Unter dem Projekttitel „The Long Now“ haben sich zwei der profundesten Vertreter experimenteller audio-visueller Kunst in Österreich als ex-cava zusammengetan. Marco Döttlinger ist österreichischer Komponist und Klangkünstler, Mitglied von NAMES (New Art and Music Ensemble Salzburg), Lehrender für elektro-akustische Komposition am Mozarteum, Artistic Researcher an der mdw–Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien und Mitinitiator der Reihe „Sweet Spot“.
Patrik Lechner arbeitet in den Bereichen experimentelle Musik und Echtzeit-Video-Kunst und lehrt u.a. an der mdw–Universität für Musik und darstellende Kunst (wo er auch am Artistic Research Center tätig ist), der FH Salzburg sowie und der FH St. Pölten.
Beide präsentieren am 7. Mai 2026 im Salzburger Jazzit im Rahmen der Reihe „Sweet Spot“ einen Event ganz im Zeichen von „Live-Coding“ als Alternative zu vorgefertigten Algorithmen und sonstiger Kontrollparameter.
Für mica hat Didi Neidhart mit Marco Döttlinger und Patrik Lechner ein Interview über Kybernetik, Zufälle, die Potenziale von Unfällen und „The Flow“ geführt.
Bei der Performance im Jazzit am 7. Mai 2026 wird ein eigens dafür entwickeltes Audio- und Video-Live-Coding-System zum Einsatz kommen. Was ist dabei unter Live-Coding zu verstehen und wieso arbeitet ihr damit?
Marco Döttlinger: Live-Coding entstand in den 1990er-Jahren im Kontext der Clubmusik und beschreibt eine performative Praxis, bei der Musiker:innen ihre software-basierten Instrumente während der Performance erstellen, modifizieren, damit spielen, und diese Praxis dem Publikum durch Videoprojektionen des Codes zugänglich machen. Das Publikum bekommt dadurch einen Einblick in das Bühnengeschehen und kann die Notation (den Code) aber auch das klangliche und visuelle Resultat mitvollziehen. Dabei kann es natürlich zu Irritationen kommen, da algorithmische Formulierungen schnell unvorhersehbar werden können. Das interessiert uns daran natürlich auch sehr, also dass die präziseste Notation (Code) kontingent ist.
Die ontologische Seite finden wir auch spannend: Als intermediale, generative audio-visuelle Kunstform verstanden, hinterfragen Live-Coding-Praktiken die Trennung zwischen traditionellen Formen der Komposition, der Interpretation sowie des (digitalen) Instrumentenbaus. Live-Coding ist ein vielseitiges und offenes Paradigma, das nicht an ein einziges Genre oder eine ästhetische Nische gebunden ist.
„Bei dieser Arbeit geht es um Widerspenstigkeit.“
Was sind bei all diesen technisch-technologischen Aspekten eure persönlichen Zugänge zum Projekt The Long Now?
Marco Döttlinger: Für mich steht eine kompromisslose Improvisations-Praxis im Vordergrund, die ein starkes Im-Moment-Sein propagiert. Wenn wir in diesem Prozess sind, spielen traditionelle Begriffe zeitbezogener Kunst wie Form, Transitionen etc. keine Rolle. Das Setup verhindert dies regelrecht, ich bin oft (obwohl das Audio-System von mir entwickelt ist) nicht sicher, warum jetzt dies oder jenes passiert. Es wird also gewissermaßen auch offengelegt, dass ein funktionaler Master/Controller-Zugriff auf komplexe Technologie nicht immer die adäquate Beschreibung von Mensch-Maschine-Interaktion sein kann.
Viel mehr geht es um ein Sich-Verwandt-Machen (im Sinne des “Making-Kin” von Donna Haraway). Also um eine affirmative Beziehung zu den beteiligen menschlichen wie nicht-menschlichen Akteuren. Dies kann konfrontativ verlaufen, aber auch instrumentaler sein. Man fließt in diesem Gefüge, ist ein Teil davon. Man kann das Projekt auch als ein Quartett auffassen, mit zwei Codern und zwei widerständigen Systemen.
