„Entscheidend ist nicht, wie viele wir sind, sondern wie wir miteinander arbeiten.“ – mica-Interview mit dem Salzburger FACTORY-Kollektiv

Salzburg im Sommer bedeutet bekanntlich nicht nur Festspiele, sondern seit 2019 auch The Factory Free Art Space. In der Anfangsphase noch mit einem deutlich Schwerpunkt auf Bildender Kunst versehen, präsentiert sich das Festival spätestens seit 2022 auch mit einem opulenten Musik-Programm zwischen DJ-Culture, Electronica, Experiment, Performance und widerspenstig Unkategorisierbarem. Auch bei der heurigen Ausgabe (18. Juli – 27. Juli 2025) wird es dabei über 50 Acts geben, die erneut in einem Leerstand (dem ehemaligen City Center beim Bahnhof) auftreten werden. Für das mica hat sich Didi Neidhart mit dem Factory-Kollektiv zum Interview getroffen.

Wie kam es zur Gründung von FACTORY und was waren dabei eure Beweggründe?

FACTORY: The FACTORY Free Art Space versteht sich als Antwort auf fehlende Sichtbarkeit, eingeschränkten Zugang und soziale Isolation innerhalb einer kulturell hochgradig aufgeladenen Stadt. Entstanden ist das Projekt aus dem dringenden Bedürfnis, einen offenen, flexiblen Ort für künstlerische und individuelle Ausdrucksformen zu schaffen – jenseits institutioneller Strukturen, jenseits von Exklusivität.

In einer Kunstlandschaft, die oft nur jenen zugänglich ist, die über die richtigen Netzwerke oder Ressourcen verfügen, setzt The FACTORY Free Art Space auf Inklusion, Zugänglichkeit und gemeinsames Gestalten. Ziel ist es, künstlerische Perspektiven und vielfältige Ausdrucksformen sichtbar zu machen – insbesondere dort, wo sie bislang übersehen oder verdrängt wurden.

Zugleich richtet sich The FACTORY Free Art Space bewusst gegen die Vereinsamung und Fragmentierung des urbanen Lebens. Es geht darum, Menschen über Kunst in Begegnung zu bringen, Verbindungen zu schaffen, die sonst nicht entstehen würden.

Als nomadisches Konzept ist The FACTORY Free Art Space nicht an einen festen Ort gebunden. Es entsteht überall dort, wo künstlerischer und individueller Ausdruck Raum braucht.

Im Zentrum steht das Gemeinsame – als ein geteilter Prozess des Aufbaus, der Teilhabe und des Austauschs. Ohne thematische Vorgaben, ohne Barrieren – alle sind eingeladen, sich einzubringen und mitzuwirken.

The FACTORY Free Art Space begreift Kunst und Kultur nicht als Privileg, sondern als Teil des gemeinsamen Lebensraums. Es versteht sich als lebendiger, wandelbarer Ort, der sich an die Menschen anpasst, den Menschen gehört – und der genau dadurch gesellschaftliche Verbindung ermöglicht.

Wie seid ihr als Team/Kollektiv zusammengekommen und wie viele seid ihr eigentlich?

FACTORY: The FACTORY Free Art Space, wurde von Nina Vasilchenko initiiert und gegründet und ist im Laufe der Zeit von verschiedenen Menschen geprägt worden – manche kamen aus einem gemeinsamen Hochschulkontext, andere sind später dazugekommen, oft projektbezogen.

Anstelle eines festen Teams besteht eine offene Struktur, in der Beteiligung sich aus Interesse, Vertrauen und temporären Allianzen entwickelt. Einige Stimmen sind über längere Zeiträume dabei, andere stoßen situativ dazu.

Die organisatorische Verantwortung liegt bei einem kleinen, aktiven Kern aus unterschiedlichen Bereichen – Entscheidungen entstehen im Austausch, aber mit klarer Rollenverteilung. Aktuell engagieren sich unter anderem Nina Vasilchenko, Jasper Gradussen, Renaldo Rohrmoser, Leni Hofer, Katarina Nahtman, Joshua McGregor, Jenny Szabo und Thelonious Hamel. Entscheidend ist nicht, wie viele wir sind, sondern wie wir miteinander arbeiten: offen, situativ und verbunden durch eine gemeinsame Idee.

Bild des FACTORY Teams
The Factory Team © David Prokop

Ihr versteht euch als „offen, basisdemokratisch, kollektiv“ und vermittelt das auch bei den Veranstaltungen sehr gut. Aber funktioniert das immer so reibungslos bzw. wo würdet ihr anderen, ähnlich agierenden Initiativen, Tipps geben bzgl. der „Do’s & Don’ts“ solcher Aktivitäten?

