Es begann mit einem Fake-Review über sein nicht existentes eigenes Album. Nun hält ZWANZGA tatsächlich ebenjenes in Händen. Selbstironie und ein gewisser Schalk im Nacken zahlen sich eben aus. Das hört man auch seinen ersten neun Liedern an, die er in einem Aufwasch auf das Debüt „Es is ma wuascht“ gegossen hat und im Herbst auch erstmals auf heimische Bühnen bringt. Im Interview mit Florentina Finder erzählt Lucas Gerstgrasser, der hinter dem Projekt ZWANZGA steht, wie sein Album zu einer Art musikalischem Zeitkontinuum aus den Sechzigern wurde, vom Suchtpotenzial erster eigener Songs, den samtigen Untergründen von Lou Reeds Straßenpoesie, Wurschtigkeit als Lebensmantra und was das alles mit pickigen Gitarren zu tun haben soll.
Man hört bei dir klangästhetisch erstmal eindeutig Velvet Underground heraus – diese Instrumentierung, das Rohe und ein bisschen Düster-Dröhnende, das gemächliche Tempo. Hat dich dieser Sechzigerjahre-East-Coast-Sound speziell beeinflusst und wenn ja, warum?
ZWANZGA: Das erste Velvet-Underground-Album habe ich mit vierzehn entdeckt und das hat mich schon sehr geprägt. Die Lyrics von Lou Reed sind etwas, das ich wahnsinnig schön finde. Mir kommt vor, in deutschsprachigen lyrischen Texten gibt es selten etwas Verwandtes. Der Einfluss wurde dann immer größer für mich – nicht in Form von: Ich probiere jetzt, auf Englisch zu singen, sondern: Ich probiere, mich auf eine besondere Art und Weise auszudrücken. Diese Poesie von der Straße, die Lou Reed ganz stark für mich verkörpert, wollte ich von Anfang an reinbringen.
Es war für mich auch nie eine Frage, ob ich meine Lyrics auf Englisch verfasse oder nicht, weil: Ich träume ja im Dialekt, ich streite im Dialekt. Im Dialekt kann ich auch Sachen ausdrücken, die weder im Englischen noch im Hochdeutschen für mich möglich sind.
„Manchmal kann man die Abwärtsspirale bekämpfen, indem man einen Strich drunter setzt und sagt, es ist mir wurscht.“
Songtitel und Textzeilen wie „Es is ma wuascht“, „Intressiert mi net“, „I wü nix mehr hear’n, i wü nix mehr sehng“ – da spricht ja so ein gewisses Phlegma heraus, eine Nonchalance und so ein bisschen eine Wurschtigkeit. Gleichzeitig auch der Weltschmerz. Ist Wurschtigkeit für dich ein gutes Mittel, um dem Weltschmerz zu begegnen?
ZWANZGA: Es wirkt vielleicht wie Gleichgültigkeit, aber es steht eine Haltung dahinter. Es gibt so viele Probleme auf der Welt und manchmal verliert man sich in ihnen und wandert in Spiralen abwärts. Dann kann es gut sein, das mit Gleichgültigkeit zu bekämpfen, indem man einen Schlussstrich drunter setzt und sagt, es ist mir wurscht, ich mache jetzt einfach weiter. Das ist für mich der zündende Moment. Da beginnt etwas Neues und das hat man selbst in der Hand. Man übernimmt die Verantwortung und den Kampf, den es bedeutet, etwas zu verändern.
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Die Wurschtigkeit ist generell ein ganz gutes Mantra: „Es is ma wuascht“ würde ich jedem Menschen zu einem gewissen Grad als Lebensmantra vorschlagen, um einfach in diesem Hurricane besser zu überleben.
Du hast schon erwähnt, dass für dich nur Dialekt als Songsprache in Frage kam. Hattest du dafür direkte Vorbilder?
