Ab 10. Juli 2026 läuft in Krems an der Donau die 30. Ausgabe des Festivals Glatt & Verkehrt: Jürgen Plank hat mit ALBERT HOSP, dem künstlerischen Leiter, über heuer auftretende Bands genauso gesprochen wie über die Programmierungsarbeit an sich und über internationale Kooperationen. Immer wieder kommt es bei Glatt & Verkehrt zu Österreich-Debüts: am 24. Juli 2026trifft das etwa auf das südkoreanische Trio HILGEUM zu. Und ALBERT HOSP erzählt davon, dass in den letzten Jahren verstärkt Aufträge an Musiker:innen vergeben wurden: das bedeutet, dass Bands nicht einfach mit ihrem aktuellen Programm in Krems zu Gast sind, sondern für das Festival eigene Stücke erarbeiten. ALBERT HOSP ortet auch für die nächsten Jahre großes kreatives Potenzial und schaut insofern sehr positiv in die Zukunft.
Wie läuft die Programmierung bei Glatt & Verkehrt ab? Überlegen Sie im Team beständig, welche Musiker:innen im jeweils nächsten Jahr nach Krems kommen könnten?
Albert Hosp: Sehr gute Frage, weil sich das im Laufe der Jahre verändert hat. Dieses Genre der Musik, die rund um diese Begriffe World Music, Folk und Traditional kreist, war in früheren Zeiten sicher knapper zu planen, einfach weil es noch viel ungewöhnlicher war. Ich rede tatsächlich von den späten 1990er und frühen Nullerjahren. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich diese Musik doch als eine wichtige Farbe im internationalen Konzertwesen durchgesetzt. Dementsprechend sind die Planungen längerfristig geworden, was unterm Strich allen hilft, den Ausübenden und den Planenden. Seit ich die künstlerische Leitung habe, also seit 2018, und davor eigentlich auch, hat man größere Projekte mindestens ein Jahr vorher in Gang gesetzt.
Können Sie dazu ein Beispiel nennen?
Albert Hosp: Ich bin jetzt dabei, zwei bis drei heimische Uraufführungen für 2027 so gut wie möglich einzuhängen und zu planen. Die üblichen Angebote für Festivals kommen von Agenturen oder Künstler:innen, aufgrund von neuen Alben oder auch anstehenden neuen Programmen: Das ist eine Sache, die dann im Herbst so richtig in der Planung konkret wird. Ich persönlich versuche immer im Vorjahr für das folgende Jahr fertig zu sein. Das kann aber auch heißen: 30. Dezember. Aber vor Weihnachten das Festival fertig zu haben, ist ein guter Plan.
Somit war es vor Weihnachten 2025 klar, dass heuer die Gruppe Hilgeum aus Südkorea dabei sein wird. Wie sind Sie denn auf diese Band gekommen?
Albert Hosp: Live gehört habe ich sie beim hinreißenden Festival Hide and Seek in Brüssel. Da spielen eher kleine Ensembles an sehr ungewöhnlichen Orten der Stadt und das Publikum zieht sozusagen von Tag zu Tag mit. Das Festival geht über mehrere Tage von einem ungewöhnlichen Ort zum nächsten. Und diese drei Musikerinnen haben in einer Bibliothek gespielt und ich war sofort begeistert. Sie haben dann sogar noch ein kleines Spezialkonzert für die Delegates gemacht, die dort eingeladen waren, also quasi für die Festival-Profis, unter Anführungszeichen. Und das Tolle an deren Musik ist das, was ich mir eigentlich bei jedem Glatt & Verkehrt-Projekt wünsche: einerseits eine sehr tiefe Verwurzelung in der Tradition der Gegend, das muss jetzt nicht unbedingt Volksmusik bedeuten, aber sagen wir mal traditionelle Musik. Und es geht vor allem um die Instrumente. Instrumente, die ganz charakteristisch für die Gegend sind, also im Fall von Hilgeum diese zwei Zupfinstrumente und das eine Streichinstrument. Und ausgehend von dieser Tradition: ein sehr aufregender, spannender, heutiger Zugang, auch mittels eigenen Stücken, also mittels Eigenkompositionen. Hilgeum spielen eine Art von Musik, die sehr zeitgenössisch wirkt, auch im Sinne von klassischen Konzepten. Das sind teilweise sehr ausgedehnte Stücke. Und dann ist es vor allem die Art der Präsentation, also diese sehr temperamentvolle, leidenschaftliche Art, mit der die drei Musikerinnen spielen.
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Immer wieder geben Bands bei Glatt & Verkehrt ihr Österreich-Debüt. Wer ist denn heuer außer den Koreanerinnen noch zum ersten Mal in unserem Land?
