Follow the Money! Musik als Spekulationsgut – Teil 5: Die Sekurisation von Musikrechten

Private-Equity-Projekte, bei denen Musikkataloge für Millionenbeträge aufgekauft werden, könnten nur eine Übergangsphase zu einer neuen Entwicklung sein, in der Musik zu einem Spekulationsgut wird. Das Schlagwort lautet „Sekurisation“ bzw. „Verbriefung“ von intellektuellem Eigentum. Das bedeutet, dass Finanzriesen neue Finanzprodukte entwickeln, die auf Musikrechten und den damit verbundenen Einnahmequellen basieren. In der Fachsprache werden diese als Asset-Backed Securities (ABS) bezeichnet, die während der Finanz- und Wirtschaftskrise einen zweifelhaften Ruhm erlangten. In diesem Fall werden jedoch nicht Immobilienkredite, sondern Musikrechte verbrieft. Der fünfte und letzte Teil der Blogreihe befasst sich näher mit der Funktionsweise der Sekurisation und mit den Vor- und Nachteilen dieser Entwicklung.

Das Revival der „Bowie-Bonds“

Im Dezember 2021 gab Northleaf Capital Partners Asset-Backed Securities (ABS) im Wert von US $303,8 Millionen zur Zeichnung durch Anleger aus. Diese Wertpapiere werden durch eine Mischung aus Musikverlagsrechten und Masterrechten an 52.729 Musiktiteln aus dem Katalog der Spirit Music Group besichert, darunter die Verlagsrechte an Songs von Pete Townshend von The Who und der Masterkatalog des Country-Stars Tim McGraw,1 die beide von der Spirit Music Group gekauft worden waren, bevor Northleaf 2020 in das Unternehmen investiert hat.2 Dies hob die Investitionen in Musikrechte auf ein neues Niveau, da Musikrechte damit zu einem Spekulationsgut wurden, die wie andere Wertpapiere gehandelt werden können. Dieses Konzept erinnert an die „Bowie-Bonds“, die der britische Superstar David Bowie 1997 auf den US-Aktienmarkt brachte. Diese Anleihen bündelten die Rechte an seinen Songs und garantierten den Anlegern zehn Jahre lang eine feste Verzinsung von 7,9 Prozent. Obwohl die Anleger ihr Kapital zuzüglich Zinsen am Ende der Laufzeit zurückerhielten, führten die Rezession in der Musikindustrie, die um das Jahr 2000 einsetzte, dazu, dass die Ratingagenturen die Bowie-Bonds von einem anfänglichen AAA-Rating auf Baa3 herabstuften, knapp über dem Ramsch-Niveau.3 Die darauffolgende globale Finanzkrise setzte diesem und ähnlichen Vorhaben schließlich ein Ende.

Ein neuer Boom der Sekurisation von Musikrechten

Jahrzehnte später erscheint Bowies avantgardistisches Finanz-Experiment in einem neuen Licht, da die Zeit reif scheint für neue Finanzprodukte, die Musikrechte für Investoren bündeln. Nach Northleaf kündigte KKR im Februar 2022 die Verbriefung eines umfangreichen Musikrechteportfolios an, das von seinem Joint Venture Chord Music gemeinsam mit der Private-Equity-Firma Dundee Partners erworben wurde. KKR Credit Advisors beabsichtigte, ABS im Wert von mehr als US $732 Millionen zu verkaufen, die durch Verlags- und Tonträgerrechte aus einem Katalog von 65.000 Songs, darunter Hits von The Weeknd, Childish Gambino und Stevie Nicks, besichert sind.4

