„Ich finde es extrem wichtig, dass wir nicht aus dem Blick verlieren, was Kultur kann und was Kunst tun muss.“ – BERNHARD GÜNTHER (WIEN MODERN) im mica-Interview

WIEN MODERN, Österreichs größtes Festival für neue Musik in seiner 34. Ausgabe könnte man in Zwischentiteln heuer so aufzählen und ankündigen: eine große Opernpremiere im Odeon, Musiktheater und Tanz, Performances, Multimedia und Bilder, immersive Projekte, begehbare Installationen und Ausstellungen, große Konzerte im Festivalformat. Außerdem gleich zwei Festivals im Festival: Georg Baselitz & comprovise #3, ein frischer Blick auf einen Pionier der grafischen Notation, Musik für junges Publikum. Ein Numberdropping sei gleich noch hinterhergeschickt: 32 Spieltage, 38 Spielstätten, 120 Veranstaltungen, 80 Uraufführungen, 30 Erstaufführungen, Werke von 60 Komponistinnen. Michael Franz Woels hat den künstlerischen Leiter BERNHARD GÜNTHER im relativ neuen Büro (noch mit Umzugskartons) in der Lothringerstraße getroffen, um Neues über die wirklich wichtigen Dinge im Leben, das Dunkle in der neuen Musik und gefährliche gesellschaftliche Experimente zu erfahren.

Das Motto “Mach doch einfach was du willst” wirkt etwas trotzig. Will es provozieren?

Bernhard Günther: Wenn man sich die explosiv gesteigerte Dichte von Vorschriften in den letzten 20 Monaten ansieht, dann kann ich nur sagen: Man sollte viel öfter machen, was man will! Das ist tatsächlich eine ernstgemeinte, tiefenentspannte und etwas augenzwinkernde Einladung, endlich wieder mehr auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu achten. Es ist Zeit, wieder an andere Dinge als an die blitzartig wechselnden Dos & Don’ts und den Rückzug ins Schneckenhaus zu denken. Und selbstverständlich sind wir bei Wien Modern der Meinung, dass zeitgenössische Musik und das gemeinsame Hören von Musik zu den wirklich wichtigen Dingen gehören.

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Friedrich Schiller hat über eine Bedeutung von Theater auf ein medizinisches Vokabular aufmerksam gemacht: „Das Pathetische ist eine Inokulation des unvermeidlichen Schicksals, wodurch es seiner Bösartigkeit beraubt wird.” Welche Inokulation, welche Impfung erfährt das Publikum von neuer Musik?

Bernhard Günther: Es gibt ja diese altgriechische Theorie der Reinigung, der Katharsis, durch das, was auf der Bühne passiert. Ich nehme ein ganz konkretes Beispiel: Wir zeigen im Odeon die große Koproduktion der Oper Poppaea, komponiert von Michael Hersch mit einem Libretto von Stephanie Fleischmann. Diese Oper begibt sich in die dunklen Ecken der Menschheit: Gewalt gegen Frauen, Machtmissbrauch, skrupellose Führungspersönlichkeiten, ein allzu risikobereites Streben nach Macht mit dem Willen, auch über Leichen zu gehen. Muss man so etwas in schwierigen Zeiten auf die Bühne bringen? Wollen die Menschen vielleicht nur mehr das Heitere? Es war eine sehr bewusste Entscheidung, zu sagen: Neue Musik und Oper haben beide eine lange Geschichte darin, gerade diese dunklen Seiten in den Blick zu nehmen. Es ist in der neuen Musik oft “dark”, weil es eine Kunstform ist, die sehr nah an der Gegenwart ist, und die ist ja auch nicht nur eine Komödie.

Poppaea: Silke Gäng & Ah Young Hong (c) Susanna Drescher

Was hast du aus dem letztjährigen Festival im Ausnahmezustand, aus zwanzig Monaten Pandemie gelernt? Welche Änderungen und Neuerungen haben sich daraus ergeben?