Patrik Lechner: Ja, speziell bei dieser Arbeit geht es um Widerspenstigkeit, auch um das Hervorkehren von Prozessen, die oft das Zentrum künstlerischer Praxis und gleichzeitig verborgen sind. Oft sind Experimente eine vorgelagerte Praxis, hier finden sie auf der Bühne statt.
Wie sehr hängen diese Ansätze von Interaktionen und Transformationen mit klassischen Konzepten aus der Kybernetik („Feebackschleifen“, „Miteinander kommunizierende Gefäße“) zusammen?
Patrik Lechner: Wir sind, denke ich, beide sehr stark von kybernetischen Konzepten inspiriert, arbeiten oft an Systemen, Instrumenten, Algorithmen, die unweigerlich direkt oder indirekt von der Kybernetik getragen sind. Ich persönlich setze mich intensiv mit physikalischer Modellierung auseinander, bzw. der Erforschung von unerwarteten ästhetischen Potentialen von Modellen. Hier spielt Feedback, Stabilität und Steuerung eine zentrale Rolle. Offensichtlich kybernetische Aspekte in diesem Projekt sind die Kommunikation zwischen den Maschinen, die Selbstregulierungsprozesse und der gesamte Signalverarbeitungsapparat.
Der Prozess, der die Visualisierungen in diesem Prozess generiert, ist eine Spekulation über eine Transformation: das erste Konzept, das uns z.B. beim Aufschlagen von ‚An Introduction to Cybernetics‘ von W. Ross Ashby begegnet. Die visuelle Ebene wird hier ausschließlich von einer zwei-dimensionalen inversen Fourier-Transformation erzeugt. Das bedeutet, statt traditionell, zu versuchen, ein Bild direkt algorithmisch zu erzeugen, arbeite ich hier an der Erzeugung von komplexen Zahlen, die hoffentlich nach einer inversen Fourier-Transformation ein interessantes Bild ergeben. Dies hat einen äußerst schwer zu navigierenden Parameterraum zur Folge, der eben in Echtzeit erkundet wird.
Können solche Feedbacks auch zu Ergebnissen führen, die (kybernetischen) Kontrollregimen entgegenwirken, bzw. diese (subversiv) unterlaufen? Anders gefragt: Kann Live-Coding auch als Versuch verstanden werden, einer durch Algorithmen generierten und geformten Welt wieder etwas mehr Inkohärenz und Kontingenz zu geben?
Patrik Lechner: Naja, so kontextualisiert würde ich es eher in anderer Weise als Metapher auf unser Weltgeschehen sehen. Zwar hat sich die Kybernetisierung der Welt eingeschlichen: Verantwortliche fragen heimlich Chatbots, alle werden zu ratlosen Managern von Agentic AI, Rechenprozesse laufen autonomer und sturer denn je, aber das Chaos wird dadurch nicht geringer, die Überforderung von regulativen Organen (Moore’s Law) tritt mehr in den Vordergrund.
Marco Döttlinger: Da bin ich bei dir, Patrik. Wir sehen auch, dass es häufig zu Widersprüchen kommt, wenn maschinelle Exaktheit auf menschliche Lebensrealität trifft bzw. auf diese naiv positivistisch angewendet wird. Dies kann künstlerisch sehr fruchtbar sein. Die gestellte Frage ist spannend. Es scheint mir wichtig, z.B. Allan Turings Satz der Nicht-Berechenbarkeit hier zu betonen. Die Welt wird immer inkohärent sein, da es viele Probleme gibt, die nicht durch Algorithmen lösbar sind, selbst mit unendlich viel Zeit und Speicherplatz. Dies trifft auch auf Techniken des maschinellen Lernens zu, die bestimmte Probleme statistisch gut oder weniger gut modellieren, aber nicht lösen im strengen Sinn.
„Wir sind, denke ich, beide sehr stark von kybernetischen Konzepten inspiriert“
Als Ralf Hütter von den deutschen Elektronik-Pionieren Kraftwerk einmal nach seiner Einschätzung von KI gefragt wurde, antwortete er sinngemäß, dass ihn „Künstliche Intelligenz“ überhaupt nicht interessiert, „Künstlerische Intelligenz“ hingegen sehr. Geht es bei euch nicht auch um solch eine Differenz zwischen ökonomischen Optimierungs- und Allmachtsphantasien und der Erweiterung künstlerischer Praxen durch neue Technologien, die ihrerseits wieder politische Fragen generieren können?
