Die Welt hat mit vielen Krisen zu kämpfen – Krieg, Klimakrise und anderen Katastrophen. Und dennoch: Für Christoph & Lollo ist „Alles gut“, wie der Titel ihres neuen Albums auf den ersten Blick vermuten lässt. Wer die beiden kennt, weiß, dass sie genau das Gegenteil meinen. Wenig ist in Ordnung, weder in der großen Politik noch im kleinen Kreis. Es bleibt nur, die Zustände aufs Korn zu nehmen. Und das tun Lorenz Lollo Pichler und Christoph Drexler, die Meister des satirischen Liedguts, wie gewohnt in wunderbar spitzer Art. Im Interview mit Michael Ternai sprechen die beiden Wiener über Floskeln, die vor zehn Jahren noch nicht verwendet wurden, heute aber für viele als Antwort dienen, darüber, warum für sie das Thema Corona kein alter Hut ist, und darüber, warum haarsträubender Unsinn so viel Aufmerksamkeit generiert.
Euer letztes Album ist 2018 erschienen. Wir haben 2024. Warum hat es so lange gedauert?
Lorenz “Lollo” Pichler: Mir wurde diese Frage heute schon einmal gestellt und ich habe gar nicht gewusst, was ich antworten sollte. Sagen wir Corona?
Christoph Drexler: Ja, Corona ist gut. So sagt man es den Kindern heutzutage.
Lorenz “Lollo” Pichler: In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich so, dass wir keine Plattenfirma und kein böses Management haben, die uns Druck machen und sagen, dass wir etwas machen müssen.
Christoph Drexler: Was tatsächlich einen Unterschied ausmachen könnte, ist, dass wir nicht nur Musiker, sondern auch Kabarettisten sind. Wären wir ausschließlich Musiker, hätten wir in den letzten fünf Jahren ohne ein neues Album vermutlich keinen Platz gefunden, um auftreten zu können. Diesbezüglich kann man sich als Kabarettist ein bissl mehr Zeit lassen. Aber jetzt ist es dann doch schon urgent geworden.
Auf dem Album finden sich auch Lieder, die vom Thema Corona und der damaligen Zeit beeinflusst sind. Wie habt ihr diese Zeit erlebt. Wie sehr habt ihr während dieser Zeit gelitten?
Lorenz “Lollo” Pichler: Ob wir gelitten haben, hm? Viele hat es natürlich sehr ungünstig erwischt. Unter anderem Bands, die gerade ein Album veröffentlicht haben und auf Tour gehen wollten und letztlich alles absagen mussten. Das war geschäftlich und finanziell schon sehr herausfordernd. Aber wir haben beide auch Kinder. Und da hat man die Lockdowns ganz anders erlebt, als kinderlose Musikerinnen und Musiker, die in der Zeit die nächsten drei Alben geschrieben und zwei neue Instrumente gelernt haben.
Christoph Drexler: Manche werden jetzt vielleicht sagen, das ist eh schon ein alter Hut und interessiert niemanden mehr, aber Corona war dann schon eine Art Epoche. Die Kinder werden auf jeden Fall irgendwelche Folgen davongetragen haben. Welche, das wissen wir noch nicht. Das Thema beschäftigt alle irgendwie noch. Man kann sich daran erinnern. Im schlimmsten Fall sind die Lieder halt Nostalgie.
Lorenz “Lollo” Pichler: Wir hatten es schon öfter, dass die Lieder den Zweck hatten, etwas festzuhalten, damit man sich an ein Ereignis erinnert. In dieser Zeit haben wir auch ein paar andere Lieder gemacht, die es nicht auf das Album geschafft haben. Bei denjenigen, die jetzt darauf sind, dachten wir, dass sie doch einige Erinnerungen wachrufen könnten, und die Leute sagen: „Ah ja, so war das.”
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Eure Lieder regen nicht selten zum Schmunzeln an. Ich denke gerade an „Schreibt es in die Kommentare“, das sich auch auf dem neuen Album findet. Das Lied ist witzig und irgendwie bitterböse zugleich. Inwieweit sollen eure Lieder auch zum Nachdenken anregen?
