mica-Interview mit Gerbert Schwaighofer

Gerbert Schwaighofer ist der kaufmännische Direktor der Salzburger Festspiele und trat mit dem Ziel an, den Erfolgslauf der vergangenen Jahre auch in Zukunft fortzusetzen. Im Interview mit Markus Deisenberger spricht der Oberösterreicher über Klischees, Subventionen und das kreative Potential einer Stadt Salzburg.

“Neugier zu erzeugen, ist ein langer Prozess!”

Die Auslastung der Festspiele – so war in den Medien zu hören – war so gut wie selten zuvor.
Auf dem Niveau der besten Jahre.

Sie sind also zufrieden?
Wenn wir heuer nicht zufrieden wären, wäre etwas schief gelaufen. Dann würde etwas mit dem eigenen Anspruch nicht mehr stimmen. Die Saison ist ganz toll gelaufen. Das Interesse hat sich zum Glück auch nicht – wie in manchen Jahren zuvor – auf einige Großproduktionen konzentriert, sondern war insgesamt sehr breit gestreut.

In der Vergangenheit wurde doch genau dieser Umstand, dass man sich seitens der Leitung auf wenige Großproduktionen und deren Vermarktung konzentriere, zum Vorwurf gemacht. Dadurch werde die Breite ausgedünnt, hieß es.
Das ist ein grundlegendes Missverständnis. Wir haben eine solche Konzentration auf einige wenige Ereignisse nie gesteuert. Das Publikumsinteresse war eben so. Und von solch einem einseitigen Interesse haben wir heuer nichts verspürt. Unser vormaliger Intendant hat einmal gesagt: Wir freuen uns nicht nur über Altgier, sondern auch Neugier. Aber diese Neugier zu erzeugen, ist ein langer Prozess, den Gerard Mortier eingeläutet hat und an dem seine Nachfolger konsequent weiter gearbeitet haben, um ein breiteres Publikum zu interessieren.

Unter Mortier gab es grundlegende Neuerungen. Er hat die Grenzen des Festspielbezirks gesprengt, neue Spielstätten etabliert, die Festspiele in die Breite geführt. Im heurigen Festspielresumee des Magazins Profil war dennoch von “Knochenschwund” die Rede. Die letzten grundlegenden Neuerungen seien fünfzehn Jahre alt, es bedürfe eines grundlegenden Relaunchs der Festspiele. Ägert sie das? Oder ist das schlicht und ergreifend an der Realität vorbei geschrieben?
Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber. Andererseits sind wir selbstkritisch genug, um uns dauernd zu hinterfragen. Uns die Frage zu stellen, ob wir die richtigen Dinge machen und vor allem, ob wir die richtigen Dinge richtig machen. Die Öffnung der Festspiele ist natürlich schon lange ein Thema und dennoch muss es jedes Jahr neu erfunden werden, denn was vor fünfzehn Jahren “Öffnung” bedeutete, muss heute nichts mehr mit Öffnung zu tun haben. Insgesamt glaube ich aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir werden uns auch diesen Herbst wieder zusammen setzen und schauen, welche Schlüsse wir aus den Erfahrungen der abgelaufenen Spielzeit für die kommenden Jahre ziehen können. Aber dass wir so verkehrt liegen, glaube ich nicht.

Der angesprochene Artikel bemüht eingangs einige Klischees. Wie bekommt man das gängigste, die Festspiele seien aufgrund der horrenden Kartenpreise eine Closed Circle-Veranstaltung für Celebrities und Adabeis, aus den Köpfen?
Gegen gewisse Vorurteile kommt man nicht an. Man kann nur immer wieder beweisen, dass man gute Arbeit macht und entsprechend Aufklärungsarbeit leisten. Wie ich auch neulich wieder auf unserer Jahrespressekonferenz betonte, liegen 50% unserer Kartenpreise unter ? 100. Viele Medien haben das auch wahrheitsgemäß so berichtet. Dass jemand dann das genaue Gegenteil davon schreibt, kann man nicht beeinflussen. Was freilich nichts daran ändert, dass man die Dinge, an die man glaubt, betonen muss und auch nicht müde werden darf, sie zu betonen. Sie haben neben den Preisen auch das Publikum angesprochen: Es werden doch auch immer die selben zwanzig Leute beschrieben, aufgrund derer man glaubt, nur Reich und Schön komme zu den Festspielen. Die Wahrheit ist auch hier eine andere: nach Salzburg kommt ein hochinteressiertes Publikum, das sich enorm viel mit Kunst auseinander setzt. Jährlich eine ganze Woche hierher zu kommen, nur um gesehen zu werden – das ist doch reiner Unsinn.