Bernhard Günther: Letztes Jahr waren wir trotz einigen Monaten der Vorbereitung von der Dramatik der Entwicklung überrascht und haben reflexartig reagiert und versucht, das Beste daraus zu machen. Wir haben 60 Uraufführungen im Lockdown-Modus durchgeführt und konnten die Künstler:innen bezahlt arbeiten lassen. Mit den Streams haben wir über 40.000 Leute erreicht. Aber Streaming ist kein Ersatz für eine Live-Veranstaltung! Um diesmal allfällige Änderungen besser abfedern zu können, haben wir im Zweifelsfall den größeren Saal vorgesehen und / oder mehr Vorstellungen von einzelnen Vorstellungen. Wir haben einen geübteren Umgang mit den Spielregeln. Vor einem Jahr war Wien Modern Vorreiter, indem wir hunderte von Schnelltests benutzt haben. Inzwischen gibt es in Wien flächendeckend kostenlose PCR-Tests. Und gerade die strengeren Wiener Maßnahmen führen ja jetzt aktuell dazu, dass in Wien die Lage glücklicherweise stabiler aussieht als in anderen Bundesländern. Wir haben gelernt, mit unberechenbaren Rahmenbedingungen bestmöglich umzugehen, und wir haben gleichzeitig diesen Zug zur Vielfalt verstärkt. In der Ökologie ist Artenvielfalt eine Überlebensstrategie. In der Musik sehe ich das ähnlich: Es muss etwas anderes als Monokultur geben, ein Miteinander von experimentell und ausgereift. Ich hoffe, das wird mit jedem Festival stärker spürbar. Wien Modern präsentiert heuer 60 Komponist:innen, auch die Vielfalt der Formate macht noch einmal einen Schritt nach vorne. Wir haben acht Musiktheater-Uraufführungs-Produktionen. Wir haben mehrere Installationen, Spaziergänge und ortsspezifische Raumproduktionen wie beispielsweise unsere große Koproduktion mit dem Kunsthistorischen Museum: Der Konzertbesuch wird zum Museumsbesuch, 70 Musiker:innen mit Instrumenten aus 6 Jahrhunderten sind bei der „ceremony II“ von Georg Friedrich Haas in der Gemäldegalerie verteilt. Neue Musik kann viel mehr als das klassische Format, bei dem alle in einem schuhschachtelförmigen Raum sitzend und nach vorne schauen. Das ist eine langfristige kuratorische Strategie des Festivals, die gewissermaßen durch die Pandemie auch gefördert wird.

ceremony II (c) Markus Sepperer

„WIR SIND AN EINEM PUNKT ANGELANGT, AN DEM DIE FREIE SZENE NUR MEHR EINEN SCHMALEN TÜRSCHLITZ HAT, DURCH DEN ETWAS LICHT UND LUFT HEREIN- ODER HERAUSKOMMT!”

Wien Modern hat heuer endlich eine Subventionsanpassung bekommen. Als ich nach Wien gekommen bin, wurde ich mit einer Kürzung von 700 000 auf 650 000 Euro “begrüßt”. Jetzt hat die Stadt Wien in einer entschlossenen Geste die Förderung des Festivals auf eine Million pro Jahr erhöht. Das ist einerseits sensationell, andererseits sind wir jetzt wieder auf dem Level, die Inflation und Kürzungen seit Mitte der 1990er Jahre wieder ausgeglichen zu haben. 1996 hatte das Festival 44 Spieltage (12 mehr als heuer) und ein heute kaum vorstellbares Koproduktionsbudget. Wenn man sich das damalige Programm ansieht – was allein das Wiener Konzerthaus damals mitfinanziert hat, das wäre mittlerweile vollkommen undenkbar. Wir sind an einem Punkt, wo ich nur hoffen kann, dass die großen Player des Musiklebens wieder mehr vom kommerziellen Druck entlastet werden. Das BMÖKS hat die Förderung heuer nach vielen Diskussionen immerhin auf 200 000 Euro angehoben, als ich nach Wien gekommen bin, waren es noch 100 000 Euro. Auch das ist ein großer Schritt, aber auch noch nicht mehr als ein Schritt in die richtige Richtung.

