Begonnen hat alles vor ein paar Jahren mit dem umfangreichen Liedgut von FRANZ SCHUBERT. Das Wiener Ensemble The ERLKINGS machte sich daran, dieses in einem neuen musikalischen Lichte erstrahlen zu lassen und in ein modernes und stilistisch erweitertes Klanggewand zu hüllen. Der Versuch ist, wie die ersten beiden Veröffentlichungen zeigen, ganz wunderbar geglückt. Auf ihrem neuen Album nehmen sich BRYAN BENNER, IVAN TURKALJ, SIMON TEUREZBACHER und THOMAS TOPPLER nun den Liedern eines anderen großen Komponisten an. Es sind Zyklen „Dichterliebe Op. 48“ und den „Liederkreis Op. 39“ von ROBERT SCHUMAN, die eine spannende und höchst unterhaltsame Neuinterpretation durch das Ensemble erfahren. BRYAN BENNER und IVAN TURKALJ im Interview mit Michael Ternai über die Herausforderung das klassische Liedgut in die eigene musikalische Sprache zu übersetzen und die Entscheidung, die Lieder auf Englisch zu singen.
Euer Album ist vor einigen Tagen erschienen. Wie sehr schmerzt es, es nicht live präsentieren zu können?
Bryan Benner: Irgendwie gar nicht. Würde man es als schmerzhaft empfinden, würde man es auch persönlich nehmen. Und es macht überhaupt keinen Sinn, die aktuelle Situation persönlich zu nehmen. Es ist ein weltweites Problem und alle tun ihr Bestes, da irgendwie durchzukommen. Ich denke, die Absage eines, oder in meinem Fall von zwei Releasekonzerten ist das Wenigste, was da ins Gewicht fällt. Wenn ich an Freunde von mir denke, die dieses Jahr ihre Hochzeit absagen mussten, oder an Leute, die nicht zu den 50 Personen zählen, die zu einer Beerdigung gehen dürfen, das ist schon einmal etwas anderes. Natürlich ist mir der CD-Release wichtig, aber die Leute können das Album ab jetzt ja schon hören. Es ist gerade auf die Welt gekommen. Den Release werden wir später feiern.
Euer letztes Album „Die schöne Müllerin“ stand ganz im Zeichen des großen Liederzyklus von Franz Schubert. Was hat euch dazu gewogen, euch dieses Mal Schumann anzunehmen?
Bryan Benner: Was wir bei unserem letzten Album, dem großen Schubert-Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, gemerkt haben, war, was es auf der Bühne energetisch für einen Unterschied macht, wenn man einen ganzen Liederzyklus quasi ohne Pause durchspielt. Es ist etwas ganz was anderes, als wenn man ein Lied nach dem anderen mit Pausen und Ansagen spielt. Unser erstes Album bestand ja noch aus einzelnen Schubert-Liedern.
Wir mögen beide Formate, aber die Erfahrung, die wir mit „Der schönen Müllerin“ gemacht haben, und die Intensität, die wir beim Spielen erlebt haben, haben uns sehr befördert und inspiriert. Da Schuman mehrere Liederzyklen geschrieben hat, hat es sich für uns angeboten, für unser neues Album einen von seinen auszuwählen. Seine Zyklen sind etwas kürzer als die von Schubert, daher haben wir für das Album zwei Zyklen verarbeitet. Und zwar die „Dichterliebe Op. 48“ und den „Liederkreis Op. 39“.
Was noch dazugekommen ist, war, dass das Schleswig-Holstein Musik Festival 2018 an uns herangetreten ist und uns gefragt hat, ob wir anlässlich des Schumannjahres nicht vielleicht „Dichterliebe“ arrangieren wollten, was wir dann auch getan haben. Es hat sich also perfekt zusammengefügt.
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Was ist die Herausforderung eurer Arbeit, die klassischen Lieder in euren Stil zu übersetzen.
Ivan Turkalj: Ich glaube, dass man immer wieder zum Grundmaterial zurückkehrt. Deshalb ist es wichtig, ausgehend von den Partituren und vom Klavier zu arbeiten. Gleichzeitig darf man aber keine Angst davor haben, auch gewisse Grenzen zu überschreiten. Ich würde sagen, dass man immer einen Blick zurück- und einen nach vorwirft und genau aus dieser Wechselwirkung der Zugang entsteht.
