Bild Rewolfinger
Rewolfinger (c) Mario Lang

„In guten Momenten ist unsere Musik eine Urkraft“ – REWOLFINGER im mica-Interview

Eben hat die Band REWOLFINGER mit „Family Noir“ (Konkord) nach zehn Jahren wieder ein neues Album vorgelegt. Im Interview mit Jürgen Plank erzählen HERBERT ZGUBIC und STEFAN WOLFINGER von Truthähnen, warum Rewolfinger-Konzerte immer ein besonderes Erlebnis sind, auf welche Roots-Music sich die Band bezieht und warum Traditionen auch zerstört werden müssen. 

Ihr bewegt euch mit Rewolfinger musikalisch im weiten Feld Americana. Welche Art von Roots-Music interessiert euch?

Stefan Wolfinger: Mich, als Banjospieler interessiert die Musik aus den 1920er und 1930er-Jahren. Damals gab es in diesen Kreisen recht bekannte Banjospieler wie Doc Boggs und Roscoe Holcomb. Das waren begnadete Banjo-Spieler und Innovatoren. Gleichzeitig keine Profimusiker, Doc Boggs war Bergarbeiter im Kohlebergbau und Holcomb hat auch ziemlich schlecht bezahlte und harte Jobs gemacht. Die beiden sind relativ früh verstorben, aber sie sind im Zuge der Folk-Welle wiederentdeckt worden, auch von Leuten wie Bob Dylan. So hat sich diese Musik weiter tradiert bis sie bei mir angekommen ist.

Wie hat dieser Hintergrund dein Banjo-Spiel beeinflusst?

Stefan Wolfinger: Ich kann nicht so Banjo spielen wie die, aber ihr Ansatz war immer interessant. Denn sie haben eine Musik gespielt, die zwar an einer amerikanischen Tradition der Weißen angelehnt war, aber auch an einem schwarzen Blues. Von den Weißen hat sie unterschieden, dass sie nicht dieses Verchristlichte gehabt hat. Das war damals in der Countrymusic recht weit verbreitet, dass man gerade in der Zeit der großen Depression auf Erlösung und auf Gottglaube gesetzt hat. Doc Boggs wollte neben seinen argen Jobs beim Banjospiel Spaß haben und hat und mehr die Musik des Teufels spielt und einen hedonistischen Zugang zur Musik gehabt. 

Musik des Teufels, death country, ist dein Stichwort, Herbert. Welche Americana-Richtungen haben dich geprägt?

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Rewolfinger (c) Mario Lang

Herbert Zgubic: Bei mir kommt das eher vom Südstaaten-Blues. Im Alter von 14 oder 15 Jahren habe ich sehr viel Psychedelic gehört, aus den 1960er Jahren. Und dann ist mir eine Platte von Howlin’ Wolf so eingefahren, als würde mich der Teufel schütteln. Die Platte habe ich mir gekauft, weil das Cover einfach cool ausgeschaut hat. Die Rauheit und die Einfachheit der Musik haben mich fasziniert: das Schlagzeug drischt roh hinein und die Gitarre spielt kaum mehr als drei Töne und dazu eine tiefe, raue Stimme. Dieses „Smokestack Lightnin’“ von Howlin’ Wolf ist seit 35 Jahren ein Leit-Song von mir. Dann habe ich Muddy Waters und Chicago Blues-Sachen gehört und das hat mein Gitarrenspiel beeinflusst. Ich habe mir gedacht: warum muss ich fünf Töne spielen, wenn ich mit einem dasselbe aussagen kann.

Von diesen Hintergründen kommend, macht ihr eure eigene Rewolfinger-Musik. Mir scheint die neue Platte experimenteller zu sein als die Platten davor.

Stefan Wolfinger: Ja, das würde ich schon sagen, dass die neue Platte experimenteller ist. Die ersten beiden Platten waren schon mehr an alten Traditionals angelehnt. Die neue Platte ist experimenteller, weil die Songs oft zerfleddern bzw. zerfallen und dann wieder zusammengesetzt werden. Das ist sicher ein prägendes Element. Die Bläser sind auch mehr im Vordergrund als früher.

„Tradition ist uns nicht unwichtig, aber es ist uns genauso wichtig, die Tradition wieder zu zertrümmern“

Herbert Zgubic: Wir haben bei dieser Platte mehr mit Stilen experimentiert. Wir sind vom death country zu einer definitionslosen Form des Stils gekommen. Eine neue Platte zu beschreiben, ist immer schwierig. Da ist ja alles drinnen: Musette, Chanson bis hin zu Howlin’ Wolf-artigen Songs, bis zu „Cars On Mars“, das ist eine Country-Ballade, die Stefan singt. Wir haben viel gemischt und es hat auch lange gedauert. Es war immer die Frage, in welche Richtung geht es. Wir alle haben unterschiedliche Hintergründe, bis hin zu Jazz. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist uns mit der neuen Platte geglückt. 

Wie habt ihr denn die ins Album integrierten Traditionals ausgewählt?

