„ES IST VOR ALLEM DIE SCHÖNHEIT IM SCHWIERIGEN, DIE MICH FASZINIERT“ – SOPHIE ABRAHAM IM MICA-INTERVIEW

Mit ihrem neuen Album „The beauty in between“ eröffnet SOPHIE ABRAHAM ein facettenreiches musikalisches neues Kapitel, das Intimität und klangliche Offenheit miteinander verbindet. Die Cellistin und Komponistin bewegt sich dabei souverän zwischen Klassik, Jazz und improvisierter Musik und schafft einen ganz eigenen Sound. Im Mittelpunkt der neun Stücke des Albums stehen die Schönheit der Zwischentöne, das Innehalten und die Kraft musikalischer Begegnungen. Die Stücke laden dazu ein, sich auf feine Nuancen und emotionale Tiefe einzulassen. Im MICA-Interview erzählt SOPHIE ABRAHAM von der Entstehung des Albums, was sie zu neuen Kompositionen inspiriert  und wie sie den Spagat zwischen Musik und Familienleben schafft.

Dein erstes Soloalbum „Brothers“ aus 2021 war sehr erfolgreich und wurde mit einige Preisen ausgezeichnet . Wie ist dein neues Werk entstanden?

Sophie Abraham: Im Zuge der Live-Auftritte mit „Brothers“ habe ich schon an neuen Kompositionen gearbeitet und einige davon auch schon live gespielt. Mir war klar, dass ich die neuen Stücke einmal aufnehmen und auch in den Mittelpunkt eines Albums stellen möchte.  „Brothers“ hatte ein sehr konkretes Thema, es ist ein musikalisches Denkmal für meine zwei verstorbenen Brüder, die 1993 in einer Lawine umgekommen sind.

Was ist das Thema deines neuen Albums The beauty in between“?

Sophie Abraham: Die neue LP ist sehr viel sphärischer, vager, weil es nicht um eine Person oder zwei Personen geht, sondern um einen Zwischenraum. Dieser Zwischenraum, da gibt es viele verschiedene Ebenen und Perspektiven, ob das jetzt z.B. der Zwischenraum zwischen den Geschlechtern ist oder der Zwischenraum, der sich auftut, nachdem wer verstorben oder wenn man eine Beziehung beendet. Aber genau diese Zwischenräume bieten auch so viele Möglichkeiten, wenn sich darauf einlässt.

Für dich ist das Thema Zwischenräume nicht nur etwas Privates, sondern auch ein wichtiges gesellschaftspolitisches Statement. Wie ist das zu verstehen?

Sophie Abraham: Ich glaube, wenn die Politik sehr stark sagt, so gehört es und so gehört es nicht, dem glaube ich nicht. Diese Art Politik ist für populistische Parteien.

„VIELE DINGE BZW. THEMEN HABEN NICHT NUR EINE ODER ZWEI SONDERN MEHRERE SEITEN.“

Es gibt in der Gesellschaft momentan den Trend, der sich durch die sozialen Medien noch verstärkt, dass es bei vielen Themen in punkto Meinung fast nur noch Schwarz-Weiß gibt bzw.  dass die Zwischenräume immer weniger werden. Siehst du das auch so?

Sophie Abraham: Ja. Ich denke, es ist einfach, etwas deutlich zu sagen und sich dann zu denken: okay dann passt das so und dann glaube ich dem und das Thema ist somit erledigt. Aber wie wir alle wissen, ist das Leben halt nicht so einfach. Da ist es oft auch nicht mit einer Antwort getan, sondern das Ganze ist vielschichtiger. Wenn wir da nur eine Antwort erlauben, wird das immer zu Konflikten führen. Viele Dinge bzw. Themen haben nicht nur eine oder zwei, sondern mehrere Seiten. In der letzten Zeit wird in der Gesellschaft oder den Medien manches oft verkürzt dargestellt, so dass diese anderen Seiten gar nicht mehr zum Tragen kommen. Wir leben natürlich auch im Zeitalter der Schnelllebigkeit der sozialen Medien, wo in den ersten drei Sekunden irgendwo was gesagt wird und wenn das „catchy“ ist, dann wird weitergeschaut, sonst nicht. Ich glaube, das ist für alle, die darin aufwachsen, das betrifft auch unsere Kinder, extrem gefährlich, weil es wichtig ist, wenn etwas passiert, dass man sich einfach mal einen Moment Zeit nimmt, um das wahrzunehmen. Und nicht gleich zu urteilen.

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Dein Album ist sozusagen eine kleine Ode an die Zwischenräume, und ein Appell sich die Zeit zu nehmen, die Dinge in Ruhe von mehreren Seiten zu betrachten richtig?

Sophie Abraham: Genau, „The beauty in between“ ist eine Ode an Zeit und Raum lassen. Und eine Ermächtigung, dass man sein darf, wer man ist, ohne jetzt sofort immer sein zu wollen, wer man glaubt, der man sein soll. 

Du hast im Pressetext zu The beauty in between“ ein sehr persönliches Beispiel gebracht, wie dich die ein Erlebnis mit deiner Schwester zu einem neuen Stück inspiriert hat. Könntest du das bitte nochmals kurz erzählen?