Marco Döttlinger: Ja, so würd ich das auch einordnen. Es geht hier überhaupt nicht um Optimierung oder auch Kommodifizierung. Auch nicht um KI, obwohl der ganze Bereich der Algorithmen etc. da stark hineinspielt. Das Schreiben und Modifizieren von Code dient nicht dazu, ein gewünschtes Verfahren oder Ergebnis zu beschreiben und schneller herzustellen, sondern um den nächsten Schritt in einem offenen Erkundungsprozess zu tun. Anstatt die Rolle der menschlichen Operator:in oder Künstler:in zu reduzieren, erfordert das Live-Coding ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und taktiler Intelligenz. Es ist eine Praxis des Timings und der Rechtzeitigkeit, des Kairos, d.h. des Findens und Erkennens des richtigen Zeitpunkts zum Handeln.
Patrik Lechner: Das Zitat ist interessant; ich nehme an, es entstammt einer Zeit, in der sich noch nicht Verwunderung darüber breit gemacht hat, dass nun die ‚Roboter‘ in kitschiger Musik, Malerei und Poesie schwelgen, während ich noch immer dem ‚AI‘-Staubsaugerroboter schimpfend nachhelfen muss, weil er bei seiner Arbeit ständig in allerhand lächerlichen Hindernissen verunglückt.
Aber um auf die eigentliche Frage zu antworten: Ja, es ist natürlich ein großer Unterschied, ob man sich kommerzieller Maschinen bedient und so im Grunde das, was früher Produktion war, zu einem Konsumverhalten macht, oder ob man andererseits versucht aktuelle Entwicklungen und Technologien auf künstlerisches Potential abzuklopfen im Sinne einer experimentellen Praxis. Und hier ist es nicht ausreichend, der Maschine aufzutragen ‚Experimentelles‘ zu tun oder vorgefertigten sogenannten ‚generativen‘ Machine-Learning-Prozessen das Feld zu überlassen. Auch sei an der Stelle angemerkt, dass gerade dieses Begriffsfeld nur so blüht vor Propaganda: Generative Kunst hat eine Geschichte. Die großen Anbieter von durch ‚KI‘ ‚generierten‘ Medien verschleiern hier natürlich lediglich Diebstahl von geistigem Eigentum und schmücken sich mit dem vagen Begriff der Intelligenz.

Auf eurer Homepage schreibt ihr, dass es vor allem auch darum geht „das Wenn-Dann-Denken der Computerlogik in Richtung eines Was-wäre-wenn-Denkens zu verschieben.“ Da stellt sich jedoch die Frage inwieweit „eine spekulative, radikale experimentelle Kunstpraxis“ wirklich möglich ist, solange dabei immer noch in binären Computercodes verharrt werden muss. Ist das nicht auch eine paradoxe Situation?
Patrik Lechner: Ich sehe den Topos des ‚Binären Codes‘ relativ kritisch. Hier wird eine Unflexibilität der Maschine signalisiert, die sich in der Praxis nicht abbildet. Es gibt zahlreiche andere, nicht-binäre formale Systeme: Philosophisch/Logische Experimente, Analoge Computer, Quanten Computer. Ein Formalismus per se schränkt natürlich ein, erlaubt eher auch einen klaren Ausdruck, der ohne ihn unmöglich wäre. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt‘ und so weiter, vermutlich geht es eher darum, verschiedenste Formalismen zu erkunden und deren Unschärfen zu entdecken. Und genau das passiert in diesem Projekt, da wir uns hier mit sehr ungewöhnlichen Systemen konfrontieren.
Marco Döttlinger: Ja, die Unschärfen dynamischer Prozesse sind wichtig, die in einer Praxis des What-If? auftreten. Es geht nicht um die Ausführung statischer Planung, sondern um eine prozessuale Gestaltung durch Live-Coding. Der Code wird während der Performance ediert und das Programmieren in eine dialogische Performance verwandelt: Wir denken Algorithmen also als instabiles Material.
„Die Welt wird immer inkohärent sein, da es viele Probleme gibt, die nicht durch Algorithmen lösbar sind.“
Geht es auch darum Potentiale jenseits binären Codes und Zuschreibungen innerhalb binärer Verhältnisse zu erforschen, um diese dann (mit was auch immer) zu verlassen und hinter sich zu lassen?
