Interview mit Patrick Pulsinger

“KEINE FITZE-FATZE E-MUSIK” Elektroniker Patrick Pulsinger im Gespräch über elektronische Verromantisierung, Mozart und MySpace.

MODERNISTMOZART bewegt sich zwischen E- und U-Musik, was Sie z.B. mit Schwanensee “Remixed” bereits vorexerzierten. Ihr Zugang zur klassischen Musik?

Mit klassischer Musik bin ich kaum sozialisiert. Die hat weder zuhause im Elternhaus noch bei mir im Persönlichen eine Rolle gespielt. Ich bin mehr mit den Disko-Kassetten meines Vaters aufgewachsen. Klassik oder auch Jazz – worin ich mich mittlerweile viel bewege – hab ich eigentlich extrem spät, also so mit Anfang 20 für mich entdeckt. In der Klassik da gibt’s schon viele Dinge die mich interessieren, aber eigentlich erst jetzt.

Wie geschah die Erweiterung des eigenen Musik-Universums?

Aus einem allgemeinen Interesse. Du hörst dir verschiedene Dinge an. Und als ich Anfang 20 war hab ich mir extrem viel Musik gekauft. Ich hab in Plattenläden gearbeitet, dir fällt ein Plattencover auf, du beginnst zu suchen und das geht dann explosionsartig in die Tiefe und in die Weite. Man stolpert über Sachen und du suchst weiter. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Bigband Jazz der Sechzigerjahre. Da hab ich wirklich viel zu suchen begonnen – da stolperst du über viele andere Sachen. Ich hab da über die letzten zehn Jahre mit meiner Freundin extrem viel angehäuft.

MODERNISTMOZART besagt, dass die Elektronik augenblicklich in der Pubertät steckt…

Ich glaube die Pubertät ist schon vorbei. Die Geschichte die nachträglich angerechnet wird, findet teilweise aus einem falschen Blickpunkt heraus statt. Sehr viele Leute die jetzt anfangen, das Revue passieren zu lassen, die waren bei vielen Dingen die sehr viel früher statt gefunden haben gar nicht dabei. Also ich glaube, dass man das wesentlich früher ansetzen kann und ich glaub diese Pubertät war vor einigen Jahren – Ende der Neunzigerjahre. Und wir bewegen uns jetzt auf die Dreißig zu. Diese ganze Aufbruchstimmung, diese Sturm- und Drangzeit mit 100.000 Labels und Lizenzierungen hat ja in Wien ein relativ sanftes aber trotzdem strenges Erwachen gehabt. Ein paar Labels sind eingegangen, Vertriebe sind Pleite gegangen. Und diese ganzen Höhenflüge – auch die künstlerischen Karrieren die da vorausgezeichnet wurden – die sind im Endeffekt nicht eingetroffen. Wenn man sich anschaut wer aus dieser Szene übrig geblieben ist: Das ist eine Hand voll Leute. Das ist auch darauf zurück zu führen, weil das Ganze ein bisschen falsch eingeschätzt wurde und ein bisschen in ein falsches Licht gerückt wurde. Es wurde immer von diesem “Wiener Sound” gesprochen. Ich hab mich da immer total dagegen gewehrt. Sozusagen: Sobald du dem einen Stempel aufdrückst ist das eine Mode-Erscheinung von der man glücklich sein kann, wenn sie maximal zwei Jahre dauert. Das war damals zum Beispiel dieser Groove-Sound, den ich mir nie angehört habe (lacht).

Eine klassische Verromantisierung?

Total. Es wird im Nachhinein verromantisiert. Es ist für mich in keinster Weise so passiert. Es ist vielleicht in der Öffentlichkeit so passiert und über gewisse Musikabteilungen von Life-Style-Magazinen. Für mich als Label-Inhaber und Musiker aber nie.

Wie groß war die Sache vom internationalen Standpunkt betrachtet wirklich? Immerhin lachten Sie vom Cover des Wire-Magazine…

Es hat schon einen Impact gehabt. Aber es hat im Nachhinein betrachtet mehr den Netzwerken geholfen. Ich glaube dass es musikalisch – global gesehen – wenig Impact hatte. Dazu ist der Output – mengenmäßig gesehen – zu klein, um sich durchzusetzen. Da kommt vielmehr aus England, den Staaten oder Ost-Asien. Der Impact war vielleicht gering, aber die Leute die gewusst haben nicht auf den Sitzen zu bleiben und die 100.000ste “Melonge del Vienna” Kompilation raus gebracht haben – für die war’s eine wirklich gute Sprungschanze. Wie gesagt: Das Label-Ding hat sich ein bissl erübrigt: Intonation zum Beispiel, die hatten Angestellte und große Büros, noch bevor sie einen Release hatten. Und das geht sich nicht aus. Die Labels die es Low-Key gemacht haben, habens relativ lange überlebt. Mego hat zehn Jahre geschafft, G-Stone gibt’s nach wie vor. Cheap gibt’s am Papier nach wie vor und hat zumindest auch elf Jahre lang gearbeitet. Diese Dinge haben ja funktioniert. Die Unternehmen die auf Venture Basis gearbeitet haben, hatten von der Basis ja wenig Ahnung.

 

 

Jene Labels die überlebten, waren vermehrt die Herzensangelegenheiten?