Sophie Abraham: Meine Schwester ist zwanzig Jahre älter als ich, hat multiple Sklerose und kann dadurch Ihren Beruf als Geigerin schon lange nicht mehr ausüben.  Im Sommer 2025 saß ich ihr in einem selten ruhigen Moment gegenüber um gemeinsam zu musizieren. Ich hatte das Cello vor mir, sie im Rollstuhl mit Gesangsmikrophon in der Hand, die Aufnahme lief. Ich  begann zu spielen, sie zu summen. Meine Schwester meinte:  Wenn ich mir was ausdenke, klingt es irgendwie immer nach Bach. Barock war immer schon ihre Leidenschaft. Monate später hörte ich mir die Aufnahme an und begann davon inspiriert zu spielen. Nicht mit dem Bogen, so wie auf der Aufnahme, sondern Pizzicato. Das kurze, sehr einfache und doch sehr tiefe Stück war da und ich habe es „The beauty in between“ genannt. Ich möchte meiner Schwester mit diesem Stück sagen, dass ich sie toll und das Leben unfair finde. Ich möchte ihr meine Bewunderung ausdrücken, dass sie es mit ihrer Familie schafft trotz allem intensiv zu leben, alles aus zu kosten und alle Abenteuer anzugehen.

Bild der Musikerin Sophie Abraham
Sophie Abraham © Julia Wesely

Ist es immer so dass dich Ereignisse aus deinem Alltag zu neuen Stücken inspirieren?

Sophie Abraham: Als Inspiration für neue Stücke interessieren mich Sachen, die hier und jetzt passieren und mich berühren. Es ist vor allem die Schönheit im Schwierigen, die mich fasziniert. Wenn einem das Leben gerade nicht so leicht fällt. Unter welchen Umständen auch immer, ob das eine Krankheit oder etwas anderes. Wie man dann damit umgeht. Mich berührt natürlich auch das politische Weltgeschehen, aber ich kenne da zu wenige Detailgeschichten.

In punkto Musik hast du bei The beauty in between”beim Cello mit neuen Spieltechniken experimentiert. Kannst du das genauer beschreiben?

Sophie Abraham: Ich weiß nicht, ob ich irgendwas komplett Neues mache, aber ich habe für mich selber ein paar neue Sachen entdeckt: ob das jetzt eine gewisse Pizzicato-Art des Spielens ist, kleine Details, wie ich mit dem Bogen perkussiv am Cello arbeite oder wie ich die Aufnahmen vom Platzieren der Mikrofone her anlege.  Zusätzlich ist auch viel Detail-Arbeit in den Kompositionsprozess sowie die Arrangements hineingegangen.

Wie ist der Aufnahmeprozess zum neuen Album abgelaufen?

Sophie Abraham: Ich habe „The beauty in between“ in meinem Home-Studio aufgenommen und editiert. Im weiteren Verlauf dann noch mit dem Produzenten Lukas Klement zusammengearbeitet. Ich schätze Lukas sehr, weil er sehr viel im Pop-Bereich, aber auch im Jazz-Bereich tätig ist. Was ich noch an ihm cool finde ist, dass er kein Perfektionist ist, sondern um andere wichtige Aspekte der Musik wie Groove, Stimmung, Richtung. Ich komme aus der Klassik, da muss alles perfekt sein, sonst bist du unten durch. Das ist einfach so. Es stresst ungemein und ich fand den oben beschriebenen Ansatz von Lukas sehr erfrischend. Lukas hat dann bei manchen Stücken noch einige elektronische Elemente dazugegeben, hat teilweise auch selber Drums dazu eingespielt.

Bild der Musikerin Sophie Abraham
Sophie Abraham © Julia Wesely

Wie hat Lukas Klement in punkto Sound etwas an den neuen Stücken verändert?

Sophie Abraham: Lukas hat eher klangmalerisch gearbeitet. Also im Sinn von: wenn ich jetzt ein analoges Cellosignal liefere, dann kann er ja mit verschiedensten Arten von Hall einen Raum schaffen, den ich alleine bei meinen Aufnahmen im Homestudio nicht so hinbekommen hätte. Eine andere Möglichkeit in punkto Effekte ist, dass er z.B. eine Frequenz rauszieht und die drüber stehen lässt. Oder dass er von einem Pizzicato Groove nur die ganz tiefen Bässe nimmt, die oberen abschneidet, komplett hinaufhebt und es zu einem „Bassdrum“ macht, obwohl ich das ursprünglich auf meinem Cello gezupft habe.

WENN ICH AUF DER BÜHNE STEHE ODER BEI EINER PROBE UND MIT MENSCHEN MUSIK MACHE UND ICH DAS GEFÜHL HABE, DAS IST SO TOLL, DANN IST DAS WAS GANZ BESONDERES.”

