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„Ich denke, dass unser Konzept, Artists eine alternative Einnahmequelle anzubieten, für viele sehr ansprechend ist“ – MATIAS MENO (EXIT LIVE) im mica-Interview

Im Frühjahr 2018 startete mit EXIT LIVE eine neue Musikplattform, die es Musikerinnen und Musikern ermöglicht, Aufnahmen der eigene Konzerten ohne großen Aufwand online zu stellen und zu verkaufen. Die technische Entwicklung der dezentral organisierten Plattform geht in Wien vonstatten. Michael Ternai sprach mit MATIAS MENO, dem Kopf des Entwicklerteams und dem Musiker (u. a. GIN GA), unter anderem über die Idee, die hinter der Plattform steckt, die Möglichkeit, die sie Artists bietet, zusätzliche Einnahmen zu lukrieren, und die Herausforderungen, die es in der Startphase zu meistern galt.

Wie sind Sie eigentlich zu Exit Live gestoßen?

Matias Meno: Es war so, dass ich von Giorgio Serra und David Stone, die die Idee zu dem Projekt hatten und Exit Live auch gegründet hatten, kontaktiert wurde. Die beiden sind auf mich gekommen, weil ich in der Vergangenheit ziemlich viele Open-Source-Projekte entwickelt hatte, von denen zwei relativ populär wurden. Sie haben Entwickler gesucht, die das Lead Development der Plattform übernehmen und sind auf einer Programmierplattform dann auf meinen Namen gestoßen.
Nachdem sie gesehen haben, dass ich auch Musiker bin und meine bekannteste Open Source Library ein File Uploader ist, haben sie sich gedacht, dass das gut zusammenpassen würde. Sie haben mich kontaktiert, um zu fragen, ob ich nicht vielleicht Lust hätte, mich an diesem Projekt zu beteiligen.

Exit Live sieht auf jeden Fall nach einem sehr internationalen Projekt aus.

Matias Meno: Das kann man definitiv sagen. Giorgio lebt in Australien, David Stone auf Bali und ein weiterer Mitbegründer in Italien. Die meisten des restlichen Teams arbeiten von London aus. Und hier in Wien ist das Entwicklerteam angesiedelt. Ich denke, internationaler kann man kaum aufgestellt sein.

Welche Idee steckt hinter Exit Live? Eine Plattform über die man die Mitschnitte eigener Konzerte verkaufen kann?

Matias Meno: Im Grunde genommen ist die Kernidee jetzt keine besonders innovative. Das, was wir aber versuchen zu revolutionieren, ist die Art, wie sich kleinere Künstlerinnen und Künstler am Markt präsentieren können. Was uns von Anfang an ein großes Anliegen war, ist, dass wir die kleinen Künstlerinnen und Künstler genau so behandeln wie die größeren. Es gibt keine Bevorzugung großer Namen. Alle, die bei uns ein Konto haben und Konzerte raufladen, erhalten die gleichen Möglichkeiten und werden mit derselben Wahrscheinlichkeit auf der Startseite gefeaturt. Wovon wir zudem wegkommen wollten, sind diese ganzen Likes und Views, die letztlich mitbestimmen, wie viel man am Markt wert ist. Diese sind allein für die Künstlerinnen und Künstler sichtbar.
Wichtig war uns auch, Exit Live absolut transparent zu gestalten. Die Künstlerinnen und Künstler sollen jederzeit Klarheit über ihren Share haben. Also darüber, wie viel Geld sie bekommen, wann sie es bekommen und wie viel Geld wohin geht. Wenn man bei uns ein Konzert online stellt, dann sieht man auf der Abrechnung genau, wie viel an unseren Paymentprovider, an uns, an die Royaltys und an die Venues, die ja auch einen Teil erhalten, geht. Und das sieht man schon, wenn man den Preis für das Konzert festsetzt. Man kann also schon im Vorhinein abschätzen, mit wie viel man rechnen kann.
Ein weiterer Punkt, der unsere Plattform von anderen unterscheidet, ist, dass wir es ermöglichen, dass auf die Seite geladene Konzert sofort zu verkaufen. Man spielt ein Konzert, macht eine Aufnahme von diesem und lädt es sofort rauf.
Etwas, was wir auch nicht haben wollten, waren die üblichen Pay-out-Zyklen, sprich, dass einmal im Quartal ausbezahlt wird. Bei Exit Live haben Musikerinnen und Musiker alle ein Konto und entscheiden selbst, wann sie das Geld ausbezahlt haben wollen.

Exit Live ging im Frühjahr online. Wie viel Vorarbeit war notwendig, um bis dorthin zu gelangen? Und welche Schwierigkeiten galt es zu meistern?

Bild Matias Meno
Matias Meno (c) Daniel Gottschling

Matias Meno:  Es hat schon recht lange gebraucht, um auf den Markt zu kommen. Da wir gleich von Beginn an international und dezentralisiert aufgestellt waren, ergaben sich in allen Arbeitsbereichen klarerweise Baustellen – was aber bei so einem Projekt nicht ungewöhnlich ist. Es treten halt immer wieder unvorhergesehene Sachen auf, die es zu lösen gilt. Wie etwa die Frage bezüglich der Tantiemen oder jene, wie man mit den verschiedenen Währungen und den unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen umgeht.
Der Launch von Exit Live fand in diesem Februar statt. Wir sind mit einer Beta-Version auf den Markt gekommen und befinden uns aktuell auch noch in der Beta-Phase. Uns geht es jetzt darum, das Konzept noch ein wenig auszuprobieren und wenn möglich zu optimieren. Wobei es da jetzt weniger um die technische Funktionalität geht, sondern darum, welche Tools wir den Artists noch zur Verfügung stellen können, damit sie sich leichter tun, welche Tools wir den Fans anbieten können, damit sie leichter an die Musik herankommen.

