Bild: ImPulsTanz

„[…] eine Bühne für Unbekanntes, Neues und Spezielles zu schaffen“ – HANNA BAUER, Kuratorin von ImPulsTanz soçial 2018, im mica-Interview

Das Wiener ImPulsTanz Festival findet seit 1984 statt und geht mittlerweile als größtes europäisches Tanzfestival für zeitgenössische Tanzkunst in seine 35. Runde. 50 KünstlerInnen bespielen heuer von 12. Juli bis 12. August in 50 Produktionen, davon 15 Uraufführungen, die großen und kleinen Bühnen der Stadt, wie beispielsweise das Burgtheater, das Volkstheater, das Kasino am Schwarzenbergplatz, den Würstelstand nebenan sowie das gesamte mumok, den Heldenplatz oder diverse Studios Wiens. Eröffnet wird das diesjährige Festival mit der österreichischen Erstaufführung von Dave St. Pierres Solo „Néant“ im Odeon. HANNA BAUER ist seit 2005 Teil des ImPulsTanz-Teams und zeichnet heuer als Kuratorin für das Rahmenprogramm „ImPulsTanz soçial“ verantwortlich – und somit für die musikalischen Nachteinlagen, die ab dem 12. Juli allabendlich ab 22:00 im BURGTHEATER VESTIBÜL und im KASINO AM SCHWARZENBERGPLATZ stattfinden und die heiligen Gemächer etwas umkodieren. Am Programm stehen u.a. CID RIM von der Affine Records-Familie, das AMADINDA SOUNDSYSTEM mit traditionell ugandischer Musik, gepaart mit Elektronik oder die deutsche, in Wien lebende Musikerin ABU GABI, die unter dem Motto “No fear, no shame, no nothing” auf schonungslose Weise persönliche Erfahrungen u.a. im Kontext männlicher Gewalt, Posttrauma und Sexismus bearbeitet, und akustisch und performativ einen Weg zurück zu Selbstliebe und Autonomie gefunden hat. Im Gespräch mit Julia Philomena betont HANNA BAUER die essentielle Möglichkeit für Zusammenkunft und Austausch junger KünstlerInnen, den Wandel und Prozess als Ausgangspunkt und das Sommerloch, dass es zu füllen galt.

Welcher Tradition folgt das Festival und inwiefern äußert sich diese beim soçial – Programm?  

Hanna Bauer: Das Festival hat ganz klein als Wiener Tanzwochen begonnen, einmal im Winter und einmal im Sommer. Ein paar Künstlerinnen und Künstler waren von Beginn dabei, zum Beispiel die belgische Koryphäe Anne Teresa De Keersmaeker. Man kann sagen, dass mit einigen Größen sehr früh ein roter Faden entstanden ist und gleichzeitig die Tradition des Festivals, immer Aktuelles einzubinden. In jeder Performance, in jedem Workshop und auch im soçial -Programm ist uns wichtig, im Wandel zu bleiben und auf zeitgenössische Diskurse zu reagieren. Die Rahmenprogramme selbst sind im Laufe der Zeit genauso gewachsen wie das Festival selbst und konnten sich als eigene Plattformen etablieren, die junge Menschen aller Kunst- und Kulturkreise zusammenführen – was ich besonders wichtig finde! Unser Publikum kommt aus der ganzen Welt nach Wien – Profitänzerinnen und Profitänzer sowie leidenschaftliche Anfängerinnen und Anfänger –  und wird im Rahmen des Festivals auf eine sehr erfrischende Art zueinander geführt, weshalb das Festival ein so breites Publikum genießt. Wir bieten verhältnismäßig Klassisches aber eben auch vollkommen freie, experimentelle Produktionen an.

Wie konnte sich „ImPulsTanz soçial“ zum zentralen, nächtlichen Szenetreffpunkt im Sommer etablieren?  

Hanna Bauer: Nachdem Magdalena Stolhofer vor 10 Jahren das Rahmenprogramm übernommen hatte, konnte sie eigentlich relativ schnell mit ihrem Konzept ein großes Wiener Publikum gewinnen. Sie ist schon damals in der Musikszene sehr verankert gewesen und hat die gemütliche Festival-Lounge schnell zum Dreh- und Angelpunkt, zur Partyoase des Wiener Sommers transformiert. Jeden Dienstag und Donnerstag finden die „ImPulsTanz on decks“ – Abende statt, an denen Performerinnen und Performer, Lehrerinnen und Lehrer und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selber ihre Lieblingsmusik auflegen und dadurch viele Festivalteilnehmerinnen und Festivalteilnehmer zum Tanzen motivieren und zum Lachen bringen, weil von Heavy-Metal bis Chopin alles dabei sein kann. Jeden Mittwoch gibt es ein spannendes Live-Konzert, die Freitag-Abende werden von Radio FM4 gehostet und zwei große Festival Partys gibt es auch noch. Als Location hat für die Festival-Lounge schon lange das Vestibül hergehalten, auch weil die unmittelbare Nähe zum Burgtheater und den anderen Bühnen wichtig ist. Jeden Abend finden Premieren oder Aufführungen statt, die ihren fließenden Übergang zur Party im Vestibül finden. Die Idee ist immer gewesen, Künstlerinnen und Künstler, die gerade auf der Bühne gestanden sind, in einem angenehmen und offenen Rahmen kennenzulernen, selbst zu tanzen und neuen Menschen zu begegnen – selbstverständlich bei freiem Eintritt, weil der Zugang jeder und jedem offenstehen soll.

