Manu Mayr (c) Astrid Knie

„Ein homogenes, dreidimensionales Klangbild“ – MANU MAYR im mica-Interview

Der 28-jährige Wiener Kontrabassist, E-Bassist und Elektroniker MANU MAYR ist solo wie auch in vielen anderen unterschiedlichen Konstellationen unterwegs. Im Interview mit Alois Sonnleitner sprach der Künstler unter anderem über seine Bands, seine Solo-CD, die JAZZWERKSTATT WIEN und „Laub Records“.

Sie haben kürzlich Ihre erste Solo-CD „Morene & live – Karlskirche“ herausgebracht. Worauf legen Sie besonderen Wert, wenn Sie ohne Begleitung musizieren? Haben unterschiedliche Räume unterschiedliche Auswirkungen auf Ihr Denken und Ihre musikalische Praxis?

Manu Mayr: Ja, definitiv. Oft habe ich ein Konzept für den Raum. Das Konzept perfektioniere ich zwar im Kämmerchen, aber die Ausführung findet immer im Dialog mit dem Raum statt. Letzteres trifft ohne Ausnahme auf jeden meiner Bühnenmomente zu. Ob mit Band, Ensemble oder solo. „live – Karlskirche“ stellte dabei eines meiner intensivsten Erlebnisse dar. Eine prall gefüllte Karlskirche bei einem Popmusik-Festival, das einem akustischen Kontrabass lauschte. Das war wirklich sehr schön. Die haben danach echt minutenlang nicht aufgehört zu applaudieren. Da war ich mir dann sicher, dass mich dieses Kontrabass-Solo-Format noch länger beschäftigen wird. In trockenen Konzerträumen habe ich dann angefangen, Effektprozessoren mit einzubinden. Was letztendlich zur Zusammenarbeit mit Zeno Baldi für sein Stück Morene geführt hat. Anlässlich meines Auftritts beim diesjährigen Jazzfestival Saalfelden habe ich dann die beiden Aufnahmen auf eine CD gebannt. Auch grafisch ist der Tonträger in diese zwei Parts aufgeteilt.

Meinen eigenen Solokompositionen liegt immer ein konkretes Konzept zu Spielweise und Klangergebnis vor. Meistens hänge ich in der Performance alle Konzepte zu einem großen Bogen zusammen und spiele ohne Rast bis zu 45 Minuten. Ganz selten sind kurze Pausen entstanden, aber auch da war es dem Publikum total klar, dass nicht applaudiert werden soll. Was ich nie beklemmend, sondern immer schön finde. Akustisch verbinde ich mikrotonale Obertonstrukturen mit technoidem Minimalismus und Renaissance-Harmonik. Elektronisch wird das ganze um grain sampling und artifizielle Raumstrukturen erweitert.

Sie spielen, je nach Erfordernis, sowohl Kontra- als auch E-Bass. Ist Ihnen beides gleich wichtig oder präferieren Sie eines der beiden Instrumente? Zudem scheint mir, dass elektronische Musik für Sie immer wichtiger wird.

Manu Mayr: Ausgehend von meinen – abgebrochenen – Klassik- und Jazzkontrabass-Studien ist mir Elektronik immer wichtiger geworden, das stimmt. Ob ich zum Kontra- oder E-Bass greife, hängt im Wesentlichen von der Musik ab. Nicht selten ist es aber auch eine logistische Entscheidung. Dass sich zum Beispiel Kompost 3 in den letzten Jahren immer mehr der elektronischen Musik angenähert hat, hat sicher auch damit zu tun, dass wir ziemlich viel herumgeflogen sind. Ein vom Veranstalter zur Verfügung gestellter Kontrabass ist zwar immer eine lustige Herausforderung, führt aber in 90 Prozent der Fälle nicht zum gewünschten Ergebnis. Um unabhängiger agieren zu können, habe ich mich daher immer mehr auf mein Pedalboard-Set-up mit E-Bass als Klangquelle oder Trigger eingeschossen. Immer seltener verwende ich den Kontrabass im Bandkontext und immer lieber im akustischen Umfeld. Wobei hier Ausnahmen die Regel bestätigen.

In diese neue Richtung scheint Ihre Arbeit an „schtum – EXP Time“ zu verweisen. Was ist über dieses Klangprojekt zu sagen?

Manu Mayr: Ich und Robert Pockfuß arbeiten bereits seit einem Jahr an „schtum“. In dieser Zeit konnten wir das technische Konzept im Studio verfeinern. Letztendlich geht es uns aber definitiv um eine Positionierung in spannenden Räumen und deren Dokumentation. Das ist uns mit „EXP Time“, finde ich, ganz gut gelungen. Erst danach ist mir klar geworden, dass wir mit dieser Methode sehr ähnlich arbeiten wie z. B. Empty Set. Technische Grundlage für die Klangerzeugung von „schtum“ ist ein Mono-Summierer. Es verlangt äußerste Präzision der Spieler, in dieser Beziehung aus Abhängigkeiten musikalisch umzugehen. Beide haben die Möglichkeit, den jeweils anderen komplett zu unterdrücken oder allein zu lassen. Beide Motivationen verändern das Klangbild wesentlich. Beim Unter- bzw. Wegdrücken entsteht ein dichtes Gewirr, bei dem nur noch Artefakte des Unterdrückten wahrnehmbar sind. Während der Alleingelassene plötzlich laut und nackt dasteht.

Welcher der vielen Bands, in denen Sie mitwirken, messen Sie derzeit die größte Bedeutung bei? Ich denke da an Kompost 3 bzw. an deren Erweiterung um Mira Lu Kovacs zum Ensemble 5K HD, aber auch an das Trio Trara, das Vincent Pongracz Synesthetic Octet und diverse Projekte mit dem Elektroniker Sixtus Preiss.