Lorenz “Lollo” Pichler: Es ist schon oft das Anliegen dahinter, dass über etwas gesprochen wird, über das man zu wenig spricht. Im Allgemeinen akzeptieren die Leute halt schnell was, wenn es so ist, wie es ist.
Das Influencer-Lied „Schreibt es in die Kommentare“ zum Beispiel. Es gibt einen sehr bekannten und ziemlich sympathischen Influencer auf Österreich, der viele junge Leute anspricht. Und ich habe letztens gesehen, dass er Werbung für Klosteine macht. Es machte ein Video, in dem er erzählte, dass er diese in sein Klo hängt und wie toll das ist. Ich dachte mir, na da schaue ich mir die Kommentare an, die Leute werden ihn sicher fertigmachen. In Wirklichkeit feiern es alle total ab, wie man es heute sagt, und sagen wir super er ist. Da denke ich mir, das wäre vor ein paar Jahren vielleicht schon ein wenig anders gewesen, da hätten die Leute vermutlich gesagt, was machst du denn Werbung für so einen Schas, das interessiert doch niemanden. Aber heutzutage, insbesondere auch den ganzen Plattformen, wird schnell akzeptiert, was schön gefilmt und schön gesprochen ist, auch wenn es der haarsträubendste Unsinn ist.
„Dreck zu Gold machen“, ist so leicht wie nie zuvor.
Lorenz “Lollo” Pichler: In dem Fall, ja.
Christoph Drexler: Das Böse daran ist, dass andere Leute dadurch beeinflusst werden. Und nicht zum Guten. Die gesamte Gesellschaft wird dadurch beeinflusst.
Lorenz “Lollo” Pichler: Was den Albumtitel „Alles gut“ betrifft: Das ist eine Floskel, die, wenn ich mich recht erinnere, vor zehn Jahren kaum jemand verwendet hat. Heute hört man sie jeden Tag. Seit wir das Album so genannt haben, fällt mir noch mehr auf, wie sehr sie sich durchgesetzt hat. Die Leute sagen ständig: „Alles gut, alles gut.“ In Situationen, in denen sie früher „Ja“, „Von mir aus“ oder „Meinetwegen“ gesagt hätten.
Ein vorgeschobenes „Alles gut“, damit man sich selbst beruhigt.
Lorenz “Lollo” Pichler: Genau das glaube ich auch. Ich denke, es hat etwas mit Affirmation zu tun. Man redet sich selbst ein, dass alles gut ist. Es ist kein Zufall, dass jetzt alle so sprechen, in einer Zeit, in der offensichtlich nicht alles gut ist. Irgendwie hat das Ganze mit Corona angefangen. Jetzt geht es mit den Kriegen und der Klimakrise weiter. Ich war gerade in Italien, und dort ist es genauso. Dort sagen alle ‘perfetto’. Das wurde mir auch von Leuten, die dort wohnen, bestätigt. Früher hat niemand ‘perfetto’ gesagt, aber jetzt finden alle alles perfekt.
Aber denkt ihr nicht, dass diese Flut an negativen Schlagzeilen dieses „Alles gut“ nicht ganz natürlich bedingt?
Christoph Drexler: Klar. Es ist dasselbe, wie wenn jemand fragt: „Wie geht’s dir?“, und du antwortest: „Passt schon.“ Dann kommen die Gedanken, warum es einem nicht gut geht, und man sagt „passt schon“, weil man nicht darüber reden will.
Ihr seid seit 25 Jahren als Christoph & Lollo unterwegs. Was hat sich in Laufe der zeit verändert, außer dass ihr erwachsener geworden seid. Worauf legt ihr beim Machen eines Albums mehr wert als noch in den Anfangstagen?
Lorenz “Lollo” Pichler: Das Liederschreiben ist ja meine Aufgabe, und ich versuche es jetzt schon, etwas ernster zu nehmen. Vor 25 Jahren wusste ich nicht, dass wir die Lieder 25 Jahre später immer noch singen würden. Es gibt schon Dinge, bei denen ich mir heute oft denke, dass ich sie vielleicht anders hätte schreiben sollen. Wir sind aber nicht so cool und spontan wie Bob Dylan, der seine Songs einfach anders singt.
