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Die Wiener Rock-Subkultur im Porträt

Wien hat neben seiner weltbekannten Hochkultur mit Opern, Theatern und Konzerthäusern auch eine lebendige Subkultur zu bieten. Es ist oft die subversive und laute Subkultur, die Menschen anregt, ihre Überzeugungen zu hinterfragen, und eine Spielwiese für die Bildung kritischer und kreativer Meinungen bietet. Hier soll im Besonderen die Wiener Rock-Subkultur der letzten Dekade besprochen werden: Es ist der Versuch einer Skizzierung dessen, wer in der Wiener Szene die letzten zehn Jahre seine E-Gitarre eingeklinkt hat und abseits des Mainstreams relevant war. Doch wo fängt diese Szene an und wo hört sie auf? Schwierig zu sagen, aber wer trotzdem schon immer alles darüber wissen wollte, ist hier richtig.

Neben den Hauptakteurinnen und -akteuren – den Bands, Musikern und Musikerinnen – gehören zu einer solchen Szene auch andere Fadenziehende wie Plattenläden, omnipräsente Szenefiguren, Magazine und Independent Labels. Letztere sollen für einen Artikel, der bezüglich eines Gesamtheitsanspruchs sowieso zum Scheitern verurteilt ist, eines der Auswahlkriterien für musikalische Projekte bieten, um hier besprochen zu werden.
Also: 1. Die Band stand in der letzten Dekade statt bei einem Major Label vordergründig bei einem Independent Label unter Vertrag 2. Die Band agiert primär in Wien. 3. Die Band klinkt regelmäßig E-Gitarren ein.
In der Wiener subkulturellen Szene tummelt sich so ziemlich alles an Subgenres, die die Rock-Musik über die Jahrzehnte aus der Taufe gehoben hat: Indie-Rock, Alternative Rock, Art-Rock, Shoegaze, Post-Rock, Progressive Rock, Stoner Rock, Crossover, Noise Rock und viele mehr.*

Gerade eben dreckige Indie-Rock Gitarren und alles was in den Topf Alternative Rock passt

Die bekanntesten Independent Labels Wiens sollen einen Leitfaden für das Unterfangen dieses Szene-Porträts bieten.

Bild Kreisky
Kreisky (c) Ingo Pertramer

Wohnzimmer Records bereichern bereits seit dem Jahr 2002 die Wohnzimmer Österreichs und andernorts mit den Klängen ihrer Artists. Der löbliche Anspruch des Gespanns um Kerstin Breyer und Lelo Brossmann lautet, ohne wirtschaftliche Überlegungen, sondern nur nach Gefallen der Musik Bands Label-Arbeit zu bieten, die so fair ist wie bei Indie-Labels und so professionell wir bei Major Labels. Die deutschsprachigen Indie-Rocker von Kreisky tanzen nun bereits seit Langem erfolgreich auf der borderline zwischen Alternative und doch auch ein bisschen Mainstream. Mit den namensgebenden Bundeskanzler haben sie unter anderem eines gemeinsam, nämlich Schwergewicht im jeweiligen Schaffensbereich zu sein. Amadeus Austrian Music Awards, Kooperationen mit dem Rabenhof Theater und Dauerbrenner auf FM4 zu sein: All das kann sich die Band mit den gerade eben dreckigen Gitarren und den augenzwinkernd kritischen Texten auf die Fahnen heften. Auch andere Bands des roster finden sich im großen Eck des Independent und Alternative Rock wieder. The Boys You Know etwa erfüllten sich wohl einen Traum, als sie 2017 mit den in Sound nicht unähnlichen Pixies und Dinosaur Jr. auf Europa-Tour waren. Diese Tour könnte beinahe als Abschluss des Soundreifeprozesses in diese Richtung interpretiert werden, wurde doch 2018 – inzwischen zum Sextett angewachsen – „Two Lines That Never Touch“ vorgelegt, welches nicht nur geometrische Rätsel aufgibt, sondern auch die Evolution des Sounds in Richtung mehr Folk- und World-Einflüsse einläutete.
Das Trio Destroyed But Not Defeated ist nunmehr beim dritten Album aus wechselnden Lead-Gesängen, Gitarrenwänden und weiteren unkonventionellen Idee angelangt. Wie verknüpft örtliche Szenen oft sind, zeigt die Produktion des letzten Albums „Deluxe Redux“ durch Ex-Kreisky Gregor Tischberger. Das Lebensgefühl einer beinahe weltweiten Szene bringen seit langem A Life, A Song, A Cigarette auf den Punkt. Some things never change: weder solche Lebensgefühle noch der Erfolg, den die Wiener mit ihrem beherzten, an ein Roadmovie erinnernden Stil haben. Das Quartett We Walk Walls – das beachtliche Erfolge einfahren konnte und insbesondere mit seinem Hit „Curiosity Doesn’t Suit You Well“ in aller Ohren war – hat sich leider aufgelöst. Sänger Silvio Haselhof hat allerdings mit seinem wohl satirisch betitelten Ein-Mann-Projekt New Wellness ein schräges Lebenszeichen von sich gegeben.