Bryan Benner: Die Herausforderung ist auf jeden Fall, dass jeder eine Spielweise auf seinem Instrument findet, die nicht in den Originalnoten zu finden ist. Wie findet unser Tubaspieler Simon Teurezbacher zum Beispiel eine Linie, die nicht nur der Bass ist, sondern auch darüber hinaus Sinn macht. Oder unser Schlagzeuger Thomas Toppler. Die originalen Lieder Schumanns beinhalten keine Perkussion. Er probiert einfach sehr viel und sehr lange herum, bis es letztlich für ihn passt und es nicht lächerlich wirkt. Ich selber verbringe mit Ivan sehr viel Zeit damit, eine passende Cello-Stimme zu finden, die nicht gleich so offensichtlich ist. Es geht darum, dass sich jeder etwas aussucht, das nicht nur der Begleitung des Liedes dient, sondern sich auch natürlich anfühlt. Und das ist mitunter schwierig. Man muss sich einfach trauen, die Dinge auch auszuprobieren.
„Uns geht es einfach darum, frei und uneingeschränkt in den musikalischen Entscheidungen zu sein.“
Wie nimmt das klassische Publikum eure Interpretationen auf? Manchmal auch verstört?
Bryan Benner: Ich glaube nicht, dass wir verstören. Eher würde ich sagen, dass die Neuinterpretation ein Nebeneffekt von unserem Wunsch ist, die Lieder so zu spielen, wie wir es wollen, und sie auf den Instrumenten zu spielen, die wir beherrschen. Uns geht es einfach darum, frei und uneingeschränkt in den musikalischen Entscheidungen zu sein.
Ivan Turkalj: Es geht uns an sich nicht darum, das Publikum zu verstören. Wie Bryan gesagt hat, ist der Nebeneffekt unseres Zuganges die Neuinterpretation. Leute, die die Lieder wirklich gut kennen – wie etwa das Publikum bei der Schubertiade, wo wir gespielt haben -, nehmen sie mit Interesse als das wahr, was sie sind, nämlich als die originalen Lieder in einem neuen Gewand. Jene, die noch nie etwas von Schubert gehört haben, hören sich quasi Songs an und nähern sich dem Thema Schubert aus dieser Richtung an. Wir sehen auch, dass unsere größten Fans sowohl Leute sind, die wirklich Liedfans sind und sonst eigentlich alles auf Komma und Beistrich erfüllt haben wollen, wie auch solche, die noch nie etwas aus der Richtung gehört haben. Beide Gruppen haben Spaß an dem, was wir tun, und können sich in die jeweils andere Richtung bewegen.

Wie sieht eigentlich der Beginn von The Erlkings aus?
Bryan Benner: Die erste Idee für dieses Projekt hatte ich 2012. Ich bin damals frisch nach Wien gekommen und habe an der Musikuni mit einem Liedstudium begonnen. Das Studium war zugleich auch meine erste intensive Beschäftigung mit Schubert. Bei mir läuft das meistens so ab, dass, wenn ich mich mit einem Komponisten zu beschäftigen beginne, ich zunächst den Großteil seiner Werke und Partituren durchgehe, um einen Eindruck zu bekommen. Dabei ist mir aufgefallen, dass, wenn ich manche Akkorde dieser Lieder runterschreibe, ich sie eigentlich auf der Gitarre spielen könnte. Das erste Lied, bei dem ich so verfahren bin, war „König in Thule“. Das Lied war auch unserem ersten Album vertreten.
Als ich mich dann näher mit Schubert beschäftigt habe, habe ich gemerkt, dass die Akkorde seiner Lieder sich sehr gut für die Gitarre eignen und die Distanz zwischen Schubertliedern und Volksliedern eigentlich sehr gering ist. Das war für mich eine Offenbarung. Ich verstand, dass diese Lieder sehr elegant und in ihrem Stil weit entwickelt sind, sie sich aber immer noch dieser Volkmusiktradition befinden, die immer hörbar ist. Das war für mich die Rechtfertigung, die ich gebraucht habe, um diese Lieder auf die Gitarre zu übertragen. Dass es aber so gut klappt, hatte ich selber nicht erwartet.
Mit der Zeit ist mir aber klar geworden, dass ich als Gitarrist bzw. als Begleitgitarrist, wie ich mich selber bezeichne, nicht alles so umsetzen konnte, wie ich es mir vorgestellt habe. Daher habe damit begonnen, ein Ensemble zusammenzustellen, das genau das kann. Das war der Beginn von The Erlkings.
