Das radio.string.quartet ist u.a. für seine große musikalische Bandbreite bekannt. Seit 2004 schon bewegt sich das Ensemble so spielerisch wie gekonnt zwischen Klassik, Jazz, World Music und Neuer Musik. Sein neues Album „aERO – four seasons VOL.1“ ist Teil einer Tetralogie, deren vierter Teil nach Erde, Feuer und Wasser – wenig überraschend – der Luft gewidmet ist. Warum das Album trotzdem die eine oder andere Überraschung bereithält, wie es zum unverwechselbaren „radio.string-Klang“ kam und weshalb die Aufnahmen zum aktuellen Album „gemeinsamer“ denn je stattfanden – darüber sprachen die Cellistin Sophie Abraham und der Geiger Ingmar Jenner mit Markus Deisenberger.
Euer Album „aERO – four seasons VOL.1“ bildet den Schlusspunkt einer Tetralogie über die Elemente, aber eigentlich auch nicht, den Vol. 1 impliziert, dass es noch ein Vol. 2 geben wird, oder?
Sophie Abraham: Wir haben mit der Erde begonnen, mit Roland Neuwirth. Dann kam das Wasser, dann das Feuer („Les couleurs du feu“, mit den Münchner Symphonikern; Anm.). Und jetzt ist die Luft dran. Wir betrachten die Luft aus der Perspektive der vier Jahreszeiten, im ersten Teil (Vol.1) den Frühling und den Sommer.
Herbst und Winter folgen also noch. Wie kamt ihr überhaupt auf die vier Jahreszeiten?
Ingmar Jenner: Das hat sich ganz natürlich ergeben, weil wir angefangen haben, zu verschiedenen Zeiten im Jahr Wind aufzunehmen. Bernie (Mallinger, Anm.) ist auf die Idee gekommen, und wir haben dafür extra ein Mikrofon besorgt, sind zu unterschiedlichen Jahreszeiten in den Wald und an den See gegangen und haben dort den Wind und die damit verbundenen sehr unterschiedlichen Stimmungen aufgenommen. Im Anschluss daran haben wir damit herumexperimentiert und versucht, uns von dem, was da entstanden war, inspirieren zu lassen. Da wir sehr unterschiedliche, durch die jeweilige Jahreszeit geprägte Aufnahmen hatten, lag der Gedanke nahe, es mit den Jahreszeiten zu verbinden.
Das heißt, ihr seid inspiriert von dieser Idee des formalen Aufbaus, kommt aber ohne direkte Zitate aus?
Sophie Abraham: Genau. Es hat jetzt eigentlich nicht direkt etwas mit den vier Jahreszeiten, d.h. mit den Kompositionen von Vivaldi oder Piazzolla zu tun. Es kommen keine Zitate oder dergleichen vor, nur ein paar versteckte Hinweise. Aber da muss man schon sehr genau hinhören.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Aber es ist nicht nur die Luft des Windes, auch die Luft des Atems spielt eine Rolle, wenn ich das richtig verstanden habe?
Sophie Abraham: Es ist überhaupt die Luft, ja, und es sind auch die Wesen, die sich in der Luft bewegen. Und neben Wind und Atem spielt die Luft auch als architektonischer bzw. physischer und musikalischer Raum eine Rolle. Auf dem Album ist immer wieder viel Platz. Es ist nicht so gedrängt mit Harmonie wie sonst oft, sondern es gibt viel musikalischen Raum.
Könnt ihr mit dem Begriff der „Klangreise“ etwas anfangen?
Sophie Abraham: In dem Sinn vielleicht, dass wir versucht haben, alles, was da musikalisch passiert, sehr transparent zu gestalten.
Ingmar Jenner: Ich kann mit dem Begriff nicht so viel anfangen, weil es eigentlich eher ein Ankommen in einem bestimmten Zustand und weniger die Reise dorthin ist. Das bewegt sich natürlich schon durch verschiedene Stimmungen durch, aber wir haben bei der Konzipierung des Albums und auch dann bei der Produktion von Anfang an versucht, einen bestimmten Klang zu haben, der diese Luftigkeit suggeriert, eben nicht das Dichte, Komprimierte, sondern das Offene. Und das, glaube ich, ist uns ganz gut gelungen. Früher haben wir immer wieder mal sehr dicht geschrieben und auch sehr dicht gemischt. Das haben wir dieses Mal ganz bewusst nicht gemacht.