Hanna Bauer (c) Maximilian Pramatarov
Hanna Bauer (c) Maximilian Pramatarov

Das Motto von „ImPulsTanz soçial“ lauter heuer „IN YOUR EARS“.  Was kann man sich darunter vorstellen und nach welchen Kriterien wurde das Programm zusammengestellt?  

Hanna Bauer:  Bei der „Live’n’Local“-Serie, den live Konzerten an jedem Mittwoch, habe ich darauf geachtet, Acts zu buchen, die noch keine allzu große Bühne gefunden haben. Insofern kann man das Motto als Aufruf dazu verstehen, den Künstlerinnen und Künstler bewusste Aufmerksamkeit zu schenken. Der Wiener Produzent B.Visible zum Beispiel eröffnet das Programm, er arbeitet gerade an seinem neuen Album und ist musikalisch zwischen instrumentalem HipHop, House und Funk zu verorten. Genauso arbeiten KeKe, ganz frisch beim Sublabel von Universal Music „MOM I MADE IT“ dabei, und ABU GABI an ihren Debütalben, jenes von Melik erscheint am 27.07. auf dem Label Hector Macello. Ich fand es wichtig, jungen Künstlerinnen und Künstler eine Plattform zu bieten, einen Rahmen, in dem man sich ausprobieren kann, in dem man Fehler machen darf und ohne Druck einen guten Abend in intimer Atmosphäre genießt. Bei den zwei Partys im Kasino am Schwarzenbergplatz habe ich Acts gebucht, die schon einem größeren Publikum bekannt sind und gut in einen Club-Kontext passen. Ich liebe beispielsweise das neue Album von Cid Rim sehr, außerdem wird das eine tolle Lichtshow. Auf das neue Projekt von Wolfgang Schlögl von den Sofa Surfers mit Amadinda Soundsystem freue ich mich auch schon. Das ist eine ugandisch-österreichische Band, die eine u.a. musikalische Brücke zwischen Europa und Afrika schlägt – auch wahnsinnig tanzbar! Wobei dieses Kriterium bei den Kasino-Partys gar nicht so wichtig wäre, weil die Stimmung generell so locker ist und bisher immer nach spätestens 10 Minuten die Tanzfläche gestürmt wurde. Da muss sich niemand warm stehen oder trinken.

Wenn Sie nach jahrelanger Erfahrung – auch als DJane in der Clubszene – Bilanz ziehen, welche Entwicklungen im österreichischen Musik – und Clubkontext sind passiert oder passieren?

Hanna Bauer: Es gibt viele Clubreihen und Labels, wie etwa Ashida Park, Bliss, SISTERS, BLVZE, Canyoudigit uvm., die Wien eine spannende Clubszene bescheren, indem sie auf aktuelle Tendenzen im Clubkontext reagieren, verschiedenen Konzepten folgen oder beispielsweise ganz unterschiedliche Orte und Räumlichkeiten zum Leben erwecken und sich so Partys nicht mehr auf nur 1-2 Schauplätze konzentrieren. Es ist auch schön zu bemerken, dass sich langsam aber doch eine gewisse awareness bezüglich weiblichen Acts in der Clubkultur entwickelt, auch wenn es hier noch viel zu tun gibt.

Glauben Sie, dass „ImPulsTanz soçial“ nachhaltig zur österreichischen Musikszene beiträgt?

Hanna Bauer: Ich bin mir nicht sicher, wie groß unser Standing, unsere Plattform ist und in welchem Ausmaß unsere Künstlerinnen und Künstler gehört werden – auch wenn sie sehr laut sind. Mit den Bühnen von einem Popfest oder Donauinselfest kann man unsere sicher nicht vergleichen, vor allem weil unser Publikum so spezifisch ist. Zwar breit und groß, aber trotzdem im Bereich der Subkultur. Aber dann haben auch schon beispielsweise Austrian Apparel vor Jahren bei uns gespielt, als sie noch unbekannt und sehr experimentell waren. Genau das interessiert uns aber nach wie vor: eine Bühne für Unbekanntes, Neues und Spezielles zu schaffen. Wir versuchen zwar, den Weg zur Lounge für alle sichtbar zu machen, aber ob trotz offener Tore wirklich jeder hinfindet, zum Burgtheater – ich weiß es nicht.

Was wünschen Sie sich für das diesjährige Festival?

Hanna Bauer: Dass der Austausch zwischen Partygästen und ImPulsTanz Künstlerinnen und Künstler wieder intensiver stattfindet. Die Gelegenheit, Menschen aus aller Welt, aus allen Kulturen, allen Kontexten und Kunstrichtungen kennenzulernen – die gibt es nicht oft. Und in diesem Sinne fände ich es schön, dass zwar im selben Ausmaß getanzt und gelacht wird, wie jedes Jahr, aber dabei auf die Kommunikation und Aufmerksamkeit nicht vergessen wird!

Vielen Dank für das Gespräch!  

Julia Philomena

ImPulsTanz festival lounge
12. Juli–12. August 2018, täglich ab 22:00, Eintritt frei!
Burgtheater Vestibül (1., Universitätsring 2).

Links:
ImPulsTanz
ImPulsTanz soçial (Facebook)