“Musik aus Strom” heißt eine Veranstaltungsreihe mit Workshops, Konzerten und einer Ausstellung zum Thema Synthesizer und elektronischer Musik, die von 23. Jänner bis 16. Februar 2024 im Volkskundemuseum Wien stattfindet.
Ein Open Call …. synth-affine Musiker:innen sind aufgerufen, ihre Projekte vorzustellen und sich aktiv einzubringen. Im Mittelpunkt steht die Partizipation. „Je breiter der Diskurs, desto besser”, sagt Gammon, der gemeinsam mit Katrin Prankl, Kulturvermittlerin im Volkskundemuseum Wien, die Reihe nicht nur organisiert, sondern mit seinem Modular Synthesizer Ensemble auch einer der Protagonisten ist. Mit Markus Deisenberger sprach er über die Lebendigkeit des Instruments, Synthesizer-Synergien und die erhoffte Entstehung eines Netzwerks.
Du kommst aus dem Synthesizer-Bereich und spielst u.a. einen historischen Buchla Synthesizer…
Gammon: [lacht] Den spiele ich nur, wenn ich im Salon Krenek zu Gast sein darf. Ich spiele Modular-Synthesizer. D.h. ich habe einen relativ großen Koffer in den viele unterschiedliche Module eingebaut sind. Diese Module, mit ihren vielfältigen Funktionen, werden mit Kabeln miteinander verbunden. So entsteht ein vielschichtiger Signalfluss mit unerschöpflichen Klangmöglichkeiten. Für das Modular Synthesizer Ensemble verwende ich kleinere Instrumente. Die Idee ist, dass jeder Modular Synthesizer ein eigenes Instrument darstellt, eine eigene Stimme mit einer eigenen Klangcharakteristik und einer eigenen Funktion im Ensemble.
Wie kam es zu “Musik aus Strom”?
Gammon: Im Zuge meines Workshop-Projekts mit dem Modular Synthesizer Ensemble war ich schon öfters im Volkskundemuseum Wien zu Gast, habe dort Projekte mit Lehrlingen gemacht. Aus dieser Zusammenarbeit heraus entstand, gemeinsam mit Katrin Prankl die Idee für die Veranstaltung „Musik aus Strom“ Das Volkskundemuseum wird demnächst umgebaut, die Ausstellungsräume sind bereits leergeräumt. Der Baubeginn ist aber erst im Herbst 2024, bis dahin werden die Räume von verschiedensten Initiativen, mit unterschiedlichsten Themen bespielt. Im Jänner/Februar sind wir das erste Projekt.
Was genau macht ihr?
Gammon: Ich persönlich bin mit meinen Instrumenten sehr umtriebig. Mein Projekt, das Modular Synthesizer Ensemble, ist ein Workshop-Format für das keinerlei Vorkenntnisse mitgebracht werden müssen. Ich führe in das Instrument ein, erkläre, wie Klänge erzeugt werden und wie man damit arbeiten kann. Wie kann ich spielen, wie modulieren? Dann bekommen die Teilnehmer:innen ein eigenes Instrument und beginnen, damit selbständig zu arbeiten. Da entstehen dann binnen kürzester Zeit Klänge und Melodien, Rhythmen und Geräusche – eine facettenreiche Palette.
Es ist sehr unterschiedlich und genau deshalb auch sehr spannend. Aus all den Ergebnissen, die da entstehen, entwickeln wir dann im zweiten Teil des Workshops ein Musikstück, das gemeinsam erprobt, erarbeitet und gespielt wird. Am Ende gibt es immer ein konkretes Ergebnis.

Das passiert bei “Musik aus Strom” auch?