Sophie Abraham: Wenn ich da noch kurz einhaken darf: Der Sommer ist für mich schon auch, was die Titel betrifft, eine Reise. Wir gehen wirklich durch den Wald, „through the woods“ hinauf und erleben dann dieses und jenes und irgendwann einmal bekommen wir einen Höhenrausch, kommen „into thin air“, wo wir dann „high altitude euphoria“ haben, wo wir dann in unseren Köpfen auch, nachdem wir diesen Gipfel erreicht haben, wieder ein bisschen runtergehen und dann eine Höhle entdecken… Das ist, finde ich, schon auch eine Reise. Ingmar hat trotzdem recht mit dem, was er über Transparenz und Stimmung gesagt hat. Er hat das auch alles gemischt, und so wirklich dafür gesorgt, dass man diese Transparenz hören kann, was wir übrigen Mitglieder des Quartetts unglaublich finden.
In eurem letzte mica-Interview, das Michael Ternai mit euch führte, habt ihr gesagt, ihr hättet es euch abgewöhnt, beim Schreiben eurer Musik in der Besetzung Streichquartett zu denken. Das fand ich sehr interessant. Wie habt ihr das in Zusammenhang mit diesem konkreten Klang auf diesem Album gemacht? Woran habt ihr gedacht?
Ingmar Jenner: Das hat bei „In Between Silence“ angefangen. Da haben wir zum ersten Mal nicht mehr vier Notenzeilen gehabt, die wir mit Material aufgefüllt haben, so wie das üblicherweise passiert, wenn man für Streichquartett schreibt, sondern wir haben einfach entweder ganz wenig oder ganz viel übereinandergeschichtet – je nachdem, was wir gerade wollten. Manche Stücke gerieten sehr minimalistisch, manche sehr voll und sehr dicht und überschreiten bei Weitem das, was ein Streichquartett in Echtzeit eigentlich machen könnte. Bei “B:A:C:H • like waters” ist das dann weitergegangen. Da haben wir uns dann auf der Bühne mit Elektronik verstärkt. Später bei „Les couleurs du feu“ haben wir das Quartett durch das Orchester erweitert und mit Effekten gearbeitet. Das passiert bei diesem Album eigentlich nicht mehr. Wir sind wieder mehr zurück zu einem sehr klaren Quartettklang gegangen. Es gibt zwar immer wieder mal Stellen, wo das Quartett sich quasi durch sich selbst erweitert, indem wir manche Sachen als Loop weiterlaufen lassen, aber im Großen und Ganzen ist es eigentlich wieder mehr so wie vor zehn, fünfzehn Jahren ein reines Quartettalbum, das vom Klang der Instrumente lebt und ab und zu vom Klang der Stimmen. In den letzten Jahren hat sich das erfreulicherweise in die Richtung entwickelt, dass wir eigentlich immer machen, was wir wollen. Wenn irgendwas physikalisch unmöglich wird, dann machen wir es einfach anders. Dann lassen wir uns was einfallen, wie wir es technisch so umsetzen können. Trotzdem ist dieses Album wieder viel intimer und viel mehr Quartettklang als die vorherigen Alben. Wir haben wieder mehr für die Instrumente und für unsere Besetzung geschrieben.
Oft liegt in der Einfachheit ja auch die Schwierigkeit, und das Simple wird wirklich sophisticated.
Ingmar Jenner: Eben, ja. Bei „In Between Silence“ war es tatsächlich so, dass manche Stücke sehr simpel sind und wahrscheinlich möglicherweise auch in einem Trio oder Duo funktioniert hätten. In dem Fall jetzt ist es ähnlich. Die Musik hat nicht wirklich nach mehr Material verlangt als jetzt drinnen ist. An der Idee, wie wir komponieren, wird sich, glaube ich, auch nicht mehr viel ändern. Wir haben jetzt die Möglichkeiten, zu machen, was wir wollen und das machen wir auch.