Es ist mir extrem wichtig, dass das jetzt nicht punktuell auf Wien Modern beschränkt wird: Die öffentliche Hand muss erkennen, wie enorm der Nachholbedarf in der Wahrnehmung von Musik als öffentlicher Aufgabe ist. Seit 25 Jahren gibt es hier sinkende Förderungen, von stagnierenden Zahlen, bei denen die Inflation zuschlägt, bis zu etlichen Jahren tatsächlicher Kürzungen in den Kulturbudgets. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo die freie Szene nur mehr einen schmalen Türschlitz hat, durch den ganz wenig Licht und Luft herein- oder herauskommt. Das ist ein wirklich prekärer Zustand, der ganz grundlegend korrigiert werden muss. Die Zeit der Pandemie sollte entschlossen dafür genutzt werden, diese neoliberale Annahme, die Musik würde weitgehend vom “Markt” getragen, zu korrigieren.

Wie sieht es denn mit dem Zugang zum Kuratieren aktuell aus? Welche Veränderungen siehst du, wenn du in die Vergangenheit blickst oder auch in die Zukunft schaust?

Bernhard Günther: Ich bin nicht unzufrieden mit dem “Working with restraints”. Einschränkungen sind auch eine Inspirationsquelle. Ich empfinde beispielsweise diese Verpflichtung zum Dialog als Gewinn. Wenn man an die vermeintlich goldenen Zeiten der 1980er und 1990er Jahre zurückdenkt, als großmächtige Intendanten in viel stärkerem Ausmaß als heute machen konnten, was ihrem persönlichen Geschmack und ihren Überzeugungen entsprach, dann halte ich es für eine Verbesserung, dass große Produktionen heute nur dann realisierbar sind, wenn viele Partner:innen Künstler:innen, Institutionen das mittragen. Wien Modern funktioniert nur, wenn viele Partner:innen in der ganzen Stadt gemeinsam sagen, wir wollen das, wir machen da mit, das ist für einen guten Zweck.

Quatuor Diotima (c) François Rousseau

Das ist natürlich ein viel arbeitsintensiveres Kuratieren, aber gleichzeitig auch absolut notwendig. Es braucht dieses Öffnen, diese vielen Luftlöcher, um etwas anderes hereinzulassen als den Geschmack, Horizont und Bekanntenkreis einer einzigen Person. Wenn es im Rahmen dieses Festivals nicht auch viele Dinge gäbe, die auch mich überraschen, dann hätte ich etwas falsch gemacht. Das bringe ich auch mit dem Festivalthema in Verbindung. Man muss sich von dem Wahn verabschieden, alles sei zentral kontrollierbar. Das ist es weder in der Gesellschaft noch in der Kunst. Ich liebe diese wachsende Widersprüchlichkeit. Unter vielen Produktionen im Rahmen von Wien Modern steht in den Credits, wer das kuratiert hat, und da kommen inzwischen viele unterschiedliche Personen und Institutionen zusammen. Das finde ich für ein Festival dieser Größenordnung essenziell. Heuer gibt es beispielsweise vier Tage lang im Musikverein u.a. das Quatuor Diotima mit einem Programm, das der Maler Georg Baselitz – alles andere als ein Musikexperte, aber ein extrem leidenschaftlicher Hörer radikaler neuer Musik – mit kuratiert hat. Gleich danach gibt es drei Tage comprovise im Italienischen Kulturinstitut, kuratiert von Thomas Lehn, Tiziana Bertoncini, Bruno Strobl und Nina Polaschegg von der IGNM, mit einem internationalen Lineup der Improv-Szene. Wären das zwei unabhängige Festivals, gäbe es wenig chemische Reaktionen zwischen den beiden. Aber beides ist zeitgenössische Musik, und mit Wien Modern gibt es eine Klammer, die das bewusst zusammenfügt und sagt: „Schau mal da rüber …“ Das stärkt den Bereich als Ganzes. Die neue Musik, für sich betrachtet, kann wie ein zerklüftetes Feld voller kleiner Nischen wirken. Aber in ihrer Gesamtheit ist das eine beeindruckende Landschaft, die inzwischen auch schon eine stattliche Größe erreicht hat, und es ist ein Vergnügen, dafür einen Monat lang eine Landkarte zu liefern.

„EINE GESELLSCHAFT, DIE KUNST UND KULTUR MAL EBEN KURZ FÜR ENTBEHRLICH HÄLT, VERÄNDERT SICH SCHNELLER ALS GEDACHT IN ETWAS, DAS AM ENDE NIEMAND GEWOLLT HABEN WIRD.”