 

 

Wie bekommt man die Jungen, die künftigen Steuerzahler?
Wir tun hier wirklich viel. Drei Sponsoren nehmen sich der Sache an. Nestlé zahlt Jugend-Karten und Jugend- Abonnements. Dabei zahlen die Jugendlichen nur 10-15% des Originalpreises, die Differenz übernimmt Nestlé. Das von Roche finanzierte Projekt “Kontinente…” ermöglicht Jugendlichen den verbilligten Besuch von Aufführungen zeitgenössischer Musik. Und dann wäre da noch das von Mont Blanc getragene Joung Directors Project. Es gibt also eine ganze Reihe von Projekten, die gezielt für die Jugend von privaten Sponsoren getragen werden. Die Kartenpreise, die wir dort haben, sind sehr moderat und jugendfreundlich. Auch rundherum gibt es viele Einladungen an Jugendliche, Probenbesuche durch Jugendliche, die an das Medium Theater heran geführt werden. Daran wird sehr konsequent gearbeitet.

Und nicht zu vergessen die Jungen Freunde.
Auch die Jungen Freunde, die wirklich sehr gut funktionieren, haben daran großen Anteil. Auch Künstlergespräche finden statt.

Zwei völlig unterschiedliche Wege: Bein Young Directors Project wird gezielt junge Kunst gefördert, im Rahmen der “Kontinente”, vor allem aber der Jugendabos wird jungen Leuten ermöglicht, günstig Kunst zu sehen, die nicht notwendig auch jung sein muss. Welcher ist der bessere Weg?
Keiner. Beides hat seine unbedingte Berechtigung.

In einer der letzten Ausgaben des Spiegels wurden namhafte Soziologen und Städteforscher dazu befragt, was die Anziehungskraft bzw. die Coolness heutiger Städte ausmacht. Ergebnis war, dass einer der größten Anziehungspunkte das kreative Potential einer Stadt ist. Jetzt verfügt Salzburg ohne Zweifel über jede Menge kreatives Potential. Denken Sie, dass dieses Potential schon voll ausgeschöpft ist oder vieles noch brach liegt?
Ich bin überzeugt, dass da noch einiges möglich ist. Zum Beispiel, was die Vernetzung der einzelnen Institutionen und Partner anbelangt.

Konkret?
Zwischen Universität und Kulturinstitutionen etwa. Außerdem müsste man den Kulturstandort auch außerhalb der Festspielzeit stark fördern.

Auf Hochkultur bezogen?
Nein. Insgesamt. Wenn ich von Kultur rede, meine ich immer Kultur in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Etwa auch im Wissenschafts- und im Kongress-Bereich.

Regiert da nicht innerhalb der Kulturbranche die Angst, dass der, der sich für die Förderung anderer Kulturbereiche stark macht, selbst einmal mit leeren Händen da steht?
So funktionierte mein Denken nie. Ich sehe es genau umgekehrt: Je mehr Geld z.B. eine Institution wie die Salzburger Festspiele bekommt, desto bessere Argumente, eine vernünftige Summe zu fordern, haben doch auch andere Institutionen, wenn sie um Förderung ansuchen. Insgesamt kommt das allen zu Gute.

Was die Einnahmen aus Sponsoring, Eintrittsgeldern und öffentlichen Subventionen anbelangt, war in den letzten Jahren eine Verschiebung zu verzeichnen.
Eine starke Verschiebung. Als ich 2002 anfing, beteiligte sich die öffentliche Hand noch zu gut einem Drittel am Gesamtbudget. Heute sind wir bei nur einem Viertel angelangt.

Aber auch das Gesamtvolumen ist gestiegen…
Ja. Aber der Anteil der Kartenverkäufe beträgt – wie auch noch vor fünf Jahren – nach wie vor 50%.

Das heiß, das Ausbleiben von Fördergeldern müsste eigentlich durch Kartenverkäufe kompensiert werden.
Und wie schwierig das ist, brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Immerhin reden wir von 3 Mio Euro, die wir heute weniger bekommen, wenn man die Kaufkraft mitberücksichtigt.

Andererseits muss man die Kartenpreise gering halten, um die Breite zu erreichen. Wie überlebt man solch ein Dilemma?
Einen solchen Ausfall verkraftet man nur, indem man mehrere Maßnahmen gleichzeitig ergreift. Die Festspiele konnten nur deshalb überleben, weil wir auf die Kostenbremse stiegen und zusätzliche Sponsoren gewannen.

