mica-Interview mit Katharina Klement und Burkhard Stangl

Macht man sich Gedanken über die Gemeinsamkeiten von Litauen und Österreich, sieht die erste Ausbeute vermutlich spärlich aus. Ob sich auf musikalischer Ebene tatsächlich große Unterschiede oder vielleicht doch beträchtliche Gemeinsamkeiten offenbaren, darüber kann man bei dem Festival “Viskas gerai – Alles gut” zwischen 10. und 12. Mai im Wiener echoraum selbst herausfinden. Wie Burkhard Stangl und Katharina Klement, die gemeinsam mit Linas Paulauskis vom Litauischen Musikinformationszentrum das Programm kuratiert haben, zu dieser Idee gekommen sind und worauf sie bei der Zusammenstellung geachtet haben, darüber geben sie im Interview mit Doris Weberberger Auskunft.

Ihr verbindet bei dem Festival „Viskas gerai – Alles gut“ litauische und österreichische Positionen. Wie seid ihr gerade auf Litauen gekommen – ein Land, dessen Kultur bzw. Musik man hier so gut wie gar nicht kennt?

 

Burkhard Stangl: Begonnen hat es damit, dass die junge litauische Komponistin Egidija Medekšaitė auf Einladung von Jo Aichinger im Februar/März 2011 beim Artist-in-Residence-Programm in Krems teilgenommen hat. Genau zur selben Zeit dürften sich die Lithuanian Composers Union und das litauische Musikinformationszentrum entschlossen haben, das nationale litauische Composers-in-Residence-Programm auch für KollegInnen aus dem Ausland zu öffnen. Egidija, die organisatorisch sehr aktiv ist und, wie ich glaube, bei der Neustrukturierung involviert war, hat sich nach ihrer Krems-Recidency dann wiederum mit Jo Aichinger in Verbindung gesetzt, um Informationen über österreichische Komponistinnen und Komponisten einzuholen. Letztendlich waren Katharina Klement und ich die ersten Nicht-Litauer, die an diesem neu etablierten litauischen Residence-Programm in Druskininkai Anteil nehmen durften.

Katharina Klement: Wir haben dann dort in Bungalows gewohnt – es gibt deren acht –, die noch aus der Sowjet-Zeit sind. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Lithuanian Composers Union über Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte hinweg, immer eine sehr aktive Gesellschaft war und ist, die sich darum kümmert, dass Komponistinnen und Komponisten dort wohnen, leben und arbeiten können, was mich gleich einmal schwer beeindruckt hat, weil ich nicht wüsste, wo ich so etwas in Österreich finden würde. Das hat sich dann bestärkt über den Kontakt mit den ebenfalls dorthin eingeladenen, vorwiegend jungen Musikschaffenden aus Litauen aufzunehmen. Ich fand es sehr erfrischend und erstaunlich, was sie tun und wie dort über Komposition nachgedacht wird, wie Musik realisiert wird. Es gibt z. B. in Druskininkai alle zwei Jahre das Festival Druskomanija, das von jungen Leuten organisiert wird.

B. S.: Druskininkai ist ein alteingesessener Kurort 130 km südwestlich von Vilnius an der Grenze zu Weißrussland, wo schon im 19. Jahrhundert der polnische und Moskauer Adel zur Sommerfrische und zur Kur hingefahren sind. Der Ort ist von der Bedeutung her vielleicht vergleichbar mit Bad Ischl, er ist aber weit nicht so dicht verbaut. Im Gegenteil: er ist sehr  weitläufig, hat viele Grünflächen mit zahlreichen Kurhäusern und Kurhotels, Promenaden, zwei kleine Seen sozusagen mitten in der Stadt, und ein ruhiger gemächlicher Fluss samt Flusslandschaft trägt zur ruhigen, angenehmen Atmosphäre bei. Druskininkai ist auch der Geburtsort des Komponisten und Malers Mikalojus Konstantinas Čiurlionis [1875-1911], der als erster litauischer Komponist von internationalem Format gilt. Hier steht auch noch sein Häuschen, das jetzt ein Museum ist und wo wir im Zuge der Residency unsere Arbeiten auch öffentlich vorstellen konnten.

