(c) ORF/Ursula Hummel-Berger

„Eine wunderbare Möglichkeit, den akustischen Alltag vieler Menschen mitzugestalten“ – CHRISTIAN MUTHSPIEL im mica-Interview

Ö1 feiert in diesem Jahr seinen 50er und beschenkt sich selbst mit einer neuen Programmgestaltung, neuen Sendungen und einem gänzlich neuen akustischen Design. Für Letzteres verantwortlich zeigt der Musiker, Komponist und Dirigent CHRISTIAN MUTHSPIEL. Der gebürtige Steirer sprach mit Michael Ternai.

Was verbinden Sie persönlich mit Ö1?

Christian Muthspiel: Wie viele andere auch bin ich mit dem Sender aufgewachsen. Ich war fünf Jahre alt, als Ö1 gegründet wurde. Mein Elternhaus war musikalisch sehr klassisch orientiert. Und es gab damals eben nur diesen einen Sender, der Klassik im Programm hatte. Wobei ich dazusagen muss, dass für uns Junge zu der Zeit noch Ö3 mehr Anziehungskraft entfaltete. Ö3 war damals im Vergleich zu heute ein doch sehr progressiver Sender.

Eine ganz wichtige Persönlichkeit bei Ö1, die mich quasi bis heute zum treuen Hörer gemacht hat, war Walter Richard Langer. Ich glaube, er hat nicht nur mich, sondern eine ganze Generation zum Jazz verführt. Seine Sendungen waren für mich –  wie auch für viele andere – sehr wichtig und prägend.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass in Österreich jemand mit kulturellem Anspruch nicht Ö1 hört. Nicht nur, was die Musik, sondern auch was die Kunst allgemein betrifft. Auch die Nachrichtenformate sind anspruchsvoller als jene in kommerzialisierten Radios.

Wer ist eigentlich mit dem Auftrag an Sie herangetreten?

Christian Muthspiel: Peter Klein, der Ö1-Chef. Er hat mich direkt angesprochen und gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte.

Mussten Sie lange überlegen?

Christian Muthspiel: Ich habe aus Respekt vor dem Projekt kurze Bedenkzeit erbeten. Mit der Zeit bin ich dann aber immer mehr zur Überzeugung gelangt, dass diese Aufgabe für mich eigentlich maßgeschneidert ist. Es war der erste Auftrag, der alle meine Welten als Komponist, Jazzmusiker, Dirigent und Produzent zusammenführt.

Hatten Sie zu Beginn schon ganz konkrete Vorstellungen, in welche Richtung die Reise musikalisch gehen soll?

Christian Muthspiel: Mein Ziel war auf jeden Fall, die ganze Breite, die der Sender stilistisch abdeckt, auch in den Signations widerzuspiegeln. Und ich denke,dass mir das auch gelungen ist. Die größten Gegensätze bilden eine Fusion-Jazz-Band auf der einen und das Radio-Symphonieorchester auf der anderen Seite. Was die Signations betrifft, verhält es sich zwischen Orchester- und Kleinbesetzungen etwa halbe-halbe.

Bei den kleinen Besetzungen handelt es sich hauptsächlich um Jazzbesetzungen. In diesen haben unter vielen anderen Steven Swallow, mein Bruder Wolfgang und Benjamin Schmid – quasi meine ganze „musikalische Familie“ – mitgewirkt.

Die Produktion war alles in allem – auch weil ich als Dirigent und als Produzent tätig war – doch sehr herausfordernd und auch aufwendig. Insgesamt sind ja zweihundert Stücke entstanden, von denen knapp hundert Signations sind. Der Rest sind die Absagemusiken, die Trenner, welche Beiträge innerhalb einer Sendung voneinander trennen, und die Kennung.

„Entscheidend war für mich daher, eine Klammer sowohl in der Ausführung wie auch im Material zu definieren.“

Wie geht man an so ein großes Projekt eigentlich heran?

