Die Musikmarke Wien – mica-Interview mit AMIR SAFARI

Der unvergleichliche Reichtum der Wiener Musikgeschichte entstand in hohem Maß durch den  vielfältigen Zuzug, der über die Jahrhunderte hierher erfolgte und bis heute erfolgt. Christian Heindl sprach mit dem seit 14 Jahren hier ansässigen Komponisten Amir Safari über seine Motivation, nach Wien zu kommen und hierzubleiben.

Zwar hätte Wien auch mit seinen drei hier geborenen „S“ – Schubert, Strauß und Schönberg – nicht gerade Unbedeutendes zur Musikgeschichte beigetragen. Dass das Musikleben der musikalischen Weltmetropole in der Geschichte ohne den Zuzug von außen aber ein vergleichsweise ärmliches gewesen sein dürfte, lässt sich mit einem Blick ersehen: die Vielzahl der italienischen und aus deutschen Ländern stammenden Musiker des Barocks bis hin zu Vivaldi, Gluck, nahezu die gesamte Wiener Klassik einschließlich Mozart, Haydn und Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler bis hin zu all jenen Komponisten, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hier niedergelassen haben. Ein Faktum, dass auch die Globalisierung nicht entscheidend verändert hat. Nach wie vor sind es junge Musiker – nunmehr eben nicht primär aus benachbarten Ländern, sondern aus aller Welt –, die hierherkommen, hierbleiben und die österreichische Musikkultur entscheidend mitprägen.

„Als Kosmopolit genieße ich die Vielfalt im österreichischen Musikleben“

Diese Gesprächsreihe will als Mosaik aus vielen Einzeldarstellungen der Motivation nachgehen, warum sich Musiker der verschiedensten Sparten bis heute „für Wien“ entscheiden und wie sie zu dieser Wahl in der Folge stehen. Ich stelle somit gleich einleitend die Frage: Warum Wien?

Amir Safari: Wegen des Musikstudiums. Insbesondere in vielen asiatischen Ländern gilt Österreich als „das“ Musikland. Das kann eine ausreichende Motivation sein, hierherzukommen. Nach ein, zwei Jahren stellt sich oft heraus, dass es nicht ganz so ist, wie man sich das vorgestellt haben mag.

Wie sieht es diesbezüglich bei Ihnen selbst aus?

Amir Safari: Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass das Musikleben und das Studium in anderen europäischen Großstädten nicht unbedingt schlechter sind. Österreich nutzt seinen Ruf marketingtechnisch – da tragen auch Symbole wie die Mozartkugeln und anderes bei.

Geht das so weit, dass man sagen könnte, es sei woanders besser?

Amir Safari: Es gibt – kleine – Unterschiede. Die Gewichtung bei den Elementen des Studiums ist verschieden. Dadurch gibt es je nach Perspektive Vor- und Nachteile. Für mich war es so, dass ich zu dem Schluss kam, aufgrund des bereits absolvierten Teils auch hier abzuschließen. Außerdem genoss und genieße ich als Kosmopolit die Vielfalt im österreichischen Musikleben – dass so viele Leute aus vielen verschiedenen Ländern zu dieser Vielfalt beitragen. Im Studium waren die meisten meiner Lehrer keine gebürtigen Österreicher, ebenso viele meiner Kollegen.

Sie sind als 18-Jähriger nach Wien gekommen und leben nunmehr seit 14 Jahren hier. Ihre Herkunft klammern Sie dezidiert aus allen Lebensläufen aus, lassen sich zwar darauf ansprechen, möchten aber aus Ihrem Selbstverständnis als überzeugter und gelebter Kosmopolit keine einengenden Festschreibungen.

Amir Safari: Ich spreche lieber über inhaltliche und persönlich relevante Dinge. Da hat die Herkunft für mich als Kosmopoliten keine Bedeutung – genauso wenig wie Sternzeichen.

„Da wurden die musikalischen Bestandteile aus verschiedenen Ländern unter der Marke Wiener Musikuniversität vereinigt.“

Sie haben vom Ruf Österreichs als „Musikland“ gesprochen. Was konkret sind da Anhaltspunkte und gab es für Sie auch andere Optionen?

