Bild Spycats
Bild (c) Spycats

„Die Unabhängigkeit ist für uns, denke ich, einer der wichtigsten Faktoren“ – SPYCATS im mica-Interview

Eigentlich hätten die aus den ehemaligen TANGERINE-TURNPIKE-Musikern STEFAN WASCHER und KEVIN MAIER sowie aus dem ehemaligen HIGH-LEVEL-HEADPHONES-Drummer JOHANNES ORTNER aka HANZO bestehenden SPYCATS Anfang April im Salzburger JAZZIT ihr CD-Debüt feiern wollen, aber dann kam Corona. Zu Recht spricht der Pressetext zur EP „Nuff Said“ (BOOT) von einem „auditiven Trip durch die US-Westküste“. Und so klingen die einzelnen Tracks mit ihren „Geschichten über Eskapisten, Zwischenmenschlichkeiten und dem bittersüßen Duft von Rock n Roll“ dann auch – formidabel erzählt, gekonnt eingespielt und spannend aufbereitet. Didi Neidhart hat sich mit den SPYCATS zum Interview getroffen.

Wenn ich richtig gegoogelt habe, gibt es euch seit 2017. Wieso hat es mit der Veröffentlichung des Debüts dann doch bis zum Frühjahr 2020 gedauert? 

Stefan Wascher: Tatsächlich ist die erste Demoaufnahme von „Sun“ schon aus dem Jahr 2015, also aus dem Jahr, in dem ich begonnen habe, Songs für mein damals noch als Soloprojekt angedachten Arbeitstitel „Spycats“ aufzunehmen. 2016 verbrachten wir im Sumpf eines Bandprojekts, das uns, ohne dass wir es gemerkt haben, wie Treibsand vereinnahmt hat. Hauptsächlich außerhalb der musikalischen Aktivität. Nachdem es uns widerwillig ausgespuckt hat, wuschen Kevin, Hannes und ich uns den fahlen Geschmack der Provinzrockstarallüren und Kleinkrämerei aus dem Mund und entschieden uns, mit Spycats als Band weiterzumachen, da wir sehr enge Freunde sind. Es war auch der Moment, in dem wir erkannten, dass der einzige Weg für uns, Musik zu machen, Musik für uns zu machen, war. Das hat anscheinend seine Zeit, nicht veröffentlichte Sessions und Tonträger gebraucht.

Wie kommt man dabei auf die Idee, ausgerechnet das Debüt „Nuff Said“ zu benennen? 

Stefan Wascher: Nach dem Titeltrack „Nuff Said“.

Kevin Maier: Nachdem heutzutage allen durch die digitalen asozialen Medien die Möglichkeit geboten wird, ihre Meinung kundzutun, könnte man ja auch behaupten, es ward schon alles gesagt. Und wenn schon alles gesagt wurde, besteht auch wieder die Möglichkeit, ins Handeln zu kommen.

Produziert, aufgenommen und gemixt wurde die CD von Wolfgang Spannberger, der sonst ja vor allem für eine Producer-Tätigkeiten für Hubert von Goisern bekannt ist. Wie seid ihr auf ihn gekommen? Ihr unterscheidet euch doch sowohl von der Musik als vom Sound sehr. 

Stefan Wascher: Wenn man seine vorgefasste Meinung, die in meinem Fall bezüglich Hubert von Goisern ignorant auf zwei Musikstücke basiert und begrenzt war, hinter sich lässt, findet man im Katalog von Hubert von Goisern eine komplette Offenheit für jede Art an echter Musik. Hauptsächlich ziehen einen aber die Geschichten in den Bann.

Für mich hat Musikstil, Sprache, Instrumentierung oder etwas Modelastiges wie Sound weniger damit zu tun, ob ich mich entschließe, mit jemandem zu arbeiten. Das selbst gemalte Bild, das man von sich hat, und wie man glaubt, dass man klingen will, ist durch die Produktionsarbeitsweise mit Wolfgang sehr schnell der Ehrlichkeit gewichen, und er hat das dann als Live-Takes aufgenommen. Er verkauft ja keinen Signature-Sound, sondern diese Echtheit findet man stilunabhängig auch auf allen Tonträgern, die Wolfgang produziert hat.

Wolfgang haben wir zu den Vorbereitungen einer Studio-Live-Session von Magic Delphin kennengelernt, für die wir Kameras zur Verfügung gestellt hatten. Nach seiner Frage „Machst du auch Musik?“ und einem ausgedehnten Nachmittag des Am-Boden-Liegens und Demoaufnahmen-Hörens standen wir ein paar Wochen später im selben Studio, um eine Live-Session einzuspielen. Seitdem sind wir sehr gute Freunde geworden.

Kevin Maier: Dazu will ich höchstens noch hinzufügen, dass es meiner Meinung nach wichtiger ist, dass sich der Produzent für eine Band entscheidet und nicht vice versa. Wenn ihn die Musik nicht inspiriert, wird auch der Einwurf von Münzen nicht weit führen.