Christian Muthspiel: Wenn man so ein Projekt in Angriff nimmt und zu komponieren beginnt, ist es klar, dass man im Vorhinein einige Dinge abklären muss. Und das nimmt, wie es auch bei mir der Fall war, eine gewisse Zeit in Anspruch. Ich musste mir überlegen, wie das Klangbild überhaupt aussehen soll und wie das musikalische Material die vielen kleinen Teile zusammenhält. Es war zudem auch der dezidierte Wunsch des Auftraggebers, dass ein Klangbild entstehen soll, das man quasi auch als großes Stück hören kann. Entscheidend war für mich daher, eine Klammer sowohl in der Ausführung wie auch im Material zu definieren. Eine Entscheidung, die ich im Rahmen dieses Prozesses getroffen habe, war zum Beispiel, dass ich ausschließlich Instrumente und Stimmen verwenden wollte. Das heißt, keine O-Töne und Samples.

Werner Pirchners Signations laufen heuer ja das dreiundzwanzigste Jahr. Und zu der Zeit, als sie entstanden, waren gerade gute Samples etwas Heißes. Heute hat jeder allein auf seinem i-Phone tausend Samples verfügbar. Samples sind zu einem reinen Gebrauchselektroniksound geworden. Daher dachte ich mir, dass es gerade jetzt wieder etwas Besonderes wäre, wenn die Musik einzig mit Instrumenten eingespielt würde.

Eine weitere Entscheidung betraf das Material. Und da bin ich wirklich dem Beispiel vom Werner Pirchner gefolgt, der aus drei Tönen eine Kennung schrieb, die in jede Signation irgendwie eingearbeitet worden ist. Ich habe eine neue Kennung geschrieben, wobei sich diese doch sehr von der Werner Pirchners unterscheidet und aus mehr als drei Tönen besteht. Aber sie kommt auch in jeder Signation vor.

Christian Muthspiel (c) Gerhard Richter

Diese Tonabfolge, diese Kennung bildet quasi also die Klammer, die alles zusammenhält und für einen hohen Wiedererkennungswert sorgt.

Christian Muthspiel: Ich glaube, dass diese Klammer für den Komponisten fast wichtiger ist als für die Hörerin oder den Hörer. Ich muss, egal an welches Projekt ich auch herangehe, zunächst immer das Material definieren, um zu vermeiden, dass ich schon im ersten Takt von Hundertsten ins Tausendste komme. Ich glaube, als Hörerin oder Hörer kriegt man diese Klammer eher subkutan mit. Die Melodie der Kennung klingt ja nicht immer wirklich hörbar ab, sondern kann sich manchmal auch zum Beispiel in einer Mittelstimme verstecken.

Aber klar, es geht natürlich stark um das Thema Wiedererkennung, was aber in der Musik ja grundsätzlich der Fall ist. Die Kennung spannt – egal in welcher Stilistik oder Form, ob als Bassline, Nebenstimme oder Melodie – den roten Faden, an dem sich Hörerinnen und Hörer anhängen können.

Inwieweit hatten Sie freie Hand?

Christian Muthspiel: Ich hatte ganz freie Hand. Gleichzeitig aber suchte ich den engen Dialog mit Peter Klein und dem projektverantwortlichen Redakteur Christian Scheib. Wie sich gezeigt hat, war das eine gute Kombination, weil auf der einen Seite mit Peter Klein zwar ein Nichtmusiker, aber ein echter Radioprofi gestanden ist und auf der anderen mit Christian Scheib ein Musiker, der Partituren lesen kann. Dieser Dialog war für mich sehr hilfreich, ja sogar sehr wichtig, weil es sich hier wirklich um einen sehr speziellen  Auftrag gehandelt hat.

Ich beschreibe diese Arbeit gerne mit dem von mir sehr geschätzten Begriff „Gebrauchsmusik“, mit einem Begriff, der heute leider nicht gebührend wertgeschätzt wird, was ich sehr schade finde.

Man muss sich einfach nur Igor Strawinskys Ballette anhören, die waren auch alle Gebrauchsmusik. Da ist der Choreograf an ihn herangetreten und hat gesagt: „Schreib etwas, wozu wir tanzen können.“ Und dann sind wunderbare Dinge wie „Feuervogel“, „Pulcinella“, „Sacre“ und „Petruschka“ entstanden. Heute sieht die ganze Sache ganz anders aus. Beim überwiegenden Teil der Choreographien wird die Musik benötigt, einfach per Knopfdruck dazugespielt.

