Bild Sleep Sleep
Pieter Gabriel (c) Clemens Schneider

„Ich hatte nach meiner letzten Platte nicht wirklich einen Plan, wie es musikalisch weitergehen soll“ – PIETER GABRIEL (SLEEP SLEEP) im mica-Interview

2009 veröffentlichte der Wiener Musiker PIETER GABRIEL mit „city of last things“ sein Debütalbum. Beschrieben werden darauf – manchmal dunkel, manchmal hell – Szenen einer Welt, die kippt. Mit der Folk-Nummer „Voices“ reüssierte GABRIEL in den Alternative-Charts und war im Jahr darauf für den FM4 AWARD nominiert. Unter dem Pseudonym SLEEP SLEEP schlug GABRIEL musikalisch ein neues Kapitel auf und veröffentlichte mit der LP „Gospel“ ein großes Dreampop-Album. Im Mai erscheint nun nach sieben Jahren sein neues Album The Lost Art of Questioning Everything” (19Eightyone Records). Mit Julia Philomena sprach der Musiker von dem neuen Album als einer Art Hommage an einen Zeitabschnitt seines Lebens, von Schwermut und Leichtigkeit und von der nicht allzu fernen Zukunft, in der in Jogginghose auf der Couch sitzend die erste Virtual-Reality-Tour auf dem Planeten Pandora besucht wird.  

„The Lost Art of Questioning Everything” ist der Titel deines neuen Albums. Ist dir – oder auch der Gesellschaft – die Kunst des Hinterfragens tatsächlich abhandengekommen?

Pieter Gabriel: Das war gar nicht allzu gesellschaftsphilosophisch gemeint. Ich habe die Phrase vor einigen Jahren in einem Artikel aufgeschnappt und ihn mir als Arbeitstitel für das Album notiert. Sie traf mein Wesen einfach sehr gut. Für mich stellt das Hinterfragen des eigenen Outputs, des eigenen Handelns in gewisser Weise eine Kunst ähnlich einem Drahtseilakt dar. Der sich selbst zerfleischende Künstler quasi, der sich aber letztendlich nicht in diesem Hinterfragen verliert, die Balance hält und am Ende ein Werk präsentieren kann, zu dem er langfristig stehen kann. Dabei meine ich gar nicht so sehr die Perfektion als Ziel, eher den oft langwierigen Weg, bis es klick macht. Dazu gehören auch das Leiden, das Warten, das Verwerfen alter und das Ausprobieren neuer Ideen. Dass dieses Denken in Zeiten der Schnelllebigkeit ein bisschen antiquiert ist, ist mir bewusst. Deshalb „The Lost Art …“.

„Es sollte eine Art Hommage an einen Zeitabschnitt meines Lebens werden.“

Verarbeitet wird laut Pressetext in elf Songs eine verlebte Liebesbeziehung. Was war das für eine Beziehung bzw. was hat sie ausgezeichnet? Welche Haltung war bei der künstlerischen Auseinandersetzung essenziell? Melancholie? Verwundbarkeit? Ironie? Subtilität?

Pieter Gabriel: Alle Songs mit Text, also neun von elf Stücken, sind während der Beziehung entstanden. Über die Beziehung möchte ich nicht allzu viel erzählen, nur so viel: Sie war lange, prägend und es gab viele Ups and Downs. Aber das gibt es ja in vielen Beziehungen. Ich will auch mit dem Album keine Trennung verarbeiten, deshalb sind die Texte oft relativ geheimniskrämerisch und deshalb ist auch die erste Hälfte des Albums musikalisch so sommerlich wie möglich gehalten. Es sollte eine Art Hommage an einen Zeitabschnitt meines Lebens werden – in all seinen Facetten. Wenn man so will, ein Mixtape einer Beziehung: ein naiv-luftiger Start, ein Höhenflug hier, ein paar Ups and Downs da und dann das melancholische, letzte Drittel. Also Ja zu allem: Melancholie, Verwundbarkeit, Ironie und Subtilität. Aber auch Freude und Romantik. Ein klassisches Break-up-Album, das nur die Trauer oder die Wut zur Schau stellt, wäre mir zu platt und impulsiv gewesen.

Die Single „One for the road“ wurde bereits Ende März veröffentlicht. Das Musikvideo wurde in Zeiten von Corona mittels „Photo Booth“ produziert und hält somit nicht nur die Pandemie, sondern auch eine zeitlose, skurrile Note fest. War das eine bewusste Entscheidung? 