Albert Hosp: Ich hole kurz aus: aufgrund der 30. Ausgabe haben wir uns gedacht, zwei, drei Acts einzuladen, die schon mal bei uns gespielt haben. Das ist bei neunundzwanzig vorigen Festivalausgaben sehr schwer und sehr leicht: und da haben wir dann also die Gruppe Värttinä aus Finnland, die war im Jahr 2000 oder 2001 zum ersten Mal bei uns. Die Gruppe selbst gibt es seit fast vierzig Jahre. Die wieder zu holen war einerseits ein Wunsch, weil das Konzert damals so toll war und weil die tatsächlich vor einem Jahr ein neues Album gemacht haben und wir sie live gesehen haben. Wenn ich wir sage, dann sind immer Johann Kneihs und ich gemeint, also mein Kurator und ich. Das war so toll, dass wir die noch einmal einladen wollten.
Auf welchen Act trifft das noch zu?
Albert Hosp: Ein zweites Ensemble, das ich unbedingt erwähnen will, weil die tatsächlich nach wie vor mindestens ein Geheimtipp sind: This Is How We Fly, das Quartett zur Eröffnung des Festivals im Klangraum am Freitag, den 10. Juli. Die machen in einer Vier-Nationen-Besetzung – England, Vereinigte Staaten, Irland und Schweden – unglaubliche Musik. Da ist noch ein Stepptänzer dabei, der wie ein Instrument im Quartett mitmacht. Also, This Is How We Fly ist wirklich eine heiße Empfehlung von mir. Und die haben 2018 zum ersten Mal bei uns und seither nie wieder in Österreich gespielt.
Wie wirkt denn dieses Festival sozusagen in die Region hinein, nach Tschechien und in die Slowakei? Kommt auch Publikum von dort nach Krems?
Albert Hosp: Definitiv kommen Fachkolleg:innen aus Prag, Bratislava und Brünn zu uns, also Journalist:innen und Festivalgestalter:innen. Im Publikum sind es sicher nicht allzu viele, das hängt aber auch damit zusammen, dass zeitgleich mit Glatt & Verkehrt im tschechischen Náměšt das Festival Folk Holidays stattfindet. Wir kooperieren mit denen auch und manchmal spielen Ensembles bei beiden Festivals. Der Austausch mit Bratislava ist sehr gut, das ist ja wirklich quasi nur eine Bootsfahrt entfernt. Ich erinnere mich an die Ausgabe 2020, bei der wir das Festival stark heruntergefahren haben, um trotz Corona spielen zu können: da kam eine Band aus Bratislava, denn das war damals möglich. Bratislava hat eine tolle Szene, dort gibt es im Sommer ein eigenes World Music Festival mit ambitioniertem Programm. Da zahlt es sich immer wieder aus, die Kontakte zu halten.
Mir kommt vor, dass der Anteil der österreichischen Bands im Laufe der Jahre zugenommen hat. Ist das eine richtige Wahrnehmung?
Albert Hosp: Ich würde jetzt nicht sagen, dass der Anteil statistisch kontinuierlich zugenommen hat. Aber Aufträge zu geben, hat sich auf jeden Fall als wichtiger und immer wichtigerer Sektor etabliert, also: nicht nur eine Band zu engagieren, die dann ihr Programm bei uns spielt, sondern ganz konkret auf Musiker:innen zuzugehen, die musikalisch etwas bei uns ins Leben rufen sollen und das dann vielleicht auch in ihren zukünftigen Programmen haben.
Welche Aufträge wurden beispielsweise bereits vergeben?
Albert Hosp: Erstens Anja Om, die Sängerin, die in den ersten Jahren ihrer Laufbahn sehr viel chorisch, geradezu a cappella gearbeitet hat. Die wird bei uns zum ersten Mal eine eigene Band auf die Bühne bringen. Die Band hat den hübschen Namen Von Dietrich. Das ist die Oma von Anja Obermayer, die da im Bandnamen eine Hommage bekommt. Im Sommer 2019 gab es ein Projekt von Clemens Wenger und Mira Lu Kovac. Mira war damals an einem Punkt ihrer Laufbahn, an dem sie interessiert war, ihre Songs in einem neuen Gewand auszuprobieren. Und da hat Clemens Wenger mit ihr gemeinsam ein fast schon klassisches Ensemble auf die Bühne gebracht. Ich erinnere mich an Streicher, vier Hörner und eine Band. Das war ganz besonders. Und der dritte Name ist der Lukas Kranzlbinder, den ich für einen der besten Köpfe Österreichs halte. Nicht nur am Kontrabass, sondern auch im genre-übergreifenden Agieren. Die Band Shake Stew präsentiert eine unvergleichliche Mischung aus Jazz und Elementen aus dem nord- oder ostafrikanischen Raum. Und mit ihm arbeiten wir ja diesen Sommer wieder zusammen: Er macht ein Programm mit der syrischen Flötistin Naïssam Jalal.