Ich empfinde es als einen ganz großen Verlust, dass diese Art zu schreiben – fürs Theater, für den Tanz oder den Film – Leuten überlassen wird, die eher Tontechniker sind als Musiker. Ich finde zum Beispiel viele von diesen Jingles im Fernsehen wirklich sehr schlecht gemacht. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden und natürlich kann es auch einmal hart grooven. Meine Jazznacht-Signation ist ja auch eine Hommage an Joe Zawinul, da geht es auch so ab wie bei „Weather Report“. Aber nur weil man in die Richtung geht, muss man es ja nicht schlecht machen. Ich denke, dass diese Entwicklung viel damit zu tun, dass genau in diesen Bereichen viel eingespart wird.

Das ist bei diesem Projekt aber erfreulicherweise anders. Ö1 investiert hier bewusst in die Qualität.  

Christian Muthspiel: Das auf jeden Fall. Es handelt sich ja um ein großes Projekt, um einen „richtigen“ Kompositionsauftrag. Ich hatte zum Beispiel vier Tage lang das ORF Radiosymphonie-Orchester. Das waren allein acht dreistündige Aufnahmesessions mit achtzig Leuten. Das kostet natürlich etwas. Genauso wie auch die Zeit im Studio, in das ich mich für die Aufnahmen der Kleinbesetzungen und den den Mix einen ganzen Monat lang einquartierte.

Wie lange haben die Arbeiten an diesem Projekt gedauert?

Christian Muthspiel: Ein knappes Jahr. Und das war auch nur möglich, weil ich mich in diesem Jahr – bis auf einige wenige andere Projekte – auf diesen einen Auftrag konzentriert habe. Ich wusste, dass der Aufwand ein sehr großer sein wird. Man muss bedenken, dass ich fast zweihundert Stücke geschrieben und instrumentiert habe. Insgesamt sind an die eintausend Notenseiten entstanden. Also eine wirklich große Menge. Vor allem logistisch stellte mich das Projekt vor eine große Herausforderung. Deswegen habe ich mir auch gleich zu Beginn ein alphanumerisches System zurechtgelegt, damit ich die Übersicht nicht verliere.

„Es ist ja fast jede Signation anders besetzt und in fast jeder übernimmt ein anderes Instrument solistische Funktionen.“

Die Menge ist wirklich imposant. Hat man bei so einem Projekt nicht Angst, dass einem am halben Weg die Ideen ausgehen könnten?

Christian Muthspiel: Diese Gefahr habe ich gespürt. Mein ursprünglicher Plan war ja, dass ich erst einmal alle Orchestersignations schreibe und dann die für die Kleinbesetzungen. Nach der dreißigsten Orchestersignation habe ich dann aber gemerkt, dass ich jetzt etwas anderes machen muss. So habe ich begonnen, dazwischen auch immer mehr Signations für die Kleinbesetzung zu schreiben.

Ich habe mir penibel Listen gemacht, die mir auf einen Blick sagten, welche Instrumente im Orchester bereits in Erscheinung getreten waren. Ich war von einer Art pädagogischem Ehrgeiz gepackt, zu zeigen, wie ungeheuer vielfältig instrumentiert werden kann. Es ist ja fast jede Signation anders besetzt und in solistische Funktion treten alle Instrumente auf. Ich habe mir gedacht, dass dieses Projekt eine sehr schöne und einzigartige Möglichkeit bietet, zu zeigen, welch ungemein bunt schillernder Klangkörper ein Orchester ist, was ein Orchester alles kann.

Bei den Kleinbesetzungen verhält es sich ähnlich, auch die sind alle anders instrumentiert. Es gibt ein paar mit einer richtigen Rhythmusgruppe, manche sind solistisch, manche im Kammermusikbesetzungen und so weiter.

(c) Berenice Hebenstreit

Inwieweit haben Sie einen anderen Ansatz als Werner Pirchner gewählt?

