Murat Üstün (c) Silvia Thurner
Murat Üstün (c) Silvia Thurner

Eine neue Kindermärchenoper und ein neues Türkisches Deutschlandlied. MURAT ÜSTÜN vereint viele künstlerische Welten

Murat Üstün hat mit seinen Musiktheatern schon viele kleine und große Menschen unterhalten und begeistert. Unter anderem für das Ensemble Die Schurken hat er die Musik zu den weithin erfolgreichen Produktionen „Räuber Potz Blitz“, „Kommisarin Flunke“ sowie „Es rieselt, es knistert, es kracht“ komponiert. Nun vertonte der in Klaus lebende Komponist und Pädagoge im Auftrag des Landeskonservatoriums Vorarlberg die Kindermärchenoper „In der Schule des Riesen“ nach einem Text von Jürgen-Thomas Ernst. Studierende der Klasse von Dora Kutschi verkörpern die handelnden Personen im Plot rund um das Geschwisterpaar Paula und Paul.

Die Kinder wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land auf. Beide haben eine Vision: Sie wollen Lehrerin und Tierarzt werden. Um eine Schule zu besuchen, machen sie sich zu Fuß auf den Weg nach Feldkirch in die „Schule des Riesen“. Auf dem langen Weg verirren sie sich. Eine Fee tröstet die verängstigten Kinder und ein Bösewicht will sie verführen. Schließlich gelangen die beiden über den Hochwasser treibenden Fluss und melden sich im Pförtnerhaus an. Weil nur Jungen für den Schulbesuch zugelassen werden, ist Paula als Bub verkleidet. Verspottet von den Mitschülern, plagt die Kinder das Heimweh. Schließlich findet die Geschichte ein Happyend und Paula und Paul kehren glücklich in ihr Dorf zurück.

Wer die Örtlichkeiten kennt, ahnt, dass mit der „Schule des Riesen“ die ehemalige Lateinschule in der Stella Matutina in Feldkirch gemeint ist. Und genau darauf nimmt die Kindermärchenoper auch im Hinblick auf das Stadtjubiläum „Feldkirch 800“ Bezug. In seinem Text hat Jürgen-Thomas Ernst auch Anleihen aus dem Grimm-Märchen „Hänsel und Gretel“ genommen. Aus der Hexe ist ein Bösewicht geworden.

Song, Rap und Ballade

Bevor Murat Üstün an die Vertonung einer Geschichte geht, setzt er sich hin und überlegt, was er sich erwarten würde, wenn er dieses Stück als Zuschauer erleben würde. „Ich habe das Werk rollenspezifisch angelegt“, erklärt der Komponist. „Dabei habe ich mir vorgestellt, was diese Handlung für eine Musik benötigt. Ich stelle mir vorher immer die Frage, welche Erwartungen ich als Zuhörer hätte, so ging ich auch diesmal an die Sache heran.“

In seiner Vorstellungskraft und Fantasie ließ Murat Üstün sodann die Geschichte in musikalischen Bildern entstehen. Mit seiner Erfahrung und einem guten Gespür für Proportionen entwickelte er einen ereignisreichen musikdramatischen Bogen. Die einzelnen Stationen der Geschichte sind mit unterschiedlichen musikalischen Stilmitteln vertont. So erklingen eine Ballade und ein Song ebenso wie ein Rap und eine Koloraturarie. Ganz genau hat der Komponist jede einzelne Partie auf die mitwirkenden Sängerinnen und Sängern zugeschnitten.

Die beiden Hauptrollen von Paula und Paul sind durch spezifische Motive musikalisch charakterisiert. Den dramatischen Höhepunkt findet das etwa einstündige Werk bei der Überquerung des wilden Flusses, der Ill. In einer Badewanne müssen Paula und Paul den tosen Wasserfluten trotzen. Besonders diese Passage ist in einem modernen Klanggewand komponiert, allerdings verzichtete Murat Üstün auf Spezialeffekte. Der Klavierpart ist begleitend und illustrativ gestaltet, präpariert ist das Instrument allerdings nicht.

Unpolitische Lieder

Anfang des Jahres hat Murat Üstün in Deutschland mit neuen Chorliedern viel Anerkennung gefunden. Anlässlich des 140. Geburtstages von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1878-1874) erhielt er einen reizvollen Kompositionsauftrag. Kinderlieder wie „Alle Vögel sind schon da“ oder „Winter ade“ und viele andere sind allseits bekannt. Dass diese von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben stammen, wissen jedoch die Wenigsten. Die mehr als achtzig vertonten Kinderlieder hinterließ der Literat als Dankeschön für die Gastfreundschaft, die ihm auf seinen vielen Reisen, die er meistens zu Fuß zurücklegte, in Privatquartieren entgegen gebracht wurde.

In der Auseinandersetzung mit dem Dichter Hoffmann von Fallersleben erkannte Murat Üstün sehr bald das politische Potential der Texte. Insbesondere die im Jahr 1840 publizierten „Unpolitischen Lieder“ bargen eine große gesellschaftspolitische Sprengkraft, denn darin prangerte Fallersleben die politischen Machtverhältnisse, staatliche Unterdrückung und Zensur an. „Fallersleben war ein so mutiger Typ, seine Persönlichkeit hat mich total begeistert“, schwärmt Murat Üstün.

Für das Vokalensemble ARTonal komponierte Murat Üstün unter anderem das A-cappella-Lied „Ein Lied aus meiner Zeit“. Zudem komponierte er die Deutschlandhymne unter dem Titel „Gott erhalte Franz den Kaiser? – Der ewige Demagog – Knüppel aus dem Sack!“ weiter und verfasste ein sehr aktuelles „Türkisches Deutschland Lied“. Die Intentionen dafür lieferte ihm das politische Tagesgeschehen. In das Türkische Deutschlandlied hat Murat Üstün die Frage einbezogen: „Ayşe, Fatma, Hasan, warum seid ihr nicht mehr da?“ Zuerst hätten die Ensemblemitglieder diese Textpassage nicht verstanden, erzählt Murat Üstün. Damit wolle er sagen, dass viele türkische Menschen zwar hier leben, aber eigentlich doch nicht da seien. „Nachdem ich dies gesagt habe, haben sie meine Überlegungen verstanden.“

Die Uraufführung in der voll besetzten Michaelis Kirche von Wolfsburg war ein großer Erfolg.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Mai 2018 erschienen.

Links:
Murat Üstün (Musikdokumentationsstelle Vorarlberg)
Murat Üstün (music austria Datenbank)