Pieter Gabriel: Jakob Kubizek [Jenseide; Anm.] und ich sprachen schon einige Wochen vor Corona über einen Greenscreen-Videodreh. Dann kam die Pandemie und vereitelte unsere Pläne. Der Rest passierte dann so, wie im Intro-Text des Videos beschrieben. Wir haben uns per Videochat unterhalten und Jakob fand heraus, dass man in diesem Videochat-Programm nicht nur aufnehmen, sondern sich auch eigene Hintergründe aussuchen kann. Mit dem richtigen Licht und viel Spielerei konnte man diese Hintergründe aber auch auf den eigenen Körper legen, wodurch teils recht „abgespacte“ Aufnahmen entstanden. Mir war die Idee, das Video mittels Corona-Hinweis am Anfang für immer und ewig mit dieser wirren Zeit zu verknüpfen, zunächst ein wenig zuwider, aber ich dachte mir dann: „So what! Dann ist es eben so.“ Wichtig war uns einfach, kein weiteres Wohnzimmer-Video zu drehen, sondern das Ganze – gerade in Zeiten der Isolation – mit so viel künstlerischem Anspruch wie möglich anzugehen. Eskapismus, Ironie und „Was kann man machen, wenn man nur zu Hause drehen kann?“ waren der Ansatz.

Eine weitere, bereits veröffentliche Nummer ist „40 Days and 40 Nights“. Ein verhältnismäßig schweres Lied. Welche Episode, welcher Gedanke wurden hier verarbeitet?

Pieter Gabriel: Du bist nicht die erste Person, die den Song als schwer beschreibt. Interessant. Ich verbinde damit eigentlich eine extreme Leichtigkeit. Zumindest musikalisch bin ich da eher mehr in der Hängematte am Strand von Goa als im herbstlichen Prater. Textlich geht es im Refrain aber zugegebenermaßen um Vorwurfsszenarios, wie sie alle kennen: „Du hast dies nicht gemacht, du hast jenes nicht gemacht …“

„Dann ging meine Beziehung in die Brüche und das war dann auch der letzte Anstoß, den ich gebraucht habe, um das Album zu finalisieren.“

Nach siebenjähriger „Pause“ erscheint dein neues Album im Mai. Worauf lässt das schließen? Wie lange hast du daran gearbeitet und inwiefern beeinflusst jetzt die Corona-Krise deine künstlerischen Entscheidungen?

Cover The Lost Art of Questioning Everything
Cover “The Lost Art of Questioning Everything”

Pieter Gabriel: Ich mache Musik nebenberuflich bzw. als Leidenschaft, insofern habe ich keinen Druck, alle zwei Jahre mit neuem Material zu kommen. Deshalb beeinflusst mich auch die Corona-Krise künstlerisch nicht negativ. Sieben Jahre, das klingt zwar lang, aber ich habe nicht volle sieben Jahre daran gearbeitet. Ich hatte nach meiner letzten Platte nicht wirklich einen Plan, wie es musikalisch weitergehen soll, also habe ich einfach mein wirres Leben gelebt und Songs geschrieben, wann immer sie mir zugeflogen kamen. Irgendwann hat sich dann herauskristallisiert, dass sich da Songs angesammelt haben, die alle während meiner damaligen Beziehung entstanden sind und auch textlich davon handeln. Dann ging meine Beziehung in die Brüche und das war dann auch der letzte Anstoß, den ich gebraucht habe, um das Album zu finalisieren. Das hat dann aber nochmal drei Jahre gedauert.

Nun erscheint das Album zwar, trotzdem ist nach wie vor unklar, wann es wieder eine Bühne geben wird – virtuell versucht man diese weiterhin zu ermöglichen. Wie stehst du zu dieser Vernetzung? Kann das Gegenüber virtuell ersetzt werden?

Pieter Gabriel: Ich glaube nicht, dass das langfristig funktionieren kann. Zumindest nicht mit der derzeitigen Technologie. Videochats und Streaming-Konzerte sind nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Aber in nicht allzu ferner Zukunft kann ich mir mich schon mit VR-Brille und Jogginghose auf der Couch vorstellen, während der blauhäutige Avatar von Lukas Lauermann seinen hyper-futuristischen Cello-Bogen im Rahmen seiner ersten Virtual-Reality-Tour auf dem Planeten Pandora schwingt.

