Mo Nahold (c) Paula Tschira

„[…] die Erkenntnis, dass Sound eine eigenständige Entität ist“ – MO NAHOLD im mica-Interview

MO NAHOLD ist ein experimenteller Klangkünstler und Komponist, den man bereits unter dem Namen WAELDER kennt. Kürzlich erschien sein Solo-Debüt „Tremors“ auf „Ventil Records“. NAHOLD beschäftigt sich in seiner Arbeit vor allem mit diversen elektroakustischen Methoden sowie mit mehrkanaligen Kompositionstechniken, um dabei die gängigen Schall- und Raumkonventionen zu thematisieren und manchmal auch aufzulösen. Ada Karlbauer traf MO NAHOLD zu einem Gespräch über das Album „Tremors“, hyperbeschleunigte Formen der zeitgenössischen Musik, Rückwärtstrends, Label-Arbeit in digitalen Zeiten, den Kampf gegen die Algorithmen, den Kampf gegen die Gleichförmigkeit und natürlich den Kampf gegen die immer wiederkehrenden Existenzfragen.

„Wir Menschen hören immer dreidimensional, deshalb ist es für mich wesentlich, auch die Musik so zu begreifen.“

Kürzlich erschien dein Solo-Debüt „Tremors” auf „Ventil Records“. Was wird darauf thematisiert? 

Mo Nahold: Das Album verhandelt meine subjektive Sprunghaftigkeit, weil ich sehr oft verschiedene Ideen habe, die ich am liebsten sofort umsetzen möchte, die aber dann nicht funktionieren, die ich wieder vergesse, später aber dann wieder aufgreife. Wenn man sich das Album anhört, merkt man auch, dass sich die Musik ständig verändert und diesen Klangfluss, den ich immer wieder im Kopf habe, der ständig links und rechts abbiegt, neu beginnt und wieder beendet, in gewisser Weise nachbildet. Mit dem Album verhandle ich mich zum Teil auch selbst.

Ich habe in den vergangenen zwei Jahren immer mehr das Bedürfnis gehabt, meine eigene Musik zu machen und einfach solo zu arbeiten. Abseits von meinem anderen Projekt Wælder gab es immer sehr viele Ideen, die ich nie wirklich verwendet oder veröffentlicht habe. Da hat sich über die Zeit ein großer Sound-Pool an verschiedenen Skizzen gesammelt. Recht schnell hat sich herauskristallisiert, dass die eigentlich relativ gut zusammen funktionieren, und ich habe beschlossen, daraus etwas zu machen. Ich mache oft Sachen, die ein harmonisches Grundkonzept haben, die dann aber durch verschiedene Techniken prozessiert, abstrahiert und verfeinert werden. Ich habe beim ELAK [Universitätslehrgang für Computermusik und elektronische Medien; Anm.] sehr viel über elektroakustische Methoden gelernt, ich fand es spannend, diese beiden Dinge miteinander zu vereinen: melodische, harmonische Konzepte mit Klangprozessionsarbeiten. Wir Menschen hören immer dreidimensional, deshalb ist es für mich wesentlich, auch die Musik so zu begreifen. Bei dem Album „Tremors” habe ich sehr viel mit Spatialisierungen und Mehrkanaltechniken gearbeitet, die dann in eine Stereoauflösung komprimiert wurden. Das Ziel war, dieses Gefühl und diesen Gestus einzufangen.

Die permanente Zerstreuung ist in deiner Arbeit also ein wiederkehrendes Thema?

Mo Nahold: Auf jeden Fall, gerade weil ich mich in keinem Genre wirklich zu Hause fühle und ich oft verschiedenste Einflüsse miteinbeziehe. Das hängt auch immer damit zusammen, was ich sonst so konsumiere, welche Filme ich schaue oder welche Musik ich höre. Das sind alles Einflüsse, die ständig versuchen, diesen Schutzschild zu zerstören. Es ist eigentlich total unwichtig, was es war, es geht mehr um das ständige Abgelenktsein. Das ist auch der Zahn der Zeit, der uns so umgibt. Wir werden ständig von allen Medien gleichzeitig bombardiert und natürlich versucht man, sich auch selbst ein Schutzschild aufzubauen, um nicht von allem gleich so arg mitgenommen zu werden. Der menschliche Geist funktioniert auch so, dass er ständig Dinge ausblendet, sonst würde man ja irgendwann durchdrehen. Diese Gedanken fließen auf „Tremors“ stark mit ein. Es geht auch darum, mich selbst herauszufordern und aus dem eigenen Schutzschild wieder auszubrechen. Ein anderes Thema, mit dem ich mich in letzter Zeit viel beschäftige, ist die Erkenntnis, dass Sound eine eigenständige Entität ist. Also damit, dass die verschiedenen Sounds, die vorkommen, jeweils eigene Emotionen oder Eigenschaften verkörpern, die miteinander interagieren.

