„Ich mag von allem wenig.“ – Tahereh Nourani im Gespräch

TAHEREH NOURANI reiste durch Welten, anschließend durch ihr Innen und versteht es, daraus ihre klangliche Sprache zu schöpfen. Mit Querflöte, Bass und Langsamkeit bringt sie Himmel und Erde in eine fließende Verbindung und macht damit das Vergehen von Zeit fühlbar. Mit „The Funambulist“ ist sie für den PhonoECHO-Preis nominiert, der am 25. November dieses Jahres vergeben wird. Ein Gespräch über Gottheiten, Quantenphysik und die Unbeständigkeit des Seins.

Langsamkeit beschreibst du als wesentliche Haltung zu deinem Leben und deinem Wirken. Die Methode ist, mit dem Sonnenaufgang aufzustehen und dem Sonnenuntergang zu Bett zu gehen, zu meditieren … Wie erhältst du dir dieses Agreement mit dir selbst?

Tahereh Nourani: Das Hamsterrad, das mein Leben vorher bestimmte, hat ja viel mit dem Thema Geld und Überleben zu tun. Insofern ist das eine sehr existenzielle Frage. In Irland wird gerade dieses Pilotprojekt eines bedingungslosen Grundeinkommens für ausgewählte Künstlerinnen und Künster mit 300 Euro pro Woche eingeführt. Während ich die Unterstützung der Sozialversicherung hier in Österreich bezog, erlebte ich zum ersten Mal dieses wunderbare Gefühl, dass meine Fixkosten gedeckt sind. Es erhöht die Lebensqualität enorm, ohne diese Angst zu leben, und ich habe nicht geglaubt, dass das Thema Grundeinkommen in meinem Leben tatsächlich präsent werden würde. Jetzt habe ich Hoffnung, dass es doch noch wahr werden kann – und zwar für alle, nicht nur für Künstlerinnen und Künstler – nicht für das Überleben Geld verdienen zu müssen.

Mit Langsamkeit lebe ich viel qualitativer, also ist es mein Lebensziel, sie mir zu erhalten. Dafür habe ich all diese Rituale, Stille, Träume, Meditation, Yoga – sie geben mir Anhaltspunkte im Tag. Ich mache lange Spaziergänge, so oft ich kann, in den Steinhofgründen oder irgendwo mit Weitblick, Bäumen, Tieren und wenigen Menschen. Und da oben bleibe ich sitzen und schaue. Die Langsamkeit dieses Bildes und der Umgebung überträgt sich auf mich und dann auch auf meine Musik. Diesen Effekt hat nur die Natur auf mich. So habe ich auch die Panik im März 2020 überstanden.

Außerdem steht mein Wohlbefinden mit dem Sonnenlicht in Verbindung: Ich versuche, mit dem Sonnenaufgang aufzustehen und mit dem Sonnenuntergang zu Bett zu gehen, was schwierig ist, weil die Musikszene vorrangig nach dem Sonnenuntergang passiert.

Ich wünsche mir ein Leben, in dem ich von vier schönen Konzerten im Monat leben kann und der Rest der Arbeit dem Prozess gewidmet ist. Alles ist ständig im Wandel, also in Bewegung. Deswegen brauche ich Punkte, an denen ich mich zentriere und zu mir zurückkomme.

Tahereh Nourani (c) Maria Frodl

Diese Langsamkeit legt dir den Zugang zu deiner Musik, zu deinen Themen. Derzeit arbeitest du an deinem zweiten Album „Wirks“?

Tahereh Nourani: Ja. „Wirks“ ist noch in progress. 2020 habe ich im Hotelpupik in der Steiermark für zehn Tage daran gearbeitet. Eigentlich sollte es da schon fertig werden, aber irgendwie entwickelt es sich immer weiter. Ich habe schon dreimal aufgenommen, doch erst jetzt ist es rund. „The funambulist“ und „The shaman“, die beim SNIM im Oktober von einem Impro-Orchester aufgeführt wurden, tragen dieses Album nun und ich werde es hoffentlich 2022 veröffentlichen können.

Wie kam „The shaman“ zu dir?

