Lijon (c) Christian Ippisch

„… mein Motto ‚Imperfection as perfection’ […]“ – STEPHAN PAULITSCH (LIJON) im mica-Interview

Der österreichische Musiker STEPHAN PAULITSCH aka LIJON veröffentlichte im April 2018 seine erste Single „N°5 – Don’t Care“, im November 2018 folgte nun seine Debüt-EP „Zero“. Und der Titel ist Programm, denn was den Alternative-Musiker inspiriert, sind das Einfache, das Geradlinige, der Minimalismus. Mit Julia Philomena sprach der Musiker über seinen Ausgangspunkt der Suche, sein Motto „Imperfection as perfection“ und den Wunsch nach einer musikalischen Familie.

 Aus welchem Kontext heraus ist ihre EP „Zero“ entstanden? Wie lange haben Sie daran gearbeitet und was ist für Sie an dieser EP das Wesentliche?

Stephan Paulitsch: Schwer zu sagen. Um seine wahren kreativen Wurzeln musikalisch umzusetzen, schreibt man eigentlich immer. Wenn es einem ein Bedürfnis ist, Songs zu schreiben und zu kreieren, dann sammelt sich da im Laufe der Jahre so einiges an Ideen an. Nicht alle schaffen es, Material für Lijon zu sein, deswegen ist eine genaue Zeitangabe diesbezüglich unmöglich. Aber um einen Überblick zu bekommen, habe ich begonnen, meine Ideen zu nummerieren, was man ja auch an meinen Titeln erkennen kann. Diesen Zugang aus der Klassik finde ich sehr spannend.

Jede Songwriterin und jeder Songwriter weiß, dass man Fragmente und Ideen immer schnell bei der Hand hat, aber die wahre Herausforderung die Finalisierung ist.

Das Wesentliche an dieser EP für mich war wohl die Frage, inwieweit ich es schaffe, all meine musikalischen Wurzeln zu vereinen und mein Motto „Imperfection as perfection“ umzusetzen. Als Perfektionist und akribischer Tüftler ist das eine Herausforderung.

Was mich inspiriert und beeinflusst sind das Einfache, das Geradlinige, der Minimalismus in Design, Text und Musik. Wenig nach viel klingen zu lassen ist mein Ziel. Auch wenige Worte haben viel Aussagekraft.

„Man weiß natürlich, was man will, aber noch nicht genau, wie man dieses Ziel erreicht.“

Lijon (c) Christian Ippisch

Was bedeutet „Zero“ für Sie?

Stephan Paulitsch: Mit diesen Songs wollte ich mich mal zur Basis hinarbeiten. Und die Basis für mich ist nicht one, sondern zero. Man startet im Musikbusiness nicht bei null, sondern unter null. Eben um herauszufinden, was man will. Man weiß natürlich, was man will, aber noch nicht genau, wie man dieses Ziel erreicht. Mit den erworbenen Erkenntnissen bewegt man sich dann von null weg. Das ist zumindest mein Zugang. Als Künstler kann ich mich so immer wieder neu entdecken oder wiederfinden.

Der Track „High“ beschreibt die Annäherung zweier Personen. Im Musikvideo sind allerdings nur sie allein zu sehen, wie Sie eilig durch die Stadt gehen. Um welche Visualisierung ging es Ihnen?

Stephan Paulitsch: Das Video an sich – Küsse gehen raus an Sebastian Kübl und Julian Matzat! – war ein One-Take und soll Schnelllebigkeit und Hektik vermitteln; Hektik, die mich durch den Takt treibt, anstatt Momente zu erkennen, zu genießen.

Welche Einflüsse sind für Sie essenziell?

Stephan Paulitsch: Ich wusste schon mit 13, nachdem ich mir meinen ersten Bass gekauft hatte, dass ich Musiker werden möchte. Dass der Weg nicht immer einfach ist und es oft Gegenwind im Leben gibt, habe ich mit der Zeit gelernt. Ich lasse mir selten blind etwas einreden, aber ich höre mir gerne alle Gedanken von außen an und nehme Dinge gerne an, sofern sie für mich Sinn machen und mich weiterbringen. Ich habe zum Beispiel begonnen, Klavier zu spielen, das ist für mein Songwriting bis heute essenziell. Dazu kommen noch die Schallplatten meiner Eltern, durch die ich meine Liebe zum Blues, Jazz, Funk, Pop und Rock entdeckt habe.

Was hat es mit dem Namen „Lijon“ auf sich?

Stephan Paulitsch: Es gab viele Ideen und der Gewinner musste nicht nur gut klingen, sondern auch gut aussehen. Klang und Design gehen für mich Hand in Hand. Und mit meinen Demos am Handy hab ich dann zufällig an einem Abend eine Wahnsinnsfreundin und Unterstützerin, die liebe Eli, im WUK-Beisl getroffen, ihr meine Songs vorgespielt, meine Ideen erzählt und ihr Geistesblitz war es dann, der aus einer meiner Ideen diesen Namen entstehen hat lassen. Meine Connection war der Löwe, also lion. Die mächtige Mähne – ein Bart, der aber im Moment ja nicht mehr existiert – und die Eleganz dieses mächtigen Tiers: perfekt.