Ein Vorläufer dieses Verbriefungsbooms war jedoch die US-amerikanische Musikverwertungsgesellschaft SESAC, die 2017 von Blackstone übernommen wurde. Im August 2019 verkaufte SESAC Anleihen im Wert von US $560 Millionen, die durch Lizenzvereinbarungen und Musiklizenzentgelten abgesichert waren. Im Vergleich zu den späteren ABS-Transaktionen verkaufte die SESAC klassische Unternehmensanleihen mit einer Rendite von 5,25 Prozent und einer gewichteten durchschnittlichen Laufzeit von 6,7 Jahren. Kroll Bond Rating stufte diese Anleihen mit BBB minus ein.5 Drei Jahre später, im Juli 2022, gab die SESAC erneut Unternehmensanleihen im Wert von US $335 Millionen aus, um die Übernahme von Audio Network zu finanzieren, das SESAC im Jahr 2021 erworben hatte.6 Diese Anleihen funktionieren wie Kredite, die jedoch nicht von einer Bank, sondern von einer Gruppe von Investoren vergeben werden. Die Investoren erwarten nach einem festgelegten Zeitraum die Rückzahlung ihrer Investitionen zuzüglich Zinsen, wenn die zugrunde liegende Anlage die erforderlichen Erträge erzielt hat.

Die ABS-Transaktionen mit Musikrechten schufen neue Finanzprodukte, die auf einem spezialisierten Markt gehandelt werden können. Dies war das Ziel des Hipgnosis Songs Capital-Fonds von Blackstone, als er ABS im Wert von US $221,65 Millionen, besichert mit 950 Songs aus seinem Musikkatalog, auflegte, darunter Hits von Leonard Cohen, Justin Timberlake und Nelly Furtado.7

Abbildung 1: Der Prozess der Sekurisation von Musikrechte-Katalogen, 2019-2025

Im Dezember 2022 gab Apollo Asset Management Capital Solution in Zusammenarbeit mit JP Morgan Asset-Backed Securities im Wert von US $1,8 Milliarden aus. Die ABS von Apollo sind durch mehr als 1 Million Copyrights aus den Musikkatalogen von Concord besichert, darunter Songs von Phil Collins, Creedence Clearwater Revival, Daft Punk, Miles Davis, Genesis, Imagine Dragons, James Taylor, Nine Inch Nails, Pink Floyd, Cyndi Lauper, Little Richard, Otis Redding, R.E.M. und vielen anderen Superstars.8 Im Februar 2024 wurde bekannt gegeben, dass ATLAS SP Partners zusammen mit Truist Securities den Verkauf von Musik-ABS im Wert von US $266,5 Millionen plante, die auf etwa 5.000 Songs von 66 Songwritern aus dem Katalog von Kobalt Music Publishing basieren.9 Einen Monat später gelang es HarbourView, die Private-Equity-Gesellschaft KKR davon zu überzeugen, ABS im Wert von US $500 Millionen zu emittieren, die durch die Lizenzentgelte aus der Verwertung des erworbenen Rechteportfolios besichert sind.10 Im November 2024 schloss Blackstone eine ABS-Transaktion im Wert von US $1,47 Milliarden für Musikrechte ab, die durch das 45.000 Songs umfassende Portfolio des Hipgnosis Songs Fund abgesichert ist, den Blackstone im Juli 2024 um US $1,58 Milliarden erworben hatte. Der Erlös aus der sogenannten Lyra 24-2 ABS-Transaktion wurde hauptsächlich zur Rückzahlung von Schulden und zur Finanzierung künftiger Akquisitionen von Musikkatalogen verwendet.11

Seit 2019 wurden insgesamt rund US $6,2 Milliarden an musikbezogenen Anleihen und forderungsbesicherten Wertpapieren (ABS) emittiert, hauptsächlich von den großen Private-Equity-Unternehmen Apollo, Blackstone, KKR und Northleaf. Die Verbriefung von Musikkatalogen ist sowohl eine Monetarisierung von Musikrechten als auch eine Form von Ausstiegsstrategie aus Private-Equity-Projekten.