DIVES an der Tankstelle
DIVES an der Tankstelle (c) DIVES

Da Labels des Öfteren auch nur temporäre Wohnzimmer bieten, waren etwa die bereits besprochenen A Life, A Song, A Cigarette auch schon auf Siluh Records aktiv. Letzter Goldgriff des 2005 gegründeten Labels waren Dives, die seit ihrer ersten Veröffentlichung 2017 eine zu oft von Männern und Testosteron dominierte Szene um eine andersartige kreative Ader bereichern. Wen „surf-garage-pop with emancipated lyrics“ nicht augenblicklich anspricht, der sollte sein Leben überdenken. Francis International Airport ziehen schon etwas länger ihre Kreise zwischen britisch orientiertem Gitarren-Pop und elektroaffinen artsy Rock. Der Grundtenor der Band lautet melancholische Ohrwürmer.

Lärmend und reizend zugleich: von Noiserock über Shoegaze zu Dreampop

Die allseits amtsbekannten Sex Jams sind Label-Tausendsassa und so etwas wie die österreichische Version von Sonic Youth. Lachend ins Chaos oder chaotisch ins Lachen? Jedenfalls mit einer Prise Noise im Rock und notorischen Akkord-Progressionen. Einen Namen erspielte man sich mit einer energiegeladenen Live-Präsenz rund um Katarina Trenk (und einen gewissen Wolfgang Möstl in späteren Versionen der Band).
Kern & Quehenberger sind das brainchild von zwei absoluten Dreh- und Angelpunkten der österreichischen Undergroundszene: Didi Kern ist involviert bei Bulbul, Fuckhead, Gustav u. a. und Philipp Quehenberger ist schon lange als Improvisationstalent und elektronischer Solokünstler ein Begriff. Also Duo kreieren sie mittels Schlagzeug und Synthesizer Soundscapes, die sowohl in puncto Kreativität als auch in Sachen instrumentalem Können nur wenigen anderen von der Hand gehen. Keine Gitarre eingeklinkt? Warum werden die hier erwähnt? Wer selber so furios Grenzen immer wieder neu verschiebt, darf auch hier Regeln brechen.