Das glaub ich auch. Diese Sturm und Drang Zeit ist aber vorbei: Einfach mal was auf den Markt werfen und schauen was passiert, das gibt’s heute nicht mehr. Die Vertriebsstruktur hat sich total geändert. Der Konsument an sich ist auch nicht mehr derselbe wie vor zehn oder vor fünf Jahren. Da hat sich viel geändert.

Was ist von dieser Warte aus betrachtet, den Jungspunden zu raten, um einen Fuß in die Tür zu bekommen?

Was alle Leute machen, und das scheint irgendwie das Gebot der Stunde, ist das Kredo: Das Netzwerk ist alles! Real existierende Beziehungen oder allein schon dass man sich trifft, gibt es da nicht wirklich. Dinge wie MySpace sind ja keine real existierenden Beziehungen. Wenn die morgen deinen Account löschen, stehst du auf einmal ohne Kontakte da (lacht). Deswegen ist den Leuten zu raten, wenn sich mal Dialoge auftun, richtig in diesen Dialog zu treten und wirklich auf einer persönlichen Ebene zu arbeiten. Ich glaub die Leute vergessen, dass nicht jede Band wie die Arctic Monkeys direkt aus dem Internet engagiert wurden. Außerdem glaub ich sowieso, dass das eine reine PR Aktion von MySpace war.

Sie werden im Rahmen von MODERNISTMOZART mit Franz Hautzinger auftreten. Was hat Patrick Pulsinger mit der Improszene am Hut?

Ich hab den Franz vor fünf, sechs Jahren kennen gelernt. Und zwar war das so, dass mir Christoph Kurzmann – ich hatte ja damals überhaupt keine Kontakte zu dieser Szene – geholfen hat eine Jazz-Combo zusammen zu stellen. Weil ich diese Idee hatte, ein klassisches Jazz-Ensemble in Einzelspuren aufzunehmen, die Leute nach Hause zu schicken und das ganze zu “zer-cutten”. Das war ja damals auch die Zeit in der ich mich extrem intensiv mit Jazz beschäftigt habe, aber mehr theoretisch. Und weil ich ja kein Instrument spiele, wollte ich einfach mal Leute suchen die Sachen nach meinen Ideen einspielen. Da hat mir Christoph Kurzmann ein paar Leute vorgestellt: Paul Skrepek, mit dem ich jetzt mein Studio mache, Werner Dafeldecker mit dem ich auch jetzt noch ein paar Sachen mache – die Leute sind mir wirklich von damals noch geblieben. E- und U-Musik hat sich da zu vermischen begonnen, weil es auch personell auf einmal viele Überkreuzungen gab. Wenn ich Live spiele, spiele ich eher improvisiert, als klassische Club-Gigs. Weil mich dieses klassische Powerbook-Konzert ein wenig anöded. Das ist ein bissl over. Das war lustig, hält sich musikalisch aber nicht auf lange Zeit. Ich habe unlängst z.B. mit Roedelius gemeinsam gespielt. Letztes Jahr hab ich eine komplette Improvisationstour durch China gemacht.
Ich habe versucht technisch einen Weg zu finden elektronische Musik in den Improvisationsbereich zu hieven. Es ist ja ein bisschen spröde, wenn man mit Improvisationsleuten spielt, weil die das Tempo wechseln ihre Zitate reinhauen etc.. Ich spiele jetzt einen Modularsynhesizer den ich händisch verkabele, ich spiele also wieder mit den Händen und nicht mit dem Kopf. Und das funktioniert ziemlich gut. Ich lasse Instrument rein, mache Filter etc. Die Technik die ich da verwende ist eigentlich aus den Siebzigerjahren. Computer benutze ich On Stage eigentlich kaum.

Die größte Challenge mit “richtigen” Instrumenten zu arbeiten?

Einfach der Klang, das Universum! Was für mich eine unglaubliche Entdeckung war, obwohl ich schon Jahre aktiv Musik gemacht habe, war der Raum. In der Elektronik schaut es ja so aus: Kastl, Kabl, Mischpult rein in die Boxen – super! Aber der Raum ist überhaupt das größte Experimentierfeld das es gibt. Da kannst du mit Plugins und Effekten arbeiten wie du willst – der Raum ist die größte Leinwand auf der du malen kannst. Ich hab mich da wirklich extrem dafür interessiert: Für Verstärker und Vorverstärker aus den Fünfziger-, Sechzigerjahren. Das war nach sieben, acht Jahren eine wirkliche Entdeckung. Und genau die Dimension die mir gefehlt hat, um mit den Sachen die ich aufnehme wirklich glücklich zu werden. Jetzt hält sich Akustik und Elektronik 50/50 die Waage. Ich könnt mir das eine ohne das andere gar nicht mehr vorstellen.

Was wird die MODERNISTMOZART Performance nun bieten?

Wir spielen mit Cello, Klavier, Schlagzeug, Bass und Posaune. U.a. mit Hilary Jeffery von Sand. Wir versuchen Franz Hautzingers Partitur, die ja eher ruhig veranlagt ist für eine Bandbesetzung umzubauen. Es wird laut. Ein Wall of Sound. Wir spielen alles verstärkt. Also keine fitze-fatze E-Musik. Im weitesten Sinn wird es sehr rockig werden. Es scheppert!

Patrick Pulsinger