Sind die Corporate Partnerships nicht auch eine Gefahr, dass man die Breite, die man durch Programm und Kartenpreise erzielt, auch gleich wieder einbüßt?
Sponsoren haben bis dato noch nie in die inhaltliche Ausrichtung der Festspiele eingegriffen. Das ist einmal das Primäre und Wichtigste. Ich finde aber auch nicht, dass sich die Präsenz der Sponsoren während der letzten Jahren in einer unangenehmen Art und Weise verstärkt hätte. Die Sponsoren werden in ihren eigenen Sponsoring-Abteilungen einfach nur immer professioneller und zielgerichteter, was ihnen ja auch nicht übel zu nehmen ist. Im Gegenteil: Diese Entwicklung erleichtert uns die Arbeit enorm. Insgesamt wurden aber – nicht zuletzt durch die schwierigen Zeiten, die etwa Siemens gerade durchmacht – die Kunden der Sponsoren immer weniger. Es wird heute sehr genau geprüft, wen man einlädt. Hüben wie drüben sind ganze Rechtsabteilungen damit beschäftigt heraus zu finden, ob eine Einladung im Einzelfall schon als Geschenk und seine Annahme deshalb als verboten gilt. Das muss man sich einmal vorstellen. Um auf die Frage zurück zu kommen: Die Anzahl der Sponsorengäste ist sicherlich nicht im Steigen begriffen. Es sind die immer noch die Einzelbesucher, die das Gros Festspielgäste ausmachen. Und das ist doch auch sehr erfreulich so.

Nun war Requiem für eine Metamorphose von Jan Fabrie ein Stück, das von seinem Inhalt, seiner Strahlkraft und Progressivität eigentlich wie gemacht war für junge Menschen. Hätte man, indem man die Leinwandübertragung auf dem Residenzplatz und andere Mittel der PR statt für klassische Werke dafür genutzt hätte, nicht viel mehr von ihnen erreichen können?
Dieses Stück ist natürlich etwas neues, das es in dieser Form noch nie gegeben hat bei den Festspielen und wir haben auch nichts unversucht gelassen, um das deutlich zu machen. Intern gab es zum Beispiel einige Diskussionen, was wir heuer plakativ an der Fassade des Hauses für Mozart bewerben wollen. Eine Variante wäre gewesen, die Stücke, die eben im Haus für Mozart gespielt werden, anzukündigen. Da wäre das Requiem eines davon gewesen. Wir haben uns dann allerdings dazu entschieden, dort nur die Uraufführungen zu bewerben, auch wenn zwei davon gar dort stattfanden. Programmatische Umwälzungen lassen sich nicht von heute auf morgen bewerkstelligen. Und man muss sich bewust sein, dass man investieren muss. So haben wir die Auslastung niedrig kalkuliert und waren uns sehr wohl bewusst, dass man hier noch etwas drauf legen wird müssen. Gerade auch im Sinne einer Öffnung und Verjüngung war es enorm wichtig, dass die Festspiele so etwas tun.

Wenn Sie nach vorne blicken: Was wünschen Sie sich? Wo gibt es Handlungsbedarf, wo Verbesserungsmöglichkeiten?
In der Außenwirkung wird immer wieder versucht, den Eindruck zu vermitteln, als könnten sich die Festspiele ohnehin alles leisten. Dabei ist unser finanzielles Korsett äußerst eng. Ich wünsche mir nicht nur eine Verbesserung der finanziellen Rahmenbedingungen, sondern auch dass wir besser bedacht werden, was die Infrastruktur der Häuser anbelangt. Jahr für Jahr müssen wir hart kämpfen, um die notwendigsten Investitionen tätigen zu können. Zwar gelang uns erst vor kurzem ein entscheidender Durchbruch, aber es ist immer noch viel zu wenig Geld da. Ein weiterer dringlicher Wunsch wäre, dass ein Verkehrskonzept sowohl für den fließenden als für den ruhenden Verkehr entwickelt wird und dass alles dafür getan wird, die Innenstadt lebendig zu halten.

 

 

Wie soll das gelingen?
Indem man sichauch in der Innenstadt etwas traut – moderne Architektur etwa – und sienicht nur als museale Stätte versteht. Das wäre ein großer Wunsch. DieAufgeschlossenheit ist hier doch oft eher gering.

Aufgeschlossenheit gegenüber…?
Konzepten,wie man die Innenstadt bespielt. Da hat man von außen das Gefühl, dassdas doch mehr oder weniger zufällig passiert. Ich bin nicht derAuffassung, dass in der Altstadt keine moderne Architektur passierendarf. Ich bedaure immer noch, dass der geplante Lift nicht gebautwurde, dass keine mutigere Lösung für den Rainerplatz gefunden und dieLösungen für andere Plätze wie den Residenzplatz oder Makartplatz zuhalbherzig waren. Ich bedaure auch, dass das Museum nicht kam. Und sehrviel liegt wie gesagt beim Verkehr. Da sollten die gescheitesten Köpfeund vor allem Externe ein Konzept ausarbeiten, das man sich dann auchumzusetzen traut. Was das von Ihnen angesprochene Kreativpotentialbetrifft, gilt ganz einfach: Es geht darum, nicht nur im Sommer,sondern das gesamte Jahr über Flagge zu zeigen.