Tahereh Nourani: Das Stück existierte schon, bevor es den Titel gab. Für mich war das Wort „Relevanz“ in den letzten zwei Jahren von großer Bedeutung. Ich hatte das Album „Wirks“ begonnen. Dieser Begriff ist einem Buch zur Quantenphysik von Hans Peter Dürr entnommen und besagt, dass nicht Teilchen die kleinsten Bestandteile von Materie sind, sondern dass es viel kleinere gibt, die Wirks.

… kleiner als Quarks.

Tahereh Nourani: Ja, und sie wirken, sie lösen etwas aus. Dann ist das Stück entstanden, es beginnt mit einem fünfminütigem Crescendo, das kaum wahrnehmbar leise anfängt und ohrengefährdend laut wird. Das war die Verarbeitung meines Jahres. Ein nervöser, scary Anstieg, das Hamsterrad. Und dann kam Covid und erzeugte eine Schockstarre, Stillstand auf dem Höhepunkt, und ich bekam keine Luft mehr. Im Stück kommen da nur Atemgeräusche, aus denen ein Geräuschrhythmus entsteht, der wie ein Rad dreht. Wie ein Schamane, ein Wesen, das erst total unter Druck steht und sich dann durch Atmen wieder zurückholt, Energie gewinnt. „Wirks“ ist vielleicht ein Album all meiner Professionen. Es sind nicht die Gottheiten, sondern die Seiltänzerin bildgebend. Deswegen auch „The Funambulist“. Ich sehe mich ständig balancieren, kurz auf einem festen Boden, manchmal auch als eine Schamanin.

„Unter Menschen kann ich sehr begrenzt agieren, meine Energie und Kraft hole ich beim Alleinsein.“

Was bedeutet es für dich, eine Schamanin zu sein? Eine Heilerin? Isolierte?

Tahereh Nourani: So habe ich es nie gesehen. Aber ich bin sehr gern allein und verbringe viel Zeit mit mir. Unter Menschen kann ich sehr begrenzt agieren, meine Energie und Kraft hole ich beim Alleinsein. Hannah Arendt drückte es in etwa so aus: Wenn ich mit mir bin, beim Nachdenken, bin ich nicht allein, denn in mir drin sind viele. Unter Menschen kann ich immer nur eine Person sein, damit Kommunikation mit anderen möglich ist. Das entspricht meiner Vorstellung einer Schamanin: mit dem Innen verbunden, naturbezogen im Menschsein, natürlich auch ein bisschen eine Hexe, weil sie Zugang zu Kräften hat, die wir nicht sehen und vielleicht nicht anerkennen können.

The witch and the poet“ gäben da das Stichwort … drei Teile in Kongruenz zu drei Lockdowns.

Tahereh Nourani: Ich wollte schon länger mit der Klarinettistin Mona Matbou-Riahi und Adele Knall etwas zusammen machen, doch nie war Zeit dafür. Im Lockdown hatten dann plötzlich alle Zeit, durften sich aber nicht treffen. Da kam mir die Idee zu dieser Long-Distance-Jamsession. Eine schickte der nächsten eine Aufnahme mit einer Improvisation von zehn Minuten, diese improvisiert zehn Minuten darüber, danach die Dritte. Das Ganze in einem Rad: Jede war einmal die Erste. Adele machte darauf diese Videos, die so viele gute Rückmeldungen bekamen, sodass wir ein Jahr später, im März 2021 dann im echoraum zum ersten Mal live zusammenspielten. In der Steinergasse gab es bereits den nächsten sehr schönen Auftritt: immer improvisierte Musik, gemeinsames Jammen. Beim Kultursommer anschließend war unser Zusammenspiel furchtbar, ein ganz schlimmes Konzert. Aber das bin ich mittlerweile beim Improvisieren gewohnt. Es gibt einfach manche Male, wo man überhaupt nicht in Schwung kommt.

Auf „Wirks“ geschieht etwas anderes als auf deinem ersten Album „Ancient child“. Dort sind vorrangig Gottheiten titelgebend. Weil ein Kind Göttliches in sich trägt, was sich nur bewahren lässt, indem man im Altern Kind bleibt?

Tahereh Nourani: „Alt“ und „Kind“ werden als Gegensätze empfunden, außerdem ist „alt“ oft negativ konnotiert, besonders bei Frauen. Als ich Akshigan in mir entdeckte, mein Alter Ego, ein Wesen, das mir den Zugang zu meiner Kreativität ermöglicht, hat es mich darauf gebracht, dass ich gar kein Alter habe oder aber bereits tausende Jahre alt bin. Spiele ich dagegen mit meiner Nichte, bin ich auch wieder fünf Jahre alt. Das Konzept von Alter ist lediglich eine Konstruktion. „Ancient Child“ ist ein Kind, das so alt ist, dass es irgendwie schon alles weiß und gleichzeitig die Neugier und Frische eines Kindes hat.