Dieses Mal habe ich mich bemüht, dass die Lieder wieder bisschen einfacher werden, nicht so lang, nicht so kompliziert, wieder etwas mehr Refrains. Beim letzten Mal haben wir es diesbezüglich ja schon ziemlich ausgereizt. Ich glaube, auf dem letzten Album hat es kein einziges Lied mit einem richtigen Refrain gegeben. Es war alles immer neuer Text.
Wir habe es jetzt auch gemerkt, als wir uns die Grafik für die neue Schallplatte überlegt haben. Ich habe mich schon gefragt, wie wir die ganzen Texte unterbringen sollen. Ich habe mir das Booklet, das riesengroß ist, angesehen und es mit dem eines Hip-Hop-Albums verglichen, auf dem die ganze Zeit schnell gerappt wird, und wir haben mehr Text als dieses. Das finde ich schon bemerkenswert.
Ihr habt das Album erstmals bei Hanibal Scheutz aufgenommen.
Christoph Drexler: Hanibal ist ein Vollblutmusiker und hat daher auch den Willen, sich da und dort einzumischen. Ich glaube, er kann nicht anders, es macht ihm einfach zu sehr Spaß, sich einzubringen. Und das hat sich ausgewirkt.
Inwiefern?
Christoph Drexler: Wir haben sehr viel an rhythmischen Sachen gearbeitet.
Lorenz “Lollo” Pichler: Er hat uns dazu gebracht, das Tempo mehr einzuhalten und auf die Dynamik und den Backbeat zu achten. Das Wort Backbeat haben wir wahrscheinlich noch nie so oft gehört, wie aus seinem Mund. Außer vielleicht von den Beatles. Zudem hatte er auch die ganze Platte im Auge gehabt. Wie die Lieder ein rundes Ganzes ergeben.

Ihr seid ja, wie ihr vorher erwähnt habt, auch Kabarettisten. Wie gewichtig ist Musik in diesem Kontext für euch? Gleichwertig mit dem Kabarett oder doch nur Beiwerk?
Christoph Drexler: In Anbetracht dessen, dass über den Verkauf von CDs nicht mehr so ein großer Anteil unseres Gehalts reinkommt, ist Musik eher ein Ding, das man machen muss, um ein Aushängeschild oder einen Titel für ein neues Programm zu haben. Und dann bemüht man sich zwar, dass die CD gut wird, aber wichtig ist, was dann in der Folge passiert.
Wie sieht es bei euch in Sachen Programmgestaltung aus. Jetzt habt ihr ein neues Album, wie sehr ist dieses ins Gesamtprogramm eingebunden. Inwiefern reagiert ihr in eurem Programm auch auf Aktuelles?
Lorenz “Lollo” Pichler: Das werden wir sehen. Wir werden am Anfang sicherbei jedem Auftritt alle Lieder des neuen Albums spielen, wie es sich dann weiterentwickelt, werden wir sehen.
Christoph Drexler: Es hat sich beim letzten Album sehr schnell herauskristallisiert, dass ein, zwei Lieder recht bald gar nicht mehr aufgeführt werden.
Lorenz “Lollo” Pichler: Wobei, gar nicht mehr aufgeführt, wir spielen die Lieder dann eh ab und zu mal wieder. Der Vorteil bei uns ist, dass wir spontan entscheiden können, was wir machen, weil wir nur zu zweit sind und das schon seit vielen Jahren so handhaben. Außerdem können wir immer aktuelle Themen in unser Programm einfließen lassen. Vor Kurzem ist Richard Lugner gestorben, und wir haben ein Lied über ihn. Eigentlich haben wir sogar drei oder vier Lieder, in denen Richard Lugner vorkommt – auch auf dem neuen Album. Das Album ist natürlich vor seinem Tod entstanden, aber es ist dennoch aktuell, da immer noch viel über ihn geschrieben wird. So können wir spontan auf Ereignisse reagieren. Vorausgesetzt, wir haben das Lied nicht vergessen, weil wir es vor zehn Jahren zum letzten Mal gesungen haben.