K. K.: Wir waren in diesen Komponisten-Bungalows nicht nur untergebracht, sondern wurden von Egidija Medekšaitė als Vertreterin von der Lithuanian Composers Union auch sehr umsichtig betreut. Es war uns dann ein Bedürfnis, diese Begegnung fortzusetzen – einerseits wegen der Gastfreundschaft, andererseits aber auch, weil wir die Arbeiten der jungen Komponisten- und Musiker-KollegInnen, die sich ebenso wie wir kurz präsentiert haben, sehr schätzen gelernt habe. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man sich vernetzt und dass man überhaupt einmal weiß, was in Litauen passiert. Es ist auch nicht so weit weg. Wir haben auch gemerkt, dass einige von ihnen in Vilnius oder Kaunas ihren Bachelor machen und dann meist in London oder woanders ihren Master anhängen. Sie sind also nicht mehr so eng an das Land gebunden wie früher, sie dürfen längst hinaus – und nehmen das auch wahr. Ich habe das fast offener empfunden, als es bei uns ist.

B. S.:  Ja, das finde ich auch, diese Offenheit ist sehr deutlich zu spüren. Aber auf anderer Ebene, nämlich von demographischer Seite her, hat diese Internationalisierung auch veritable Probleme für das Land mit sich gebracht, leider und geradezu paradox. Denn seit der Öffnung respektive dem Zusammenbruch der Sowjetunion gibt es fast so etwas wie einen Exodus der litauischen Bevölkerung; insgesamt haben in den letzten zwanzig Jahren etwa 120.000 Menschen das Land verlassen, bei einer Einwohnerzahl von knapp über drei Millionen. Dass sie letztlich insgesamt „nur“ um ein Prozent gesunken ist, ist der massiven Zuwanderung vor allem aus Weißrussland zu verdanken. Es wird, soweit ich das beurteilen kann, jetzt schon viel versucht, die Leute im Land zu halten; dennoch wandern nach wie vor viele litauische Intellektuelle, Komponisten, Schriftsteller, aber auch „normale“ Arbeitnehmer/innen aus. Speziell Großbritannien ist ein Platz, wo es eine gut organisierte litauische Community gibt. Viele bleiben dann auch dort, obwohl man in Litauen schon hofft, dass die Leute peu à peu mit ihrer fertigen Ausbildung oder neuen Erfahrungen auch wieder zurückkommen. Wie auch immer, die Offenheit und Internationalität der jungen KollegInnen war schon sehr beeindruckend für uns. Wie sie sich orientieren, wie sie denken, wie sie komponieren.

Hattet ihr den Eindruck, dass sich der Zugang zur Musik stark von dem hierzulande unterscheidet oder gibt es doch viele Ähnlichkeiten?

K. K.: Mir kommt vor, wenn man in Wien ist, hat man schon einmal die Stadt als den Traditionsort vor allem der Klassik und Romantik und somit eine musikalische „historisch-österreichische“ Identität, was als Geschenk und Last gleichzeitig empfunden werden kann. Die klassische litauische Komponiertradition hingegen hat ihre Anfänge erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist also zu unserer vergleichsweise jung, was vielleicht die spürbare Unbeschwertheit, Unbelastetheit und Offenheit erklären könnte. Andererseits gibt es in Litauen ein unglaublich vielfältiges traditionelles Liedgut, das immer noch praktiziert wird, und das uns bei einer Geburtstagsfeier auch vorgestellt wurde.

B. S.: Die Litauer haben im Vergleich zu uns ein ungebrochenes Verhältnis zur Volksmusik, kommt mir zumindest vor. Wir haben immer noch den Nationalsozialismus und Faschismus im Nacken, es fällt uns schwer, wenn wir zusammensitzen, ein Lied zu singen, mit dem wir uns ohne weiteres identifizieren können, anders vielleicht als in England oder Frankreich – oder Litauen eben, auch wenn hierzulande schon einiges durch die österreichische bzw. europäische Musikethnologie aufgearbeitet wurde. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass die jungen litauischen Komponistinnen und Komponisten durchaus „wie selbstverständlich“ ihr akademisches Musikstudium absolvieren, dabei aber auch sehr viel aufnehmen und aufpicken, was Elektronik, Neue Medien oder Performance Art betrifft, und dies auch in ihre Ausbildung integrieren können; gleichzeitig stehen sie auch in Kontakt mit der subkulturellen Szene oder sind sogar Teil von ihr.