Warum dann die Gottheiten in den Titeln?

Tahereh Nourani: Dieses Album beschreibt meine erste selbstkomponierte Musik. Ich hatte davor keine Ahnung, dass ich das überhaupt kann – es ist mir einfach passiert. Ich hatte diese musikalischen Ideen, nicht konkret, lauter Fetzen und Improvisationen. Während der Lektüre von Michael Köhlmeyers Buch über die griechische Mythologie habe ich meine Musik plötzlich gehört, denn sie hat auch etwas Archaisches, Mystisches. Dieses Album war ein Heilprozess für mich, wie es Kunst eigentlich immer ist. Die Götter und Göttinnen der Mythologie haben mir geholfen, Göttliches in mir zum Vorschein zu bringen. Ich liebe Mythologien, also las ich auch Gilgamesh, über die Amazonen und fand Namen und ein Konzept für meine Sachen. So bekam es eine konkrete Form und konnte fertig gestellt werden.

Matthias Loibner, mit dem du auch schon zusammengespielt hast, schreibt auf seiner Website: „Since I do not trust words and can not paint I use my music in order to tell my observations.“ – Umgekehrt beschreibst du, wie du durch die mythischen Erzählungen zu einer Form deiner Musik kommen konntest. Also brauchen wir Sprache wohl doch?

Tahereh Nourani: Ich wollte auf meine Website schreiben: „I am a philosopher, but I am not good in words.“ Mein Medium ist Musik, damit drücke ich mein Denken, meine Gedanken aus. Nun kam mir Matthias Loibner zuvor und ich muss etwas anderes schreiben. Ich liebe Worte, es ist etwas Heilendes im Sprechen, deswegen gibt es ja auch Therapien. Es hat eine Wirkung, wenn man Dinge ausformuliert, als ob sie sich dann auflösen, sich ausleben, einen verlassen. Solange ich keine Worte habe, fehlt das Bewusstsein. Doch sobald ich ein Wort sage, verschließen sich alle anderen Türen, es ist konkret. Und Musik ist wie eine offene Sprache, so unmittelbar. Mit Musik zu sprechen, hat sehr viele Dimensionen und ist sehr unkonkret. Dennoch helfen mir Worte, etwas ganz Offenem einen gewissen Rahmen zu geben. Ideen bekommen dadurch eine Form und lassen sich besser merken.

„Mir wurde der Unterschied zwischen Instrumentalistin und Musikerin plötzlich so deutlich: Ich hatte immer nur vorgelesen, was andere geschrieben hatten und nun begann ich plötzlich ohne Skriptum zu sprechen.“

Wie bist du zur Musik und zu Akshigan gekommen? Wie hast du gemerkt, dass Musik deine Sprache ist?

Tahereh Nourani: Bereits in der Vorschule zeigte sich meine musikalische Vorliebe, die Sopranblockflöte und ich waren unzertrennlich. Ich bekam Anerkennung von meinen Angehörigen und begriff, dass ich etwas herzeigen kann. Mit zwölf Jahren kam dann die Querflöte in mein Leben und ab da traf ich immer wieder die Entscheidung, Musikerin sein zu wollen. Der Rest meines Lebens ist bis jetzt eine Recherche, was das eigentlich heißt. Welche Musik, welche Instrumente, welche Richtung, welche Rolle? 2015 entdeckte ich Akshigan, 2016 trat ich das erste Mal als Akshigan auf, davor war ich eine Flötistin. Mir wurde der Unterschied zwischen Instrumentalistin und Musikerin plötzlich so deutlich: Ich hatte immer nur vorgelesen, was andere geschrieben hatten und nun begann ich plötzlich ohne Skriptum zu sprechen.

Dein Zugang ist auch ein körperlicher, performativer.

