiben immer – Musik. Es gibt schon manchmal den Wunsch aufgrund von Bildern, die ich gesehen habe oder Büchern, die ich gelesen habe, Formvorstellungen zu entwickeln.
Mit „Bildern“ meinen Sie bildende Kunst?
Schwertsik: Bildende Kunst, ja, oder ästhetische Vorstellungen, die sich in mir ablagern und auf andere Weise in mir zur Geltung kommen. Direkt von einer Vorlage zu einer Verwirklichung zu kommen, ist mir noch nie gelungen. Dafür sind für mich die Medien zu unterschiedlich.
„Musik: Leicht flüchtig“ ist ein Auftrag des Tonkünstlerorchesters Niederösterreich. Noch unter seinem Namen Niederösterreichisches Tonkünstlerorchester war das eines „Ihrer“ beiden Orchester. Ehe Sie 1968 zu den Wiener Symphonikern wechselten, waren Sie 1955–59 und erneut ab 1962 bei den Tonkünstlern Hornist und lernten das Repertoire und den Orchesterbetrieb in allen Facetten kennen. Ist „Musik: Leicht flüchtig“ der erste Auftrag dieses ehemaligen Arbeitsgebers und kamen dabei allenfalls nostalgische oder sentimentale Gedanken auf?

Ihre Hornisten-Zeit: eine genussvolle Zeit? eine plagenreiche Zeit?
Schwertsik: Hornist sein ist immer ein heikler Beruf. Aber mit so vielen guten Musikern zusammenspielen zu dürfen, ist einfach großartig.
Eine solistische Karriere war für Sie nie ein Thema?
Schwertsik: Nein.
Ist es für einen Komponisten ein uneingeschränkter Vorteil, wenn er jahrzehntelang im Orchester sitzt? Immerhin bekommt man eine Unmenge instrumentationstechnischer Details mit und erlebt permanent wie Musiker, Solisten und Dirigenten Stücke erarbeiten. – Oder wirkt es auch desillusionierend, wenn man vermutlich manchmal auf gebremste Liebe zu zeitgenössischen Stücken stößt?
Schwertsik: Es ist immer positiv wenn man Illusionen verliert. Ich habe immer gesagt: Ein Musiker im Orchester muss ununterbrochen auf alles horchen. Jede geringste Schwankung im Rhythmus, in der Intonation, im Ausdruck. Er muss sofort reagieren und zum Fluss der Musik beitragen. Das heißt, er spürt die ganze Zeit die Fortbewegung der Musik und betreibt sie gleichzeitig. Man kann von so einem Musiker nicht verlangen, dass er das, was er die ganze Zeit für die Musik leistet, auch noch mit schönen Worten umschreibt. Musiker reden ohne Sentimentalität über Musik.
Einer der Hauptdirigenten Ihrer Zeit bei den Tonkünstlern war Karl Etti (1912–96), der den jungen Generationen heute teils nicht einmal mehr namentlich ein Begriff ist, obwohl es sich bei ihm um einen vorzüglich-soliden Kapellmeister alter Schule handelte. Zudem war er ein reicher Quell für Anekdoten, von denen Sie sogar einmal einige gesammelt haben. Fällt Ihnen als kleine Auflockerung spontan eine Etti-Geschichte ein, die dem Leser eine Vorstellung dieser originellen Persönlichkeit zu geben vermag?

Echte Kompositionspausen gibt es bei Kurt Schwertsik zum Glück kaum, jedenfalls keine länger währenden. Noch ehe die aktuell besprochene Uraufführung erklungen ist, stellt sich da schon unbescheiden die Frage nach dem zwischenzeitlich bereits neu Komponierten bzw. aktuell in Arbeit Befindlichem?
Schwertsik: Seither entstanden drei Violinstücke für Ernstl Kovacic, die er am 1. November bei „Wien Modern“ uraufführen wird. Im Moment habe ich etwas für Gitarre und Marimba in Arbeit, da hat Eliot Fisk ein Stück für sein Boston Guitar Festival 2014 angeregt.
Es scheint nicht vermessen festzustellen, dass Sie als Komponist überdurchschnittlich viel erreicht haben. Ihre Popularität und die Aufführungszahlen Ihrer Werke sind in erfreulichen Bereichen angesiedelt. Gibt es nichtsdestotrotz in künstlerischer Hinsicht offen Gebliebenes, Wünsche, eine Herausforderung, die sie besonders reizen würde?
Schwertsik: Ich freue mich, dass ich gelegentlich Aufträge bekomme.
Termine:
Kurt Schwertsik
Musik: Leicht flüchtig. Sinfonia in drei Teilen op. 110 – URAUFFÜHRUNG
Samstag, 28. September 2013, 19.30 Uhr – St. Pölten, Festspielhaus
Sonntag, 29. September 2013, 16.00 Uhr – Wien, Musikverein
Montag, 30. September 2013, 19.30 Uhr – St. Pölten, Festspielhaus
Dienstag, 1. Oktober 2013, 19.30 Uhr – Wien, Musikverein
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent
Foto 1 und 2 Kurt Schwertsik: Christian Heindl
Foto 3 Kurt Schwertsik: Julia Wesely