Patrik Lechner: Streng genommen habe ich vor einigen Jahren einmal die binären Systeme verlassen, indem ich Klänge durch einen Quantencomputer erzeugt habe. Das Resultat war weißes Rauschen. Ununterscheidbar von anders generiertem Rauschen, aber natürlich mit einer anderen Konzeption von Zufall im Gepäck. Das Stück mit dem klingenden Namen „Noise generated with a quantum computer for your convenience“ kann hier gehört werden.
Selbstverständlich liegt uns viel daran, generell Grauzonen zu untersuchen und ich würde behaupten, dass das gerade erwähnte ‚Stück‘ eben auch daran teilnimmt, genau durch seine Lächerlichkeit. Quasi als Kritik der Unterscheidung von binärem und nicht-binärem, von der Unterscheidung zwischen Zufall im epistemischen oder phenomenologischen Sinn und im ontischen Sinn. Dieser Punkt berührt natürlich auch den Bereich der sogenannten Komplexen Systeme, die oft berechenbar sind aber keine Lösungen in geschlossener Form bieten.
Bedeutet Live-Coding eventuell auch eine digitales Undoing algorithmischer Herrschaftssysteme? Also durchaus auch im Sinne „älterer“ Hackertaktiken (zwischen den Cut-Ups von William Burroughs und gewissen Cyberpunk-Ideen), die angesichts aktueller KI-Technologien zwischen Massenüberwachungen, Deep Fakes und KI-generierten audio-visuellen Produkten auch wieder rezipiert werden?
Patrik Lechner: In gewissem Sinne ja, in gewissem Sinne konstatiert das Coden selbst einen solchen Akt. ‚Vibecoding‘, also der Rückzug der Menschen vom eigentlichen Programmieren, um den willfährigen Chatbot zu managen, ist effizient und weit verbreitet. Ein absehbares gesellschaftliches Problem ist, dass eine gute Menge Menschen sich daran gewöhnt, sich die Finger nicht mehr schmutzig zu machen, aber gleichzeitig ständig Lob von der eifrigen Maschine bekommt, für all die brillanten Ideen, die Sie umzusetzen hat. Ein Blick auf die Psychologie von Diktatoren scheint lohnend. Jedenfalls werden unsere Maschinen auf der Bühne definitiv „Nein“ zu uns sagen.
„Der Code wird während der Performance ediert und das Programmieren in eine dialogische Performance verwandelt.“
Ist Live-Coding dann eigentlich ein Arbeiten mit KI oder dagegen?
Marco Döttlinger: Wir experimentieren und arbeiten in anderen Kontexten mit KI und Techniken des Maschinellen Lernens, in diesem Projekt geht es aber nicht darum. Die beiden Systeme, die wir spielen, sind nicht ‚intelligent‘ in diesem Sinn.
In anderen künstlerischen Kontexten, wo wir eigens trainierte Modelle verwendet haben und verwenden, ist ein ethischer und materieller Aspekt wichtig geworden, da die Voraussetzung ja immer ein Datensatz ist. Indem man die Datengenerierung und Modellarbeit als kreativen Akt versteht, verwandelt sich Information von etwas vermeintlich Faktischem und Gegebenem in ein bewusstes Artefakt: Wer die Parameter der Datenerhebung, die Ästhetik der Aufzeichnung und die Logik der Kategorisierung selbst bestimmt, entzieht sich der algorithmischen Interpretationshoheit globaler Technologiemonopole. Eine künstlerische Aneignung der Datengenerierung ermöglicht es nicht nur, Wissen zu verwalten, sondern auch, auf radikal neue und unabhängige Weise darüber nachzudenken.
Mit Bezugnahme auf Erin Manning und Brian Massumi und deren 2014 veröffentlichtem Buch “Thought in the act: passages in the ecology of experience.” argumentiert auch ihr, dass es bei The Long Now nicht darum geht, „etwas im Voraus formal auszuarbeiten“ und stattdessen die Potenziale eines ebenso spontanen wie interaktiven Denken und Handelns zu forcieren. Aber wie einfach ist das wirklich, so ganz ohne formale Präkonfigurationen zu arbeiten? Im Impro-Bereich gibt es dazu ja auch Positionen, die sagen, um „ganz frei“ zu agieren, müssen gewisse Sachen schon doch auch geprobt werden. Wie seht ihr das?