Das heißt, die Grenzen zwischen diesen Bereich verlaufen nicht so streng?

K. K.: Ja richtig, diesen Eindruck habe ich gewonnen. Es war auch ein Komponist mit einem sehr unakademischen Zugang in Druskininkai, der eine tolle Performance mit seinem elektronischen Equipment gespielt hat – als Statement einer Präsentation. Mich hat sehr beeindruckt, dass er gar nicht versucht hat, einen Vortrag zu halten, sondern einfach seine Performance gespielt hat.

B. S.: Er wird auch nach Wien kommen: Gintas K. Er hat insbesondere über Litauen hinaus internationale Bedeutung erlangt. Gintas hat 2007 eine Honory Mention bei der Ars Electronica erhalten und wurde dann später in die litauische Komponistenvereinigung aufgenommen (was mit der IGNM hier vergleichbar ist). Nach Wien kommt auch Egidija Medekšaitė; sie ist noch sehr jung, hat aber schon ein bemerkenswertes Oeuvre vorzuweisen: Kammermusik, Streichquartette, Orchesterstücke; sie arbeitet aber auch im Performance-Bereich, mit Elektronik und Video. Für das Stück, das sie hier in Wien präsentieren wird, hat sie Musikmaterial von verschiedensten zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten verarbeitet und integriert in diese elektro-akustische Arbeit zwei Trompeten, gespielt von Simon Zöchbauer und Ayac Jimenez-Salvador, sowie ein Live-Video von Lucas Miceika.

K. K.: Dabei setzt sie sich mit dem Begriff der Unendlichkeit, des Maximalismus auseinander. Ihr musikalisches Denken ist sehr fundiert, sie hat einen ganz eigenen Zugang, sich über musikalisches Material zu definieren. Wir sind einmal in ihrem Bungalow in der Küche gesessen und sie hat versucht, uns zu erklären, wie sie musikalisch denkt. Das war nämlich interessanterweise sehr abstrakt, sehr mathematisch. Ihre Stücke klingen aber sehr klanglich, modal, man könnte auch glauben, dass sie sich von rein klanglichen Vorstellungen leiten lässt.

Bei den eingeladenen KünstlerInnen handelt es sich durchwegs um KomponistInnen und InterpretInnen bzw. ImprovisatorInnen in Personalunion. Was hat euch zu dieser Zusammenstellung bewogen?

K. K.: Einerseits war klar, dass wir diejenigen einladen wollten, die wir in Druskininkai kennen gelernt haben,  wie Egidija, Raminta, Gintas. Darüber hinaus haben wir uns mit Linas Paulauskis, Leiter des litauischen Musikinformationszentrums (und der uns auch in Druskininkai besucht hat), rege ausgetauscht, und er hat uns auch auf einige Leute wie Lina Lapelyte, Tautvydas Bajarkevičius und Antanas Jasenka hingewiesen. Auf der einen Seite sollte es einen klar umrissenen inhaltlichen Schwerpunkt geben, andererseits war der Composer-Performer-Typus aus pragmatischen Gründen sehr willkommen. Wir haben ein begrenztes finanzielles Budget, weswegen wir keine großen Instrumentalstücke aufführen können und haben darum gebeten, dass die Leute die Stücke selber aufführen. Im Medium Elektronik verbinden sich diese Ebenen.

B. S.: Wir haben aber auch darauf geachtet, dass zwei, drei Stücke auf dem Programm stehen, in denen auch akustische Instrumente zentral zu Wort kommen. Die Komponistin Raminta Šerkšnytė macht derzeit insbesondere mit groß angelegten Orchesterwerken auf sich aufmerksam – ihre Stücke werden von großen internationalen Orchestern gespielt -, aber sie kommt und spielt hier ihre eigenen Klavierstücke.