ZWANZGA: Musiker eher nicht, aber, ich würde sagen, Schriftsteller. Gerade in Salzburg, wo ich derzeit wohne, haben große Schriftsteller gelebt. Wir haben Zweig gehabt, wir haben Artmann gehabt, wir haben Bernhard gehabt, jetzt komme vielleicht ich (lacht). Ich würde sagen, dass ich eher inspiriert bin von Büchern, von Literatur. Lou Reed finde ich eben auch so ein bisschen literarisch und würde ich gar nicht in erster Linie als Musik empfinden, sondern mehr als Haltung.
Was hat dich dazu bewegt, dein Debütalbum zu machen?
ZWANZGA: Es ist so ein bisschen der Versuch, eine Lebensphase zu konservieren und sie dann immer wieder betrachten zu können. Der Ablauf von einem Albumprozess ist ja so irre, weil du gewisse Reibungen hast – ein bisschen Schmerz, aber auch viel Liebe. Du hast das dann in so einer kleinen Glaskugel – es klingt ein bisschen gruselig, aber es ist irrsinnig gut. Ich wollte das Leben festhalten. Es geht alles so schnell, gerade in der Zeit, in der wir leben. Ich würde sagen, wir sind in der interessantesten Zeit seit den Sechzigern.
Heute fehlt aber, glaube ich, oft ein bisschen die Coolness. Ich sehe total viele Leute, die so richtig schön und gut singen können. Aber die Frage ist, wer kann interessant singen, beziehungsweise wer erzählt etwas. Das suche ich. Natürlich bin ich Dylan-Fan. Jeder, der kein Dylan-Fan ist, ist völlig irre. Aber Dylan ist mir schon ein bisschen zu elitär, ein bisschen zu sehr in der Literatur-, Nobelpreis-Welt. Da ist mir der Reed lieber, der seine Bodenhaftung irgendwie nie verloren hat. Auch wenn er arrogant war, ist er immer so auf der Straße geblieben – und da möchte ich auch sein. In Österreich finde ich da zum Beispiel auch den Ernst Molden ganz fantastisch. Der hat sich so ein kleines Biotop gezüchtet. Ich würde mir auch gerne so ein Biotop anlegen.
„Ich versuche, ein Gefühl in seiner Schönheit und Hässlichkeit zum Schwingen zu bringen.“
Du kommst eigentlich aus der Kreativszene, bist Creative Director und hast deine eigene Agentur, wo du sicher auch viel mit Sprache arbeitest, was ja für einen Songwriter nicht unpraktisch ist. Woher kam bei dir die Motivation, aus Sprache Musik zu machen?
ZWANZGA: Ich arbeite sehr viel mit Sprache, nur natürlich in einem turbokapitalistischen Höllenapparat. Dort verkaufe ich Produkte, aber hier verkaufe ich gar nichts. Das ist vertextlichtes, vertontes Leben und das sind Gefühle, die da vermittelt werden. Ich habe in der Musik keine Milieustudien oder stringente Leitfaden, sondern ich versuche, ein Gefühl in seiner Schönheit und Hässlichkeit zum Schwingen zu bringen. Das ist, glaube ich, ein ganz anderer Zugang.

Das mit der Musik ist mir irgendwie passiert. Ich komme aus keiner musikalischen Familie, aber habe selbst sehr früh viel Musik gehört und mich massiv von Musik beeinflussen lassen. Ich habe zunächst eigentlich immer nur viel Artwork für andere Künstler:innen gemacht, wie z. B. für Paul Plut, der jetzt auch mein Album gemastered hat, und Farewell Dear Ghost. Erst vor circa zehn Jahren hat mir ein sehr guter Freund eine Gitarre geschenkt und gesagt, vielleicht fängst du jetzt endlich irgendwann an. Die ist dann sieben Jahre lang neben meinem Bett gestanden.
Egal wo ich gewohnt habe, die Gitarre ist mitgekommen. Eines Tages habe ich die Gitarre in die Hand genommen und dann ist relativ schnell „Es is ma wuascht“ herausgekommen. Das war so ein Erweckungsmoment. Da war sofort das Gefühl da, dass jetzt eine Rezeptur da ist – nicht nur ein Song, sondern eine Rezeptur. Dann sind mehrere Sachen wie durch einen Domino-Effekt in Bewegung geraten.
Was kam dann genau in Bewegung?