Tahereh Nourani: Schon seit ein paar Jahren, aber auch erst kürzlich beim Kultursommer habe ich mit Tanz gearbeitet. Das Stück war performativer Rap, also Text und zwei Tänzerinnen. Ich konnte mit Hip Hop bislang nichts anfangen. Aber eigentlich kam es meinem immer wiederkehrenden Bedürfnis, von der Flöte kurz Pause zu machen und mich auf den Bass zu stürzen, sehr entgegen. Das Multitasking meiner Solosachen ist für mich die Hölle. Ich möchte zukünftig mehr interdisziplinär arbeiten. Besonders Tanz und Visuals interessieren mich sehr.

Hat deine Körperbemalung im Sinne der Performance eine Bewandtnis? Sind das Symbole?

Tahereh Nourani: Die Gesichtsbemalung ist eine zufällige Entwicklung. Für ein Fotoshooting, nur zum Spaß, mit einer Freundin, aus der Zeit, als ich vorhatte, nie wieder eine Bühne zu betreten, habe ich andere Sachen ausprobiert. Unter anderem, mich mit Gesichtsfarben zu bemalen, sehr minimal und minimalistisch. Ich mag von allem wenig. Auf diesen Fotos schaute mir dann diese Göttin entgegen, Akshigan. Dort bin ich ihr zum ersten Mal begegnet. Mit diesem Strich unter den Augen auf dem Jochbogen trage ich eine Maske, werde zu Akhshigan. Damals trug ich ihn nur auf der Bühne, mittlerweile gehört er für mich zum Schminken. So arbeite ich mit Punkten, mit Henna, mit dem Strich … Bestimmt auch als Ritual vor dem Auftreten, denn ich hatte unglaubliche Bühnenangst und dieser Strich hat Wunder gewirkt. Er verwandelt mich in eine andere Person.

Akhshigan ist dein Alter Ego, ist sie auch Schutz?

Tahereh Nourani: Am Anfang definitiv. Akhshigan ist ein ganz altes, persisches Wort mit der Bedeutung: die vier Urelemente, die in der Religion des Zarathustra heilig waren. Wasser, Erde, Luft und Feuer. Es gab schon vor Jahren einmal ein Band-Projekt, das Akhshigan heißen sollte, dann aber nichts geworden ist. Aus meiner Erfahrung vielseitiger Therapiemethoden gibt es die eine, bei der alle Persönlichkeitsanteile um einen imaginären, inneren runden Tisch versammelt sind und miteinander ins Gespräch kommen. Akhshigan ist eine geerdete Göttin, Mutter, die Geborgenheit gegeben hat, aber auch die Power einer Amazone. Dieses Wesen hat keine Angst und ist der Boden. Mittlerweile kann ich manchmal auch mit meinem eigenen Namen in diesen Zustand finden.

Diese Vierheit der Elemente erinnert mich an das Bassquartett. Welches Element würdest du dir selbst zuschreiben? Luft? Feuer?

Tahereh Nourani: Ich war sehr viel Luft und Feuer. Ich habe sehr viel Wut in mir. Die Flöte war natürlich sehr viel Luft und ich brauchte den Ausgleich dieser Elemente. Man sollte ihn ja eigentlich bewusst suchen, wie ich später las. Aber ich weiß solche Sachen meist erst im Nachhinein; während sie stattfinden, geschehen sie mir nur. Der Bass gab mir also Boden, Erde.

Einerseits ist das Musikmachen Heilung, andererseits schaffst und brauchtest du sogar innerhalb dieses Musikschaffens eine Balance der Elemente. Was offenbar produktiver und substanzieller werden lässt, was sich schneller auf dich auszuwirken scheint. „Die Blinden und der Elefant“ war 2019 ein Stück des Bassquartetts. Wird es bleiben?

Tahereh Nourani: Wir spielten das Stück im November 2019, also noch vor der großen Weltexplosion Covid. Vor etwa zehn Jahren war ich auf einem Jazzworkshop im Waldviertel, in Schönbach gewesen, was mein Leben und mich künstlerisch sehr verändert hat. Dort begann ich, Bass zu lernen. Der Basslehrer Achim Tang ließ uns immer in Bassensembles spielen – das war der Himmel für mich. Ich glaube, ich war selten so glücklich in meinem Leben: zwölf Bässe, zwölf Bassverstärker, der Sound war so megamächtig. Dort ist die Idee für ein Bassquartett entstanden.

Aber wie ist dann das Stück entstanden?