Wie funktioniert das? Jeder von euch kommt mit Ideen und mit Kompositionen und ihr arbeitet dann gemeinsam am Arrangement? Verändert sich das Stück dann noch im Prozess?
Sophie Abraham: Das ist ganz unterschiedlich.
Ingmar Jenner: Wir haben seit einigen Jahren einen Jour fix, wo wir uns vier, fünf Tage am Ossiacher See treffen und einfach mal gemeinsam spielen und danach Bilanz ziehen, was an Material gesammelt worden ist. „Sommer“ ist zu einem Großteil so entstanden. Wir haben Ideen gesammelt. Es kommen auch einige von uns und bringen schon kleine oder größere Ideen. Dann arbeiten wir dran, lassen uns was einfallen und ergänzen es um das, was uns dann nach mehrmaligem Hören noch fehlt. In anderen Fällen ist es wirklich so, dass einer von uns mit fertigen Stücken kommt, wir proben die, wir bessern Dinge aus, wir schauen, ob uns irgendwas einfällt, um das noch zu verbessern. Also es ist entweder so oder so. Wir machen tatsächlich beides. Also immer im Quartett entwickeln, und wenn jemand Lust hat, setzt er sich hin und schreibt wirklich fertige Stücke, die dann nur noch geprobt werden und manchmal tatsächlich unverändert aufs Album kommen.

Das heißt, manches ist wirklich fertig, manches entwickelt sich noch stark?
Ingmar Jenner: Genau. Aber es ist nicht so, dass alles quasi einzeln fertig gemacht wird und dann nur mehr geprobt und auf die Bühne gebracht wird. Gerade beim aktuellen Album ist der ganze zweite Teil tatsächlich zu 90% gemeinsam entstanden. Das ist glaube ich eine Premiere. Das hatten wir in der Form noch nie.
Sophie Abraham: Die Hälfte von Frühling und die Hälfte des Sommers ist dort entstanden
Das klingt sehr intensiv, diese Zeit am Ossiacher See, oder?
Sophie Abraham: Ja, das ist schon auch sehr intensiv, weil es natürlich eine große Kraft hat, wenn vier Leute gleichzeitig an etwas arbeiten, aber es hat auch eine große Verwirrung, weil man gute Ideen haben muss. Das ist alles nicht so einfach. Es ist eine Art zu komponieren, die ich nicht stresslos finde, wenn ich ehrlich bin, aber auch spannend. Herausfordernd, aber auch sehr cool, weil dabei etwas entsteht, was bei den einzelnen Personen sehr wahrscheinlich nicht entstehen würde. Und man kann dann, das ist das Gute, zu Hause alleine daran weiterarbeiten.
Wie erzielt man diese schwebende Leichtigkeit oder Schwerelosigkeit, die man mit Luft assoziiert und die auf dem Album immer wieder gut rüberkommt? Ist das bewusst oder entsteht das im Klangkörper?
Sophie Abraham: Teilweise ist das sehr bewusst und es passiert auch oft dadurch, dass wir Sachen weglassen. Nach dem „Kill-Your-Darlings“-Prinzip.
Welche Darlings werden gekillt?
Sophie Abraham: Ich zupfe zum Beispiel so gerne. Zupf, zupf, zupf… Und dann sagen die Kollegen manchmal: „Hey, das ganze Stück ist doch schon gezupft. Bitte lass das hier doch mal weg!“ Dann denke ich mir im ersten Moment: „Nein, ich will doch so gerne!“ Aber im Endeffekt ist es natürlich viel besser ohne dem Gezupfe.