ZWANZGA: Es hat eigentlich als Scherz begonnen, weil ich eine Art Album-Review-Text zu meinem noch nicht existenten Album geschrieben und bei der Förderstelle in Salzburg eingereicht habe. Fünfzehn Minuten später ruft mich die Förderstelle an und sagt: „Das klingt alles sehr gut, aber wir können dir natürlich keine Förderung gewähren, wenn du keine Musik hast.“ Das hat dann wohl geheißen: Musik aufnehmen (lacht).
Es waren zehn Tage bis zur Deadline. Ich dachte, dann muss halt noch ein zweiter Song her. Ich konnte ja autodidaktisch drei Akkorde – mehr werden es auch nicht mehr werden (lacht) – und mit meinem guten Freund Paul Konarski von den Helmut Bergers habe ich mich dann zwei sehr lange Nächte weggesperrt und die Songs aufgenommen. Die Förderung habe ich dann tatsächlich gekriegt.
Beflügelt von diesem ersten Schub an Bestätigung war ich dann einen Monat lang in Berlin. Dort gibt es meine absolute Lieblingsbar seit über zehn Jahren, das Posh Teckel. Das ist eine Manchester Bar mit Österreich-Fetisch. Da gehst du alleine hin und bist in zehn Sekunden im ersten Gespräch – da kannst du dich als Österreicher gar nicht „dawehren“. Es ist traumhaft. Du fühlst dich wie ein Hundewelpe und alle lieben dich – höchste Empfehlung.
Da mein Repertoire immerhin schon auf drei Songs angeschwollen war, habe ich gefragt, ob ich an einem Montag, wenn nichts los ist, im dunkelsten Eck bei Kerzenlicht auf der Akustischen meine zu dem Zeitpunkt drei Songs spielen darf. Der Barbesitzer hat gesagt: Was machst du am Freitag? Dann stand ich plötzlich auf dem Balkon über der Bar und hatte meinen ersten Live-Gig – wo die Beatles aufgehört haben, habe ich dann quasi wieder angefangen (lacht).
Die Gitarre bekam ich von so einem Kreuzberger Gitarristen in die Hand. Man hat die Gitarre angegriffen und die Hand ist kleben geblieben. Du durftest wirklich nur die Saiten berühren, sonst gab es Probleme. Dreißig Jahre Kreuzberg klebten einfach so auf dieser Gitarre drauf. Dieser Balkon war noch dazu relativ klein. Wenn man das Mikrofon nur einen Millimeter verrückt hat, ist eine Rückkoppelung der absoluten Superlative gekommen – und die Box war natürlich rechts hinter meinem Ohr. Trotz allem ist das alles extrem gut angekommen (lacht).
Zum Abschluss habe ich dann noch so einen Berliner sagen hören – wir sind Rücken an Rücken gestanden – „Das ist mir wurscht, das interessiert mich nicht!“ Da dachte ich, ich muss weitermachen, das hat einfach ein Publikum, das kommt an (lacht). Das hat mir einen extremen Schub gegeben.
„Gerade mit dem Monster sollte man auch mal ein bisschen spielen lernen.“
Du hast dich da einfach reingeworfen – man muss auch einfach ein bisschen mutig und spontan sein und sich trauen, oder?
ZWANZGA: Ja, es ist überhaupt so, diese Musikbranche, die ist ein Monster. Und ich denke, gerade mit dem Monster sollte man auch mal ein bisschen spielen lernen. Irgendwie hat mir dieses Spielen mit der Ernsthaftigkeit gefallen, weil es ein bisschen den Druck rausnimmt. Wenn es funktioniert, kannst du massiv Spaß haben.
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Die Songs auf dem Album wirken wie aus einem Guss – hast du sie dann alle in dieser einen Lebensphase geschrieben oder sind das Songs aus unterschiedlichen „Eras“?
