Bild Andreas Spechtl & Thomas Köck / ghostdance
Andreas Spechtl & Thomas Köck / ghostdance (c) Max Zerrahn

„Geschichte ist auch all das, was nicht passiert ist“ – ANDREAS SPECHTL und THOMAS KÖCK im mica-Interview

Mitte Juli präsentiert IMPULSTANZ im MUMOK an zwei Abenden erstmals in Österreich das gemeinsame Performance-Konzert GHOSTDANCE des Musikers ANDREAS SPECHTL und des Dramatikers THOMAS KÖCK. Sie berufen sich in ihrer performativen „Gespensterkunde-Stunde“ vor allem auf den Begriff der Hauntology, wie er in Texten des bereits verstorbenen britischen Poptheoretikers MARK FISHER sowie im Buch „Spectres de Marx“ des französischen Philosophen JACQUES DERRIDA herumspukt. Michael Franz Woels traf die beiden „Sound-Hauntologen“, um über Nichteingelöstes in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sprechen.

Dem Gespräch sei noch ein Zitat von Jaques Derrida aus seinem Buch „Marx‘ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale?“ vorangestellt: „Dieses Mitsein mit den Gespenstern ist – nicht nur, aber auch – eine Politik des Gedächtnisses, des Erbes und der Generationen.“

Andreas Spechtl, wie sehr haben Ihre beiden Soloalben „Sleep“ und „Thinking about tomorrow, and how to build it“ die jetzige Zusammenarbeit mit Thomas Köck vorbereitet? Sehen Sie Verbindungen zu diesen Projekten?

Andreas Spechtl: Ich komme vom Lied und vom Liederschreiben, also von der Praxis, der Musik einen Text hinzuzufügen. Was ich zurzeit an Samples und am Collagieren auf der Soundebene sehr spannend finde, habe ich auf der Textebene bei Ja, Panik schon immer gemacht. Mein Schreiben ist eine Text-Collagen-Arbeit. Bei meinen Soloprojekten habe ich nun entdeckt, dass Sound allein auch Geschichten erzählen kann – gerade wenn man ihn von verschiedenen Punkten herholt und neu zusammenfügt. Ich sehe meine letzte Platte „Thinking about tomorrow, and how to build it“ als einen langen, musikalischen Tagebucheintrag.

„ghostdance“ heißt das erste gemeinsame Sound-Performance-Stück von Ihnen, welches im Auftrag des Theaters Basel im Oktober 2017 zum 100. Jahrestages der Russischen Revolution entstand. Wie kam es dabei zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden?

Thomas Köck: Ich habe einen Text von Andreas in dem Stück „paradies fluten (verirrte sinfonie)“ zitiert und ihn daraufhin auch kontaktiert. Ich wusste gar nicht, dass er zu der Zeit gerade im Iran war [um in Teheran an dem Album „Thinking about tomorrow, and how to build it“ zu arbeiten; Anm.]. Wir haben uns dann getroffen und hatten ein schönes, langes Kneipengespräch – auch über den Begriff „Hauntology“. Es gibt auf dem Album „Sleep“ von Andreas einen Song mit dem Titel „Hauntology“. Ich kannte den Begriff von Jacques Derridas „Spectres de Marx“ und hatte auch diese Transformation des Begriffes bei Mark Fisher im Kopf. Und kurz darauf gab es zufällig eine Anfrage aus dem Theater Basel – sozusagen ein gutes Signal aus dem Jenseits, um doch zu den Themen Russische Revolution, nicht eingelöste Versprechungen und Geister etwas zu machen.

Wie würden Sie den Begriff „Hauntology“ ins Deutsche übersetzen?

Thomas Köck: Den Begriff muss jede und jeder für sich aktivieren. Ich mag diesen Begriff sehr gerne, diese „Lehre des Nichteingelösten“. Geschichtliche Entwicklung hat auch immer damit zu tun, dass bestimmte Prozesse verdrängt werden oder verschwinden. Und auf der anderen Seite mit bestimmten Versprechen, an die man glaubt, um vorwärtszukommen. Im Vorwärtskommen lösen sich manche Dinge ein, manche nicht. Und dieses Nichteingelöste, das auf der Strecke bleibt, das ist im Hintergrund trotzdem aktiv. Oder manchmal auch viel aktiver als das, was wir jetzt als „Nichtgespenst“, als Präsenz, als Gegenwart bezeichnen würden.

Andreas Spechtl: Es gibt für mich einen Unterschied zwischen Geistern und Gespenstern. Ein Gespenst steht für etwas Nichteingelöstes. Es hat noch einen Auftrag, etwas zu tun, es muss noch erlöst werden. Das Wort „Geist“ hat für mich eher einen esoterischen Touch. Es steht für etwas, was bereits da ist und bleibt. Hauntology ist auch eine Form von Geschichtsverständnis und Geschichtsschreibung. Geschichte ist nicht nur das, was wirklich passiert ist. Sondern Geschichte ist auch all das, was nicht passiert ist. Auch all das, was möglich gewesen wäre, ist Teil unserer Vergangenheit. Und das wirkt sich auf die Zukunft und unsere Gegenwart aus.

