Gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin KATHARINA STRAẞER haben die POXRUCKER SISTERS das Lied „Na“ veröffentlicht, das als Beitrag zur #metoo-Debatte zu hören ist. Jürgen Plank hat mit den Musikerinnen über Grenzüberschreitungen und abwertende Komplimente genauso gesprochen wie über das österreichische Musikbusiness. Kennen gelernt haben sich die 4 Künstlerinnen im Jahr 2022: im Rahmen der Konzertreihe „#WEARE – Starke Stimmen Starke Frauen“, die von VIRGINIA ERNST begründet rund um den Weltfrauentag stattfindet. Der Anstoß zur Zusammenarbeit kam von den Sisters und vor rund einem Jahr hat der kreative Prozess zum Lied „Na“ begonnen, das in Zukunft auch bei gemeinsamen Konzerten präsentiert werden wird.
Wie habt ihr das Lied „Na“ miteinander erarbeitet?
Katharina Straßer: Wir haben uns ein paar Mal getroffen, es war schon ziemlich gut vorgearbeitet und das Thema war schon klar. Wir haben uns auch mal bei mir zu Hause getroffen, weil natürlich immer alle wenig Zeit haben und die Kinder dann Tausend Mal krank gewesen sind. Ich habe ein paar Dinge inhaltlich eingebracht, die Melodie ist aber natürlich nicht von mir, das ist etwas, was ich nicht kann. Aber ich finde die Musik super. Musik ist überhaupt das, wofür mein Herz am meisten schlägt. Da wird noch einiges passieren. Aber gut Ding braucht Weile.
Steffi Poxrucker: Die Zusammenarbeit mit Katie war extrem cool und da ist auf jeden Fall Potenzial für mehr.
Und die Idee hinter „Na“ war – wenn ich das auf den Punkt bringe – ein Lied zum übergeordneten Thema „#metoo“ zu machen?
Steffi Poxrucker: Ja, das hat sich so entwickelt. Es geht um dieses Drüberfahren über andere. Um den Umgang mit anderen Menschen, das kann man jetzt gar nicht unbedingt auf ein Geschlecht beziehen: da geht es darum, Grenzen nicht wahrzunehmen. Für uns als Frauen war das Thema klar, aufgrund von Erfahrungen, die wir vielleicht selbst oder die anderen Frauen gemacht haben. Die Übergriffigkeit im sexuellen Bereich ist als Thema auch da, egal ob körperlich oder virtuell. Das passiert auf verschiedenen Ebenen.

Wie habt ihr euch diesen komplexen Fragen miteinander angenähert?
Steffi Poxrucker: Das Lässige am gemeinsamen Erarbeiten war, dass wir sehr viel geredet haben: über unser Selbstverständnis als Musikerinnen. Über unsere Erfahrungen, die wir als Frauen, als Musikerinnen gemacht haben. Da geht es dann auch darum, wie Frauen manchmal miteinander umgehen. Das war alles sehr inspirierend und so war es uns wichtig, dass wir eine klare Botschaft haben, mit diesem „Na“. Mit diesem „Nein“ klar aufzutreten, das ist gewachsen. Damit fühle ich mich wohl und wir merken auch, dass das die Fans und die Leute, die das Lied hören, berührt. Es ist ein klares „Nein“. Wir haben uns zum Beispiel darüber ausgetauscht: wie reagiert man auf ein dick pic? Was soll man damit anfangen? Eine Antwort war, und die findet sich auch im Liedtext wieder, dass wir keine Urologinnen sind.
Wir haben auf unserer Webseite einen Schwerpunkt, der hinterfragt, wie es Frauen in der Musikszene geht. Wie sind denn eure Erfahrungen?
Magdalena Poxrucker: Online bekommt man mitunter schon Kommentare wie: Ihr seid ja 3 süße Hasen. So etwas passiert öfters. Oder: Ihr 3 seid so fesch und so süß, wen von euch darf ich heiraten? Das könnte man auch schon als übergriffig bezeichnen. Ein aktueller Kommentar in den sozialen Medien zu einem Video war: Könnt ihr 3 das auch oben ohne? Solche Kommentare passieren, das ist Alltag, nicht nur von uns, sondern auch von anderen Musikerinnen und Frauen, die etwas machen und sich in den sozialen Medien präsentieren. Ich glaube, dass das 3 Männern nicht passieren würde. Es würde niemand schreiben: Könnt ihr das auch unten ohne.