Du hast in deiner Karriere schon mit ganz vielen tollen MusikerInnen wie u.a. Julia Lacherstorfer, Thomas Gansch, Manu Delago, Dhafer Youssef oder Yvonne Moriel zusammengearbeitet. Gab es in deiner musikalischen Entwicklung irgendwann einen ganz besonders wichtigen Moment, an den du dich noch erinnerst?

Sophie Abraham:  Es gibt sehr viele  solche Momente. Wenn ich auf der Bühne stehe oder bei einer Probe und mit Menschen Musik mache, wo ich das Gefühl habe, das ist so toll, dann ist das was ganz Besonderes. Ich kann mich da so hineinlegen, und denke in diesem Moment an überhaupt nichts mehr anderes. Das habe ich schon mit vielen Leuten erleben dürfen z.B. mit meinem Streichquartett, dem radio.string.quartet, aber eben auch mit den von dir erwähnten Musiker:innen. Auch so ein Moment ist letztes Jahr passiert, da hat mich Thomas Gansch angestiftet, ein Stück zu schreiben für unsere Band „Alpen & Glühen(eine achtköpfige All-Star Band aus Österreich u.a. mit Thomas Gansch, Manu Delago,  Lukas Kranzelbinder, Christian Bakanic und Sophie Abraham; Anm.) Er hatte zwar schon gesagt: jeder der will, darf ein Stück beitragen, aber ich hätte mich das eigentlich zuerst gar nicht getraut.

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Was ist dann weiter passiert?

Sophie Abraham:  Thomas hat aber gesagt, von dir wünsche ich mir ein Stück. Er hat mir sozusagen Vertrauen geschenkt und ich habe das dann mit ganz viel liebevoller Hingabe, aber auch ganz viel Zeit gemacht. Ich schrieb ein Stück, einen Teil davon hatte ich mir schon ausgedacht, aber dann für „Alpen &  Glühen“, umarrangiert. Dieses Stück, es heißt „Can You Hear The Sand Whisper?“ ist so wahnsinnig aufgegangen. Das habe ich auch auf mein Solo-Album aufgenommen. Dieses Stück ist schon angefragt worden bei „Christmas in Vienna“. Ich habe es umgedichtet auf Weihnachten, das ist schon im ORF gelaufen und auf Arte. Am 29. Mai wurde „Can You Hear The Sand Whisper?“ auch im Rahmen der ZAM-Abschlußgala im Wiener Konzerthaus aufgeführt mit 300 Musiker*innen auf der Bühne!!

Was ist für dich als Musikerin aktuell die größte Herausforderung?

Sophie Abraham: Aktuell bin ich mit der Musik ganz gut ausgelastet. Ich habe aber das letzte Jahr ganz laut „Nein“ gesagt auf ganz viele Anfragen, weil es mir zu viel wurde. Jetzt geht es mir  wieder besser. Ich befinde mich regelmäßig in einem großen Spagat zwischen Musik und Familie. Ich liebe Musik zu machen. Aber gleichzeitig liebe ich auch meine Familie: ich habe zwei Kinder und einen Hund und eine tolle Frau. Die wollen auch ihren Anteil und ich möchte bei ihnen sein. Meine Frau und ich haben vereinbart, dass wir haben die Care- Arbeit 50/50 aufteilen. Und das ist trotzdem ganz schön viel, weil wir noch beide berufstätig sind. Das ist einfach meine derzeitige Situation, aber wir schaffen das und es geht gut.

Welche weiteren „Challenges“ als Musikerin gibt es für dich derzeit noch?

Sophie Abraham: Wir leben in einer Zeit, wo es immer weniger Förderungen gibt. Dazu kommen die Kriege und die dadurch unsichere wirtschaftliche Situation. Es ist aktuell nicht leicht freiberufliche Musikerin zu sein. Ich habe das Gefühl wenn ich in der Musikszene präsent sein möchte, muss ich sehr viel investieren. Auch die Kosten für ein Solo-Album sind nicht unbeträchtlich. Um einen Teil der Produktionskosten zu finanzieren habe ich eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Als Ziel habe ich mir ca. 8900 Euro gesetzt, und im Mai ist das Projekt dann mit 110 Prozent erfolgreich zu Ende gegangen.  Ca. hundert Leute haben mich da finanziell unterstützt, zusätzlich durfte ich auch sehr viel positives Feedback zu meiner Musik erfahren. Ich bin sehr stolz, dass diese Crowdfunding-Kampagne so gut über die Bühne gegangen ist!

Vielen Dank für das Gespräch!

Robert Fischer

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Sophie Abraham live:
16.09.2026  – Solo -Together with Florence Arman , Wien, Radiokulturhaus
17.09.2026  Album Release Show , Innsbruck, Treibhaus
26.09.2026  Album Release Show , Seitenstätten, Geigenbau Werkstatt Lorenz
27.09.2026 Album Release Show , Seekirchen am Wallersee, Kunstbox
15.10.2026 Album Release Show, Salzburg, Jazz&the City
04.11.2026 Album Release Show , Graz, FolkArtFest
18.12.2026 Musikalischer Adventkalender, Wien, Schmid-Hansl

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Links:
Sophie Abraham
Sophie Abraham (Instagram)
cracked anegg records