FACTORY: Die Begriffe „offen“, „kollektiv“ oder „basisdemokratisch“ werden oft idealisiert – wir verstehen sie eher als Haltung denn als festes Modell. Aber das bedeutet nicht, dass alles reibungslos funktioniert. Entscheidungen im Kollektiv brauchen Zeit, Sprachebenen müssen ausgeglichen, Erwartungen geklärt, Rollen immer wieder neu verhandelt werden.

Was dabei hilft: Klarheit darüber, wer welche Verantwortung trägt, ohne alles sofort zu hierarchisieren. Offenheit heißt nicht Beliebigkeit. Es braucht eine gewisse Struktur, sonst wird Beteiligung unübersichtlich und Energie geht verloren.

Ein häufiger Fehler ist, zu denken, dass alle alles gleich mitentscheiden müssen. In der Praxis ist es sinnvoller, Räume zu schaffen, in denen Beteiligung situativ möglich ist – und gleichzeitig eine kleine Gruppe oder ein Team die organisatorische Kontinuität hält.

Vertrauen entsteht nicht allein durch Offenheit, sondern durch Verlässlichkeit. Und sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu teilen, aber auch loszulassen.

„Offenheit heißt nicht Beliebigkeit.“

Habt ihr trotzdem fixe Arbeits-/Spartenteilungen, also verteilte Kompetenzen?

FACTORY: Die Aufgaben im Projekt sind verteilt – nicht formal, aber sehr klar. Es gibt keine offizielle Spartengliederung, aber bestimmte Verantwortungsbereiche, die sich durch Erfahrung, Kompetenz oder auch Kontinuität ergeben haben. Wer sich organisatorisch einbringt, weiß, wofür Verantwortung übernommen wird – das ist wichtig, damit der gemeinsame Prozess tragfähig bleibt.

Wir vermeiden es, alles endlos im Team zu besprechen, sondern setzen auf Vertrauen und Eigenverantwortung.

Gleichzeitig bleibt die Zusammenarbeit beweglich: Rollen können sich verschieben, Zuständigkeiten angepasst werden – aber das heißt nicht, dass alle alles machen. Im Gegenteil: Klare Verantwortlichkeiten sind für uns eine Voraussetzung für Offenheit, nicht ihr Gegenteil.

Was fehlt(e) euch im Kulturleben der Stadt Salzburg?

FACTORY: Es fehlte weniger an Kultur als an Resonanzräumen. Vieles existiert, aber bleibt unverbunden: eher nebeneinander statt miteinander. Uns hat ein Ort gefehlt, an dem künstlerischer und individueller Ausdruck nicht nur präsentiert, sondern geteilt und weitergedacht werden kann.

Ein Ort, in dem man sich nicht erklären muss, um ernst genommen zu werden. Wo Prozesse sichtbar bleiben dürfen, wo nicht alles abgeschlossen, positioniert oder verwertbar sein muss.

Und vielleicht fehlte auch ein gewisser Mut zur Reibung – nicht alles muss glatt laufen, um relevant zu sein.

Wie wichtig sind Präsentationsmöglichkeiten für junge, nicht etablierte Künstler:innen, damit sie nicht Teil des doch relativ großen „Brain Drains“ werden, an dem Salzburg ja nach wie vor leidet?

FACTORY: Sichtbarkeit ist entscheidend – nicht im Sinne von Erfolg, sondern als Möglichkeit, überhaupt in Beziehung zu treten: mit Publikum, mit anderen Kunstschaffenden, mit sich selbst im öffentlichen Raum.

Viele junge Künstler:innen verlassen Salzburg nicht, weil sie unbedingt wegwollen, sondern weil es hier zu wenig zugängliche Räume gibt, in denen man wachsen kann – ohne sich ständig erklären oder beweisen zu müssen.

Präsentationsmöglichkeiten bedeuten auch: eingeladen zu sein, ernst genommen zu werden, sichtbar zu werden – jenseits von Konkurrenzlogik oder Hochkulturformat. Wenn das fehlt, bleibt die Stadt zwar schön, aber leer.

„Das Nichtwissen, das Fragile, das Unvorhersehbare wird Teil des Konzepts.“

Eine eurer zentralen Ideen besteht ja darin, eben keinen festen Ort zu haben, sondern stattdessen temporäre Nutzungen von Leerständen und öffentlichen Plätzen zu propagieren. Wie gestaltet sich das in Salzburg? Gibt es genug Leerstände, auf die ihr zurückgreifen könnt? Sucht ihr die selber, oder arbeitet ihr da z. B. mit der Initiative „Super“ zusammen, die ja konkret eine Anlaufstelle für Leerstände in der Stadt ist?