Manu Mayr: Kompost 3 und 5K HD sind definitiv die beiden Bands, für die ich am meisten im Hintergrund arbeite. Aufnehmen, Produktion und nicht zuletzt Komposition. Das Schöne ist, dass das auch für die anderen Beteiligten gilt. Der Kollektivcharakter steht an erster Stelle, und ich denke, dass wir vor allem deswegen über die Jahre eine gewisse Aufmerksamkeit erreichen konnten. Dabei Konflikte auszutragen, hat uns immer mehr zusammengeschweißt. Viele tolle Projekte scheitern nach einiger Zeit an den Egos. Uns war erstaunlicherweise von Anfang an klar, dass das eine Lebensaufgabe wird.

Sixtus Preiss schätze ich sehr als Studiokollegen und Produzenten sowie als Mikrofonbauer und nicht zuletzt als Freund. Ich habe, was die Produktion betrifft, viel von ihm gelernt und alle heiligen Zeiten ist es ein Riesenspaß, seine Musik live umzusetzen. Mit Vincent Pongracz verbindet mich eine langjährige Freundschaft, wir haben bereits vor über zehn Jahren an Duomaterial gearbeitet, und ich bin wahnsinnig froh über seine Fähigkeiten als Arrangeur. Aus meiner Sicht versteht er es wie nur wenige andere, die Tradition zeitgenössischer Klassik mit modernen Hip-Hop-Elementen zu verbinden um daraus eine Art urban contemporary zu schaffen. Das Trio Trara macht eine ziemlich merkwürdige Form von kammermusikalischen Liedern und im weitesten Sinne Jazz. Spielerisch verträumt kommen die Stücke daher. Und ich genieße jedes Mal die Probenzeit mit dem Strottern-Sänger Klemens Lendl und meinem JazzWerkstatt-Kollegen Peter Rom.

Zusammen mit Lukas Kranzelbinder betreiben Sie die Labelarbeit von „Laub Records“. Nach welchen Kriterien tun Sie dies und mit welchem Aufwand ist diese Arbeit verbunden? Geht es hier darum, vorzugsweise eine Plattform für eigene Musiken zu errichten?

Manu Mayr: Ja, es war von Anfang an als Plattform für unsere eigenen Produktionen gedacht, um diese schnell und unkompliziert veröffentlichen zu können. Wir sind als Verein organisiert und haben diesen in der Anfangszeit auch für Antragsstellungen genutzt. Mittlerweile reduziert sich die Labelarbeit auf das Betreiben der Bandcamp-Page. Dabei kümmere ich mich um den Versand. Ich laufe fürs Label also einmal pro Woche zur Post.

Apropos eigene Produktionen und deren Vervielfachung: Welche Bedeutung hat für einen jungen Musiker wie Sie die JazzWerkstatt Wien, aus der heraus einige Ihrer Aktivitäten gespeist werden?

Manu Mayr: Eine sehr große Bedeutung. Ich war mit 15 Jahren auf meiner ersten JazzWerkstatt und bin seit 2013 als Vorstandsmitglied an der Kuration beteiligt. Als Wiener Kind bin ich also in ein bestehendes Umfeld reingewachsen und habe eine tolle Infrastruktur vorgefunden. Dafür bin ich sehr dankbar. Die JazzWerkstatt hat meine frühe Entscheidung, das zu tun, was ich jetzt mache, bestärkt und gefördert. Jetzt fühlt es sich so an, als könnte ich zumindest ein bisschen etwas davon zurückgeben.

Welche Begegnungen mit welchen Musikerinnen und Musikern stehen für Sie an vorderster Stelle? Welche Einflüsse bzw. Inspirationen waren bzw. sind für Ihre Musik entscheidend?

Manu Mayr: Die Begegnung mit Lukas König, Martin Eberle und Benny Omerzell, die Geburtsstunde von Kompost 3, steht neben Erfahrungen mit dem Klangforum Wien an vorderster Stelle. Und die JazzWerkstatt, die in meinem Fall diese Welten kurzgeschlossen hat. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik und viele Erfahrungen mit Improvisation waren bestimmt entscheidend. Und gleich darauf eine große Faszination für experimentelle Elektronik, Hip-Hop und Pop-Produktionen.

Demnächst treten Sie beim Festival music unlimited, das vom 10. bis zum 12. November in Wels stattfindet, mit dem Ensemble Gabbeh auf. Wollen Sie uns abschließend etwas über den Charakter und die Ausrichtung dieser Band und über Ihre Rolle darin erzählen?

Manu Mayr: Gerne. Golnar Shahyar, Mona Matbou Riahi und ich verbringen in der Probenarbeit viel Zeit damit, ein homogenes, dreidimensionales Klangbild mit Stimme, Klarinette und Kontrabass als akustischen Klangquellen zu erzeugen. Unser erstes gemeinsames Programm haben wir 2012 erarbeitet. Das war noch ein geschlossener dramaturgischer Bogen, in dem Golnar Shahyar auf Farsi eine archaische Geschichte über Leben, Feste, Krieg und Tod erzählt hat. Diesen Bogen haben wir im Laufe der vergangenen Jahre aufgeweicht und dabei rhythmische Songstrukturen, Improvisationen und eine ganze Menge mikrotonaler Choräle eingearbeitet. Wir musizieren gemeinsam also wie ein zeitgenössisches Musikensemble, scheuen aber nicht davor zurück, unseren offensichtlichen Backgrounds und Inspirationsquellen zu frönen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Alois Sonnleitner

Links:
Manu Mayr / Laub Records
Manu Mayr (banpcamp)