Bild Andreas Spechtl & Thomas Köck / ghostdance
Andreas Spechtl & Thomas Köck / ghostdance (c) Max Zerrahn

„Das Politische ist in dem Moment anwesend, wo man sich mit der Vergangenheit beschäftigt und diese zu Diskussion stellt und veräußert.“

Das bringt mich zu dem aktuellen kollaborativen Schreibprojekt nazisundgoldmund.net, welches Sie, Thomas Köck, mitgegründet haben. Ich zitiere aus dem Mission Statement: „Die Gegenwart darf nicht unkommentiert vorübergehen.“ Politisches Agieren ist Ihnen beiden wichtig, wie politisch schätzen Sie Ihre Arbeit „ghostdance“ ein?

Andreas Spechtl: „ghostdance“ ist politisch, da es eine festgesetzte, festgezurrte, in Stein gemeißelte Gegenwart, unseren Status quo, einfach einmal negiert. Wir sehen dieses Projekt nicht als fixiertes Bühnenstück, es ist irgendetwas zwischen Performance, Stück und Soundinstallation. Ich würde es als ein „Werkzeug“ bezeichnen, eine Herangehensweise an ein gewisses Thema. Im mumok wird es inhaltlich wenig zu tun haben mit dem, was wir das allererste Mal in Basel gemacht haben. In Basel wurden wir angefragt, zum Jahrestag der Russischen Revolution etwas zu entwickeln. So haben wir begonnen, nach den nicht eingelösten Versprechungen, den „Gespenstern der Russischen Revolution“ zu forschen, um zu sehen, was da noch rumliegt.

Thomas Köck: Wir haben das Stück bisher in der Schweiz und in Deutschland gezeigt. Das Politische ist in dem Moment anwesend, wo man sich mit der Vergangenheit beschäftigt und diese zur Diskussion stellt und veräußert. Vergangenheit besteht nicht nur aus akzeptierten oder tradierten, sondern auch aus abweichenden, nicht eingelösten Geschichten.

„Es hat ein Inseldenken in Bezug auf die Gegenwart begonnen.“

Das heißt Sie arbeiten bei „ghostdance“ ortskonkret, aktualisieren die Soundinstallation für jeden neuen Ort? Wie wird die Collagen-Arbeit aufgeteilt?

Andreas Spechtl: Ich kann es ja auch einmal kurz technisch beschreiben: Es gibt einen Kreis von Soundquellen. Aus mehreren Lautsprechern kommen unterschiedliche Sound- und Sprachsamples. Dieser Kreis aus Lautsprechern entwirft ein anderes Bild zur klassischen linearen Geschichtsschreibung, repräsentiert durch zwei Stereoboxen. Er erzeugt ein anderes Verständnis von Zeitlichkeit, einen burst of information. Wir werden mit unserer Materialsammlung auf Situationen und Personen vor Ort live reagieren. Oft werden wir dabei von der Technik überrascht …

Thomas Köck: … es entstehen Feedbacks, die interessante Layer erzeugen. Unsere verschiedenen Quellen treffen aufeinander. In dem Moment, wo du collagierst, decollagierst du ja auch. So geht es mir zumindest, wenn man dieses Sediment als Bild hernimmt. Ab dem Moment, wo du ein bestimmtes Sediment kreierst, weist du ja immer auch darauf hin, dass tradierter Sound oft aus Collagen besteht, quasi auch konstruiert ist. Wir haben das meist nur vergessen, dass es einmal konstruiert wurde. Wir beschäftigen uns mit Spuren, die sich auch manchmal der Präsenz entziehen oder ihr entzogen werden. Es gibt ja heute diesen Gegenwartsdrang. Nehmen wir als Beispiel den Begriff contemporary art. Der hat ja quasi kein Prädikat außer diesem contemporary. Aber was heißt das eigentlich? Wie fasst man diesen Begriff „Gegenwart“ ein? Der Begriff „Hauntology“ tauchte als Gegenbegriff zu diesem proklamierten Ende der Geschichte auf, zu dieser verdichteten Gegenwart, die in den 1990er-Jahren ganz wichtig wird. Dieser Präsenzwahnsinn der westlichen Gesellschaft führte dazu, dass man die Zeit, in der man sich befindet, nicht mehr mit einem utopischen Entwurf kritisiert oder mit einem Vergangenheitsentwurf zu dekonstruieren versucht. Es scheint nun so, als gäbe es eine endlose Gegenwart, die kein Zeitverständnis mehr kennt. Daher gilt es, einen neuen Zeitbegriff einzuführen, damit wieder andere Zukünfte möglich sein können. Das verbirgt sich unter anderem auch hinter „ghostdance“.

Andreas Spechtl: So Anfang der 1990er-Jahre ist das passiert: Es hat ein Inseldenken in Bezug auf die Gegenwart begonnen. Die Gegenwart schwimmt wie eine selbstgenügsame Insel, abgekappt von Vergangenheit und Zukunft. Wir versuchen das mit „ghostdance“ wieder zusammenzuknoten, eine lebenswerte Übergangszone zu kreieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

Andreas Spechtl live
13. Juli 2018: mumok, Wien
16. Juli 2018: mumok, Wien
29. Juli 2018: Popfest, Wien

Links:
imPuls Tanz Performances: ghostdance
Andreas Spechtl