Seit Jahrzehnten lotet Mia Zabelka die Möglichkeiten improvisierter Musik mit ungebrochener Neugier aus. Als international gefragte Geigerin, Komponistin und eine der prägenden Persönlichkeiten der österreichischen Improvisationsszene sucht sie konsequent nach neuen klanglichen Ausdrucksformen. Mit ihrem Trio Carbon legt sie nun mit „Black Heart“ (setola di maiale) ein Album vor, das radikale Offenheit zum Programm erhebt. Im Interview mit Michael Ternai spricht Mia Zabelka über ihre nicht endende Neugier, das Spannende an neuen Herausforderungen und die Wichtigkeit von Netzwerken innerhalb der Improszene.
Vielleicht zu Beginn: Du warst vor ein paar Wochen in den USA und hast im Österreichischen Kulturforum gespielt. Wie war es?
Mia Zabelka: Ja, ich fühle mich außerhalb Europas eigentlich immer total wohl – auch in Japan und in den USA –, weil die Zugänge zur improvisierten und auch zur experimentellen Musik dort, glaube ich, ein bisschen anders sind als in Europa.
Sind die Leute dort offener?
Mia Zabelka: Ja, sie sind offener. Und es gibt dort nicht diese Last der klassischen Musik. Ich schätze die klassische Musik natürlich sehr, aber sie ist dort eben nicht so dominant. Sie ist einfach ein Genre unter vielen. Sie wird zwar sehr geschätzt, hat aber nicht dieses Schwergewicht und diese Dominanz wie bei uns. Dadurch sind auch die Zugänge andere. Es wird weniger bewertet oder geurteilt. Wenn etwas gut klingt, dann klingt es eben gut. Es gibt nicht so viele Beurteilungskriterien, wie sie sich bei uns im Laufe der Zeit – gerade auch im Kontext der Neuen Musik – herausgebildet haben.
Mit welchem Projekt warst du dort? Welche Projekte hast du in den USA vorgestellt?
Mia Zabelka: Ich habe einerseits mein neues elektroakustisches Soloprogramm präsentiert und andererseits mit anderen Musikern zusammengespielt, nämlich mit dem Duo Elka Bong – Al Margolis und Walter Wright. Al Margolis war jahrzehntelang so etwas wie die rechte Hand von Pauline Oliveros und führt heute ihre Arbeit im Deep Listening Institute fort, welches sie gegründet hat. Walter Wright ist experimenteller Elektroakustiker und Improvisationsmusiker. Gemeinsam bilden die beiden das Duo Elka Bong. Wir haben nicht nur in New York gespielt, sondern waren entlang der Ostküste auf Tour – unter anderem in Washington, Philadelphia und Charlottesville.
Kommen wir zu deiner aktuellen Veröffentlichung „Black Heart“ mit dem Trio Carbon. Ich kenne dich und deine Musik mittlerweile schon seit vielen Jahren. Was mich an deinen Veröffentlichungen immer fasziniert, ist, dass jede einen anderen Zugang verfolgt. Improvisation ist zwar der gemeinsame Nenner, aber jedes Projekt setzt einen anderen Schwerpunkt – und genau das finde ich spannend. Bei „Black Heart“ fällt zum einen auf, dass das Album aus einer einzigen rund 30-minütigen Improvisation besteht. Das ist eher ungewöhnlich, weil solche Aufnahmen meist in mehrere Stücke gegliedert werden. Zum anderen ist auch die Instrumentierung eine besondere. Was war die Grundidee hinter Trio Carbon? Wie ist dieses Projekt entstanden und welche musikalische Struktur liegt ihm zugrunde?
Mia Zabelka: Ich kannte die beiden jungen polnischen Musiker, Ola Rzepka und Łukasz Marciniak, davor gar nicht. Wir wurden vom Festival zusammengebracht. Wir haben beim Ad Libitum Festival in Warschau gespielt, einem Festival für improvisierte Musik. Es gibt dort einerseits den Warschauer Herbst, den man vielleicht mit Wien Modern vergleichen kann, und daneben eben Ad Libitum, das sich ganz der Improvisation widmet. Das Festival wird unglaublich gut angenommen – es gibt ein tolles Publikum und eine sehr gute Presse.