Wie sieht es mit den Verwertungsgesellschaften aus? Wer rechnet die Tantiemen ab?

Matias Meno: Das war eine der kompliziertesten Herausforderungen. Wir haben eine Kooperation mit der italienischen Verwertungsgesellschaft abgeschlossen, die für uns die weltweite Verwertung macht. Wir haben eine direkte Anbindung zu denen. Wenn man ein Konzert rauflädt, machte man auch eine Tracklist von den Liedern, die man gespielt hat. Darüber hinaus haben wir mit der italienischen Verwertungsgesellschaft auch eine Sonderregelung, die besagt, dass wenn man alleinige Rechteinhaberin bzw. alleiniger Rechteinhaber ist oder es keine Tantiemen mehr gibt, weil es sich um ein klassisches Stück handelt, es dann die Möglichkeit gibt, die Abzahlungen der Tantiemen zu ignorieren. Das wird natürlich von beiden Seiten geprüft.
Sonst passiert im Grunde genommen das Klassische. Wir nehmen die Tantiemen und behalten den für uns vorgesehenen Prozentsatz und führen den Rest an die italienische Verwertungsgesellschaft ab, die sich dann um die Aufspaltung der Tantiemen kümmert. 

Steht Exit Live für alle Genres offen?

Matias Meno: Auf jeden Fall, wobei wir auf unserer Seite auf die klassischen Genreunterteilungen verzichten. Was wir aber machen, ist eine Unterteilung nach der Art der Künstlerinnen und Künstler, damit wir sie besser präsentieren können. Man meldet sich als Orchester, Jazzformation oder Solokünstlerin bzw. Solokünstlerin an.
Was wir beobachtet haben, ist, dass Exit Live am Anfang von vielen Musikerinnen und Musiker aus der Klassik genutzt wurde. Darüber hinaus hatten wir auch schon einige Chöre, die ihre Konzerte sehr erfolgreich verkaufen konnten. Was, glaube ich, auch daran liegt, dass ein Chor aus vielen Leuten besteht, die selbst viele Interessierte mitbringen. Im Moment kommen viele Leute aus dem Jazz hinzu. Wir haben zum Beispiel einen italienischen Künstler, der mittlerweile zehn Konzerte auf Exit Live geladen hat und damit ganz gut fährt.

Müssen die Aufnahmen eine bestimmte Soundqualität haben?

Matias Meno: Prinzipiell überlassen wir den Artists diese Entscheidung selbst. Wenn allerdings die Qualität der Aufnahme nicht stimmt, wir diese vermutlich weniger oft angehört werden. Das ist bei Amazon oder Spotify nicht anders. Man kann auf Exit Live auf jeden Fall vorab 30 Sekunden eines jeden Liedes anhören. Und da kann man sich schon ein Bild darüber machen, welche Qualität einen erwartet.

Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Entwicklung seit dem Launch? Wie viele Acts haben mittlerweile Konzerte auf Exit Live raufgeladen? Und wie rege wird die Plattform von Musikfans genutzt?

Matias Meno: Dafür, dass wir erst vor Kurzem online gegangen sind, sind unsere Benutzerzahlen sehr zufriedenstellend. Vor allem auch, wenn man bedenkt, dass wir bislang ja auch noch keine große Werbekampagne gestartet haben. Aber genaue Zahlen und sinnvolle Statistiken werden wir Ende des Jahres zur Verfügung stellen können.
Auf jeden Fall hatten wir unseren ersten großen Auftritt beim Liverpool Sound City Festival. Wir waren einer der offiziellen Partner des Festivals und haben im Vorfeld bei den dort auftretenden Acts angefragt, ob sie bereit seien, ihr Konzert auf Exit Live raufzuladen. In Summe waren es dann an die dreißig Bands, die das dann auch gemacht haben. Das war eine wirklich schöne Sache.

Wie läuft die Finanzierung bis jetzt? Bekommt das Projekt Förderungen oder gibt es Investorinnen und Investoren? 

Matias Meno: Ich war ja schon in viele Start-ups involviert und muss sagen, dass es bei diesem Projekt erstaunlich gut läuft. Ich denke, dass unser Konzept, Artists eine alternative Einnahmequelle anzubieten, für viele sehr ansprechend ist. Auch für Investorinnen und Investoren. Allein auch deswegen, weil, wie ich glaube, sich viele gerne in diesem Lichte sehen. So auf die Art: „Ich bin in die Musikszene involviert und unterstütze etwas Gutes. Ich unterstütze etwas, was Musikerinnen und Musiker nutzen, um besser leben zu können.“
Das hat es bis jetzt recht einfach gemacht, das Investment aufzustellen, wobei wir noch keine wirkliche Großinvestorin bzw. keinen wirklichen Großinvestor an Land gezogen haben, die bzw. der uns eine internationale Werbekampagne ermöglichen würde. Aber wir haben nach so einer bzw. einem auch eigentlich noch nicht gesucht. Aktuell geht es uns darum, die laufenden Kosten der Entwicklung zu decken.

Wie sehen die nächsten Schritte aus? 

Matias Meno: Unser Businessplan sieht vor, dass wir im Sommer nächsten Jahres mit einer großen Werbekampagne starten. Bis dorthin schauen wir, dass sich Exit Live durch Mundpropaganda verbreitet und genügend Leute beginnen, die Plattform zu nutzen, damit wir auch solide sagen können, dass sie funktioniert und dass die Art, wie wir sie gebaut haben, auch positiv angenommen wird. Wir haben jetzt ein Jahr Zeit, um alle etwaigen Probleme zu beheben und Verbesserungen vorzunehmen. 

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Michael Ternai

 

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