Ingmar Jenner: Der Klang der Instrumente bietet sich für Luft geradezu an. Alles, was bewegte Luft ist, hat ein ganz breites Klangspektrum. Und jedes Streichinstrument kann das ideal abbilden. Wir spielen sehr selten mit diesem klassischen, fokussierten Klang, der ganz viel an Spektrum von dem, was eigentlich in unserer Umgebung passiert, wieder wegnimmt. Wenn man genau draufschaut, was um die Aussage, den Grundton herum passiert, dann hört man sehr viel. Es geht gar nicht um Imitieren, sondern darum, diese Stimmung zu erzeugen. Der Wind, den man am Anfang des Albums hört, ist gespielt. Ursprünglich haben wir gedacht, wir würden die Aufnahmen verwenden, die in der Natur passiert sind. Aber wir haben dann alles mit den Instrumenten gemacht. Diese ersten paar Akkorde, die man hört, sind zwar nur einzelne Töne, die wir mehr oder weniger gemeinsam spielen. Aber für mich ist da so viel Bewegung drin, so viel Information, weil die ganzen Klänge rundherum hörbar sind. Das gefällt vielleicht nicht jedem, aber für mich hat es schon eine sehr spezielle Ästhetik.
Das heißt, die Field-Recordings dienten letztlich nur der Inspiration?
Ingmar Jenner: Genau. Ursprünglich haben wir gedacht, mit den Rhythmen, die sich da ergeben – man hört teilweise, wie Äste aneinanderschlagen – zu arbeiten. Die ursprüngliche Idee war, in diesen Bewegungen und in diesen Geräuschen, die man da hört, Musik und Struktur zu finden und die dann zu übersetzen. Aber irgendwann hat es sich dann wegentwickelt von dieser Idee.
Was hat euch sonst noch inspiriert?
Sophie Abraham: Wir haben schon mit sehr offenen Ohren andere Künstlerinnen und Künstler gehört und versucht herauszufinden, was die mit Luft machen. Ich persönlich habe da viel Inspirierendes gehört.

Zum Beispiel?
Sophie Abraham: Ich finde, Hania Rani hat auf vielen ihrer Alben viel Raum, aber auch Giacometti finde ich in dieser Hinsicht toll.
Wir haben es beim Album jetzt mit Vol. 1 zu tun. Das bedeutet: Vol. 2 ist in Planung?
Ingmar Jenner: Jetzt konzentrieren wir uns erst mal auf den Release von Vol. 1, aber Vol. 2 wird sicher kommen, ja. Es wird auch ziemlich sicher wieder so eine Ossiacher See-Session geben. Herbst und Winter werden noch vertont, d.h. die Luft aus der Perspektive des Herbstes und des Winters.
Weil du, Ingmar, vorher gesagt hast, dass ihr eure Produktionsweise als Quartett sehr verändert habt. Wann begann dieser Prozess der Veränderung?
Ingmar Jenner: Die große Veränderung trat ein, als Sophie in die Band kam und wir mit „In Between Silence“ anfingen. Da begannen Bernie und ich gemeinsam zu schreiben, und wir hatten ziemlich verrückte Ideen. Und dann kam noch der Buge Wesseltoft als Produzent dazu und gab dem Album den Feinschliff. Das war damals auch das erste Mal, dass die Produktion ein Work in Progress war. Das war auch das Album, wo wir erstmals völlig ignoriert haben, aus welchen Instrumenten unser Quartett besteht und wie viele Leute wir auf der Bühne sind, sondern einfach gemacht haben, was uns eingefallen ist.
Das heißt, es ist offener und experimenteller geworden?
Ingmar Jenner: Ja, genau. Wir haben das Klangspektrum vom Cello in Bereiche unterhalb des Kontrabasses, und obwohl es nur zwei Leute in der Band gibt, die singen können, haben wir bei einem Stück einen Chor eingebaut, den wir dann auf der Bühne mittels Loops herstellen. Wir haben begonnen, herumzuspielen, was wie erreichen können und uns davon verabschiedet statisch zu sein. Mit Computer und Loopgeräten lässt sich viel machen, nur stellt sich da irgendwann immer der Moment ein, an dem es langweilig wird. Den haben wir zu umgehen versucht, und das ist uns, glaube ich, auch recht gut gelungen. Und seitdem ist es so geblieben. Aber angefangen hat der Wahnsinn, als Sophie in die Band kam. Alle waren offen und haben gesagt: „Na gut, probieren wir es halt!“
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
Links:
radio.string.quartet
radio.string.quartet (Facebook)
radio.string.quartet (Spotify)