Neben dem ständigen Abgelenktsein wird das Entscheiden in der möglichkeitsüberfüllten Gegenwart immer schwieriger. Es ist vermutlich auch eine schwierige Entscheidung, welchen Sound man als Solo-Debüt vorstellen möchte.

Mo Nahold: Es ist total schwierig, gerade deshalb war es auch so wichtig, diesen Sound-Pool zu haben, der sich über einen längeren Zeitpunkt entwickelt hat. Ich denke, es ist viel schwieriger, ein Album in einem Monat zu machen, weil man in einer so kurzen Zeit eine starke Prägung hat und nur eine Sache verfolgt. Wenn man das hingegen über eine längere Zeit mitwachsen lässt, dann hat es dadurch möglicherweise auch eine länger anhaltende Wirkung oder ist dadurch auch länger relevant. Das sind aber nur Vermutungen [lacht]. Es wird insgesamt immer schwieriger, solo etwas zu veröffentlichen, denn es stellen sich immer wieder die Sinnfragen: „Wofür oder warum mache ich das eigentlich? Mache ich das nur für mich? Soll ich wirklich das Tausendste Album online stellen, das eh wieder niemand hört?“

Was ist deine Antwort darauf?

Mo Nahold: Ich bin immer noch am Kämpfen. Im Endeffekt ist der Grund, warum ich das mache, eine gewisse Form des Abschließens. Ein Album verkörpert einen Lebensabschnitt, der vorbeigeht, und danach kann man wieder neu beginnen. Das ist notwendig, denn wenn man Musik macht, hat man immer diese tausend Files am Computer liegen, die langsam beginnen einen zu erdrücken. Ich habe jetzt bewusst angefangen, viele Sachen zu löschen, weil es mir zu viel Input ist. Man könnte im Grunde genommen Stunden damit verbringen, alte Soundfiles am Computer durchzuklicken, aber das bringt einfach nichts und lässt einen stagnieren.

Aktuell definiert sich die „Relevanz” einer Künstlerin bzw. eines Künstlers vor allem durch Zahlen und Rankings. Wie wesentlich ist dieses kommerzielle Denken für deine Arbeit?

Mo Nahold: Wenn ich Musik schreibe, denke ich nie daran, ob es kommerziell funktionieren wird. Erst wenn mehrere Tracks da sind und ich versuche, diese anzuordnen, denke ich natürlich darüber nach, ob es etwas ist, was sich Leute anhören oder nicht anhören. Für mich ist es auch immer wichtig, dass es einen guten Eingang gibt und einen guten Ausgang, dass sich etwas öffnet und dann wieder schließt. Wenn man auf Vinyl veröffentlicht, muss man sich immer überlegen, auf welche Seite was kommt. Insofern ist es vom Gefühl her schon zweigeteilt. Wenn ich ein Album mache, habe ich immer den Ansatz, dass es auch wie ein Album gehört wird. Ich weiß aber nicht, wie viele Menschen das tatsächlich noch tun. Ich lebe da in einer Traumwelt, einer Realität, die eigentlich gar nicht existiert. In erster Linie geht es aber natürlich darum, dass ich mit dem Produkt zufrieden sein und auch dahinterstehen kann. Es sollte nie die erste Priorität sein, dass etwas kommerziell vermarktbar ist. So funktioniert Fortschritt nicht.

„Man sollte das machen, was man machen will.“

Trotzdem versuchen inzwischen auch viele Künstlerinnen und Künstler aus der Subkultur, in die großen Avantgarde-Playlists zu kommen, und nutzen dabei die Strategien der „großen Player“, um dieses Ziel zu erreichen. Was sind deine Gedanken dazu?

Bild (c) Mo Nahold

Mo Nahold: Es ist ein Kampf gegen die Algorithmen. Ich habe aber, ehrlich gesagt, noch nie darüber nachgedacht, wie man Avantgarde-Musik so macht, dass sie auch in den Playlists funktioniert. Ich habe keine Ahnung, was es da für Tricks gibt [lacht]. Ich denke, so funktioniert das nicht, und ich bin ein starker Vertreter davon, dass sich die Musik weiterentwickeln soll. Es gibt ja immer wieder Hypes, dass beispielsweise die 90er-Jahre-Musik oder Trance wiederaufersteht, das finde ich voll okay. Nur mein Anspruch ist es, Musik zu machen, die ich in der Form noch nicht gehört habe. Der Ansatz klingt jetzt vermutlich ein bisschen abgehoben [lacht]. Ich glaube, wenn man den Anspruch hat, etwas Neues zu erschaffen, dann bringt es nicht viel, nach Spotify-Algorithmen Musik zu produzieren. Es sei denn, man will ohne Wenn und Aber erfolgreich sein. Dann wird das möglicherweise funktionieren. Man sollte das machen, was man machen will.

Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang ist auch die Entwicklung der „Post-Club Music“ vom Underground-Trend hin zu einem Sinnbild des kommerziellen Erfolgs, der Gleichförmigkeit und des Stillstands im experimentellen Elektronik-Bereich.