Wo siehst du neue Musik im Kontext der sogenannten Systemrelevanz? Könnte man nicht auch mit Claus Peymann sagen, dass es gerade wichtig ist, dass Kunst nicht systemrelevant ist und gegen ein womöglich falsches, ungesundes System aufbegehrt?

Bernhard Günther: Ich habe mich ein bisschen freigespielt von der Politik als Stichwortgeber in den letzten Monaten. Genauso wie ich den Versuch aufgegeben habe, zum Hobby-Virologen zu werden. Wie habe ich das letztes Jahr bei meiner spontanen Ansprache beim Eröffnungskonzert formuliert? „Eine Gesellschaft, die Kunst und Kultur für momentan mal kurz entbehrlich hält, verändert sich schneller als gedacht in eine andere, die am Ende niemand gewollt haben wird.” Ich finde es extrem wichtig, dass wir nicht aus dem Blick verlieren, was Kultur kann und was Kunst tun muss. Der Besuch von Konzerten, Theater- und Tanzvorstellungen, Museen und Kinos macht etwas mit der Gesellschaft. Jetzt hatten wir 307 Schließtage am Burgtheater. Ich finde, das ist ein gefährliches Experiment und wir müssen uns viel einfallen lassen, damit niemand vergisst, wie gut es ist, nicht nur am Sofa sitzen zu bleiben.

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Was würdest du im Sinne von „Mach doch einfach was du willst“ abschließend noch gerne sagen?

Bernhard Günther: Aus Perspektive des mica lohnt sich ein Blick auf die hohe Dichte österreichischer Musiker:innen im Festivalprogramm heuer. Ohne Klassiker wie Friedrich Cerhas „Spiegel“ sind allein unter den 80 Uraufführungen heuer Werke von Aleksandra Bajde / Isabella Forciniti, Angélica Castelló / Billy Roisz / Burkhard Stangl, Martina Claussen, Gobi Drab / Veronika Mayer, Viola Falb / Elisabeth Harnik, Fennesz, Beat Furrer, Tanja Elisa Glinsner, Helene Glüxam, Maria Gstättner, Georg Friedrich Haas, Elisabeth Harnik, Sophie Hassfurther, Nava Hemyari, Christoph Herndler, Katharina Heubner / Kejia Xing, Hofstetter Kurt, Peter Jakober, Alexander Kaiser, Volkmar Klien, Laura Kunz / Simon Popp / Marius Binder, Herbert Lacina, Klaus Lang, Anestis Logothetis, Adam McCartney / Thomas Grill, Zahra Mani, Antonia Matschnig, Bertl Mütter, Olga Neuwirth, Christian Ofenbauer, Ralf Petersen / Hibiki Kojima, Caroline Profanter, Rdeča Raketa / Maja Osojnik / Matija Schellander, Ursula Reicher / Thomas Gieferl, Christof Ressi, Lissie Rettenwander, Winfried Ritsch, Jorge Sánchez-Chiong / Brigitte Wilfing, Elisabeth Schimana, Sara Schmiedl / Pauline Tagwerker / Oliver Uszynski, Ingrid Schmoliner, Golnar Shahyar / Rojin Sharafi, Alexander Stankovski, Johannes Maria Staud, den Steel Girls, Norbert Sterk, Andrea Sodomka, Thomas Wally und Mia Zabelka. Diese stolze Liste ist ein Zeichen dafür, welches Level, welchen Stellenwert und welche Vielfalt Komponist:innen neuer Musik in Österreich heute haben.

Und als letztes möchte ich noch betonen, dass auch die Konzertbesucher:innen heuer mehr als sonst eingeladen sind, zu machen was sie wollen. Sich Hinlegen bei Ingrid Schmoliner, Herumgehen bei Georg Friedrich Haas, Peter Jakober und Volkmar Klien, oder beim Abschlusskonzert der Wiener Symphoniker unter der Leitung von Beat Furrer gern auch die Handys herausholen für die elektronische Zuspielung über die Mobiltelefone des Publikums.

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Franz Woels

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