Gammon: Ja, es gibt Workshops, die wir anbieten und für die man sich anmelden kann. Tagsüber für Schulen, abends für Erwachsene. Die Workshops sind aber nur ein Teil. Aus dem partizipativen Gedanken heraus ist die ganze Sache entstanden, hat sich geformt und entwickelt. Es gibt in Wien ein paar Kollektive, die alle ihre eigenen partizipativen Veranstaltungs- Formate entwickelt haben. Diese Kollektive haben wir zur Kooperation eingeladen. Das sind der Signal Zirkus, Manege Frei, Sounds Queer und Klub Montage. Bei all diesen Projekten geht es darum, dass man sich trifft und etwas gemeinsam macht. Signal Zirkus beispielsweise ist ein Konzert-Format, das meistens im rhiz stattfindet. Wer sich meldet, kann dort spielen. Bei Manege Frei gibt es mehrere Tische und es wird spontan musiziert. Auf jedem Tisch gibt es einen Mixer und Kopfhörer. Man trifft sich am späten Nachmittag. Jeder nimmt sein Instrument mit und an den Tischen entstehen Improvisationen in spontanen Besetzungen. D.h. an jedem Tisch gibt es eine Session und am Abend wird das Ergebnis präsentiert. Klub Montage ist ein Synth-Jam. In der Vorbereitung dazu gibt es einen gemeinsamen Workshop, anschließen wird der Jam kuratiert, wer wann und in welcher Besetzung spielt. Aber es gibt auch ein Konzertformat, das an das gemeinsame Jammen angeschlossen ist. Sounds Queer haben sich der Aufgabe angenommen, ein Synthesizer-Archiv zu betreiben. Da kann man auch Instrumente ausborgen. Sie veranstalten auch viele Workshops und stellen Equipment zur Verfügung für Menschen, die keinen so leichten Zugang zu Synthesizern haben und/oder etwas probieren wollen. Wie gesagt: Wir haben uns gedacht, dass die Synergie all dieser Formate längst überfällig ist. Die Idee ist all diesen Projekten eine gemeinsame Plattform zu geben und Synergien entstehen zu lassen.
Wie kann man sich das vor Ort im Volkskundemuseum vorstellen?
Gammon: Wir haben im Erdgeschoss drei Räume, die wir bespielen werden. Insgesamt sind das ungefähr hundert Quadratmeter. In zwei Räumen gibt es Tische mit Synthesizern, die man probieren, auf denen man spielen kann, d.h. die Instrumente sind bereit, in unterschiedlichen Set Ups bespielt zu werden. Untertags ist es Ausstellung und Experimentierfläche. Abends gibt es eine Reihe von Veranstaltungen und Workshops.

Wie kamst Du eigentlich zum Synthesizer?
Gammon: Ich kam Mitte der 1990er Jahre nach Wien, spielte Schlagzeug und war eigentlich im Band-Kontext zu Hause. Mich hat es aber irgendwann nicht mehr gereizt, nächtelang in versifften Proberäumen zu verkommen. Gleichzeitig war das, was zu dieser Zeit an elektronischer Musik in Wien passiert ist, ungemein spannend. Das hat mich gereizt. Und so habe ich angefangen mit Plattenspielern zu experimentieren. Irgendwann las ich einen Artikel über das A-100 Analog Modular System, das Dieter Doepfer um diese Zeit herum herausbrachte. Ja, und das war´s dann. Seitdem bin ich infiziert.
Wann hast Du mit dem Modular Synthesizer Ensemble begonnen?
Gammon: Ich habe 2016 begonnen, das Format zu entwickeln. 2017 haben wir es dann das erste Mal in Berlin präsentiert. Seitdem bin ich damit unterwegs.
Und im Krenek Institut…
Gammon: …bin ich jährlich mit dem Modular Synthesizer Ensemble eine Woche lang vor Ort und leite Workshops.
Wie lässt sich ein modularer Synth überhaupt kontrolliert spielen? Es passieren doch auch unvorhergesehene Dinge, oder?
Gammon: Ja es gibt immer wieder Zufälle, die entstehen, indem man mal schaut, was passiert und die Möglichkeiten des Instruments auslotet oder auch Regeln bewusst missachtet. Das ist eine wertvolle Komponente, weil sie einen auf neue Fährten bringt und Ideen liefert. Aber es lässt sich natürlich schon auch kontrolliert mit dem Modular Synthesizer arbeiten. Es gibt auf der einen Seite die Klangerzeugung, und auf der anderen die Interaktion. Die Klangerzeugung bietet wesentlich mehr Flexibilität als bei nicht modularen Synthesizern und eröffnet ein umfangreiches Experimentierfeld. Die Interaktion mit dem Instrument unterscheidet sich ebenfalls von der herkömmlichen Spielweise mit einem Keyboard, weil auch die Spielweise jeder für sich ganz individuell gestalten kann. Inzwischen gibt es auch Module mit denen Einstellungen gespeichert werden können, d.h. es kann durchaus auch etwas reproduziert werden. Das ist nicht zwar immer 1:1 dasselbe wie auf einem Computer, sondern hat eine größere Lebendigkeit, aber es geht.