Marco Döttlinger: Das würde ich so verstehen: Es geht nie darum, etwas formal im Voraus auszuarbeiten, wie man zum Beispiel eine Komposition konzipiert und ausarbeitet (auch wenn das improvisatorisch erfolgen kann) – das Potenzial, oder was uns an diesem Projekt interessiert, liegt in einem Denken im künstlerischen Handeln, so dass es als eine Form des taziten oder impliziten Wissens betrachtet werden kann, das in und durch die Praxis erst aktiviert wird. Dies macht Live Coding zu einem geeigneten Ansatz für radikale und risikofreudige klangliche und visuelle Experimentierprozesse.
Die Präkonfigurationen: Ja, das stimmt, guter Punkt. Du sprichst hier Positionen an, die etwa sagen, dass eine gute Improvisation nur so gut sein kann, wie ihre Vorbereitung. Damit würde ich grundsätzlich übereinstimmen. Auf unser Projekt bezogen, denke ich aber, dass die körperlichen Widerstände wegfallen. Ich meine damit, dass wenn ich diese oder jene Gestalt auf einem akustischen Instrument ausführen will in einer Improvisation, muss ich die Gestalt in meinem Repertoire als Spieler:in abrufen können, d.h. körperlich und instrumental-technisch dazu in der Lage sein (geübt haben). Frei zu sein in unserem Kontext bedeutet, das System zu kennen (den Code zu schreiben), der Rest ergibt sich im Prozess. Die Präkonfiguration, weniger im formalen Sinn, liegt bei uns in der Entwicklung der digitalen Systeme. Wir sprechen uns nicht ab, bevor wir eine Session beginnen.

„Wir denken Algorithmen also als instabiles Material.“
Beim Spiel mit Zufällen, Aleatorik, Cut-Ups, Systemabstürzen, etc. geht es ja auch immer darum, tradierte Perspektiven (gerade auch solche innerhalb der vermeintlichen Avantgarden) zu irritieren und zu dekonstruieren. Auch bei euch geht es um die Lust an den Spannungen, die „unregelmäßige, ungleichmäßige, verzerrte und inkohärente Ergebnisse“ auslösen können. Jetzt wissen wir mittlerweile aber auch, dass Vieles davon (Aleatorik, Cut-Ups) eher als Ausgangs-Skizzen und Ideen-Pool verwendet worden sind und nicht immer so belassen wurden, wie im ersten Moment. Manches „Gewürfelte“ wurde dabei ja auch (fast wie beim Würfelpoker) auch gleich wieder verworfen. Wie schaut das bei euch aus? Ihr agiert ja Live. Was macht ihr, wenn mal was aus eurer Sicht überhaupt nicht zu funktionieren scheint?
Marco Döttlinger: Das ist jedenfalls part-of-the-game, kann unangenehm sein oder aber sehr befreiend. Man muss eine andere performative Haltung einnehmen, finde ich. Wir haben es ja alle durch lange Jahre Musikausbildung hindurch geschafft, diese Haltung fällt also psychologisch schwer. Hingegen konzeptuell würde ich sogar soweit gehen und sagen, dass es keine vermeintlich hässlichen oder nicht gelingenden Momente geben kann, in diesem Kontext wenigstens. Der Gehalt dieser Arbeit besteht in einer Dekonstruktion digitaler Echtzeitmedien, der Herausstellung ihrer Prozessualität. Deshalb machen wir, wenn etwas, wie du fragst, gar nicht funktioniert, folgendes: Wir machen einfach weiter! Auf der Suche nach der nächsten Sequenz, dem nächsten Bild oder Klangmoment.
Stichwort Live-Situation: Ihr sprecht dabei von einem „Flow oder Flow-Zustand“ und einem „Long Now“. Was ist darunter zu verstehen, bzw. was unterscheidet euren Ansatz von ähnlichen Anordnungen zwischen Ambient und Drones-Musik?