Bild Ash My Love
Ash My Love (c) Kurt Prinz

Der Name ist Programm beim vom Dominik Uhl und Konsorten seit 2003 betriebenen Noise Appeal Records  lärmend und reizend zugleich. Das dreckige Duo Ash My Love besticht seit Langem mit Roadmovie-Musik mit einem punkigen Anstrich. Authentizität im Sound und Kritik an der Welt werden hier großgeschrieben. Bei Konzerten werden schon mal Schlagzeug und halbakustische Gitarre von Andreas Dauböck gleichzeitig bedient, während Ursula Winterauer die tiefen Töne beisteuert. Dauböck ist seines Zeichens auch Teil der jüngst in Erscheinung getretenen Dun Field Three, die als maskiertes Trio eingängige Melodien mit Vintage-Sound verknüpfen und unter den Masken durchaus auch mal schelmisch hervorlugen. Bei The Ghost and the Machine rund um Andi Lechner und seine Resonatorgitarre geht es musikalisch ähnlich zu: reduziert aufs Wesentliche, erdig, ehrlich und beinahe poetisch. Rebellische Americana-Musik mit jeder Menge Freiheitsfolklore mit jazzigen Einsprengseln.
Elektrisierend und mit dem Gaspedal nicht nur tendenziell in Richtung durchgedrückt gehts bei dem Duo Heckspoiler zur Sache, das sich in Wahrheit am besten als zeitgemäße Darbietung der ursprünglichen Rock-’n’-Roll-Idee beschreiben lässt: laut, extravagant und aneckend kritisch. Verrückte Dyaden dürften es den Köpfen des Labels angetan haben, schlagen doch Scarabæusdream in eine ähnliche Kerbe: Hier regiert der Wahnsinn, Linearität ist nicht mehr gegeben und zwischen 90er-Synthesizersounds und chaotischem Schlagzeug findet sich eine der Essenzen des Musizierens – kreatives Schaffen.

Die eklektischen Couscous verbrüdern vom Baritonsaxofon bis zur türkischen Saz so ziemlich alles mit der herkömmlichen E-Gitarre. Ein aufrüttelnder Stilmix, der zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten anregt und zuletzt 2016 mit der Kollaboration mit dem Improvisationskünstler Boris Hauf seinen Höhepunkt fand. Viele der Bandmitglieder sind bekannt aus anderen Szeneprojekten wie Kreisky und Die Buben im Pelz. Letztere vertreiben ebenfalls über dieses Label ihre wahrlich wienerische Version von apokalyptischen Sounds und Songs und sind wahre Wiener Geschichtenerzähler. Mit ihrem Debüt im Jahr 2015 brachten sie es gar bis zu einem Album des Jahres bei der Welt.

Bild Hans Platzgumer
Hans Platzgumer (c) Gerhard Klocker

Der Wahlwiener Hans Platzgumer aus Tirol, welcher in den 1990ern mit H.P. Zinker selbst die New Yorker Undergroundszene gehörig aufmischte und maßgeblich an der Gründung legendärer Labels wie „Matador Records“ und „Thrill Jockey Records“ beteiligt war, findet nebst einer Vinyl-Neuauflage von „Mountains of Madness“ – seines Zeichens Schaffenszenit genannter Band – mit seiner wiederbelebten Band Convertible ein Zuhause im Hause von Dominik Uhl. Er dissoziiert und wird zum bluesig-rockigen Musizieren mit großen Melodien neuerdings zu einem norwegischen Alter Ego namens Colin Holst.
Eine weitere Größe in der alternativen Szene verbirgt sich mit Gerhard Potuznik hinter The Happy Sun, seinem neuesten Kind nach dem elektrischen Outlet GD Luxxe. Nunmehr regieren E-Gitarren zwischen psychedelisch angehauchtem Pop und Shoegaze Potuzniks Welt.
„Noise Appeal“ bietet auch vielen Nischen-Bands ein Zuhause. Im Bereich des Post-Rock hat man mit dem zwischen Wien und den USA oszillierenden Quartett Lehnen eines der heimischen Zugpferde in diesem Genre am roster. Zwei Amerikaner und zwei Wiener geben hier ihre Version von epischen Songs in Überlänge mit brachialen Schlagzeug-Beats und hymnischen Gitarren zum Besten. Für die Tagträumer unter uns brillieren in Sachen Dream Pop und Shoegaze Bands wie Drive Moya und Like Elephants an den mannigfaltigen Effektpedalen und entlocken den Stromgitarren Signale, welche man nicht zwangsweise vermuten würde. Atmosphäre gekoppelt mit instrumental anmutendem Gesang ist in beiden Fällen Trumpf.