Christoph Drexler: Es gibt natürlich Lieder, die wir immer spielen müssen, weil wir das Gefühl haben, dass ist das, was die Leute hören wollen. Das wird bei Coldplay auch nicht anders sein. Die müssen auch immer die gleichen Lieder spielen, auch wenn sie neue Sachen haben. So ist das halt.
Wie ist es eigentlich für euch, wenn ihr so alte Schätze aus eurer Liedersammlung ausgrabt. Seid ihr diesen Liedern genauso nahe wie den neuen?
Christoph Drexler: Wenn man ein Lied wirklich lange nicht mehr gespielt hat, dann macht es schon Spaß sie wieder einmal zu präsentieren.
Lorenz “Lollo” Pichler: Letztes Jahr haben wir ja die Schispringer-Lieder-Tournee gemacht, quasi eine Nostalgie-Tournee, bei der wir ausschließlich die alten Lieder über die Schispringer gesungen haben. Das hat wirklich großen Spaß gemacht.
Christoph Drexler: Was sich auf jeden Fall geändert hat, ist, dass wir früher auch mal etwas aus dem Stegreif gespielt haben, das wir lange nicht mehr oder sogar noch nie gespielt hatten. Das haben wir uns damals noch getraut, heute nicht mehr.
Weil ihr gerade die Schispringer-Lieder erwähnt habt. Die haben mittlerweile ein Vierteljahrhundert am Buckel, also mehr als manche in eurem Publikum …
Lorenz “Lollo” Pichler: Eigentlich gar nicht. Bei dieser Tour waren meisten im Publikum sind so alt wie wir. Wobei natürlich auch Jüngere kommen, alleine schon deswegen, weil Leute in unserem Alter mittlerweile mit ihren Kindern kommen. Und wir hoffen natürlich, dass die Kinder auch konsequent dabeibleiben und wiederum mit ihren Kindern kommen. Wir wollen ja in dreißig Jahren ja auch noch von etwas leben.
Christoph Drexler: Aber ich merke es bei meinen Kindern schon, in deren Klassen kennt uns eigentlich niemand. Und die wollen das auch nicht. Der Kreis, den wir ansprechen können, ist schon begrenzt.
Lorenz “Lollo” Pichler: Ich würde sagen, Kabarett hat schon ein diverseres Publikum als Musik, weil Kabarett viel mehr eine Breitenkultur ist und alle Erwachsenen anspricht. Das ist Kabarett bei Jugendlichen nicht.
Christoph Drexler: Vor einem halben Jahr sind wir im Niedermair aufgetreten. Dort waren auch Jugendliche im Publikum, die auf Wienwoche waren und sich halt Kultur geben mussten, was sie offensichtlich nicht wirklich wollten. Es war bemerkenswert, wie konsequent sie Interesse vermieden haben.
Lorenz “Lollo” Pichler: Wir haben letztens aber auch in einer Schule gespielt und dort haben sich die Jugendlichen sehr wohl für das interessiert, was wir machen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Michael Ternai
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Christoph & Lollo live
04.10. Wien, Stadtsaal | alles gut – Premiere & Albumpräsentation
11.10. Graz, Theatercafé
12.10. Graz, Theatercafé
15.10. D München, Vereinsheim Schwabing
16.10. Linz, Posthof
24.10. D Garching, Theater im Römerhof
06.11. Wien, Stadtsaal
07.11. St. Pölten, Bühne im Hof
16.11. Wien, Kulisse
20.11. Dornbirn, Spielboden
21.11. Innsbruck, Treibhaus
22.11. I Brixen, Dekadenz
28.11. Wien, Orpheum
29.11. Salzburg, ARGEkultur
30.11. Freistadt, Local-Bühne
05.12. Baden, Congress Center
13.12. Wien, Kabarett Niedermair
19.12. Wien, Chelsea
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