Und in der Szene, wie sieht es da aus? Oder nach einem Konzert bzw. im Musikbusiness?
Steffi Poxrucker: Als wir begonnen haben, gab es schon immer wieder die Ansage: wenn eine von euch schwanger wird, dann müsst ihr es eh lassen. Das kam von Menschen, mit denen wir überlegt haben, zusammen zu arbeiten. Ich glaube, dass da schon eine Haltung in der Szene da ist, dass Musikmachen etwas ist, was Männern vorbehalten ist. Und jungen Frauen. Aber dann ist es irgendwann vorbei, denn wenn man Kinder kriegt, ist das mit dem Musikmachen nicht mehr vereinbar und wenn man älter wird, ist man sowieso nicht mehr so interessant. Diese Haltung hat uns schon verblüfft. Als die Ersten von uns Kinder gekriegt haben, haben wir schon gemerkt, dass es nicht einfach ist, den Beruf Musikerin mit Kindern zu vereinbaren. Einen Kindergarten, der am Wochenende offen hat, wird man schwer finden. Deswegen setzen wir uns mit unseren Songs oder mit #WEARE, das wir nun erstmals in Linz veranstaltet haben, für einen Blick auf diese Themen ein.
„Die Reihe #WEARE zeigt: es gibt weibliche Künstlerinnen und man kann sie auch buchen“
Welche Aspekte gibt es aus eurer Sicht noch zu diesem Themenkomplex?

Steffi Poxrucker: Der Song „Na“ hängt auch damit zusammen, dass es einen gender pay gap gibt. Und dazu fällt mir noch das Thema „Line-Up“ ein, da sind wir bei Veranstaltungsreihen als Frauen ganz oft noch in der Unterzahl. Weil oft noch das Bewusstsein dafür fehlt, ein diverses Programm zusammen zu stellen.
Magdalena Poxrucker: Da hört man dann manchmal auch den Satz: Dann müsst ihr eben besser sein! Das meint: es gibt einen Grund, warum ihr nicht bei einem bestimmten Festival spielt. Der Satz kommt von Laien und auch von Leuten aus dem Musikbusiness, die das als Argument bringen: Dann müsst ihr halt besser sein, mehr Radio-Einsätze und mehr CD-Verkäufe haben. Aber wer bestimmt denn darüber? Wir bestimmen nicht darüber, ob wir im Radio gespielt werden, sondern die Musikredaktionen, die auch wieder männerlastig besetzt sind. Irgendwo steht man dann an. Die Reihe #WEARE zeigt: es gibt weibliche Künstlerinnen und man kann sie auch buchen. Es gibt großartige Musik von Frauen aus Österreich.
Katharina Straßer: Und die weiblichen Musikerinnen liefern extrem ab. Bei der #WEARE-Veranstaltung im Brucknerhaus in Linz gab es standing ovations, das war ein bombastischer Abend, es war unglaublich.
„Wir haben über die Pop-Musik volksmusikalische Elemente entdeckt“
Im Video zu „Na“ ist auch eine Trompete zu sehen. Mir haben schon oft österreichische MusikerInnen erzählt, dass sie einen Hintergrund in der Volksmusik bzw. in der Blaskapelle haben. Wie ist das bei euch?
Steffi Poxrucker: Nein, das ist tatsächlich gar nicht so bei uns. Wir haben aber mit unserer Musik eine Fanbasis bei Blasmusik-Kapellen. Es gibt von ein paar Nummern von uns Blasmusik-Arrangements. Zum Beispiel von „Glick“. Wir haben auch schon mit Frauen aus der Blasmusik zusammengearbeitet. Wir sind nicht mit Volksmusik groß geworden: wir haben über die Pop-Musik volksmusikalische Elemente entdeckt. Auch durch die Sprache, durch den Dialekt. Bei uns war das eher der umgekehrte Weg.