Marco Döttlinger: Die intrinsische Erfahrung erhöhter Aufmerksamkeit während des Live-Codings (oder einer anderen Praxis, in die man sich aktiv vertieft) wird oft als Flow oder Flow-Zustand beschrieben. Flow beschreibt hier einen hyperfokussierten Zustand des völligen Engagements im Prozess dieser Aktivität. Dem Prozess an sich wird ein intrinsischer Wert beigemessen. Dieser Flow-Zustand beruht auch auf einer konkreten Erfahrung der engen Interaktion mit einem ‘Anderen’, einer Interaktion, die ein seltenes Gefühl der Einheit mit diesen normalerweise fremden Entitäten erzeugen kann. Unser Projekt ist sicher verwandt mit Ambient- oder Drone-Musiken, was die Hörhaltung und zeitliche Ausdehnung betrifft. Klanglich aber werden wir viel näher an Noise/Glitch sein.
The Long Now haben wir als Arbeitstitel gewählt, da er beschreibt, dass es um das Momentane geht. Das soll kein Widerspruch sein zur prozessualen Verfasstheit, wie oben beschrieben. Eine Session hat theoretisch keinen Anfang und kein Ende, sie ist eine Reihe von NOWs, von What-Ifs?: von Code edieren/schreiben, hörend/sehend evaluieren, weiterschreiben etc. – von einer Reflection-in-Action Loop. Vielleicht fügen wir alle jemals gespielten Sessions aneinander später, das ist offen.
Vielleicht liegen in The-Long-Now ja auch all die zuvor schon mal angesprochenen politischen Implikationen? Im Kontext des Spiels mit Algorithmen oder anderen nicht-menschlichen technologischen Entitäten, können wir eine gegenseitige und wechselseitige Anpassung beobachten, die in einer sich stetig entwickelnden Rückkopplungs-schleife stattfindet. Diese Schleife – und das wird im Rahmen des Projektes performativ exemplifiziert – führt zum Entstehen von Eigenschaften, die aus einer externen Kontroll- oder Analyseperspektive weder entworfen noch erfunden werden könnten. Unser Projekt will diese Emergenzpotenziale künstlerisch erfahrbar machen. Darin würde ich schon eine subversiv gedachte kybernetische Idee sehn.
„Es geht nie darum, etwas formal im Voraus auszuarbeiten“
Wie lang wird euer Konzert dann wohl dauern?
Marco Döttlinger: Es sind zwei Stunden geplant, wir werden sehen.
Und was bedeutete der Name „ex-cava“?
Marco Döttlinger: ex-cava fasst alle Projekte zusammen (nicht nur The Long Now), die wir gemeinsam entwickeln (werden). Wir arbeiten beide im Forschungsprojekt „Spirits in Complexity – Making kin with Experimental Music Systems“ (FWF AR-821). Viele Ideen, die dort beforscht werden, fließen in diese Arbeiten ein, aber auch ganz anderes. Wir teilen uns seit ein paar Jahren ein kleines Studio in Wien. ex-cava verstehen wir einmal als einen Pool von künstlerischen Artefakten (Ideen, Kompositionen, Improvisationen, Aufnahmen, Code), die dort entstehen. Natürlich spielt auch die Bedeutung des „Freilegens“ oder „Ausgrabens“ als künstlerische Strategie eine Rolle. Gleichzeitig haben wir begonnen, befreundete Künstler:innen unterschiedlichster Disziplinen einzuladen, ihre derzeitigen Projekte vorzustellen, ins Gespräch zu kommen. ex-cava ist also auch ein informeller Ort des Austauschs, Diskurses und Praktizierens, abseits akademischer Hierarchien.
Danke für das Interview.
Didi Neidhart
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Sweet Spot. Lounge für elektroakustische Musik Part 3
Marco Döttlinger & Patrik Lechner: THE LONG NOW – Durational Live-Coding Performance
Don, 07.05.2026 – 19:30
Jazzit:Bar / Jazzit Musik Club
Elisabethstr. 11
5020 Salzburg, Austria
Event
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Links:
Marco Döttlinger
Patrick Lechner
The Long Now
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Teile des Projektes wurden im Rahmen von „Spirits in Complexity – Making kin with Experimental Music Systems“ (gefördert durch den Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF AR-821) entwickelt. Die finale Version wurde vom Land Salzburg (Förderung für Medienkunstprojekte) unterstützt.