Die Funktionsweise des Sekurisationsbusiness: Vorteile & Nachteile

2022 wurde im Vorverkaufsbericht der Kroll Bond Rating Agency (KBRA) für Hipgnosis Music Assets (MUSIC 2022-1) die Funktionsweise des ABS-Business erläutert. Die MUSIC 2022-1 ABS wurden von Hipgnosis Music Assets 2022-1 L.P. mit einem Wert von US $221,65 Millionen begeben und durch Tantiemenströme aus dem 950 Songs umfassenden Musikverlags- und Masterrechtskatalog, darunter sehr erfolgreiche SongwriterInnen und KünstlerInnen wie Justin Timberlake, Nelly Furdato und Leonard Cohen, besichert. Dieser Musikkatalog wurde von den drei großen Musikkonzernen Universal, Sony und Warner sowie sieben weiteren Musikrechteverwaltern verwaltet. Der Katalog mit 950 Songs wurde mit einem Abschlag von 7 Prozent auf einen Wert von US $341 Millionen bewertet. Die Anleihen werden halbjährlich verzinst und vor dem erwarteten Rückzahlungstermin im Mai 2027 sind keine Tilgungszahlungen vorgesehen. Die Ratingagentur hat für die MUSIC 2022-1-Anleihen ein Rating von A- vorgeschlagen, was auf ein geringes Risikoprofil hindeutet.12

Der Vorverkaufsbericht enthält auch eine Analyse der Tantiemenstruktur des Musikkatalogs. Fast zwei Drittel des Gesamtjahresumsatzes von US $13,4 Millionen (vorangegangene 12 Monate bis zum ersten Quartal 2022) stammten aus der Lizenzierung von Verlagsrechten, ein Drittel aus Tonträgerrechten. Die Umsatzzahlen zeigen jedoch, dass nur wenige Songs wertvoll sind. So erzielte beispielsweise „Hallelujah“, geschrieben von Leonard Cohen und von ihm selbst sowie neun weiteren Künstlern interpretiert, mit 12,8 Prozent oder US $1,71 Millionen den mit Abstand höchsten Jahresumsatz. Insgesamt entfielen fast 40 Prozent aller Lizenzentgelte auf die zehn meistverkauften Songs. Diese ungleiche Verteilung der Tantiemenströme zeigt sich auch bei den KünstlerInnen. Die zehn meistverkauften KünstlerInnen des Katalogs erzielen 78 Prozent der Gesamteinnahmen. Eine Analyse nach Alter der Songs ergab, dass altes Repertoire, definiert als Songs, die vor 30 Jahren oder länger veröffentlicht wurden, einen Umsatz von US $4,6 Millionen pro Jahr oder 35 Prozent des Gesamtumsatzes erzielte. Weitere 34 Prozent des Umsatzes wurden mit Songs erzielt, die 10 bis 20 Jahre alt waren, und weitere 8 Prozent stammten von Songs, die zwischen 20 und 30 Jahre alt waren. Insgesamt erzielten Songs, die älter als 10 Jahre waren, einen Umsatz von US $10,2 Millionen, was einem Anteil von 77 Prozent am Umsatz entspricht. Im Umkehrschluss bedeutete das, dass nur 23 Prozent der jährlichen Katalogumsätze aus einem Repertoire stammten, das weniger als 10 Jahre alt war.13

Im Vergleich zu anderen ABS-Transaktionen ist die Konzentration der Einnahmen aus den Top-10-Songs im Hipgnosis MUSIC 2022-1-ABS mit fast 40 Prozent jedoch am höchsten. Im Vergleich dazu erzielten die Top-10-Songs aus dem 65.000 Songs umfassenden Chord Music-Katalog, auf dem die KKR-ABS basieren, 10,7 Prozent der Jahresumsätze, während die Top-10-Songs aus dem 52.729 Songs umfassenden Spirit Music-Katalog, auf dem die Northleaf-ABS basieren, 15,9 Prozent der gesamten Jahresumsätze erzielten. Diese starke Konzentration der Einnahmen der Hipgnosis-ABS führte wahrscheinlich zur Bewertung „A-“ durch die KBRA, während die KKR– und Northleaf-ABS jeweils mit „A“ bewertet wurden.14