Tahereh Nourani: Helge Hinteregger vom mica riet mir, eine Kompositionsförderung zu beantragen – ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht als Komponistin verstanden. Obwohl ja bereits ein Album von mir veröffentlicht war. Ich betrachtete es als Übung und schrieb ein Konzept für das Bassquartett und das wurde tatsächlich gefördert! Mit den drei wunderbaren Bassistinnen und Bassisten Andrea Fränzel, Gregor Aufmesser und Jakob Schneidewind erzählte ich diese alte Geschichte von Rumi, obwohl es sie wohl in unterschiedlichen Kulturen ähnlich gibt: Ein Elefant steht im Raum, Blinde kommen hinein und werden gefragt, was das ist. Und jeder berührt einen anderen Teil des Elefanten, sodass jeder etwas anderes beschreibt. Die Wahrheit ist also immer weiter als unsere Wahrnehmung, wir sehen nur sehr begrenzt. Unglaublicherweise glauben wir uns selbst gern so absolut. Diese Geschichte ist auch übertragbar auf die Selbstkenntnis – immer wieder komme ich drauf, dass ich überhaupt noch gar nichts wusste. Ich habe so viel gesehen und geglaubt, etwas zu wissen – nur um herauszufinden, dass ich immer noch gar nichts weiß. Musikalisch hat mich der Schweizer Komponist und Pianist Nik Bärtsch sehr beeinflusst. Seine Art minimalistischer Polyrhythmik ließ mich Rhythmus als ein Gerüst verstehen, das einen Raum baut. Einzelne Musikerinnen konnten dann diesen Raum betreten und darin spielen oder sprechen. Jede neu dazukommende Stimme sollte überraschen, es stellt sich einfach kein homogenes Bild eines Elefanten ein.

Wir wollten danach noch im Echoraum mit Franz Hautzinger auftreten, aber nach drei Verschiebungen in 2020 war dann die Luft raus. Leider weiß ich nicht, wie ich es weiter finanzieren kann. Man muss mit einem Bassquartett einfach länger proben.

„Ich liebe das Älterwerden, weil ich zunehmend Zusammenhänge begreifen und Abläufe und Zyklen erkennen kann.“

Rückblickend weiß man immer mehr …

Tahereh Nourani: Ich liebe das Älterwerden, weil ich zunehmend Zusammenhänge begreifen und Abläufe und Zyklen erkennen kann. Ich sehe zum Beispiel diese Jahresdynamik, die sich immer wiederholt: Im Frühling und Sommer findet viel draußen statt, ich bin unheimlich viel unterwegs. Im Herbst und Winter geht es nach innen und drinnen, ich möchte weniger auftreten und den ganzen Input des Sommers verarbeiten.

Diesen Oktober gab es „Amore“ von Antonio Canova mit dir im Kunsthistorischen Museum – da hast du nicht improvisiert …

Tahereh Nourani: „Amore“ ist eine Inszenierung von Jacqueline Kornmüller, Regisseurin von „Ganymed“, über zwei Statuen von Antonio Canova, „Cupid und Psyche“, mit einer Animation von Shadab Shayegan und Musik von Johanna Doderer für Soloflöte.

Das Stück ist sehr kurzfristig zu mir gekommen, als ich Mona bei „Ganymed“ substituierte. Jacqueline fragte mich an und plötzlich war meine Neugier geweckt und ich habe zugesagt. Interessant war für mich, wieder die Rolle einer Instrumentalistin einzunehmen. Das hatte ich in den vergangenen Jahren verweigert. Ich wollte die Challenge annehmen, mir wieder diese Art von Virtuosität anzutrainieren und sie zu zeigen. Schließlich habe ich diese Fähigkeit. Ich wollte sie nur lange Zeit ignorieren, niederdrücken, ersticken. Ich denke, deshalb ist dieses Stück zu mir gekommen. Diese lange Zeit brauchte ich auch, um meine eigene Stimme zu entwickeln. Ebenso radikal habe ich auch lange Zeit mit keinem anderen Musiker zusammen, sondern nur solo gearbeitet. Das konnte sich in den letzten zwei Jahren wieder ändern, ich möchte nun wieder rausgehen, Sachen anderer Leute spielen und mit Musikerinnen und Musikern wie Matthias Loibner oder Katharina Klement und Angelina Ertl beispielsweise im Trio TAK zusammenarbeiten. Ich höre mich jetzt laut genug, dass ich das wieder kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sylvia Wendrock

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