Sie leben in Österreich. Welche Auswirkungen haben die politischen Umstände auf Ihre Musik?

Stephan Paulitsch: Wenn ich in meiner kreativen Welt unterwegs bin, das muss ich gestehen, existieren für mich Zeit und Raum nicht. Sofern ich meine comfort zone verlasse, prasselt eh alles auf mich ein. Aber ich interessiere mich sehr für Politik und finde es faszinierend und schockierend zugleich, wie schnell Aktionen und Statements oft vergessen werden. Politik nicht zu verfolgen ist ein Fehler. Es gibt so viele tolle Menschen, die ihr Leben einer besseren Welt widmen und wahre Heldinnen und Helden sind. Bis jetzt habe ich die Politik noch nicht an meine Musik herangelassen. Aber wer weiß. Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Die Kunst hat definitiv die Macht, etwas zu bewegen.

„Eingespart wird leider immer bei der Kunst – dagegen müssen wir uns zusammen auflehnen.“

Und die Kunst braucht Unterstützung. Welche Form der Unterstützung oder Vernetzung ist für Sie wichtig? Haben Sie in puncto Beratung, Vernetzung etc. in Österreich beispielsweise von mica – music austria profitiert?

Stephan Paulitsch: Absolut! Alles Wichtige und Essenzielle für das Musikerdasein erfährt man ja schon auf der mica-Homepage. Und der Support via Mail ist großartig. Für jede Frage und jedes Thema gibt es eine Ansprechpartnerin bzw. einen Ansprechpartner. Die Unterstützung und Vorstellung der Bands, Musikerinnen und Musiker finde ich ebenfalls sehr wichtig. Eingespart wird leider immer bei Kunst – dagegen müssen wir uns zusammen auflehnen!

Auf Spotify werden Sie häufig in Wien, Tel Aviv und Sofia gehört. Planen Sie Ihre Auftritte etc. danach?

Stephan Paulitsch: Da ich meine Musik via Tidal konsumiere, ist mir diese Information neu, aber sie ist definitiv interessant. Wien kenne ich ja schon seit 13 Jahren, aber Tel Aviv und Sofia wären für mich definitiv Destinationen, die ich sehr gern bespielen und besuchen würde. Patience is the name of the game und jeder Schritt zur richtigen Zeit.

Was inspiriert Sie zurzeit? Welche Themen sprechen Sie an oder wollen Sie ansprechen?

Stephan Paulitsch: Was ich am faszinierendsten finde, ist das Zwischenmenschliche. Wie sich ein ganze Geschichte oder nur ein Moment, der vielleicht fünf Sekunden dauert, auf das restliche Leben auswirkt. Das finde ich wahnsinnig spannend und beeinflusst definitiv mein Denken und meine Texte.

Wie kann man sich Ihre Arbeitsweise vorstellen?

Stephan Paulitsch: Ideen werden via Smartphone aufgenommen oder in mein rotes Buch geschrieben. Seien es starke Textphrasen, Akkorde oder Arrangement-Ideen. Ich liebe es, alles mit der Hand zu notieren und alles festzuhalten. Es kann aber auch mal sein, dass ich vom Fortgehen nach Hause komme, mich an das Klavier setze oder an die Gitarre und es nur so aus mir heraussprudelt.

Welchen Stellenwert hat das Live-Erlebnis für Sie?

Stephan Paulitsch: Das ist mein Ein und Alles. Zu schreiben und aufzunehmen ist natürlich großartig, aber dann mit unglaublichen Musikerinnen und Musikern gemeinsam auf der Bühne zu stehen ist das Nonplusultra. Das hat für mich die stärkste Energie. Ich liebe das. Vor allem soll es live auch einfach anders sein als auf den Aufnahmen. Ich scheue mich davor, eins zu eins zu reproduzieren. Live zu spielen ist eine ganz andere Art der Kreativität für die Musikerin bzw. den Musiker an sich.

In welchem Umfeld erleben Sie Musik am liebsten?

Stephan Paulitsch: Als Konsument am liebsten via Vinyl auf der Couch. Ich bin und bleibe ein Album- Hörer. Hinter jedem Werk steckt etwas und das möchte ich von vorne bis hinten verstehen. Ich schaue mir ja auch bei einem Film nicht nur den Trailer an.

Und als Musiker am liebsten live auf der Bühne mit Band. Ich will und muss einfach spielen – vor Publikum.

Was sind Ihre weiteren Pläne bzw. was wünschen Sie sich Ihrer Musik?

Stephan Paulitsch: Ich wünsche mir ein positives und inspirierendes musikalisches Umfeld. Eine musikalische Familie. Und viele schöne Konzerte!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

 

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