Der KBRA-Bericht hebt sowohl die Vorteile der Verbriefung von Musikkatalogen als auch deren Nachteile hervor. ABS-Transaktionen ermöglichen die Monetarisierung von Musikkatalogen, wodurch diese an Wert gewinnen. Durch die Verbriefung entstehen außerdem neue Finanzprodukte, die auf einem Markt gehandelt werden können, wodurch Musikrechte einen wirtschaftlichen Wert erhalten, der sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Der KBRA-Bericht verweist aber auch auf Nachteile: Der Wert der neuen Finanzprodukte hängt von einigen wenigen populären Songs ab. Sollten diese Songs aus irgendeinem Grund an Popularität verlieren, würde dies den Wert der damit verbundenen Musikobligationen beeinträchtigen. Wenn darüber hinaus weitere Unterhaltungsrechte oder andere Ansprüche auf künftige Erträge (z. B. aus gewonnenen Gerichtsverfahren) mit den Musikrechten in den ABS gebündelt sind, könnten intransparente Finanzprodukte entstehen, die nur Spekulationszwecken dienen. In diesem Fall könnten sich Verluste in anderen Bereichen auch negativ auf den Wert der Musikrechte auswirken.

Alles in allem scheinen aber die Vorteile der Sekurisation die Nachteile zu überwiegen, weil der ABS-Boom anzuhalten scheint und neue Finanzprodukte auf in nächster Zeit auf den Markt gebracht werden. Ob das auch für die Musik und die KünstlerInnen von Vorteil sein wird, bleibt noch abzuwarten.

Peter Tschmuck

Dieser Artikel erschien erstmal am 28. Juli 2025 auf der Seite https://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2025/07/28/follow-the-money-musik-als-spekulationsgut-teil-5-die-sekurisation-von-musikrechten/#_ftnref5

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Peter Tschmuck ist Professor am Institut für Popularmusik (ipop) der mdw.

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Follow the Money! Musik als Spekulationsgut – Teil 1: Ein kurzer historischer Abriss
Follow the Money! Musik als Spekulationsgut – Teil 2: Die Rolle der Finanzkonzerne
Follow the Money! Musik als Spekulationsgut – Teil 3: Shamrock Capital Advisors
Follow the Money! Musik als Spekulationsgut – Teil 4: Das Geschäftsmodell von Private-Equity-Firmen

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Endnoten

  1. Music Business Worldwide, „‚Bowie bonds‘ are back: Northleaf uses Spirit Music Group assets to raise $303.8m offering“, 20. Dezember 2021, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  2. Music Business Worldwide, „Spirit Music Group acquires master recordings of Tim McGraw originally released by Big Machine“, 9. September 2020, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  3. Music Business Worldwide, „The name’s bonds. Music bonds.“, 19. Oktober 2021, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  4. Music Business Worldwide, „KKR bought a music catalog from Kobalt for $1.1bn. Now it’s turning it into bonds“, 7. Februar 2022, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  5. Reuters, „SESAC sells $560 million in bonds backed by music royalties“, 2. August 2019, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  6. Bloomberg, „Adele License Fees to Help Fund $335 Million of Bonds“, 1. Juli 2022, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  7. Music Business Worldwide, „Music’s bond adventure continues, as SESAC and Hipgnosis both launch nine-figure offerings“, 10. August 2022, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  8. Music Business Worldwide, „Concord prices $1.8bn bond offering backed by over 1m music copyrights“, 8. Dezember 2022, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  9. Billboard, „Kobalt Raising $267M From Security Backed by Song Catalog Including YoungBoy & More“, 19. März 2024, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  10. Music Business Worldwide, „HarbourView raises $500m in debt financing led by KKR“, 13. März 2024, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  11. Music Business Worldwide, „Blackstone’s Hipgnosis closes $1.47bn asset-backed securities transaction“, 11. November 2024, Zugriff am 15.07.2025. ↩︎
  12. Kroll Bond Rating Agency, 2022, Hipgnosis Music Assets 2022-1 L.P., ABS Pre-Sales Report, 2. August 2022. ↩︎
  13. Ibid., S. 7. ↩︎
  14. Ibid., S. 9. ↩︎