Stefan Wolfinger: Von der Musik her ist bei den Traditionals gar nicht mehr so viel übrig, sondern eher die Texte. Die werden ja auch immer wieder neu geschrieben und überformt, sodass wir auch in dieser Tradition stehen, sich Texte zu eigen zu machen. 

Herbert Zgubic: Rewolfinger kratzt sich in die Musikgeschichte selbst hinein. Wir halten uns mit den Nägeln fest, damit uns die Geschwindigkeit des Plattentellers nicht abwirft. Tradition ist uns nicht unwichtig, aber es ist uns genauso wichtig, die Tradition wieder zu zertrümmern.

„Der Rock’n’Roll ist keine Kinderjause!“

Ihr seid bekannt für eure exzessiven Bühnenshows und du hast dich auch schon verletzt bei einem Konzert.

Herbert Zgubic: Live sind wir wirklich ein Erlebnis, das ist ein anarchisches Spektakel. Bei der Album-Release-Show hatten wir einen Roadie dabei, dem wir aber nichts gezahlt haben, der dann das Ruder übernommen und selbst gespielt hat. Das hat mir sehr gut gefallen! Mir ist eine gute Bühnenshow wichtig und ich merke auch selbst, wenn es mich packt. Dann reißt es mich weg! In guten Moment ist unsere Musik eine Urkraft. Das sind Glücksmomente und da haut es mich halt von der Bühne. Da war das Seitenband gerissen. Der Rock’n’Roll ist keine Kinderjause!

Auf der Bühne experimentiert ihr musikalisch und wisst nicht immer, wie ein Konzert ausgeht.

Herbert Zgubic: Genau, Peter Nachtnebel vom fluc hat einmal gesagt, dass die Songs manchmal auseinanderbrechen und man glaubt, dass wir den Faden nicht mehr finden. Plötzlich kommen wir wieder in den Song hinein und das ist für uns selbst auch das Live-Erlebnis. Wir haben mal ein Lied auf zehn Minuten ausgedehnt, haben nicht mehr gewusst, wie es weiter gehen soll und haben nur mehr geschrien: „We don’t get out of this song anymore! We don’t get out of this song anymore!“ 

Live und auf Platte habt ihr eine singende Säge im Einsatz und das erinnert sofort an Tom Waits, der wiederum in einem der Liedtext vorkommt. Wieso das?

Stefan Wolfinger: Es gibt einige in der Band, denen Tom Waits ziemlich wichtig ist und mir gefällt seine Musik auch. Man kann ihn, alleine schon vom Gesang her, nicht kopieren.

Herbert Zgubic: Die singende Säge habe ich auf einem Flohmarkt gefunden und sofort gekauft. Unser Trompeter wollte immer schon singende Säge spielen und deshalb haben wir sie eingebaut. Ich sage immer, dass sie das Theremin für Arme ist. Das hängt weniger mit Tom Waits zusammen, sondern mehr mit dieser Bänkelmusik in Brecht’scher Tradition. Mich interessiert diese Varieté-Musik aus den 1920er und 1930er-Jahren.

Ihr habt das Album im Burgenland aufgenommen. Wie war die Arbeit daran?

Stefan Wolfinger: Das unterscheidet die Platte von vorigen Alben: dieses Mal haben wir nicht Spur für Spur aufgenommen, zuerst mit Schlagzeug und Bass, sondern haben die Basis live im Studio gelegt. 

Welche Reaktionen bekommt ihr vom Publikum?

Stefan Wolfinger: Manche Leute tun sich schwer unsere Musik einzuordnen. Anscheinend liegt es in der Natur des Musikhörers, dass er irgendwie schauen muss: wie kann ich diese Musik jetzt einordnen. Wenn das ähnlich klingt wie etwas, was ich kenne, kann ich mich mit der unbekannten Musik leichter anfreunden. Es freut uns immer, wenn jemand irgendwie auf die Musik reagiert. Wir haben einmal bei einem Straßenfest gespielt und da hat uns jemand nach dem Konzert einen Zettel hingelegt, auf dem stand: „Eure Musik ist Scheiße.“

Albumcover Family Noir
Albumcover “Family Noir” (c) Lutz Bielefeld

Herbert Zgubic: Der Mann hat sich wirklich Arbeit angetan. Nett ist auch, dass jemand in Bezug auf das Plattencover mit dem Truthahn geschrieben hat, dass er keine Rezension schreiben wird, weil er das Cover so fürchterlich geschmacklos findet. Dabei wissen wir gar nicht, ob der Truthahn tot ist. 

Stefan Wolfinger: Ich interpretiere das Cover ja so: der Truthahn ist das amerikanischste Geflügel schlechthin und so kehren wir wieder zu Americana zurück und deswegen passt er ganz gut aufs Cover. 

Wegen Thanksgiving? 

Stefan Wolfinger: Genau. 

Herbert Zgubic: Der Künstler Lutz Bielefeldt kennt uns nicht und hat nur die Musik zugeschickt bekommen. Ich war vom Cover sofort beeindruckt. Wir rätseln selbst und sind noch nicht ganz schlau geworden daraus. Aber so soll es auch sein, denn das Cover ist wie die Musik: die gibt auch manchmal Rätsel auf.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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