Bild Radian
Radian (c) Rania Moslam

Die legendären Radian rund um den Virtuosen Martin Siewert, ein experimentelles Trio zwischen Soundmalerei, Jazz, Krautrock und Post-Rock, haben den Sprung zum internationalen Label „Thrill Jockey Records“ geschafft. Eine Radian-Show live zu erleben ist wie eine Lehrstunde in Sachen, welche unkonventionellen Sounds man aus ungeahnten Ecken bestimmter Instrumente rausholen kann. Eine absolute Bank im experimentellen Eck der Independent-Szene Wiens und eigentlich ihre Könige sind Bulbul, die mit ihrer ureigenen Melange aus Rock, Elektro, Jazz, Noise und eigentlich allen gängigen Subgenres immer wieder ihr eigenes Rad neu erfinden. Das auf Arabisch nach der Nachtigall benannte Trio veröffentlicht bereits seit 1997 regelmäßig Alben, auf denen Kreativität und Innovation großgeschrieben werden. Auf die Spitze treibt dies ihr Gitarrist im Solokostüm als Raumschiff Engelmayr, denn Gitarren kann man auch mit Regenschirmen spielen.

Mehr Dream Pop und Shoegaze gibts bei Mela auf dem Label Kleio Records. Das Duo besticht mit träumerischen elektro-affinem Dream Pop und einer prägenden Kopfstimme des Sängers. Der Sound ist sowohl leichtfüßig als auch verspielt und versprüht eine Stimmung, die einen in den Tag hinein leben lässt. Ebenfalls unter Pop-Rock mit Anspruch fallen die Kollegen von James Choice & The Bad Decisions rund um Sebastian Abermann (alias James Choice), welcher heutzutage als Solo-Singer-Songwriter sein Unwesen treibt. Mit E-Gitarre und Band ergibt sich allerdings eine clevere Melange aus dem Spirit des Punk und dem Weltschmerz des Independent Rock.

Bild Lausch
Lausch (c) Andreas Jakwerth

Alles fließt: verkopfter Progressive Rock, brachialer Stoner Rock und schwelgerischer Post-Rock

Das Schwesterlabel Panta R&E fungiert als Wiener Eckpfeiler in Sachen Stoner Rock, Progressive Rock und Post-Rock. Die Waldviertler Wahlwiener von Lausch rund um den namensgebenden Szene-Mann Alexander Lausch bestechen seit mittlerweile fünfzehn Jahren mit ihrem extrem eingängigen stonerangehauchten Alternative Rock. Beim Trio lautet die Devise: grooviges Bass-Schlagzeug-Fundament und Hooks, Hooks, Hooks. Um Milk+ ist es in letzter Zeit ruhiger geworden, Frontmann David Furrer dürfte sich vermehrt dem Aufnehmen und Produzieren anderer Bands gewidmet haben. Zu Blütezeiten wurde hier Art Rock mit Experimentierfreude und ohne Scheuklappen kredenzt – Einflüsse aus den 70ern, Space Rock und Elektro müssen sich nicht widersprechen, wenn das Songwriting gut ist.
Nicht unähnlich geben sich The Fictionplay, die ebenso mit einem vielseitigen Mix aus Rock, Pop, Synth-Musik und einer Prise Funk zu überzeugen wissen. Progressive Pop-Balladen? Das hört sich nach einem Widerspruch an? Nicht unbedingt, hier beginnt Musik erst interessant zu werden.