FACTORY: Die Idee, keinen festen Ort zu haben, war von Anfang an Teil des Konzepts – nicht als Ausweichlösung, sondern als Möglichkeit, auf das zu reagieren, was da ist oder fehlt. Temporäre Nutzung ist für uns keine Zwischenlösung, sondern auch eine Haltung: beweglich zu bleiben, Lücken wahrzunehmen, Räume in Frage zu stellen, statt sie zu besitzen.

Leerstände gibt es in Salzburg durchaus – aber sie sind nicht immer sichtbar oder zugänglich. Manches finden wir über direkte Recherche oder persönliche Kontakte, anderes ergibt sich im Austausch mit Menschen vor Ort.

Mit der Initiative „Super“ haben wir in der Vergangenheit punktuell zusammengearbeitet. Inzwischen ist The FACTORY Free Art Space sichtbarer geworden – viele Orte und Menschen kommen direkt auf uns zu.

Heute organisieren wir Zugänge zu Räumen eigenständig – nicht, weil wir privilegierter geworden sind, sondern weil wir festgestellt haben, dass bestehende Strukturen kaum tragfähig sind.

Bild einer FACTORY Veranstaltung
Factory 24 © Katarina Nahtman

Ihr habt euch vor Kurzem als Verein konstituiert. Wieso dieser Schritt?

FACTORY: The FACTORY Free Art Space ist kein Verein, sondern agiert als eigenständiges Projekt innerhalb eines bestehenden Vereinsrahmens.

Dieser Schritt war notwendig, um bestimmte organisatorische und rechtliche Voraussetzungen zu erfüllen – da das Projekt nicht länger über private Namen läuft, wie es bisher der Fall war. Das bedeutete auf Dauer gewisse Risiken: rechtlich, finanziell, aber auch im Hinblick auf Verbindlichkeit und Verantwortung.

Gleichzeitig eröffnet der Rahmen auch die Möglichkeit für Interessierte, Mitgliedschaften einzugehen.

Für uns war dabei zentral, dass sich die Arbeitsweise des Projekts dadurch nicht verändert: Der Vereinsrahmen ist ein Werkzeug – kein Modell.

„Ein häufiger Fehler ist, zu denken, dass alle alles gleich mitentscheiden müssen.“

Das künstlerische Konzept von FACTORY setzt ganz groß auf Interdisziplinarität – unterschiedlichste Kunstformen zwischen Works in Progress, Experimenten, Performances, Konzerten etc. Jetzt stellt sich jedoch bei solch experimentell-prozessorientierten Konzepten immer wieder die Frage, ob sie denn vor Ort (also live) wirklich aufgehen – oder nicht (was ja auch mal vorkommen kann).Wie geht ihr mit den eigenen Erwartungen und den potenziellen Möglichkeiten des Scheiterns um?

FACTORY: Interdisziplinäre Formate bedeuten, Verschiedenes zu verbinden – das Zulassen von Reibung, Unsicherheit und Zwischenzuständen.

Ein experimenteller Zugang muss nicht garantieren, dass alles „aufgeht“. Viel entscheidender ist: Er eröffnet Orte, in denen Fragen wichtiger sind als Antworten, in denen Entwicklung sichtbar wird.

Experimentieren und prozessorientiertes Arbeiten öffnen Räume, in denen etwas entstehen darf, ohne sich sofort legitimieren zu müssen. Dadurch kann sich auch eine Angst lösen – die Angst, nicht „gut genug“ zu sein, etwas nicht erst zeigen zu dürfen, wenn es fertig oder perfekt ist. Der Weg zum Ergebnis wird sichtbar gemacht – nicht nur das Ergebnis selbst. Genau daraus entsteht Austausch, Resonanz, ein gemeinsames Denken.

Es ermöglicht künstlerisches Arbeiten, das sich entfaltet – nicht nur abliefert.

Wenn etwas scheitert, dann nicht als Verlust, sondern als Teil der Bewegung. Und genau darin liegt seine Qualität. Entscheidend ist nicht das reibungslose Gelingen, sondern die Bereitschaft, sich dem Prozess auszusetzen – öffentlich, gemeinsam, sichtbar.

Scheitern ist dabei kein Störmoment, sondern Teil des Ganzen. In einem Raum, in dem alles schon fertig und abgesichert ist, entsteht wenig Neues.