Amir Safari: Was man in solchen Ländern mit Österreich assoziiert, ist an erster Stelle Wolfgang Amadeus Mozart – ohne bewusst darüber nachzudenken, dass er längst tot ist und mit dem jetzigen Österreich nicht viel zu tun hat. Andererseits kennt man Schönberg und seinen Kreis, ohne das spezifisch auf eine Wiener Schule zu beziehen. Einem jungen Musikschüler in meinem Geburtsland sind natürlich auch Mahler, Schubert, Strauß und andere Österreicher bekannt – jedoch neben vielen interessanten Namen wie Wagner, Tschaikowsky, Sibelius, Strawinsky, Ives usw. aus anderen Ländern. Mir erschienen auch die USA aufgrund der gesellschaftlichen Offenheit, die ich damals zu erkennen glaubte, interessant; auch Deutschland. Nicht zuletzt gab es eine wirtschaftliche Überlegung: Die Universitäten in den USA sind unerschwinglich.
Was lustig ist: Bei der Aufnahmeprüfung an der Wiener Musikuniversität wurde mir die gleiche Frage gestellt – „Warum Wien?“. Ich habe einige Namen aufgezählt und gesagt: „Wenn sie in Wien lebten, muss an Wien etwas Besonderes dran sein.“ Später hat diese Aussage für mich an Bedeutung verloren, weil ich meine, dass man die Errungenschaften weniger Individuen nicht bloß auf ihre Umgebung zurückführen kann.

Sie haben sich von Anfang an ausschließlich für ein Kompositionsstudium entschieden?

Amir Safari: Ja! Ich hatte meine ersten Kompositionen bereits im Alter von sechs Jahren verfasst, und die Entscheidung für das Kompositionsstudium hatte ich längst getroffen. Mich haben später zwar auch andere Studienrichtungen wie Psychologie und Grafikdesign als mögliches Zweitstudium interessiert, aber letztendlich habe ich mich aus Zeitgründen dagegen entschieden.

Wer waren Ihre zentralen, wie Sie sagen, nicht in Österreich gebürtigen Lehrer?

Amir Safari: Iván Eröd und Detlev Müller-Siemens. Einflussreiche Lehrer waren für mich weiters Ertuğrul Sevsay und Violaine de Larminat, aber auch viele andere; nicht zuletzt auch die, bei denen ich nicht selbst studiert habe: Chaya Czernowin, Michael Jarrell. Wie bei einem Computer, dessen Einzelteile in verschiedenen Ländern hergestellt werden, wurden da die musikalischen Bestandteile aus verschiedenen Ländern unter der Marke Wiener Musikuniversität vereinigt. Im Übrigen waren auch in meiner Klasse immer weit mehr Ausländer als Österreicher.

Logischerweise sind Sie sich da nie als Fremder vorgekommen?

Amir Safari: Nein. Da gab es einen deutlichen Kontrast zwischen eben dieser Community auf der Uni und den Menschen auf der Straße.

„Als Freidenker und kulturell westlich orientierter Mensch gibt es für mich keine Barrieren.“


Diese Situation der Menschen auf der Straße zieht das Stichwort „Integration“ nach sich.

Amir Safari: Ich sehe mich sehr gut integriert, verfolge das soziale und politische Geschehen sehr interessiert, bekomme auch seit dem ersten Aufenthaltsjahr Komplimente für mein gutes Deutsch. Als Freidenker und kulturell westlich orientierter Mensch gibt es für mich keine Barrieren im Zusammenleben mit Europäern – da kann man mir auch keine Integrationslücke vorwerfen. Ob ich mich aber auch mit den provinziellen Elementen der Kultur identifizieren soll; ich glaube nicht, dass das unbedingt mit Integration zu tun hätte.

Sehen Sie parallel dazu auch Ihre Musik als hier integriert an? Das müsste ja nicht primär davon abhängig sein, ob Sie „Ausländer“ sind oder nicht?

Amir Safari: Ja, insofern als ich kontinuierlich mit verschiedenen Ensembles und Musikern, Kollegen und Wissenschaftlern hier arbeite. Musikalisch bezogen denke ich, dass das zählt, was auf dem Papier steht. Kulturpolitisch mag das etwas anders sein. Betrachtet man Festivals wie „Wien Modern“ oder Preisverleihungen: Da ist es wohl kein Nachteil, Österreicher zu sein.

Sie sind seit dem Jahr 2000 in Wien. Wie geht es Ihnen als Nichtösterreicher mit dem ständigen Wohnsitz Wien heute?


Amir Safari:
Trotz 14 Jahren Aufenthaltes hier habe ich noch immer einen temporären Aufenthaltsstatus. Da gibt es eine ziemliche Diskrepanz zwischen der Gesellschaftspolitik einerseits – den Ämtern und Regelungen – und dem Musikleben und der Kulturpolitik andererseits. Ich musste auch erleben, wie sich die Gesetzgebung für ausländische Künstler über die Jahre verschlechtert hat. Wenn ich mit einem Ensemble hier arbeite, dann bin ich für sie „Österreicher“ und scheine da gleichberechtigt. Das ist gut so.

Christian Heindl

Christian Heindl

Foto: Sheridan di Sapienza

Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.

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