Wenn man sich auf den Modular-Synthesizer einlässt, ist einem das bewusst. Dann sucht man nicht nach einem jedes Mal gleichen Ergebnis, sondern weiß, dass auch die Tageslaunen des Instruments eine Rolle spielen. Beim Spiel mit anderen Instrumenten ist das aber nicht unähnlich.

Was erhofft ihr euch von “Musik aus Strom”?
Gammon: Was mir am Herzen liegt ist, dass Menschen zusammenkommen und ein Austausch passiert. Ein lebendiger Austausch zum Thema Synthesizer und elektronische Musik, aber auch darüber hinaus. Die Quantität ist nicht unser Fokus.
Es war uns auch von Anfang an klar, dass wir das nicht kuratieren wollen. Das sehen wir nicht als unsere Aufgabe, deshalb haben wir diese Kollektive ganz gezielt eingeladen. Drei davon richten die Samstagabende aus. Wenn aus dem Zusammenkommen dieser Kollektive was passiert, wäre das toll, und dass sich Überschneidungen ergeben und neue Interessierte dazukommen. Aber selbst bei den anderen Veranstaltungen geht es uns nicht darum, zu urteilen, sondern zu ermöglichen und den Abenden einen Rahmen zu geben.
Ein Diskurs-Format wollen wir versuchen zu etablieren: Den Salon Poti. „Poti“ kommt vom Potenziometer. Jeder Drehknopf eines elektronischen Instruments ist ein Poti. Dort präsentieren Akteur:innen etwas und erzählen darüber. Damit das was passiert, für das Publikum nachvollziehbarer wird. Wie Klänge entstehen, wie damit gearbeitet wird und welche Ideen dahinterstehen.
Für den Salon Poti haben wir einen eigenen Open Call ausgeschrieben. Für den Klub Montage und Manege Frei sind lediglich Anmeldungen erforderlich. Wir freuen uns jedenfalls auf rege Beteiligung und auch darauf, dass möglichst viele ihre Instrumente mitbringen.
Welche Altersgrenze gibt es für Schulklassen?
Gammon: Ich hatte bei meinen Projekten lange eine untere Altersgrenze von vierzehn Jahren, das hat sich aber in den letzten Monaten und Jahren weiterentwickelt. Auch Jüngere sollen kommen. Ich habe jetzt auch Kinder im Volkschulalter in meinen Workshops, das funktioniert super, macht richtig Spaß mit den Kids. Für eine Klasse von 25 Schüler:innen etwa habe ich zwölf Instrumente. Zwei an einem Instrument, das funktioniert ganz gut. Im Volkskundemuseum gibt es dann zwanzig, fünfundzwanzig Synthesizer. Einfach anmelden, kommen, und los geht´s!
Vielen Dank für das Gespräch!
Markus Deisenberger
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Musik aus Strom
Die Ausstellung findet von 23. Jänner bis 16. Februar 2024 statt. Im Erdgeschoß des Volkskundemuseums Wien stehen diverse Synthesizer zum Ausprobieren und Experimentieren bereit.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10:00h – 17:00h (an den Veranstaltungstagen bis 22:00h)
Montag geschlossen!
Salon Poti am 1., 2., 8., 9., 10., 14. Februar 2024
Akteur:innen der elektronischen Musik präsentieren und bieten Raum für Kommunikation.
Gesprächskonzert, Instrument-Feature, Lecture, Workshop, ob Nische oder Weitblick, Nerd oder Neugierig. Es wird anregend …
Termine:
23.01.2024 – Öffnung der Ausstellung
27.01.2024 – Eröffnung Signal Zirkus
01.02.2024 – Workshop – FLINTA* only by KlubMontage
02.02.2024 – Workshop – Modular Beginners by Gammon
03.02.2024 – Klub Montage
08.02.2024 – Workshop – FLINTA* only (t.b.a.)
09.02.2024 – Workshop – Modular Beginners by Gammon
10.02.2024 – Manege Frei
14.02.2024 – Vortrag / Lecture
16.02.2024 – Closing
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