Das Prozesshafte fordert ein anderes Verhältnis zur Erwartung: Das Nichtwissen, das Fragile, das Unvorhersehbare wird Teil des Konzepts. Ohne das wäre es keine Praxis – sondern nur Darstellung.

Ein weiterer Punkt, der bei vielen Gesprächen rund um FACTORY zur Sprache kommt, ist euer „Auswahlverfahren“, bzw. die Abwesenheit eines solchen. Alle, die mitmachen wollen, können mitmachen. Es gibt keine festen Vorgaben, Hierarchien oder komplizierten Bewerbungsverfahren. Mit einem „Ich will dabei sein!“ ist man dabei. Besteht dabei aber nicht auch die Gefahr einer gewissen Beliebigkeit, wo dann Kraut und Rüben nebeneinander präsentiert werden?

FACTORY: Es stimmt, dass es bei The FACTORY Free Art Space keine klassischen Auswahlverfahren gibt – keine Jury, keine formalen Vorgaben, keine Bewerbungsformate. Wer teilnehmen oder etwas beitragen möchte, wird grundsätzlich ernst genommen.

Aber Offenheit heißt nicht, dass alles ungefiltert nebeneinandersteht. Es braucht das Bewusstsein, dass man nicht allein ist. Nicht alles muss allen gefallen – aber künstlerische Beiträge entstehen nie isoliert, sondern immer in Beziehung zu anderen.

Wenn eine Idee potenziell verletzend oder überfordernd wirken könnte, wird darüber gesprochen – nicht, um sie zu verbieten, sondern um gemeinsam herauszufinden, wie sie eingebettet werden kann.

Es geht nicht darum, Kunst oder subjektive Ausdrucksformen zu zensieren – sondern sie in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Auch drastische Gesten oder körperlich intensive Momente können ihren Platz haben – aber sie erfordern ein Nachdenken darüber, wie sie wirken, wer ihnen begegnet und was sie im Raum auslösen.

Der Ort ist offen – aber nicht neutral. Was gezeigt wird, steht immer in Beziehung zu anderen. Und genau deshalb ist diese Offenheit keine Beliebigkeit, sondern eine geteilte Verantwortung.

„Viele junge Künstler:innen verlassen Salzburg nicht, weil sie unbedingt wegwollen, sondern weil es hier zu wenig zugängliche Räume gibt.“

Gab es schon mal Sachen, die ihr abgelehnt habt? Oder anders gefragt: Was würdet ihr ablehnen, wenn es euch angeboten würde?

FACTORY: Es gibt Grenzen – und die verlaufen dort, wo Beiträge menschenfeindlich, diskriminierend, extremistisch oder gewaltverherrlichend sind. Was mit unseren Grundhaltungen nicht vereinbar ist, hat keinen Platz.

Aber auch jenseits dieser klaren Linien gibt es Situationen, die ein Gespräch brauchen – zum Beispiel, wenn Beiträge sehr drastisch oder explizit sind und es keine altersbezogene oder räumliche Differenzierung gibt. Nicht weil etwas „zu viel“ wäre, sondern weil es sich entzieht, statt in Beziehung zu treten.

Provokation ist kein Problem – aber sie braucht Verantwortung. Der gemeinsame Raum ist durchlässig – auch für Kinder, für Menschen mit sensibler Wahrnehmung, für unterschiedliche Erfahrungen.

Das bedeutet nicht Zensur, sondern Rücksicht. Und den Versuch, Kunst als Begegnung zu denken.

Abgelehnt wurde in der Vergangenheit nichts – aber es gab Situationen, in denen wir gemeinsam mit der Person eine andere Form oder einen anderen Rahmen gesucht haben. Ablehnung heißt bei uns oft: Ein Gespräch beginnt.

Ihr definiert als euer „gesellschaftliches Ziel“ die Idee „Kunst als Gemeingut“. Was ist darunter zu verstehen?

FACTORY: „Kunst als Gemeingut“ bedeutet für uns: Sie gehört niemandem – und gleichzeitig allen. Nicht als Besitz, sondern als Möglichkeit. Nicht als Ware oder Dekoration, sondern als Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Zwischen Creative Industries auf der einen Seite und einem zunehmend unter Druck geratenen Kulturbetrieb auf der anderen fehlt oft ein Dazwischen – ein Raum, in dem Kunst nicht von Verwertung, Legitimation oder institutionellen Anforderungen abhängig ist.

Was fehlt, ist ein Verständnis von Kunst als öffentlicher Handlungsspielraum. Als etwas, das nicht nur repräsentiert, sondern öffnet. Das Fragen stellt, Nähe erzeugt, Irritation zulässt.