Eine weitere Erweiterung in Sachen Rock-Musik führt das Post-Rock-Duo le_mol ins Treffen: Mittels einer Loop-Station imitieren die Multiinstrumentalisten eine ganz Post-Rock-Band und scheuen auch nicht vor den experimentelleren Gefilden des Noise Rock, Jazz und Progressive Rock zurück, um interessante Kompositionen zu liefern. Zuletzt kollaborierte man mit Szene-Legende Hans Platzgumer des befreundeten Labels „Noise Appeal“ und glänzte erstmals mit Gesang.
Stoner Rock mit Versatzstücken aus Crossover und einem Frontmann mit Singer-Songwriter-Vergangenheit liefern die aus Grazern und Wienern bestehenden Ultima Radio. Bis zur Ekstase reiht sich Riff an Riff und wird von einem effektüberlagerten Gesang – mit der Stimme als zusätzlichem Instrument – zusammengehalten. Bewegungsdrang garantiert.

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Mothers of the Land (c) Leo Pluschkowitz

Bei StoneFree Records ist der Name Programm und Stoner Rock im Mittelpunkt. Great Rift etwa verschmelzen E-Gitarren-Einflüsse aus unterschiedlichen Dekaden zu einem Stoner-Rock-Monster mit bluesigem und psychedelischem Einschlag. Es regiert das Riff. Ähnlich lautet das erste Gebot im Hause Mothers of the Land, die mit ihrem Sound die dem Stoner Rock so eigene „Zone“ heraufbeschwören: Licks und Riffs duellieren sich, um dann irgendwann auf einer Welle gemeinsam vorzupreschen in Richtung Ziel Magengrube und Haupthaar. Zum Garnieren gibt es Old-School-Sound und E-Gitarren-Soli.
Etwas weiter aus dem Fenster lehnen sich Intra, die allein schon durch die druckvollen weiblichen Vocals aus der leider noch immer sehr männlich dominierten Subkultur herausstechen. Auch hier wird eine Melange aus unterschiedlichsten Stilen geboten, allerdings in wesentlich modernerem Gewand und mit allerhand Präzision an den Instrumenten. Auch bei Cadú veredelt die Stimme einer Frau die wahrhaft wahnsinnig anmutende Mischung aus World-Musik, Trip-Hop und Rock. Von Bongos über Didgeridoo bis hin zu allerlei sonstigen akustischen Instrumenten braut sich hier in vielen Songs ein tranceartiger Sog aus Sounds zusammen, der sowohl betörend als auch verstörend sein kann.

Auch ein Label wie Ink Music, auf dem es musikalisch oft etwas geradliniger zugeht, hat mit 5KHD aktuell ein experimentelles Aushängeschild. Ursprünglich als Kollaborationsprojekt der Jazzer von Kompost 3 und Schmieds Puls gestartet, hat sich das Quartett als eine der absolut spannendsten Bands des ganzen Landes etabliert. Mit Mira Lu Kovacs, einer der kreativsten und interessantesten Szenepersönlichkeiten, welche bereits auch das Popfest kuratieren durfte, kann man ohnehin kaum etwas falsch machen. Gesanglich über jeden Zweifel erhaben wird sie virtuos von ihren Mitmusikern – u. a. dem genialen Lukas König am Schlagzeug – unterstützt. Im Songwriting zeigt man sich in einzelnen Kompositionen sowohl überaus sperrig als auch äußerst zugänglich, je nachdem welchem Instrument von Trompete über Synthesizer bis E-Drums man lauscht, und schafft trotzdem einen gelungenen Song – eine Leistung, die nur wenigen gelingt.

Bild Mira Lu Kovacs
Mira Lu Kovacs (c) Hanna Fasching

Independent Rock mit Anspruch und Köpfchen

Noch mehr Mira Lu Kovacs gibt es bei My Ugly Clementine. Österreich ist also nicht zu provinziell für eine sogenannte Supergroup – Schmieds Puls, 5KHD, Leyya, Kerosin95 und Lucid Kid in einem. Post-Punk hier, Pop-Rock da, ernste Themen zum Drüberstreuen: Mehr braucht es eigentlich nicht fürs nächste heiße Eisen beziehungsweise Obst.
Die oberösterreichischen Wahlwiener von Catastrophe & Cure gehören auch nicht gerade zum alten Eisen, obwohl sie schon lange ein Stammgast auf FM4 sind. Bereits seit 2012 brilliert man mit Britpop und Indie-Rock und vermochte auf jedem Album den Zeitgeist des Genres zu treffen. Farewell Dear Ghost setzen auf klassische Ohrwürmer in modernem Gewand. Elektroaffiner Indie-Rock mit einem Hauch von Retro in den richtigen Momenten. Die Gesangslinien sitzen einwandfrei und bleiben hängen.