Unser Konzert wurde vom Polnischen Rundfunk mitgeschnitten und anschließend als komplettes 30-minütiges Set ausgestrahlt. Das funktioniert dort einfach. Wir haben musikalisch sofort zueinandergefunden. Manchmal passiert das einfach. Vom ersten Moment an hat das Zusammenspiel hervorragend funktioniert.
Das Interessante ist ja, dass es offenbar so gut funktioniert hat, dass euch die Ideen über die gesamten 30 Minuten nicht ausgegangen sind. Die Improvisation ist unglaublich abwechslungsreich, durchläuft unterschiedlichste Stimmungen und Entwicklungen und besitzt trotzdem eine klare Dramaturgie. Wie gelingt so etwas?
Mia Zabelka: Ja, wie gelingt das? Das ist eine gute Frage. Es funktioniert in der freien Improvisation natürlich nicht immer. Aber es gibt Musiker, mit denen man offensichtlich eine gemeinsame Sprache spricht. Jede bringt eine über viele Jahre entwickelte, ganz eigene und authentische Klangsprache in das Zusammenspiel ein. Entscheidend ist, dass man einander wirklich zuhört und den anderen Raum gibt. Genau darum geht es: sich gegenseitig Raum zu lassen, respektvoll miteinander umzugehen und aufmerksam zuzuhören. Vieles hat mit Deep Listening zu tun.
Sind das genau die Projekte, nach denen du heute suchst? Ich stelle mir vor, dass man sich dabei nie in ein gemachtes Bett legt und schon weiß, wie das Ergebnis aussehen wird. Reizt dich gerade diese Offenheit – also nicht zu wissen, wohin sich die Musik letztlich entwickeln wird?
Mia Zabelka: Ja, absolut. Es ist jedes Mal wie ein Sprung ins kalte Wasser. Das ist immer eine Herausforderung, aber genau das macht es so spannend. Ich sage auch oft, dass uns vor allem das prozesshafte Arbeiten interessiert. Uns geht es also nicht darum, ein Werk im klassischen Sinn zu schaffen, sondern vielmehr um den gemeinsamen Prozess, auf den man sich einlässt. Und ich muss sagen: Mit den Jahren funktioniert das immer besser, weil man natürlich auch immer mehr Erfahrung mitbringt. Man muss dabei unglaublich wachsam und aufmerksam sein, sich voll konzentrieren und sehr schnell reagieren können. Im Grunde ist es eine Form der Echtzeitkomposition, bei der man fortlaufend Entscheidungen treffen muss.
Würdest du sagen, dass du das vor 20 Jahren auch schon so hinbekommen hättest?
Mia Zabelka: Nein, sicher nicht. Vielleicht hin und wieder, aber nicht mit der Kontinuität und Selbstverständlichkeit, mit der es heute möglich ist.
Du gehörst mit deinem Spiel und deiner musikalischen Sprache zu den Pionier:innen der improvisierten Musik und hast im Laufe der Jahre unzählige Projekte realisiert. Woraus schöpfst du die Inspiration, immer weiterzumachen und Neues entdecken zu wollen? Wie hältst du deinen Zugang frisch?
Mia Zabelka: Indem ich neugierig bleibe. Mich interessiert nach wie vor, neue Sounds, neue Spieltechniken und neue Möglichkeiten auf meinem Instrument zu entdecken – sowohl auf der akustischen Violine als auch auf der E-Violine und im Zusammenspiel mit Elektronik. Ich wechsle immer wieder zwischen diesen beiden Klangsprachen. Und genau das macht es spannend. Wenn ich das Gefühl habe, mit der akustischen Violine an einen bestimmten Punkt gekommen zu sein, begebe ich mich wieder stärker ins elektronische Feld und entwickle dort neue Ideen weiter. Gleichzeitig beeinflussen sich diese beiden Klangwelten gegenseitig. Es ist ein wechselseitiger Prozess.
Außerdem gönne ich mir zwischendurch immer wieder Pausen. Und es ist für mich auch sehr inspirierend, mich regelmäßig mit neuen Musiker:innen zu umgeben und neue musikalische Begegnungen zuzulassen.
Wie ist das nun konkret bei Trio Carbon? War dieses Projekt auf diesen einen besonderen Moment ausgerichtet oder ist es etwas, das auch langfristig Bestand haben könnte?