„Kunst als Gemeingut“ heißt deshalb auch: Orte schaffen, an denen sich Menschen beteiligen können, ohne etwas verkaufen, beweisen oder erfüllen zu müssen. Kunst nicht als Produkt – sondern als geteilte Praxis.

In dieser Vorstellung geht es nicht um romantische Ideen von Autonomie, sondern um ganz konkrete Fragen von Zugang, Sichtbarkeit und Teilhabe. Und darum, wem Kultur gehört – und wer daran mitwirken kann.

Bild einer FACTORYeranstaltung
The Factory © David Prokop

Jetzt versteht sich FACTORY ja auch als „Schutzraum für subkulturelle, freie und experimentelle Kunst“. Wieso braucht es eigentlich einen „Safe Space“ für gewisse Formen und Sparten der Kunst?

FACTORY: Ein sogenannter „Safe Space“ ist kein Ort der Abschottung, sondern der Ermöglichung. Gerade subkulturelle, freie und experimentelle Kunstformen bewegen sich oft an den Rändern – ästhetisch, politisch, sprachlich. Sie passen nicht in etablierte Formate oder Erwartungshaltungen.

Ein Schutzraum bedeutet in diesem Zusammenhang: ein Rahmen, in dem solche Arbeiten wachsen können – ohne sich sofort legitimieren, anpassen oder verwertbar machen zu müssen. Ein Ort, der Unsicherheiten aushält, statt sie zu glätten. Wo das Unfertige sichtbar bleiben darf, wo Widerspruch Platz hat.

Ohne solche Räume drohen viele dieser Ausdrucksformen zu verschwinden – nicht, weil sie uninteressant wären, sondern weil sie keine Möglichkeit haben, sich zu zeigen oder zu entwickeln.

„Safe Space“ meint also nicht Schutz vor der Welt – sondern ein Ort, an dem andere Arten des Zeigens, Wahrnehmens und Verhandelns überhaupt erst möglich werden. Nicht um sich zu entziehen – sondern um nicht aus dem Sichtfeld zu fallen.

Ursprünglich war der FACTORY Free Art Space ja für bildende Kunst, Performance, Musik, Literatur, Film etc. konzipiert gewesen. Davon war auch die Ausgabe 2024 geprägt, dennoch gab es gerade im Bereich Musik mit mehr als 50 Beteiligten eine regelrechte Explosion. Wie kam es dazu?

FACTORY: Das war keine bewusste Entscheidung im Vorfeld – sondern ein Prozess, der sich aus der Dynamik ergeben hat. Vieles ist im Austausch entstanden: zwischen Menschen, Ideen, Impulsen.

Nicht nur im musikalischen Bereich, sondern auch in anderen Sparten hat sich die Beteiligung in diesem Jahr deutlich intensiviert und verzweigt. Besonders im Soundbereich hat sich ein Momentum entwickelt – vielleicht, weil sich hier Szenen begegnet sind, die sonst selten miteinander in Berührung kommen und der Timetable stets mit der Gesamt-Kunst resoniert.

Viele der Beteiligten sind in anderen Städten aktiv und kamen nicht, um sich zu profilieren, sondern weil sie sich mit der Idee von The FACTORY Free Art Space verbunden fühlen und sie mittragen wollten.

Diese Form der solidarischen Beteiligung – jenseits von finanziellen Interessen oder kommerzieller Verwertung – ist nicht selbstverständlich. Sie war ein echtes Geschenk, das uns darin bestärkt hat, dass Orte wie dieser gebraucht werden. Dass Menschen zusammenkommen, nicht weil es eine Bühne gibt, sondern weil es eine Idee gibt, die sie teilen wollen. Für uns war es vor allem ein Zeichen dafür, dass The FACTORY Free Art Space als Plattform lebt: als Resonanzraum für das, was gerade künstlerisch und gesellschaftlich brennt.

Dass daraus über 50 Mitwirkende entstanden sind, war kein Ziel – sondern Ausdruck eines gemeinsamen Bedürfnisses, künstlerisches Arbeiten zu teilen, auszuprobieren und gemeinsam weiterzuentwickeln. Dabei waren nicht nur etablierte Namen vertreten, sondern auch Menschen, die ihre ersten Schritte machen. Und genau diese Mischung setzt Impulse – weil sie offen ist, durchlässig, lebendig.

Temporäre Nutzung ist für uns keine Zwischenlösung, sondern auch eine Haltung: beweglich zu bleiben, Lücken wahrzunehmen, Räume in Frage zu stellen.“

Wird bei der Musik ähnlich vorgegangen wie bei anderen Sparten (alle können, die wollen)?