„Wir machen das alles in erster Linie für uns selbst.“

Wie kam es zur Idee, ein eigenes Label inklusive eines gleichnamigen Studios zu gründen und neben der Musik auch noch sämtliche Videos und Artworks quasi hauseigen zu produzieren? Ging es da um kreative Freiheiten und künstlerische Kontrolle? Wird das alles zusammen nicht auch etwas too much?

Albumcover Nuff Said
Albumcover “Nuff Said”

Stefan Wascher: Wir machen das alles in erster Linie für uns selbst. Da wollen wir‘s schon selber machen. Es stellt sich eher die Frage, was man noch alles machen kann, an das wir noch nicht gedacht haben. Zusätzlich machen wir auch Filmproduktionen für befreundete Musikerinnen und Musiker wie z. B. Steaming Satellites. Da geht‘s schon viel um den Dienst an der Sache. 

Kevin Maier: „Never let the same dog bite you twice!”, wie schon der ehrwürdige Chuck Berry so gerne behauptete. Die „musikalische“ Vergangenheit hat uns gebrandmarkt und eben gleich gelehrt, möglichst keine Abhängigkeiten einzugehen, wenn diese auch selbst zu bewältigen sind. Die Gründung des Labels „BOOT“ war daher mehr ein formeller Akt, als dass wir uns dadurch mehr auferlegt hätten. Also mehr Freiheit als Kontrolle.

„Wir wollen machen, auf was wir Lust haben, und uns nicht für irgendein Label verbiegen.“

Johannes Ortner: Gerade in der momentanen Zeit merkt man, wie schwierig es ist, in gewissen Abhängigkeiten handlungsfrei agieren zu können. Die Unabhängigkeit ist für uns, denke ich, einer der wichtigsten Faktoren. Wir wollen machen, auf was wir Lust haben, und uns nicht für irgendein Label verbiegen. Wenn du dann noch zwei der besten Artworker und Filmer in der Band hast, war der Weg zum „Boot“ schon geebnet.

„Im Trio zu spielen ist für mich wie ein Kartenhaus aus Sound.“

Eure Songs sind äußerst abwechslungsreich und haben dennoch einen gewissen Wiedererkennungscharakter, also eine Art spezifischen Gruppensound. Hat sich das so ergeben oder gab es von Anfang an schon den Plan, an einer spezifischen Soundästhetik zu arbeiten? 

Stefan Wascher: Geplant zweckdienlich. Im Trio zu spielen ist für mich wie ein Kartenhaus aus Sound. Ohne sich dabei überzubeschäftigen, dafür kontinuierlich den Windstoß abhalten, der das Haus zum Wackeln bringt …

Hanzo: Grundsätzlich haben wir einen sehr präsenten Bass, der mit den Drums einen Klangteppich bildet. Darauf legen sich Stefans Gitarrensounds. Das wäre für mich der Wiedererkennungswert.

Wie einige andere Acts in Salzburg – das reicht von Mel, The Steaming Satellites über The Shamamas bis mittlerweile auch Stootsie – scheint ihr weniger gewissen Brit-Pop-Spielarten zugeneigt als der amerikanischen Westküste. Was fasziniert daran heute noch? Ist es die Unendlichkeit des Meeres, das Gewusel bzw. der Dschungel der Großstädte San Francisco und Los Angeles oder die Weite der Wüste? 

Stefan Wascher: Die Frage für den Amerikaner … 

Kevin Maier: Bei mir findet sich die Verbindung schon in der Familie, die zum Teil in Kalifornien zu Hause ist. Wenn man daher auch oft vor Ort ist, fällt es einem schon fast schwer, dieser scheinbaren Leichtigkeit der Beach Cities zu verfallen. Ach ja, und sie haben einen legeren Umgang mit medizinischen Pflanzen.

Hanzo: Ich weiß nicht, ob man unseren Sound pauschal der Westküste zuschreiben kann. Kevins Familie ist von dort. Wenn du mit dieser Musik groß wirst, beeinflusst sie natürlich auch deine eigene Musik. Was mich persönlich an Kalifornien fasziniert, sind einerseits die Landschaft und andererseits der eher entschleunigende Lifestyle.

Gerade Songs wie „Nuff Said“, „Uel De Buseraux“ und „Sun“ lassen sich auch schon mal Zeit für relaxte Instrumentalpassagen. Würdet ihr sagen, dass ihr im Grunde genommen eigentlich in der Tradition einer dieser typischen Westcoast-Bands steht, die mit drei bis vier Songs ganze Doppelalben füllen könnten, weil das Improvisieren so viel Spaß macht? 

Stefan Wascher: Wenn’s nicht um Schau-mich-an-Ewigsolos geht, ist das alles gut. Einige wenige können 20-Minuten-Jams wie großartige Arrangements erscheinen lassen, aber dazu zähle ich uns nicht. 

Kevin Maier: Grundsätzlich halte ich es in der Musik – wie auch ganz allgemein im Leben – für eine einschränkende Wahl, sich auf einen konkreten Plan einzuschießen und diesen dann mit aller Kraft zu verfolgen. Die Folgen sind in den meisten Fällen Enttäuschung und ein Vorbeiziehenlassen von anderen Möglichkeiten. Sobald das Musikmachen zu einem schnöden Abarbeiten der Songs wird, bin ich raus.