Mo Nahold: Als dieser Hype vor drei, vier Jahren angefangen hat, haben ihn alle abgefeiert und er war einfach ein Zug, auf den alle aufspringen wollten, weil sie möglicherweise selbst nicht so genau wussten, was sie machen wollten oder fortgehen und checken wollten, ob dieser Post-Club-Sound funktioniert. Alles fällt inzwischen unter diesen Post-Club-Dekonstruktionswahn, der mittlerweile auch nichts Neues mehr ist. Alle spielen das Gleiche. Hauptsache, es wird zerstört. Aber eigentlich ist die ganze Dekonstruktion gar keine Dekonstruktion, es ist vielmehr ein Remix- oder Mashup-Gedanke.

Wie positionierst du dich mit deinem Sound in diesen Entwicklungen?

Mo Nahold: Meine Musik ist auf jeden Fall Musik, die ich gerne auch im Club hören würde. Der ganze Post-Club-Hype ist ja schön und gut, aber wenn es den ganzen Abend ist, finde ich das halt schade. Ich fände es spannender, wenn die ästhetischen Grenzen im Clubraum mehr aufgebrochen werden würden. Dass nicht nur Tanzbares gespielt wird, sondern beispielsweise um zwei Uhr in der Früh auch mal ein Konzert eingeschoben wird oder so. Ich würde gerne in Club-Kontexten spielen, aber es muss auch nicht sein. Natürlich kann dir mit so einer Musik, die ich mache, immer passieren, dass jemand herkommt und sagt: „Jetzt spiel mal four-on-the-floor.“ Ich finde, man sollte solche Sachen trotzdem immer wieder ausprobieren.

„Ich habe das Gefühl, dass es momentan nicht so wichtig ist, bei einem Label zu sein.“

Durch die zunehmend digital strukturierten Distributionskanäle hat sich auch die klassische Funktion der Labelarbeit stark gewandelt. Was erwartest du dir noch von einem Label?

Mo Nahold: Zuerst habe ich überlegt, das Album ohne Label zu veröffentlichen. Ich habe viel darüber nachgedacht, was ein Label jetzt und heute überhaupt noch bedeutet, denn die Relevanz sinkt in Zeiten von Streaming immer mehr. Es ist einfach wichtiger, dass man mit dem Label, in dem Fall „Ventil Records“, einen guten Austausch hat und sich gut aufgehoben fühlt. Mir geht es weniger darum, zu einem Label zu gehen, das einen guten Namen hat. Ich habe das Gefühl, dass es momentan nicht so wichtig ist, bei einem Label zu sein. Natürlich ist es super, wenn man die Möglichkeit dazu hat, aber das heißt nicht, dass man dann sofort erfolgreich wird [lacht]. Ich finde, „Ventil Records“ ist momentan eines der spannendsten Labels in Österreich. Die Acts, die dort releasen, finde ich durchwegs spannend und sehr relevant. Das Label hat einen sehr guten Geschmack! Ich glaube, es wird auch immer wichtiger für Labels, nicht nur eine einzige ästhetische Schiene zu fahren. So etwas ist problematisch, denn dann ist man halt ein Act unter vielen. Es kann aber natürlich auch gut sein, denn dann wissen die Leute, worauf sie sich einlassen, was sie kaufen. Aber man hat selbst einfach kein Alleinstellungsmerkmal. 

Die allgemeine Tendenz geht wieder zurück in Richtung Musik als Gebrauchsgegenstand und lässt vage an Erik Saties „Musique d’ameublement“ denken.

Mo Nahold: Auf jeden Fall, vor allem mit den Playlists. Man drückt auf „Play“ und es wird einem ständig von irgendwelchen Algorithmen vorgeschlagen, was man hören soll. Wenn ich Alben höre, dann höre ich sie immer komplett. Playlists höre ich eher selten, wenn, dann nur nebenbei. Ich habe immer das Gefühl, dass es total irrelevante Musik ist. Ich vergesse sie sofort wieder, weil ich einfach nicht weiß, was ich höre, und es einfach nur durchläuft. Ich höre einfach irgendwas und es passiert ganz selten, dass ich einen Track so gut finde, dass ich aufstehe und nachschaue, wie er heißt. Da wird die Musik zu etwas degradiert, was dem eigentlichen Sinn gar nicht mehr entspricht, denn alle, die Musik machen, denken sich etwas dabei und wollen damit auch was sagen. Wenn man Musik aber nur peripher irgendwo spielen hört, dann verliert sie einfach an Wert. Das finde ich sehr schade. Ich kann da aber auch natürlich nicht für alle sprechen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ada Karlbauer

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Release-Shows – Dino Spiluttini: “Heaven” / Mo Nahold: “Tremors”
12.10.2019
Das Werk Wien
Spittelauer Lände 12, Stadtbahnbogen 331, 1090 Wien
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