FACTORY: Ja, absolut – auch im Bereich Musik gilt bei The FACTORY Free Art Space das grundlegende Prinzip der Offenheit. Gerade in der Musik zeigt sich, wie wichtig dieser Zugang ist: Viele Acts, die bei The FACTORY Free Art Space auftreten, hätten vielleicht sonst keinen Raum in Salzburg – sei es wegen fehlender Infrastruktur, mangelnder Sichtbarkeit oder zu hoher Barrieren im Einreiche-Prozess und dergleichen Gründe. The FACTORY Free Art Space schafft hier einen Möglichkeitsraum, in dem experimentelle Klänge, unkonventionelle Setups, etwas ganz Neues und auch Unsicherheit willkommen sind. Wir helfen einander.

Was wir allerdings tun: Wir begleiten und unterstützen. Wir sprechen mit den Musiker:innen, helfen bei technischen Fragen, unterstützen bei der Umsetzung, hören genau zu und versuchen gemeinsam zu überlegen, wie der Auftritt oder das Set gut eingebettet werden kann – sowohl atmosphärisch als auch organisatorisch. Es ist also eine kuratorische Arbeit, die nicht ausschließt, sondern integriert und stärkt. Das Ziel bleibt immer: Ein sicherer, wertschätzender Raum für alle – auch für laute, leise, rohe, verspielte oder unfertige Klänge.

Also auch bei der Musik verfolgen wir denselben offenen Zugang wie in allen anderen Sparten. Doch diese Offenheit bedeutet keineswegs Beliebigkeit – sie ist vielmehr Ausdruck eines sehr bewussten, achtsamen, fürsorglichen Kuratierens. Jede:r, der:die mitmachen möchte, ist grundsätzlich willkommen – und genau das verstehen wir als unseren Ausgangspunkt. Auch im Musikbereich denken wir in Resonanzen, in Übergängen, in Stimmungen – und schaffen so ein oszillierendes Programm, das nicht nur Vielfalt zeigt, sondern diese Vielfalt in ein gemeinsames Ganzes übersetzt.

Diese Form des Kuratierens basiert nicht auf Auslese, sondern auf Fürsorge. Es ist ein kollektiver, dialogischer Prozess, in dem Nähe und Verantwortung ineinandergreifen. Und genau daraus entsteht auch im Bereich der Musik ein Raum, der nicht nur Ausdruck von Vielfalt ist, sondern diese Vielfalt auch bunt trägt. Ein Programm also, das nicht nur experimentell oder offen ist, sondern getragen von einem tiefen Willen zur Verbindung – und das letztlich genau das hörbar macht, was The FACTORY Free Art Space im Innersten ist: ein Raum des Möglichen für alle.

Die Musik-Acts kommen ja nicht nur aus Salzburg und Umgebung. Mit Ornella Rodriguez, Kenji Araki, Idklang, Bentley Anderson aus New York/US, Apnoa oder Zanshin habt ihr ja auch Acts im Programm, die über die Grenzen von Salzburg bekannt sind. Wie kommt ihr zu denen?

FACTORY: Viele der Musik-Acts bei The FACTORY Free Art Space stammen aus Salzburg und Umgebung, aber genauso wichtig ist uns der Austausch über regionale & nationale Grenzen hinaus. Dass Künstler:innen wie Ornella Rodriguez, Kenji Araki, Idklang, Apnoa, Bentley Anderson oder Zanshin Teil des Programms waren, ist ein schönes Beispiel dafür, wie vielfältig sich unser Netzwerk entwickelt hat. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit im Musikbereich besteht darin, diese Idee auch wirklich zu den Menschen zu bringen – durch direkte Gespräche, persönliche Empfehlungen und das Weitererzählen unter Künstler:innen selbst. So entsteht ein Netzwerk, das sich organisch erweitert – getragen von gegenseitiger Begeisterung und einer unermüdlichen Auseinandersetzung mit allen, die sich einbringen möchten.

Bild einer FACTORY Veranstaltung
Factory 24 © Katarina Nahtman

Ein wesentlicher Faktor dabei ist, dass wir selbst ein Umfeld aus aktiven Künstler:innen sind – mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Arbeitsfeldern und Szenen, in denen wir uns bewegen. Diese Netzwerke bringen wir in The FACTORY Free Art Space zusammen. Oft ergibt sich daraus ganz organisch der Kontakt auch zu internationalen Acts: Sei es durch persönliche Empfehlungen, direkte Einladungen oder durch das einfache Fragen, ob jemand Lust hat, etwas zu zeigen.