Mittlerweile gibt es eine Generation von Musiker:innen, geboren ab den frühen 1980er-Jahren, die über eine viel freiere inhaltliche Palette verfügen. Und das finde ich hochinteressant, wenn vielleicht schon traditionelles Material vorkommt, aber eben auch ganz anderes Material.
Ein Beispiel dafür im heurigen Programm könnte die Cellistin Asja Valčić, die noch dazu an einer neuen Location spielt.
Albert Hosp: Asja Valčić ist ein gutes Beispiel. Sie wird bei uns ein Solo-Programm spielen, in diesem wunderbaren kleinen gotischen Raum der Ursula-Kapelle. Das ist nicht mit einem Wort zu beschreiben, schon gar nicht mit einem Genre-Wort.
Was waren für Sie Highlights der letzten Jahrzehnte?
Albert Hosp: Der Tontechniker Martin Leitner, der seit 1997 die Übertragungen macht, und ich sind die zwei Mohikaner, die wirklich seit dem ersten Tag von Glatt & Verkehrt dabei waren. Dadurch poppen natürlich jetzt in meinem Gehirn Dinge auf, die der Joe Aichinger (Anm.: Begründer von Glatt & Verkehrt) und ich gemeinsam gemacht haben, die wir im Trio mit dem Wolfgang Schlag in den ersten Jahren gemacht haben. Also: wir haben eines der allerersten Konzerte von Mnozil Brassveranstaltet. Wir haben die gemeinsam mit einer Gruppe namens Die Landstreich auf die Bühne geschickt. Im Jahr 1999. Das gab es immer wieder. Aber ich freue mich, wenn es spürbar ist: heimische Projekte sind bei uns keine Randerscheinung, sondern mittendrin.
„VERGLICHEN MIT BREGENZ ODER SALZBURG SIND WIR EIN KLEINES FESTIVAL“
Die 30. Ausgabe eines Festivals ist vielleicht ein Moment, innezuhalten und in die Zukunft zu schauen. Wie sehen Sie die Zukunft des Festivals?
Albert Hosp: Grundsätzlich sehr zuversichtlich. Ich glaube, man muss sich so eine Haltung einfach gönnen, egal wie ungewiss alles ist. Ich will jetzt gar nicht anfangen von Budgets zu reden, da sind wir gut unterwegs und gleichzeitig wissen alle, man hat irgendein Doppelbudget für 2027 und 2028 vorgestellt, in meiner Empfindung vor fünf Minuten. Es ist schon ein bisschen länger als fünf Minuten her.
Verglichen mit Bregenz oder Salzburg sind wir ein kleines Festival. Also da muss man einfach Zuversicht haben und sagen: es wird immer die Möglichkeit bestehen, gute, hervorragende, ungewöhnliche, außergewöhnliche Ideen auf die Bühne zu bringen. Das ist die grundsätzliche Einstellung. Was die inhaltliche Einstellung betrifft, bin ich also nicht nur zuversichtlich, sondern geradezu euphorisch: weil dieses kreative Potenzial, das mir täglich in über 100 E-Mails entgegentönt, dafür spricht, dass die Musik sich einfach nicht unterkriegen lässt. Wir sprechen ja von einer absoluten Off-Mainstream-Musik, das muss man wirklich immer wieder sagen. Die Künstler:innen machen ein Album nach dem anderen. Es tauchen neue Festivals auf, das macht hoffentlich auch denen Freude, die für eine finanzielle Unterstützung sorgen. Inhaltlich ist wirklich viel los, allein in der Beschäftigung mit österreichischer Volksmusik.
Was hat sich in diesem Zusammenhang entwickelt?
Albert Hosp: Das war tatsächlich in den 1990er Jahren noch ungewöhnlich, als die ersten Gruppen wie Broadlahn und Hubert von Goisern kamen. Das ist inzwischen sowas von selbstverständlich geworden. Man kann also hervorragende, oft auch noch mit Klassik-Diplomen ausgestattete Musiker:innen finden, die dreistimmige Geigen-Jodler spielen und danach eine freie Improvisation hinlegen: und alles auf höchstem Niveau.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
Glatt & Verkehrt: 10. – 26.7.2026
Krems, diverse Spielorte:
www.facebook.com/FestivalGlattundVerkehrt