K. K.: Sie ist auch eine ganz tolle Pianistin. Unser Festival soll ja auch ein Zusammentreffen und ein Austausch sein, also haben wir auch österreichische Personen eingeladen. Wir denken, dass die Solo-Arbeiten von Martin Siewert, Boris Hauf und Caroline Profanter sowie das Trio Gartmayer/Wilhelm/Ernst und das Performance-Duo Lisbeth Kovacic/Katka Csanyiova im Kontext mit den litauischen Konzertbeiträgen eine spannende Mischung ergeben. Andererseits gibt es auch die ganz pragmatische Überlegung, dass die IGNM unser österreichischer Hauptgeldgeber ist, und es sich daher von selbst versteht, dass auch ÖsterreicherInnen dabei sind.

B. S.: Es gibt auch jeden Abend die Option, dass die Leute miteinander musizieren und improvisieren können. Einen offenen Raum genau dafür zu schaffen, ist uns ein großes Anliegen gewesen. So fügt es sich insgesamt sehr schön zu einem farbenreichen Spektrum.

Inwiefern wurden die österreichischen und litauischen Beiträge aufeinander abgestimmt?

K. K.: Wir haben das aus dem Gefühl heraus zusammengestellt. Als Kuratorenteam halten wir uns an  Leute, die wir kennen und schätzen. Zum Teil hat es auch schon einen Bezug zu Litauen gegeben – Elisabeth Schimana war schon dort und hat den ersten Teil der Kompositionsserie „Virus“ beim schon erwähnten Druskomanija-Festival aufgeführt,  eine Serie, die im echoraum in der Fassung für Live-Elektronik und Klavier mit Manon-Liu Winter ihre Fortsetzung findet. Am zweiten Abend gibt es also zwei Stücke mit Klavier, die Beiträge werden unter dieser Klammer zusammengefasst. Ansonsten haben wir darauf geachtet, dass die Arbeiten gut zusammenpassen oder auch gerade nicht, d. h. dass sie sich kontrastieren – das ist auch nicht unspannend. Aber wir mussten vor allem auch reduzieren. Uns wären noch einige Leute mehr eingefallen.

Und wie kommt es eigentlich zum Festivalnamen Viskas gerai?

B. S.: Ich glaube, es war Katharina, die dieses Wort- und Klangmotiv aufgeschnappt hat und ins Spiel brachte. Viskas gerai! Es bedeutet so viel wie „ Alles gut! OK! In Ordnung!“ Wir waren von Beginn an fasziniert von der litauischen Sprache, deren Klang und Musikalität – wie ein Hauch aus vergangener Märchenzeit; sie klingt  wunderbar. Schon das Aussprechen der Orts- und Straßennamen verbunden mit der Landschaft war für uns ein sehr spezielles, sinnliches Ereignis. Rita Valiukonytė, bis vor kurzem litauische Kulturatachée hier in Wien und seit April in gleicher Funktion in London, hat unser Viskas gerai-Projekt immer mit großem Enthusiasmus unterstützt – sie wird auch von London anreisend zum Festival kommen! Nachdem sie perfekt Deutsch, Englisch und selbstredend Litauisch spricht, haben wir uns gedacht, es wäre doch schön, die KünstlerInnen auf Litauisch vorzustellen, sodass auch das echoraum-Publikum dem Charme der litauischen Sprache ein wenig lauschen kann.

Wie würdet ihr die unterschiedlichen Herangehensweisen hier und da charakterisieren?

K. K.: Genau das werden wir nach dem Festival wissen. Das ist eine Frage, die ich jetzt nur allgemein beantworten kann, weil ich die Arbeit nicht von allen so gute kenne. Ich finde es sehr spannend zu entdecken, was dabei herauskommt, wenn die litauischen Beiträge auf die österreichischen treffen. Sind die Unterschiede vielleicht gar nicht feststellbar? Oder doch? Das werden wir hören.