Dabei geht es uns nie um „Namen“, sondern darum, Menschen mit einer Vision einzuladen – unabhängig von Bekanntheitsgrad oder Szenezugehörigkeit. Wir sind sehr dankbar für alle, die kommen, mit uns teilen, sich einlassen und Teil dieser Gemeinschaft & Community werden. Denn genau das macht The FACTORY Free Art Space aus: Ein Raum, in dem sich Wege verzweigen, in dem man sich gegenseitig aufmerksam macht, unterstützt und inspiriert – egal, woher man kommt.

Wieviel Leute organisieren jetzt eigentlich den Musik-Teil?

FACTORY: The FACTORY Free Art Space ist ein organisches, transparentes, rhizomatisches Netzwerk und jede:r im Team hat deren spezielle Aufgabenbereiche, aber unterstützen sich stets gemeinsam.

Den Musik-Teil organisiert seit 2022 vor allem Thelonious Hamel – mit ganz viel Rückhalt und Hilfe aus den Netzwerken. Es war nie ein „Ein-Mensch-Projekt”, sondern immer ein Miteinander, das stetig gewachsen ist.

Im letzten Jahr hat das Musik Programm noch gezielt Unterstützung von Saskia Kleemann und Attila Soós bekommen, was enorm geholfen hat. Lukas Gwechenberger (Performing Sound) hat bereits zuvor und auch immer wieder mit großem Engagement und Verlässlichkeit bei den Veranstaltungen mitgeholfen. Dieses Jahr wächst der Verantwortungsbereich Musik weiter: Unter anderem hilft bereits Tommi Fille und Toni Niggemann mit, und es stoßen laufend weitere motivierte Menschen dazu, die das erweiterte Team verstärken.

Trotzdem – und das ist wichtig – funktioniert The FACTORY Free Art Space nicht in voneinander getrennten „Teams“, sondern als ein kollektives Miteinander. Das ganze Hauptverantwortliche Team hilft dabei zusammen, von Programm (Jenny Szabo und Thelonious Hamel), über Bühnengestaltung (Nina Vasilchenko, Jasper Gradussen, Leni Hofer), Artist Care (Joshua McGregor), Fotografie (Katarina Nahtman) und Social Media Design (Renaldo Rohrmoser).

Bei The FACTORY Free Art Space ist es vor allem die Kommunikation – das Zuhören, das Dazulernen, das Miteinander – was den Raum wirklich besonders macht. Unser gemeinsames Ziel ist es, hörbar zu machen, was in Salzburg oft keinen Platz findet. Musik, Klang, Sprache, Noise, Stille – all das, was man vielleicht nicht erwartet, aber dringend braucht.

Und ein großer Dank geht auch an alle helfenden Hände, alle Menschen, die Unterstützung und Hilfe davor, zwischendurch & danach geben – besonders im Bereich Musik an Martin Löcker (FH Puch-Urstein, Performing Sound), dessen Unterstützung in allen Bereichen, Kreativität, Gedanken & Weisheit einfach unglaublich und unermüdlich ist.

Thelonious Hamel: Mir ist es wichtig, allen, die im Sound-Bereich etwas beitragen möchten – ob erfahren oder ganz am Anfang – Unterstützung zu geben. Egal, ob es technische Fragen sind, Ideen zur Umsetzung oder einfach der Mut, sich überhaupt zu zeigen. Durch diesen Austausch lerne ich unglaublich viel. Es ist nicht eindimensional, sondern ein gemeinsames Wachsen. Das gemeinsame Zuhören.“

„Provokation ist kein Problem – aber sie braucht Verantwortung.“

Wie finanziert ihr euch eigentlich?

FACTORY: The FACTORY Free Art Space funktioniert größtenteils auf ehrenamtlicher Basis. Ein Teil der Kosten wird punktuell durch Förderungen gedeckt, manches durch private Mittel oder Sachspenden. Auch über Spenden und kleinere Verkäufe – wie T-Shirts oder Taschen – versuchen wir in diesem Jahr, die laufenden Kosten zu decken.

Manche Dinge stemmen wir selbst, mit eigenen Mitteln oder durch Unterstützung aus dem Umfeld, durch Freundschaften und Netzwerke, wofür wir sehr dankbar sind.

The FACTORY Free Art Space versteht sich nicht als kommerzielle Plattform – aber auch nicht als Ort, an dem alles selbstverständlich ist. Es braucht reale Ressourcen, um bestehen zu können: Material, Technik, Transport, Räume, Arbeit.

Langfristig wünschen wir uns daher nicht nur symbolische Anerkennung, sondern eine gewisse strukturelle Absicherung – ohne dafür die Offenheit oder Beweglichkeit des Projekts aufzugeben.