Las Vegas Records veröffentlichen Alben aus den Bereichen Hip-Hop, Pop, aber auch Independent Rock. So haben hier beispielsweise die schon länger amtsbekannten und nach wie vor sehr umtriebigen Kommando Elefant ein Zuhause gefunden. Deutschsprachiger Independent und Pop-Rock der vielseitigen Sorte. Neben gesellschaftskritischen Texten gibt es in puncto Songwriting alles von Balladen bis zu Party-Hits. Verspielten Indie-Rock mit elektronischen Einsprengseln und melancholischem Grundtenor liefern Lex Audrey. Ohrwurmpotenzial nahe am Zeitgeist mit New-Wave-Synthesizer und sympathischer Stimme wird hier geboten. Einen wahrlich erfrischenden Sound können sich At Pavillon auf die Fahnen schreiben. Rock-’n’-Roll-Attitüde gepaart mit funkigen und souligen Einsprengseln, guter Laune und einem bestechenden Frontmann mit charakteristischer Stimme.
Mit einem beinahe retro angehauchten Sound hören sich auch You And The Whose Armies sehr energiegeladen an. Tanzbar, rockig und pointiert präsentiert sich das Songwriting des jungen Quartetts.

Bild Voodoo Jürgens
Voodoo Jürgens (c) Ingo Pertramer

Seayou Records wird wohl als jenes Label in die Geschichte eingehen, welches an Wanda und ihren modernen Austropop geglaubt hat und durch die Veröffentlichung deren ersten Albums ein Sprungbrett für deren Karriere war. Mit Voodoo Jürgens hat mein ein zweites aktuell heißes Eisen am roster, welches dem sogenannten Wienerlied neues Leben einhaucht. Mit seiner Kombination aus Wiener Schmäh, schwarzem Humor und lässiger Gitarrenarbeit überzeugt er immer mehr Zuhörerinnen und Zuhörer. Bei The Crispies geht es um den musikalischen Ausdruck von teenage angst mit dahingerotztem Punk Rock mit modernen Versatzstücken. Die Vermittlung eines Lebensgefühls und einer Attitüde in der guten, alten Rock-Besetzung steht hier im Vordergrund. Black Palms Orchestra rund um den ehemaligen Bunny-Lake-Sänger und FM4-Film-und-House-of-Pain-Guru Christian Fuchs liefern cineastischen Rock und haben schon vielmals die Aussage provoziert, sie hätten in einem alternativen Universum den perfekten Soundtrack für „Twin Peaks“ schreiben können. Stimmungsvolle und punktgenaue Kompositionen mit einem Kollektiv an Gastmusikerinnen und -musikern hauchen Österreichs subkultureller Musiklandschaft einen Hauch Hollywood ein. Siamese Elephants bestechen mit einer Mischung aus charismatischer Stimme, tanzbaren Beats und ohrwurmtauglichen Melodien. Independent Rock mit einer Prise Britpop funktioniert nach wie vor und verleitet einen wie eh und je, das Tanzbein zu bemühen. Im international durchaus wettbewerbsfähigen Künstlerverzeichnis von „Seayou Records“ finden sich noch etliche weitere Bands, deren Zuschreibung zur Rock-Musik allerdings mehr oder minder kreativ wäre.

