Das Festival „Texte und Töne“ bringt am 7. November 2026 in Vorarlberg Musik, Literatur und Menschen zusammen.
Die Verbindung von Musik und Literatur in vielfältigen Formen steht im Zentrum des Festivals Texte und Töne im ORF Landesstudio in Dornbirn. Für die Programmgestaltung zeichnen Guy Speyers, Leiter des Ensemble Plus, das Literaturhaus Vorarlberg, das Symphonieorchester Vorarlberg sowie das ORF Landesstudio verantwortlich. Fünf Kurzkonzerte und drei Lesungen gliedern das Programm vom Nachmittag bis in die Nacht. Ein lockeres Kommen und Gehen, Interviews mit anwesenden Komponist:innen und Literat:innen sowie (Pausen-)Gespräche an der Theke und im Foyer machen Texte und Töne zu einem sympathischen Begegnungsort für Kunstbegeisterte.
Es ist eine liebgewonnene Tradition, dass der Bratschist Guy Speyers das Fest für die aktuelle Musik und Literatur mit einem Solowerk eröffnet. Die Idee für das diesjährige Eröffnungsstück hatte der Kurator des Texte & Töne Festivals schon lange. Er kennt den südafrikanischen Autor und Lyriker Ian S. Thomas, der gemeinsam mit dem Fotografen Jon Ellis ein erfolgreiches Online-Projekt betreibt. Überzeugt davon, dass Thomas‘ Lyrik hervorragend zur Musik von Marcus Nigsch passt, vergab er einen Kompositionsauftrag, bei dem Musik, Texte und Fotografie einander künstlerisch begegnen sollen. Marcus Nigsch komponierte das Werk „I wrote this for you“, als „Cadenza“ für Viola und Elektronik.

Alte und neue Musik treffen aufeinander
Danach musiziert das Ensemble Plus im Trio und in großer Ensemblebesetzung unter Leitung von Thomas Gertner. Eine ebenso spannende Zusammenführung von Sprache und Musik gelingt der steirischen Komponistin und Fagottistin Maria Gstättner. In ihren Werken verbindet sie einerseits alte und neue Musik sowie andererseits barocke und moderne Instrumente. Ihrem neuesten Werk „Schattenbruch: Lisa #1“ legt Maria Gstättner fünf Gedichte von Elfriede Jelinek als Ausgangspunkt für eine eigenständige musikalische Annäherung zugrunde. Das Fagott nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Die Solistin Heidrun Wirth-Metzler bringt das Barockfagott, das klassische Fagott und das moderne Fagott zum Klingen. Alte und neue Instrumente sind unterschiedlich gestimmt, doch „anstatt diesen Unterschied technisch zu kaschieren, wird er selbst zum kompositorischen Material“, kündigt die Komponistin an. „In einem freien Improvisationsteil begegnen sich die verschiedenen Stimmungen und nähern sich an.“
Im Auftrag des Ensemble Plus hat Richard Dünser das Streichtrio „Hymne an die Nacht“ komponiert. Das Werk basiert, in Anlehnung an das Violinsolostück „…aus blauen Fernen“, auf Texten von Novalis, Nikolaus Lenau sowie japanischen Haikus. Literarische Metaphern werden in musikalische übertragen.
Kubricks „Clockwork Orange“ musikalisch neu gedacht
Eine außergewöhnliche Verbindung zwischen Film und Musik schufen die italienischen Komponisten Zeno Baldi und Lorenzo Romano im Jahr 2019 im Auftrag des Schallfeld Ensembles. Sie entwickelten eigene musikalische Adaptionen von Szenen aus Stanley Kubricks legendärem Film „A Clockwork Orange“. In einer dieser Szenen wird Alex, die Hauptfigur des Films, der sogenannten ‚Ludovico-Behandlung‘ unterzogen. Bei dieser Aversionstherapie wurde er darauf konditioniert, beim Anschauen von Gewaltfilmen körperliche Übelkeit zu empfinden. Allerdings ist davon auch Beethovens Musik betroffen. Zeno Baldi verbindet einen Remix der Vergewaltigungsszene aus dem Film mit Fragmenten aus Rossinis Ouvertüre „Die diebische Elster“. Der Kontrast zwischen der Brutalität der Szene und der scheinbaren Leichtigkeit der Musik verstärkt die verstörend-groteske Wirkung.
Im „Hauptabendprogramm“ präsentiert das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Paul-Boris Kertsman eine Uraufführung von Martin Ritter sowie zwei Vorarlberger Erstaufführungen von Magnus Lindberg und Unsuk Chin.