Mia Zabelka: Wir hatten 2025 noch ein zweites Konzert im Café Korb. Und heuer spielen wir wieder gemeinsam in Berlin, im Oktober.
Solche Verbindungen reißen also nicht einfach wieder ab?
Mia Zabelka: Nein, überhaupt nicht. Die Zusammenarbeit geht schon weiter. Gleichzeitig kommen aber immer wieder neue Projekte dazu, während ältere wieder aktuell werden. Genau dieses Wechseln finde ich spannend. Ich würde nicht ausschließlich mit denselben Musiker:innen spielen wollen.
Wäre dir das auf Dauer zu langweilig oder zu monoton? Oder hättest du das Gefühl, dass deine Kreativität darunter leiden würde, wenn du immer nur mit denselben Leuten arbeitest?
Mia Zabelka: Ich finde in jedem Projekt eine andere musikalische Sprache und kann mich auf unterschiedliche Weise einbringen. Gleichzeitig spricht überhaupt nichts dagegen, an bestimmten Projekten kontinuierlich weiterzuarbeiten. Mit Zahra Mani arbeite ich zum Beispiel schon seit Jahrzehnten zusammen.
Wird das Projekt vielleicht auch bei einem der Klangzeit Festivals zu hören sein?
Mia Zabelka: Ja.
Du bist ja Kuratorin des Klangzeit Festivals in der Steiermark.
Mia Zabelka: Ja, ich bin international sehr gut vernetzt und kenne Musiker:innen aus der ganzen Welt – aus den USA, Japan, Portugal, Norwegen, England, Polen und vielen anderen Ländern. Ich arbeite dabei nicht allein, sondern gemeinsam mit Zahra Mani und Karin Schorm. Wir sind ein Team und immer auf der Suche nach spannenden neuen Musiker:innen und Komponist:innen.
Wichtig ist uns, dass sich kein geschlossenes System entwickelt. Das passiert bei Festivals manchmal: Es bildet sich eine Art Bubble, in der immer dieselben Leute auftreten. Genau das möchten wir vermeiden. Wir wollen kontinuierlich neue Künstler:innen kennenlernen und einbeziehen. Gleichzeitig pflegen wir aber auch langfristige Kooperationen und arbeiten mit bestimmten Musiker:innen über viele Jahre hinweg zusammen.
Wie bist du eigentlich zu der Musikerin geworden, die du heute bist? Wie haben sich dein musikalisches Weltbild und deine Kreativität entwickelt? Warst du schon als Jugendliche auf der Suche nach anderen Klängen und neuen musikalischen Ausdrucksformen?
Mia Zabelka: Ja, ich denke schon. Ich habe ja sehr früh neben meiner klassischen Ausbildung auch in einer Jazzband namens Elysium gespielt. Dort haben sich für mich bereits ganz neue musikalische Welten eröffnet. Danach ging es eigentlich Schritt für Schritt weiter – mit dem Studium der Elektroakustik und der Komposition und vielen Begegnungen mit Musiker, die mich inspiriert haben, die Ohren für Ungewöhnliches zu öffnen.
Damals habe ich auch mit dem ORF-Musikredakteur Giselher Smekal zusammengearbeitet. Er brachte mir immer wieder Schallplatten von Musiker:innen mit, die man in Österreich damals kaum kannte. Dadurch blieb ich eigentlich immer neugierig und hatte ständig das Bedürfnis, Neues zu entdecken.
Wir haben uns schon vor ein paar Jahren über die österreichische Improvisationsszene unterhalten. Seither hat sich doch einiges getan. Es gibt mittlerweile einige Künstler, die sich auch international einen Namen machen konnten. Gleichzeitig habe ich aber den Eindruck, dass es ohne internationale Vernetzung sehr schwierig ist, sich nachhaltig zu etablieren. Bei dir ist das ja ganz deutlich zu sehen: Du spielst regelmäßig im Ausland und hast dir über viele Jahre ein internationales Netzwerk aufgebaut, über das du deine Musik in die Welt trägst. Welche Ratschläge würdest du jungen Musiker geben, die einen ähnlichen Weg einschlagen möchten?
Mia Zabelka: Der wichtigste Rat ist, sich nicht nur auf Österreich zu konzentrieren, sondern wirklich zu versuchen, sich international zu vernetzen. Mittlerweile ist es bei mir so, dass Musiker und Veranstalter auf mich zukommen und mich zu Projekten einladen. Aber am Anfang muss man diese Kontakte natürlich erst aufbauen.