Gegen alles und jeden und auch die Musik selbst: Post-Punk & other weird stuff

Etwas ruhiger geworden ist es um Fettkakao Records, die ebenfalls einen genreübergreifendes Netz an Musikerinnen und Musikern veröffentlichen. Einer der umtriebigsten Künstler des Labels ist Philipp Hanich alias Bruch, welcher neben den von Album zu Album recht unterschiedlichen Outputs auch in der Malerei tätig ist. Von Post-Punk über Industrial bis zu Synthie-Pop werden mehrere musikalische Spielwiesen beackert. Ein verbindendes Element: die bluesige Stimme. Lime Crush gehen es da etwas genretreuer an und kredenzen Post-Punk in Reinkultur: Es darf rumpeln und krachen, Hauptsache ist, die Energie und der Spirit kommen rüber. Laute und kurze Songs sowie kritische Statements sind die Trademarks der Band. Aus einer ähnlichen Ecke dröhnen Kristy and the Kraks, ein Duo bestehend aus Kate Kristal und Ana Threat. Garage Rock der schrägen Sorte mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und Spielfreude stehen hier am Programm.

Bild Wolfgang Moestl
Wolfgang Möstl (c) Beate Ponsold

Ana Threat ist ihrerseits auch als Solokünstlerin und Autorin aktiv und hatte bereits die Ehre, das Popfest zu kuratieren. Die Künstlerin veröffentlichte, ebenso wie Bruch, auch auf dem Independent Label Cut Surface, das sich mehr und mehr dem energetischen Lo-Fi-Universum des Post-Punks verschrieben haben. Melt Downer rund um Szeneguru Wolfgang Möstl (Mile Me Deaf, Killed by 9V Batteries, Sex Jams, Voyage Futur) sind aktuell eines der Aushängeschilder des Labels. Brachiale und inbrünstige Gitarren zwischen Noise Rock und Doom prägen das Soundgewand zum Schmelzen der Gehörgänge. Die Urgewalt eines jeden Rock-Sounds liegt eben doch im Prinzip im Trio aus E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug begraben.
Ein weiteres solches Power-Trio sind Good Cop, welche ein im Punk verwurzelte, kompromisslose Version von Stromgitarrenmusik darbieten. „Wütend auf die Gesellschaft – in Musik verpackt“ wäre eine treffende Beschreibung des Sounds der Band. Just Friends and Lovers beschreiben sich selbst als three Lo-Fi goddesses perform their merry-go-round of Post-punk, No-Wave and Indie-Pop”, und dieser fantastischen Beschreibung ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Eine gleichfalls schräge Mischung aus Noise Rock, Punk und kaputter Handbremse liefern die wohl nicht zufällig so benannten Wirtschafskammer. Dahinter verbirgt sich eine Supergroup – Österreich hat also sogar zumindest zwei – aus Voodoo Jürgens, Der Nino aus Wien und anderen, welche hier aufs Äußerste unkonventionell schrammelt, kracht und bisweilen Anti-Musik betreibt.

Auf Totally Wired Records wird ebenfalls viel Post-Punk und Rock der wahrhaftig alternativen Sorte geboten. Neben einigen bereits zuvor genannten Acts veröffentlichen hier die spannenden Crystal Soda Cream ihre Version von aneckender und zeitgemäßer Rock-Musik im Stile des New Wave und im Windschatten von Heroen wie Sonic Youth.
Mit Florian Temmel alias Gran hat man auch eine der schillerndsten und subversivsten Figuren der Wiener DIY-Szene unter seinem Dach. Dieser veröffentlichte freilich schon auf allerlei Labels und auch selbst seine Vision davon, wie Musik zu klingen hat – kritisch, unkonventionell und ohne dem primären Ziel, den Massen zu gefallen.