(T)räume mit Ankerpunkten
Eine Carte Blanche für den Abschluss von Texte und Töne erhielt in diesem Jahr Oliver Biedermann. Der Trompeter und Schüler von Herbert Walser bewegt sich in seinem Werk „Temporarily closed“ durch unterschiedliche musikalische Räume innerhalb eines Traumes. Der Werktitel steht für den Wandel und dafür, „dass immer wieder Neues entstehen kann, auch wenn das, was davor da war, einem neuen Zustand weichen muss“, beschreibt Oliver Biedermann seine Intentionen. „‚Temporarily closed‘ bedeutet deshalb für mich nicht, dass etwas endgültig vorbei ist. Etwas ist momentan geschlossen, aber dahinter kann trotzdem Veränderung stattfinden.“
Im vergangenen Jahr präsentierte Martin Theodor Gut das von ihm entwickelte Instrument, das Elektroscheit. Im Auftrag des Ensemble Plus entwickelte er nun den spezifischen Klang seines Instruments weiter und schuf das Werk „Diamont Guitar“.
Unmögliche Gegensätze und ein Trauergesang
Ergänzt wird das reichhaltige Programm durch das Ensemblestück von Peter Herbert. Der Werktitel „Quiet Riot“ bedeutet „Stiller Aufstand“ und beschreibt einen scheinbaren Widerspruch. Doch genau solche Gegensätze lotet Peter Herbert öfter in seinen Werken aus. „Der Titel spricht eigentlich für sich“, erklärt der Komponist. „Ein stiller Aufstand beginnt mit leisen Sounds, vielen ‚Extended Techniques‘ in den Streichern, und mit jedem weiteren Teil des Stücks wird’s konkreter und dichter vor der wieder stillen Coda.“ Petra Stump-Linshalm komponierte mit „Oración Fúnebre“ ein Totengebet für die Namenlosen. Sie widmet das Werk den „unzähligen namenlosen Opfern, die weltweit täglich auf der Flucht oder im Krieg ihr Leben verlieren.“ Musikalisch greift die Komponistin die klangliche Atmosphäre von Claude Debussys Werk „Pour un tombeau sans nom“ auf.
Lesungen und Graphic Novel zum Hören
Zwischen den musikalischen Darbietungen finden drei Lesungen statt, die Frauke Kühn vom Literaturhaus Vorarlberg und Annette Raschner vom ORF kuratiert haben. Es sind drei sehr unterschiedliche „literarische Zugänge zu Veränderung, Widerstand und der Frage, was wir bewahren wollen“, beschreibt Frauke Kühn auf der Website des Literaturhauses Vorarlberg die Werkauswahl.
Dominik Wendland schuf die Graphic Novel „Immer alles anders“ und wurde dafür im vergangenen Jahr mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. Darin verändert die Hauptfigur ständig ihre Gestaltung und ihr Verhalten, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Das Besondere an dieser Lesung besteht darin, dass der Sprecher Florian Eib die Graphic Novel in Form einer akustischen Bildbeschreibung veranschaulicht. Ergänzt wird das literarische Programm durch eine Lesung mit der aus Bregenz stammenden Autorin Christina Walker. Ihr Roman „Die Verteidigung eines Gartens“ ist im September 2026 im Residenz-Verlag erschienen. Überdies liest die deutsche Autorin Ulrike Draesner aus ihrem beim mareverlag neu erschienenen Buch „Radio Silence“.
Kompositionsauftrag des Landes Vorarlberg
Von 1998 bis 2012 vergab das Land im Zweijahresrhythmus zunächst Kompositionsstipendien, um Vorarlberger Komponierende zu unterstützen. Seit 2014 wurde die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung als Kompositionspreis vergeben. Im vergangenen Jahr konzipierte die Kulturabteilung des Landes den Preis neu und schrieb einen Kompositionsauftrag aus. Eine Jury entscheidet, welches der eingereichten Projekte realisiert wird. Wer den Auftrag erhält, wird im Rahmen von Texte & Töne bekannt gegeben. Im kommenden Jahr wird das Ensemble Plus das neu entstehende Werk für große Ensemblebesetzung zur Uraufführung bringen.
Silvia Thurner
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im November 2026 erschienen.
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Termin:
Samstag, 7. November 2026, Texte & Töne, ORF Landesstudio Vorarlberg, ab 15 Uhr
15:00 – 16:00 Uhr, Ensemble Plus
Werke von Marcus Nigsch (UA), Petra Stump-Linshalm und Richard Dünser (UA)
Lesung: Ulrike Draesner
17:00 – 18:00 Uhr, Ensemble Plus
Werke von Martin T. Gut (UA) und Peter Herbert;
Lesung Dominik Wendland und Florian Eib
18:30 – 19:30 Uhr, Ensemble Plus
Werke von Maria Gstättner (UA), Zeno Baldi und Lorenzo Romano;
Lesung: Christina Walker
20:00 Uhr – 21:00 Uhr, Symphonieorchester Vorarlberg,
Werke von Magnus Lindberg, Unsuk Chin und Martin Ritter (UA)
21:30 Uhr, Ensemble Plus
Oliver Biedermann, (UA)
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Link:
Ensemble Plus: Texte und Töne
Literaturhaus Vorarlberg: Texte und Töne