Ich glaube außerdem, dass man unglaublich viel lernt, wenn man über die eigenen Grenzen hinausblickt. Wenn man sich immer nur in denselben Kreisen bewegt – etwa in Wien –, entwickelt man sich irgendwann nicht mehr wirklich weiter. Es ist spannend, andere Kulturen und ihre musikalischen Zugänge kennenzulernen. Die Improvisationsszene in Portugal funktioniert ganz anders als jene in England oder bei uns in Österreich. Von diesen Unterschieden kann man enorm profitieren. Für die eigene Entwicklung halte ich das für sehr wichtig, gerade weil die Szene hierzulande vergleichsweise klein ist.

In Wien gibt es nach wie vor kein großes Festival, das sich ausschließlich der improvisierten Musik widmet. Natürlich gibt es verschiedene kleinere Initiativen und Veranstaltungsreihen, in denen sehr spannende Dinge passieren. Was aber fehlt, ist eine größere Sichtbarkeit der Szene – auch im internationalen Kontext. Bei den Komponist:innen gibt es mit Wien Modern ein Festival, das diese Sichtbarkeit schafft. Wobei Bernhard Günther dort durchaus offen ist und immer wieder auch Improvisationsmusiker einlädt. Trotzdem liegt der Schwerpunkt des Festivals auf der Neuen Musik. Die Improvisationsszene bleibt dadurch insgesamt weniger präsent.
Verstehst du dich eigentlich auch als eine Art Botschafterin der österreichischen Improvisationsszene?
Mia Zabelka: Eigentlich schon, wobei ich selbst natürlich auch sehr stark von internationalen Einflüssen geprägt bin. Von Pauline Oliveros, Alvin Curran oder Malcolm Goldstein ebenso wie von der Zusammenarbeit mit John Russell und Maggie Nichols. International gibt es ganz unterschiedliche Zugänge zur Improvisation, und genau das finde ich so spannend. Diese Vielfalt zu entdecken, ist unglaublich bereichernd.
Genau das würde ich auch jungen Musiker:innen mit auf den Weg geben: sich nicht nur auf die mdw zu konzentrieren, dort zu studieren oder sich zu vernetzen, sondern den Schritt nach draußen zu wagen und internationale Erfahrungen zu sammeln. Dazu gehört natürlich auch Mut. Aber ich glaube, genau dieser Mut ist eine wichtige Voraussetzung, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln.
Wie sehen deine nächsten Projekte aus? Worauf darf man sich als Nächstes freuen?
Mia Zabelka: Mittlerweile ist bereits ein weiteres Album erschienen – das muss ich dir noch schicken. Es heißt Köln 60 und ist gemeinsam mit Stefan Strasser und Teresa Hackel entstanden. Stefan Strasser ist Multiinstrumentalist aus Köln, Teresa Håkel stammt ursprünglich aus Berlin, lebt heute in der Schweiz und ist Flötistin. Das Album ist wirklich sehr schön geworden. Wir haben uns anlässlich von Stefan Strassers 60. Geburtstag in Köln kennengelernt und dort zum ersten Mal zusammengespielt. Das hat so gut funktioniert, dass die Aufnahme unmittelbar danach bei Creative Sources veröffentlicht wurde.
Und es gibt schon wieder neue Projekte. Demnächst erscheint eine Aufnahme mit Al Margolis – das Konzert, das wir im Österreichischen Kulturforum in New York gespielt haben. Außerdem kommt eine Einspielung meines Duos mit dem norwegischen Turntable-Spieler Håkon Lie heraus. Mit ihm habe ich erst vor Kurzem im Arnold Schönberg Center gespielt. Das Album erscheint bei Setola di Maiale.
Als Nächstes spiele ich ein Konzert in Berlin. Danach folgt ein ganz besonderes Projekt, zu dem mich Krzysztof Knittel eingeladen hat. Wir eröffnen den Warschauer Herbst gemeinsam mit dem Polnischen Radio-Sinfonieorchester. Krzysztof Knittel hat dafür ein Werk komponiert, in dem ich als Solistin improvisiere, während das Orchester seine Partitur spielt. Ich freue mich schon sehr darauf.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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