Christian Muthspiel: Ich glaube, ich habe es etwas leichter gehabt als Werner Pirchner. Insofern, als ich auf dem, was er bereits gemacht hat, aufbauen konnte. In der Geschichte des Senders war der Auftrag an ihn, etwas Neues zu machen. Davor gab es einige Signations von dem Tiroler Komponisten Bert Breit. Daneben haben sich die Redakteure die Signations für ihre Sendungen selbst aus irgendwelchen Stücken herausgeschnitten.

Es war ein kunterbuntes Verschiedenes. Das heißt, viele Überlegungen, die Werner Pirchner damals gemeinsam mit seinen Leuten bei Ö1 anstellen musste, waren andere als bei mir. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich mich ohne das Beispiel von Werner Pirchner dafür entschieden hätte, streng beim Material der Kennung zu bleiben. Ich hatte zudem auch die Möglichkeit, mir alle seine Signations in geballter Form einmal anzuhören. Das war insofern eine große Hilfe für mich, weil ich dadurch erkannte, was ich anders als Werner Pirchner machen wollte.

Mit Werner Pirchner verband sie ja eine enge Freundschaft.

Christian Muthspiel: Werner Pirchner war (und ist) für mich ein ganz wichtiger Mensch. Wir waren gut befreundet. Ich spiele in manchen meiner Projekte ja seit Jahrzehnten auch seine Jazzkompositionen und habe im vorletzten Jahr in Saalfelden zu seinem fünfzehnten Todestag mit meinem neuen Trio auch ein ganzes Hommage-Konzert gespielt. Insofern ist bei mir bei diesem Projekt auch eine emotionale Ebene hinzugekommen.

„Natürlich spürt man bei so einer Sache eine große Verantwortung.“

Werner Pirchners Signations sind jetzt 23 Jahre gelaufen. Denken Sie daran, dass auch Ihre möglicherweise so lange laufen werden?

Christian Muthspiel: Mit diesem Gedanken bin ich mittlerweile sicher schon ein paar Mal um drei Uhr in der Nacht aufgewacht [lacht]. Natürlich spürt man bei so einer Sache eine große Verantwortung. Als Werner Pirchners Signations damals zu laufen begonnen haben, gab es einen Sturm der Entrüstung von Tausenden Hörerinnen und Hörern. So etwas passiert mit Sicherheit auch dieses Mal. Aber ich denke, das ist normal.
Im Hinblick auf diese Verantwortung war mir viel wichtiger, dass das Ergebnis Qualität hat, vor allem auch hinsichtlich des handwerklichen Aspekts. Sind die Stücke gut geschrieben, passen die Stimmführung und andere Parameter, sind sie gut gespielt und aufgenommen worden.

Was ich wollte, war einfach, die sich bietende wunderbare Möglichkeit wahrzunehmen, den akustischen Alltag so vieler Menschen – pro Tag hören ja über 600.000 Ö1 – mitzugestalten. Ich glaube, dass die Musik mit vielen unbewusst etwas macht.

Wie sieht es eigentlich nun, nachdem Sie diesen Auftrag abgeschlossen haben, mit den nächsten Projekten aus?

Christian Muthspiel: Was den Jazz betrifft, möchte ich jetzt auf jeden Fall einmal wieder in Ruhe üben und mich auf die gemeinsame Tournee mit Steve Swallow vorbereiten. Auf das freue ich mich schon sehr, weil ich in den letzten Monaten doch sehr wenig mit meinen Instrumenten in Kontakt war und jedes einzelne Konzert mit Steve für mich ein Geschenk ist.
Dann bereite ich auch mein nächstes großes Dirigat vor, womit ich mir einen lang gehegten Wunsch erfülle. Ich dirigiere im März in Graz das erste Mal die 5. Sinfonie von Gustav Mahler. Und im Bereich des Komponierens erstelle ich im Auftrag der „Kurt Weill Foundation“ in New York eine neue, autorisierte Kammerensemblefassung der „Sieben Todsünden“.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Michael Ternai

Links:

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Klassik-Treffpunkt (Ö1)