Ivan Turkalj: Mein Interesse, bei The Erlkings mitzumachen, begründet sich darin, dass ich Schubert aus der Kammermusik kannte und mir einen Weg suchen wollte, Kammermusik in einer Band zu machen. Das ermöglicht mir die Arbeit bei The Erlkings, eben genau in dieser Zwischenebene zwischen Band mit Streichern und klassischem Material zu agieren. Es macht wahnsinnig viel Spaß bei The Erlkings, weil sich da viele Details aus der Kammermusik und der zeitgemäßen Klangsprache auf wirklich schöne Weise verbinden.
„Wir versuchen, uns mit dem älteren Material wieder in diese Freiheit zu begeben.“
Verändert dieses Agieren in der Band auch das Spielen eines Konzertes. Ist man da als klassisch gebildeter Musik freier in dem, was man tut?
Ivan Turkalj: Ich glaube, das ist ein etwas falsches Klischee. Man kann als klassischer Musiker auf der Bühne schon sehr frei agieren. Im Endeffekt sieht man ja die Noten, die man spielt, auf der Bühne nicht. Man spürt sie. Und es ist egal, ob du auswendig oder aus den Noten herausspielst. Das Gefühl ist dasselbe. Und ich glaube, dass jede Musikerin und jeder Musiker, die/der sich in den verschiedenen musikalischen Welten bewegt, überall dasselbe geniest, und zwar die Freiheit. Ob das nun Hingeschrieben ist oder es gerade im Moment entsteht, ist eigentlich egal. Man fühlt sich auf der Bühne natürlich anders, aber das nur aufgrund der Stimmung.
Bryan Benner: Der Unterschied liegt darin, ob man Noten als heiliges Evangelium versteht oder ob man sie als Anfangspunkt sieht. Ich glaube, das war damals im Barock oder anderen Epochen der Musikgeschichte so. Die niedergeschriebenen Noten standen für sehr gute Vorschläge, wie man etwas spielen könnte. Das ist etwas verloren gegangen. Vor allem in der Zeit der großen Opern. Komponisten wie Verdi oder Wagner wollten, dass ihr Werk genauso aufgeführt werden sollte, wie es niedergeschrieben wurde. Mit gutem Grund, sie hatten riesige Visionen, die sie erfüllen wollten. Aber dadurch sind leider eine Tradition und damit stilistische Freiheit verloren gegangen. Zu dieser Tradition zurückzukehren, ist heutzutage nicht sehr einfach. The Erlkings ist unsere Antwort auf dieses Problem. Wir versuchen, uns mit dem älteren Material wieder in diese Freiheit zu begeben. Und das passiert bei uns durch einen musikalisch moderneren Wortschatz.
Das Interessante bei euch ist auch, dass ihr die Lieder sprachlich ins Englische übersetzt. Das stelle ich mir jetzt auch nicht unbedingt einfach vor.
Bryan Benner: Es ist nicht einfach. Und es macht – weil Englisch eben auch meine Muttersprache ist – auch den Großteil meiner Arbeit bei The Erlkings aus. Warum ich mir das antue, hat den Grund, dass egal, wie gut ich auch Deutsch spreche und wie intensiv ich diese Texte auch studiere, es immer eine Wand zwischen mir und der Bedeutung dieser Wörter und Texte geben wird. Schon alleine, dass die Texte von einem anderen stammen, macht es für mich schwer, diese Wand zu durchdringen. Ich will diese Lieder einfach so erfahren, als hätte ich sie selber geschrieben. Das ist mir sehr wichtig. Und das geht nur, wenn ich sie in Englisch singe. Wenn man will, kann man meine Übersetzungen als eine Art Nachdichtung verstehen.
Könnt ihr euch vorstellen, in Zukunft auch einmal eigene Lieder in diesem Stil zu schreiben?
Bryan Benner: Wir haben darüber eigentlich noch nie wirklich gesprochen. Ich würde es interessant finden, eine etwas umgekehrte Version zu machen, sprich, wir nehmen einen deutschen Text und schauen, ob wir nicht irgendetwas dazu komponieren können. Aber das steht jetzt noch nicht so auf unserer Agenda, weil wir noch 650 Schubertlieder vor uns haben. [lacht]
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Michael Ternai