Wenn mehr Mittel zur Verfügung stehen, könnten auch von unserer Seite Zeichen des Dankes und der Anerkennung gesetzt werden – an alle, die sich beteiligen. Nicht als Lohn für Leistung, sondern als Geste der Wertschätzung für das, was eingebracht, mitgetragen und möglich gemacht wird.

Was wird es heuer zu sehen und zu hören geben?

FACTORY: Auch 2025 wird The FACTORY Free Art Space wieder eine Kombination aus statischer Ausstellung und Live-Programmen präsentieren. Einige Arbeiten begleiten den gesamten Zeitraum, andere sind punktuell präsent – als Aktionen, Begegnungen, Atmosphären.

Es wird bildende Kunst, installative Arbeiten, Performances, Tattoo-Art, Graffiti-Space, digitale Art, Filme, Lesungen, Workshops, Sound-Performances, Musik-Acts und spartenübergreifende Formate geben – in denen Prozesse greifbar und teilbar werden.

Besonders stark ist auch dieses Jahr wieder der Musik- & Soundbereich vertreten – mit lokalen wie auch überregionalen Acts, darunter bekannte Namen und Newcomer:innen, die ihre Praxis jenseits kommerzieller Erwartungen entfalten.

Wir werden warme Küche, Kaffee und Kuchen, kalte Getränke und Chill-out-Orte haben.

Das Programm wird vorab veröffentlicht – nicht als starre Abfolge, sondern als Einladung, sich Zeit zu nehmen, sich einzulassen. Was zählt, ist nicht die Vollständigkeit, sondern die Vielschichtigkeit. Und das Gemeinsame, das dazwischen entsteht.

„Auch im Musikbereich denken wir in Resonanzen, in Übergängen, in Stimmungen.“

Gibt es konkrete Wünsche für die Zukunft?

FACTORY: Konkrete Wünsche? Vielleicht, dass nicht immer alles nur möglich ist, wenn man dafür kämpfen muss.

Dass Orte für freie, prozessorientierte, nicht-kommerzielle Kunst nicht länger Ausnahmen bleiben, sondern selbstverständlicher Teil einer vielfältigen Kulturlandschaft werden.

Dass Offenheit und Zugänglichkeit nicht als Provisorien gelten – sondern als Haltungen, die Zukunft tragen.

Was bleibt: der Wunsch nach Bedingungen, die solche Praxis nicht einengen oder vereinnahmen, sondern ermöglichen. Ohne Vereinfachung, ohne Marktlogik, ohne Verwertungsdruck.

Und inhaltlich?

FACTORY: Dass das Gemeinsame nicht verloren geht. Dass Kunst als etwas gedacht wird, das verbindet, fragt, irritiert – nicht nur etwas, das funktioniert. Dass sich Menschen weiter trauen, Unfertiges zu zeigen: Experimente, Prozesse, Ideen im Werden. Und dass es Orte gibt, in denen genau das nicht als Mangel gilt, sondern als Möglichkeit.

Aber auch: Dass fertige Arbeiten ihren Platz finden – nicht als bloße Repräsentation, sondern als Teil eines offenen Dialogs.
In Räumen, in denen Kunst nicht nach Perfektion bewertet wird, sondern danach, was sie auslöst und in Bewegung setzt.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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The Factory Free Art Space
18.Juli – 27. Juli 2025
Ehemaliges City Center
Ecke Karl-Wurmb-Straße 6/Fanny-von-Lehnert-Straße 4)

Bisher fixierte Live-Acts u.a.: Idklang, Elisa Visca, Ornella Rodriguez, scrutch, Misz Sputnik, How to DJ in Late Stage Capitalism (Karla Marx und Frieda Engel), 2Ghosts3 (Franziska Krug, Thelonious Hamel, Low Profiler), Re1ni, Earthy Sound Vibes (unschuldigVerdorben & Thelema), Gurkenkaiser, Phoenix (Giulia Di Stefano & Arnaud Soetens), Mike Myrs, DJ Düsenjet (Kanom Soundsystem), Charrua, Weltenwandler (Beate Ronacher & Daniel Toporis), Rxsesare.Red, Thelonious, ZHAR, Mad Rider, Madam A, EvilTwin, Jonas Feuerle, [broken link] (placeholder), triggered by noise, Windtal, Zeliha Doğusan, Quarter Circle, gunship collider, Philip Law, Barzo1, AMRAH, Veit Vergara, Tjuvio, Murmler, DJ Ndiaye

Das offizielle Programm wird am 06. Juli vorgestellt.

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Links:
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