B. S.: Was mir aufgefallen ist – vielleicht ist das aber mehr Interpretation als Faktum -, dass die mögliche Durchlässigkeit zwischen der akademischen und der elektronischen Musik in Litauen anders funktioniert als hier. Z. B. der Universitätslehrgang für Computermusik und elektronische Medien in Wien, in Kurzform gerne „ELAK“ genannt (da steckt noch die frühere Bezeichnung von Elektroakustik drinnen), ist zwar auf der Musikuniversität verortet, steht aber, so mein Eindruck, doch etwas am Rande und hat nicht die gleiche Position in der Hierarchie wie die klassischen akademischen Kompositionsklassen. Viele Aktivitäten im Bereich der Elektronik haben sich in Litauen zwar auch im nicht-akademischen Bereich entwickelt und wurden erst peu à peu anerkannt – in Litauen herrscht im akademischen Musikleben ähnlich wie bei uns auch eine große Trägheit -, aber sie scheinen nicht so einzementiert zu sein wie hierzulande mit unserer ganz langen Tradition der Komponistengenies. Čiurlionis, das Symbol der Geburtsstunde der litauischen Kompositionsidentität, wirkte, wie gesagt, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

K. K.: Er ist auch eher eine Figur, die nicht so sehr für den akademischen Komponisten steht. Er wurde stark von Mäzenen unterstützt, trotzdem ist er sehr früh gestorben. Čiurlionis, der auch als Maler reüssiert hat, ist natürlich eine heroische, letztlich aber auch eine zerrissene Figur, der halb verhungert ist – er hat viel zu viel gearbeitet und zu wenig gegessen.

Wird die Musik vielleicht weniger in der Tradition gesehen und ist auch im Alltag noch präsenter?

K. K.: Das auf jeden Fall. Ich habe es so erlebt, dass Litauen noch immer geprägt ist von der Sowjet-Zeit. Es existiert z.B. eine Armut, die man bei uns in dieser Form nicht sieht.  Anfang der 1990er Jahre war die Revolution, die auch die singende Revolution genannt wird – das ist interessant, weil da die Musik als treibende Kraft nicht unwesentlich ist. Ich glaube, dass auch während der Sowjet-Zeit die Kultur- und somit auch die Musikausübung einen ganz besonderen Stellenwert gehabt hat. Wahrscheinlich wurde Musik auch zu Propaganda-Zwecken genutzt, auf der anderen Seite glaube ich, dass die eigenen Lieder für die Bevölkerung auch große Autonomie geschaffen haben. Damit kämpft man sich, glaube ich, auch durch schwere Zeiten durch. Das scheint anders als in Österreich zu sein, wo wir in gewisser Hinsicht sehr verwöhnt sind. Auf jeden Fall hat Musik in Litauen noch eine andere Verwurzelung.

B. S.: Ich war selbst zu Sowjet-Zeiten noch in Litauen. Was man nicht vergessen sollte, ist, dass  Litauen eine starke, auch international beachtete Jazz-Szene hervorgebracht hat. Einer ihrer Pioniere ist Wladimir Tarassow, den ich damals auch kennen gelernt und vor zwei Jahren beim Ulrichsberger Kaleidophon und  beim Komponistenforum Mittersill wieder getroffen habe – ein ganz wunderbarer Kollege, der zu Beginn seiner Karriere im Symphonieorchester Pauke gespielt und parallel dazu das berühmte Ganelin-Trio mit aufgebaut hat. Er und seine Mitstreiter haben es geschafft, das berühmte litauische internationale Jazzfestival in Vilnius zu initiieren und zu organisieren, das es heute noch gibt.  Ich war damals mit dem advanced Jazz Ensemble „Ton.Art“ dazu eingeladen; wir hatten zuvor in Sibirien Konzerte gespielt, und im Vergleich dazu war für mich dann Litauen bzw. Vilnius geradezu ein Schock, wir waren plötzlich im „Westen“, von der Atmosphäre, von der Architektur, vom Essen und Trinken, von den Menschen her. Ich war damals einigermaßen ahnungslos und habe erst später begriffen, dass die Geschichte Litauens eng mit jener von Deutschland, Russland und insbesondere Polen verknüpft ist. Und für Geographen liegt der Mittelpunkt Europas ja sowieso in Litauen. Jedenfalls hoffen wir, mit dem Viskas gerai-Alles gut-Festival mit dazu beitragen zu können, Litauen näher an Österreich zu bringen und Interesse für die aktuelle litauische Musik und deren unterschiedlichsten Erscheinungsformen wecken zu können.

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