ZWANZGA: Ich würde sagen: Bis es angefangen hat, hat es mein ganzes Leben gedauert. Dann ist es sehr schnell gegangen. Die neuen Songs, die jetzt am Album sind, das war wie, wenn man Neunlinge wirft (lacht). So intensiv und nahe beieinander. Ich wusste das selbst nicht, dass das in mir steckte, aber plötzlich ging das. Diese Tür ging auf und ich bin rein und dann war alles plötzlich neu – was dann mit einem passiert, ist ein bisschen spezieller Natur, weil man solche Schübe bekommt. Nach oben und nach unten – gefühlt geht jetzt beides mehr. Das ist wie ein Hurricane, der sich zu Drehen beginnt und alles aufnimmt. Ich bin da sicher verschwunden in diesem Prozess. Nach den ersten drei Songs ist einfach diese Sicherung rausgefallen und ich bin ausgezuckt. Es war plötzlich alles in grelles Licht getaucht. Ich wurde süchtig danach.
„Ein bisschen wie, wenn du Mentos und Cola zusammenbringst.“
Wie hat sich ZWANZGA für dich verändert, als deine Mitmusiker Didi Neidhart und Edwin Steinitz dazu gekommen sind und du den kreativen Prozess plötzlich mit ihnen geteilt hast?
ZWANZGA: Das war ein besonderer Moment. Ein bisschen wie, wenn du Mentos und Cola zusammenbringst. Ich bin so eineinhalb Liter zähflüssiges Cola und der Didi ist das Mentos. Das wird reingeworfen und dann ergibt das so einen zusätzlichen Effekt.
Bei unserer ersten Probe hat der Didi dreißig Minuten über Lou Reed geredet und irgendwann ist es mir dann zu viel geworden und ich habe einfach in die Gitarre gehauen und der Didi ist wie mechanisch hinter das Schlagzeug gewandert und hat einfach diesen höllischen, klassischen Maureen-Tucker-Style-/Velvet-Underground-Rhythmus losgeschlagen. Und in dem Moment ist es, ich würde sagen, nicht in die Höhe, sondern in die Tiefe gewandert. In diese höllenartige, düstere Tiefe. Der Sound ist durch Didi am Schlagzeug und Edwin am Bass natürlich massiv verstärkt worden.

Du hast ja online schon den ZWANZGA-MEGA(!)store eingerichtet, indem es bereits beachtlichen Merch zu kaufen gibt, wie etwa ein Privatkonzert oder eine limited orange Vinyl-Edition. Was wäre ein weiterer Merch-Artikel, der ZWANZGA repräsentiert und in deinem Sortiment noch fehlt?
ZWANZGA: Es gibt etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Eine kulinarische Erfindung. Und zwar ist es eine Essiggurke mit Krenn und Senf, eingewickelt in eine Scheibe Gouda mit einem Zahnstocher. Das ist die ZWANGZA-Rolle. Das wurde schon bei ganz kleinen Privatkonzerten kredenzt. Das rettet dich. Du isst diese ZWANZGA-Rolle, dann bist du wie neu geboren. Das würde ich gerne bei einem Merchstand machen. Aber aus hygienischen Gründen wird es scheitern.
Du hast deine Musik ja auch selbst „irgendwo zwischen Sonnenauf- und Weltuntergang“ eingeordnet. Aber wo auf diesem Spektrum verortest du ZWANZGA genau – mehr Aufgang oder Untergang?
ZWANZGA: Das ist spannend. Das ist so ein Brett, das auf einer Kugel steht und das kippt mal in die eine und mal in die andere Richtung. Manchmal beides.Ich liebe auch diese Verbindung von Schmerz und Euphorie – das ist für mich das Schönste, diese beiden Gefühle anzunehmen.Ich probiere, so eine Art Yin und Yang in lyrischer Dialektmucke zu sein.
Ich schwanke da auch selbst oft zwischen dem schönen, leichten Leben und dem Ernsthaften, dem Schweren. Das probiere ich auch in der Musik so zu verbinden. Ich glaube, in manchen Sounds merkt man das auch, wenn das so aufeinanderprallt. Wie im echten Leben.
Herzlichen Dank für das Interview!
Florentina Finder
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ZWANZGA live
17.10. Sissysound Recordstore, Wien
27.11. Nexus, Saalfelden
05.12. K.U.L.T., Hof bei Salzburg
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