Hanzo: Ja, das stimmt. Oft entsteht eine Song-Idee oder eine Passage durch eine Jam. Immer wieder mal passiert es uns, dass wir während eines Songs in eine lange Jam-Passage abdriften, gerade weil es uns so Spaß macht.

Bei „Kaiser Permanente“ kommt eure Bluesbasis, gemixt mit Psychedelic-Echos, sehr schön zur Geltung. Aber wie schafft man es, aus dem Uraltschema „Blues“ noch etwas Relevantes hervorzubringen, ohne dabei gleich wie Jack White zu klingen?

Stefan Wascher: Blues ist Blues. Was ihn einzigartig macht, ist die Interpretation. Und da wir nicht Jack White sind, werden wir auch nicht wie Jack White klingen.

Hanzo: Indem man sich genau über solche Fragen keine Gedanken macht und es einfach entstehen lässt.

Soundtechnisch ist ja vor allem „Uel De Buseraux“ quasi der Hammer. Da gibt es plötzlich diesen dreckig-fetten Super-Fuzz-Sound, der sich, quasi aus einem Parallelkosmos kommend, des Songs bemächtigt. Kommt so eine Idee beim Jammen oder beim Arrangieren? Oder steht so ein Effekt vielleicht gar am Anfang und wird dann ein Song um den Effekt herum gebastelt?

Stefan Wascher: Gerade im Fall von „Uel de Buseraux“ ist das eher ein ungewollter Zufall. Mein Fuzz-Pedal hat keine Indikatorlampe für on/off und ich habe es bei der Studiosession unabsichtlich eingeschaltet. Da ich mit Singen beschäftigt war, habe ich es erst spät im Song gemerkt. Dieser Take hatte irgendwie den besten Allround-Feel, also ist es diese Fuzz-Version geworden. Schreiben tue ich alles mit einer nicht eingesteckten E-Gitarre oder einem Bass auf der Couch, um mich selbst eben gerade durch einen schmucken Sound nicht davon abzulenken, den Song um die Geschichte zu schreiben und nicht um den Sound.

„Klar, dass erst mal kein Live-Release und keine Tour die Ausgangsposition ändert.“

Euer Promotext verkündet ja: „2020 – the year of the cat!“ Nur war eure für Anfang April im Salzburger Jazzit geplante Release-Party gleich mal eines der ersten Corona-Opfer. Wie geht man als Band mit so etwas um, gerade wenn einem die Umstände nicht mal aus den Startlöchern kommen lassen? 

Stefan Wascher: Klar, dass erst mal kein Live-Release und keine Tour die Ausgangsposition ändert. In dieser Zeit hat sich dafür sehr viel Neues aufgetan, was sonst nicht passiert wäre. Wie immer im Leben kann man Verlorenem nachjammern oder sich von der Veränderung inspirieren lassen. Wir setzen da schwer auf Letzteres.

Hanzo: Wir haben das relativ entspannt aufgenommen. In der momentanen Situation geht es uns allen gleich. Da gilt es schlichtweg, das Beste daraus zu machen. So entstand die Idee eine Live-Session im „BOOT“ aufzunehmen.

Kevin Maier: Glaubt man den Berichten, könnte es durchaus das Jahr der Katzen werden! In den Nationalparks in Afrika freuen sich die Großkatzen über die ausgedehnte Ruhe und Felis silvestris catus, die Hauskatze, genießt die erhöhte Aufmerksamkeit ihrer Dienerinnen und Diener. Eventuell sollten wir etwas von ihnen lernen und das Leben etwas entspannter angehen.

Ihr habt darauf ja mit der „Spycats Tele-Boot Session“ geantwortet und die Release-Show kurzerhand ins Netz verlegt. Aber ist bzw. kann das wirklich eine Alternative für ein Live-Konzert sein?

Stefan Wascher: Niemals. 

Hanzo: Wenn man auf der Bühne steht, Vollgas gibt und das Publikum mitgeht, entsteht eine Energie, die du mit Studio-Sessions nicht erreichst. Die Stimmung lässt sich im Studio nicht künstlich erzeugen. Bei so einer Session kannst du jetzt auch nicht wirklich die Sau rauslassen.

Kevin Maier: Diese Frage mit Ja zu beantworten würde nur einem Tech-Evangelisten aus dem Silicon Valley einfallen. Die haben mit ihren „genialen“ Entwicklungen à la Streaming, Social Media und Smartphones bei Konzerten bereits genügend „Innovation“ beigesteuert. Was den Besuch von Live-Konzerten anbelangt: Sorry, there’s no app for that.

Im Moment ist ja von einem Konzertverbot bis 31. August die Rede. Was macht ihr bis dahin? 

Stefan Wascher: Das Gleiche wie immer. 

Hanzo: Im September sollen einige Termine vom April nachgeholt werden. Auf die werden wir uns natürlich bestmöglich vorbereiten. Darüber hinaus basteln wir schon an neuen Songs.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Didi Neidhart


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