Eines der ältesten und ehrwürdigsten Indie-Labels Wiens ist wohl Trost Records, dessen roster zu einem guten Teil auch internationale Acts beinhaltet und in Sachen modernem Jazz-Rock und Avantgarde ein europäisches Aushängeschild ist. Klarerweise wurden aber auch immer wieder Perlen der österreichischen Szene selbst veröffentlicht. So etwa zuletzt Also, das aus Solo-Drummerin Katharina Ernst und Radian-Gitarrist/Soundhexer Martin Siewert bestehende Impro-Noise-Duo, welches immer wieder improvisierte Live-Sessions zwischen Jazz, Noise und Industrial veröffentlicht. Österreichische Subkultur-Größen wie Bulbul, Valina, Radian und selbst Hermann Nitsch nannten beizeiten „Trost Records“ ihre Heimat

Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die ebenfalls international und über die Rock-Musik hinaus agierenden Monkey Records, welche die Releases von Artists wie Ernst Molden, Son Of The Velvet Rat, Ulrich Drechsler und viele mehr verbreiten.

Experimentell ist im Rahmen von Genrezuschreibungen ein häufig vorschnell verwendetes Wort, aber es trifft wahrhaftig zu auf Labels wie Moozak Records, Schalko und Ventil Records, die Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform bieten, die zwischen Soundkunst, Noise und musikalischer Dekonstruktion mäandern und Musik als wahre Kunstform betreiben. Sonderlinge gibt es selbst unter den Sonderlingen – wie die Psychedlic-Rock-Tape-Fetischisten von Feathered Coyote Records rund um Uli Rois, Bird People und Primordial Underground.

Neben den Musikerinnen und Musikern und deren Vertrieb über Labels besticht Wien auch durch eine traditionsreiche Auswahl an Bühnen, Veranstaltungsorten und Lokalen. Seien es gut kuratierte Gürtellokale wie das Chelsea, das rhiz und das b72, DIY-Schuppen wie das Einbaumöbel und das Venster99, wo Fans im Prinzip ihre eigenen Konzerte veranstalten, die lang gediente Speerspitze der Bühnen namens Arena Wien, das wohlige WUK  oder die fluc wanne am Praterstern: Ohne das Geben und Nehmen zwischen Künstlerinnen und Künstlern sowie Veranstalterinnen und Veranstaltern gäbe es keine Szene.

Die Zukunft der Wiener Subkultur

Mit viel Herzblut und größtenteils, um der musikalischen Kunst Rechnung zu tragen, wird die Kulturlandschaft der Hauptstadt in diesen Kulturstätten zumeist ohne die ganz großen Profite beeindruckend mitgetragen. Umso dramatischer ist derzeit die coronabedingte Lage ebendieser Kulturstätten – so mussten leider bereits das rhiz, die fluc wanne und auch der Viper Room per Crowdfunding über private Unterstützerinnen und Unterstützer im Frühjahr 2020 über die Runden kommen. Man kann nur hoffen, dass die Subkulturstätten Wiens in der Pandemie von staatlicher Seite nicht völlig vergessen werden. Ein so wichtiger Teil der Kultur der Stadt würde versiegen. Gleiches gilt natürlich für alle freischaffenden Musikerinnen und Musiker in dieser Szene sowie für alle Beteiligten vom Musikmanagement über die Tontechnik bis hin zur Veranstaltungsorganisation, die mehr Unterstützung benötigen. In der Zwischenzeit könnte man als Fan einen der vielen gutsortierten Wiener Independent-Plattenläden wie etwa Substance Records, Rave Up Records oder Record Bag (online) aufsuchen und sich für den nächsten Lockdown-Abend ein feines Album Wiener Ursprungs kaufen, damit sich Wienerinnen und Wiener auch in Zukunft an kritischer, kreativer und lauter subkultureller Rockmusik erfreuen können, die Musik als echte Kunstform positioniert und dadurch die Leben vieler bereichert. Zumindest in diesem Porträt sei der Musik in der Zwischenzeit eine Plattform geboten.

Sebastian J. Götzendorfer

 

*Als eines der größten Subgenres innerhalb dieser Subkultur würde Metal den Rahmen dieses Artikels sprengen und wird demnach außen vor gelassen. Siehe LINK für ein früheres Szene-Porträt von mica zu Metal in Österreich.