Würde es dein Album geben, wenn der menschliche Kontakt nicht möglich wäre bzw. ein ganz anderer wäre? Ist eine Liebesbeziehung, wie man sie beispielsweise aus dem Film „Her“ kennt, in dem sich der Protagonist in die Computerstimme seines iPhones verliebt, in deiner Welt eine Option?

Pieter Gabriel: Nein, dann würde es das Album definitiv nicht in dieser Form geben. Aber die Möglichkeit einer emotionalen Beziehung zu einer künstlichen Intelligenz rückt ja immer mehr in die Nähe oder ist im Ansatz ja schon vorhanden. Das Smartphone ist oft das Erste, was wir morgens in die Hand nehmen, und das Letzte, was wir abends aus der Hand legen. Man könnte Sucht dazu sagen. Oder aber (Liebes-)Beziehung. Das erste Trennungsalbum aus einer gescheiterten Mensch-AI-Beziehung wird auf jeden Fall besser über die Ladentheke gehen als Klopapier. Von mir wird’s wohl nicht sein, aber vielleicht von Grimes, wenn sich herausstellt, das Elon Musk eigentlich ein Roboter ist. 

Welchen Stellenwert haben für dich generell Mitmenschen, Kolleginnen und Kollegen sowie Kooperationen – sei es in oder auch unabhängig von der Pandemie? Du hast ja auch für dieses Album mit einigen Kollegen wie beispielsweise mit Markus Perner und Stefan Plattner-Deisenberger zusammengearbeitet. Bedeutet Kunst für dich Austausch?

Pieter Gabriel: Klar, Kunst lebt vom Austausch. Ich arbeite im Vorfeld einer Albumproduktion – sprich Songwriting, Arrangements und Instrumentierung – zwar fast ausschließlich allein, daher setzt der primäre Kreationsprozess für mich nicht notwendigerweise den direkten Austausch mit anderen Musikerinnen und Musikern voraus, aber natürlich hat z. B. Markus vielseitiger Schlagzeugstil den Sound des Albums entscheidend mitgeprägt. Er kann scheinbar mühelos zwischen Bolero, Bossa nova und vertrackten Radiohead-Grooves switchen, was die Zusammenarbeit sehr leicht und das Album um einiges bunter gemacht hat. Auch Stefans Beteiligung war sehr wichtig. Mit ihm habe ich die Songs meistens zu Ende gedacht. Oft war sein Einfluss minimal bzw. nicht nötig, weil viele Arrangements schon sehr ausformuliert sind, bevor ich ins Studio gehe, aber manchmal hat sein Input einen Song in eine komplett andere Richtung gedreht, wie z. B. bei dem ursprünglich sehr langsamen Song „Los Angeles“, als Stefan zu Markus meinte: „Probier doch mal einen doppelt so schnellen Bossa nova!“ 

Die letzte Nummer auf dem Album heißt – wenn man das so sagen kann – „Untitled“. Ein atmosphärisch-psychedelischer und wortloser Abschluss einer Reise. Ein versöhnliches oder doch eher ein schmerzvolles Ende?  

Pieter Gabriel: Ja, dieses Lied ist erst nach der Beziehung entstanden. Ich habe mich nach der Trennung mit einer E-Gitarre und ein paar Effektgeräten für einige Zeit in die leere Wohnung eines Freundes zurückgezogen und habe dort ein paar improvisierte Ambientstücke aufgenommen. Ich fand aber erst zwei Jahre später – beim Durchwühlen meiner Ordner – heraus, dass genau dieser Song die perfekte letzte Nummer ist. Denn sie ist ohne Worte. Einfach am Strand stehen, der Sonne zusehen, wie sie im Meer versinkt, und nicht wissen, wie es nun weitergeht. Zwar voller Trauer, aber auch ein bisschen die Schönheit der Welt aufsaugend. 

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Pieter Gabriel: Ich wünsche mir eigentlich nicht so oft etwas für die Zukunft. Eher day by day. Aber einen oder zwei Hemingway Special in der Abendsonne mit maximal vier Personen pro Tisch fände ich für den Anfang ganz gut.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

Links:
Sleep Sleep (Facebook)
Noise Appeal / 19Eightyone Records