Ihr seid Schwestern, das ist ein eigener Aspekt dazu, aber: Was kann man vom sozialen Gefüge Band fürs Leben lernen?
Christina Poxrucker: Man lernt, dass jede eigene Meinung Ticks und Qualitäten hat. Nach rund zehn Jahren Poxrucker Sisters haben wir ein gutes Gespür dafür, wer was kann. Wer kann was einbringen? So gibt es eine Arbeitsteilung. Eine Band bedeutet immer auch soziales Lernen, über Menschen, über Emotionen. Das ist im Zusammenhang mit der Musik sehr wichtig. Wir sind auch alle in der Wirtschaft und müssen in unserem Job gut wirtschaften können, damit sich das alles ausgeht. Aber eigentlich ist die Musik das Emotionalste, was aus einem Menschen herauskommen kann. Man muss darauf schauen, das nicht zu vergessen. Bei einer Zusammenarbeit wie mit Katie entwickelt man sich weiter, das macht einen stark. Dadurch hält man es weiter aus, denn: das Musikbusiness ist nicht immer leicht und toll. Man kriegt nichts geschenkt. Man kriegt nur das geschenkt, was man aus Leidenschaft macht.
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Im Prolog zum Video wird ein abwertender Scherz auf Kosten der Frau gemacht. So ein Scherz sagt zum einen etwas über die Haltung des Sprechers aus und deutet zum anderen auf ungesunde zwischenmenschliche Strukturen hin, die weitergedacht bis zu einer Persönlichkeitsstörung gehen können. In diesem Prolog steckt viel Know-How, wie ist der entstanden?
Steffi Poxrucker: Im Prolog sagt ein Mann: Zieh’ dir etwas Engeres an, denn lange geht das eh nicht mehr. Wir haben für das ganze Video gesammelt, was es so an Alltags-Sexismus gibt, der Frauen und Menschen generell begegnen kann. Wir haben da mit der Kabarettistin Elli Bauer zusammengearbeitet, sie ist eine Sprachkünstlerin. Mit ihr haben wir gemeinsam am Text gearbeitet und es ging eben genau um das: wenn eine Aussage in einem Scherz oder Kompliment verpackt ist, ist es oft schwierig, rasch darauf zu reagieren und überhaupt damit umzugehen. Oft durchschaut man so eine Abwertung erst im Nachhall. Uns war wichtig, genau das zu präsentieren: nicht das Offensive, das man gleich identifiziert. Sondern das, was ein wenig versteckter ist. Damit man durch diesen Prolog in die Thematik hineinkommt, warum es so wichtig ist „Nein“ zu sagen. Dass man „Stopp“ sagt, wenn man eine Grenzüberschreitung spürt. Und manchmal spürt man das ja nur, weil man es zuerst gar nicht fassen kann.
Coaches oder PsychologInnen sagen, dass „Nein“ eine unglaublich starke Haltung ist.
Katharina Straßer: Ja, und es wäre super, wenn das auch in der Gesellschaft so wahr genommen werden würde. Ich bin zum Beispiel jemand, der gut „Nein“ sagen kann. Ich bin dann aber immer gleich die „Ungemütliche“, der nachgesagt wird, es wäre nicht so leicht mit ihr. Aber ich kenne mich und meine Grenzen gut, ich würde mir nichts zutrauen, wo ich das Gefühl habe, dass es mich überfordert. Das ist auf lange Sicht für niemanden gut, und ich bin die, die vielleicht nicht ins Burn-Out rennt. Wenn ich gefragt werde, was ich an Menschen stark finde, sage ich immer: wenn man Schwäche zeigen kann. Das ist zwar ein abgedroschener Spruch, aber absolut richtig. Das ist eines der stärksten Dinge, die man machen kann.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Live:
Gemeinsame Termine 2023: 10 Jahre Poxrucker Sisters mit Jubiläumsgast Katharina Straßer
17.09.2023: Kult Hof, Salzburg
06.10.2023: Cselley Mühle, Oslip
12.10.2023 Orpheum, Wien
13.10.2023 VAZ, St. Pölten
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Links:
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Katharina Straßer
